Geschichten vom KinderarztHorror Wartezimmer

Gibt es etwas Grässlicheres im Leben einer Mutter, als eine gefühlte Ewigkeit beim Kinderarzt zu warten? Definitiv nicht, meint unsere Kolumnistin Astrid Herbold

Horror Wartezimmer
Auf das richtige Timing im Wartezimmer kommt's an © Astrid Herbold

Es gibt sicher Menschen, die geduldiger sind als ich. Die Frau vor mir in der Schlange beim Postamt zum Beispiel, die einen bestimmt 12 Kilo schweren Wonneproppen auf dem Arm hält. Auch nach einer Viertelstunde Wartezeit verzieht sie keine Miene.

Ich gehöre eher zu der Fraktion, die spätestens nach drei Minuten nervös mit den Füßen wippelt. Schlimmer als bei der Post ist es an den Schaltern der Deutschen Bahn, wo Zeit scheinbar keine Rolle spielt und Menschen den armen Angestellten erst mal in Ruhe ihre Lebensgeschichte erzählen, sich dann sieben verschiedene Verbindungen ausdrucken lassen, um sich nach langem Nachdenken dann doch gänzlich gegen das Verreisen zu entscheiden.

Trotzdem würde ich lieber hundert Mal bei der Bahn anstehen, als einmal zum Kinderarzt zu gehen. Was ich in meinem Leben schon dort herumgesessen habe … Da sind Tage, nein, ganze Lebenswochen zusammengekommen. Und ich habe wirklich alles ausprobiert, um die Wartezeit zu minimieren. Ich bin eine Stunde vor Sprechstundenbeginn aufgetaucht, habe mich samt Kind in enge Hausflure gequetscht, um die Poleposition an der Tür zu verteidigen. Ich bin immer wieder zum Anmeldetresen gepilgert („Haben Sie uns nicht vielleicht doch vergessen?“). Ich habe Sprechstundenhilfen erst angeschleimt, dann angeschnauzt. Oder ich habe versucht, Husten, Schnupfen und Fieber selbst zu kurieren. Es hat nichts genützt. Immer und immer wieder sitze ich dort, Stunde um Stunde. Wenn man die Lebens- und damit auch die mögliche Arbeitszeit von Müttern zusammenrechnet, die in deutschen Wartezimmern jedes Jahr vergeudet wird, käme man sicher auf dreistellige Millionenbeträge, die dem Bruttosozialprodukt verloren gehen. Ist das etwa kein gesellschaftlicher Skandal? Wo bleibt der #Aufschrei?

Jedes Mal, wenn mein Blick stundenlang über Wickelkommode, Spielzeugkiste und klägliches Zeitschriftensortiment schweift, stelle ich mir sehr grundsätzliche Fragen: Warum hassen wir das Warten so? Gibt es wirklich keine Alternative? Kann das 21. Jahrhundert mit all seinem Fortschritt und seinen Apps und seiner Digitalisierung und seinen Smart-Tralalas dieses Problem nicht in den Griff kriegen? Wo bleibt die innovative Kinderarzt- Wartezimmer-Software, die das ganze Prozedere umfassend restrukturiert?

Die einzige Strategie, die uns Eltern derzeit bleibt, ist so sinnlos wie vorsintflutlich: Hingehen, auf die Warteliste setzen lassen und dann noch mal drei Stunden einkaufen gehen. Wer das schon mal mit einem fiebrigen Kind gemacht hat, weiß, dass es nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.

Mein neuster Trick heißt: Wer zu spät kommt, den belohnt das Leben. Exakt drei Minuten vor Ende der Sprechstunde betrete ich die Praxis, also frühestens gegen 17:57 Uhr. Ich simuliere Atemlosigkeit, murmele was von Stress und Meetings. (Was nie gelogen ist.) Was soll ich sagen: Ärzte und Personal sind dann zwar meistens schon ziemlich erschöpft, und das Wartezimmer sieht auch aus wie ein zerwühlter Saustall. Aber – es ist herrlich leer.

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