Offene Arbeit in Zeiten von CoronaAufschlussreiche Erkenntnisse aus der Praxis

Wie sieht die derzeitige Situation in Kitas aus, die nach offenem Konzept arbeiten? Dieser Frage sind die Autorin und der Autor in einer Videokonferenz mit Kita-Leitungen aus Baden-Württemberg nach-gegangen. Großes Engagement, die Offene Arbeit zu retten, wird sichtbar.

Offene Arbeit in Zeiten von Corona
© Harald Neumann, privat

Die aktuellen Hygienebestimmungen sehen vor, dass zumindest für die Zeit der Notbetreuung auch in Einrichtungen mit offenem Konzept die einzelnen Notgruppen sich nicht durchmischen sollten, um die Ansteckungsgefahr zu verringern und im Infektionsfall nur eine Gruppe schließen zu müssen. Die einzelnen Gruppen sollten auf Abstand agieren und in jeweils zugeteilten Räumen verbleiben. Diese Situation ist für Kinder und Fachkräfte vor allem mit offenem Konzept ungewohnt, wenn nicht sogar irritierend und ausbremsend. Die über Jahre erarbeitete, von Team und Leitung bewusst gewählte pädagogische Leitlinie, offen zu arbeiten, wird von einem Tag auf den anderen für unbestimmte Zeit aufgehoben und die Einrichtung in die „Steinzeit“ der festen Gruppenpädagogik zurückgedreht. Welche pädagogischen Errungenschaften werden dabei in Frage gestellt?

  • Ein spontaner Wechsel in einen anderen Funktionsraum, in eine zum momentanen Thema des Kindes besser passende Lernwerkstatt, findet nicht mehr statt, da dieser Raum bereits durch eine andere Notgruppe belegt sein kann, zu der kein direkter Kontakt hergestellt werden darf.
  • Die Kinder erleben nicht mehr abwechselnd alle Fachkräfte als Profis für bestimmte Bildungsbereiche. Sie sind nun an die/den Spezialist*in ihres festen Raumes gebunden.
  • Auch die Nutzung des Außengeländes muss zeitlich reglementiert/eingeschränkt und auf je eine feste Gruppe begrenzt werden, um den direkten Kontakt zu anderen Notgruppen auszuschließen.
  • Spontan entstehende Spielgruppen aus Kindern verschiedener Notgruppen darf es nicht geben: Für Kinder besonders problematisch, wenn die/der liebste Spielpartner*in einer anderen Notgruppe zugeteilt ist.

Für pädagogische Fachkräfte ergeben sich aus dieser Sondersituation zwei große Herausforderungen: Die eine besteht unmittelbar darin, den Kindern verständlich zu machen, warum ihre Trennung nach Räumen und Personen (vorübergehend) nötig ist. Und dies obendrein, ohne den Kindern sagen zu können, wie lange die Ausnahmesituation noch andauern wird: bis zu den Sommerferien? Bis zum Ende des Jahres? Oder bleibt die Situation bis 2021 unverändert, weil womöglich erst dann der Impfstoff kommt, der zunächst erst vielen Millionen Menschen in Deutschland verabreicht werden muss? Die meiste Aufmerksamkeit der Fachkräfte wird auf die Einhaltung der Kontaktbeschränkungen und Hygienemaßnahmen in der Kita gerichtet sein anstatt auf die Bildungsbegleitung der Kinder und Ermöglichung vielfältiger, eigeninitiativ wählbarer Kind-Kind-Interaktionen in unterschiedlichsten Umgebungen.

Video-Konferenz mit Kitaleitungen aus Südbaden

Um die tatsächliche Situation der Offenen Arbeit in ausgewählten Kitas besser einschätzen zu können, schalteten wir Ende Mai 2020 eine Videokonferenz mit den Leitungskräften von drei Freiburger und ei-ner Waldkircher Einrichtung. Zwar sind deren Aussagen nicht repräsentativ, vermitteln aber ein auf-schlussreiches Stimmungsbild zur aktuellen Lage. Sie bestätigten einiges von dem, was wir ausgangs befürchtet hatten (s. Beitrag in kindergarten heute 6/7_2020, S. 26ff.). Gleichzeitig wurden Unterschiede zwischen den Kitas sichtbar, die den jeweiligen räumlichen Gegebenheiten und organisatorischen Möglichkeiten geschuldet sind. Darüber hinaus brachten die Konferenzteilnehmer*innen interessante neue Aspekte in die Diskussion ein, die wir gerne weitergeben möchten.

Präsenz der Kinder

Zum jetzigen Zeitpunkt befüllen sich die Gruppen stetig weiter, bis alle Kinder Ende Juni offiziell wieder in ihre Kita zurückgekehrt sein sollen. Ob dies überall auch tatsächlich möglich sein wird, hängt u.a. davon ab, ob und wann alle Fachkräfte insbesondere die zur Risikogruppe zählenden bereits zurückkehren dürfen. Laut Fachkräftebarometer Frühe Bildung 2019 sind 29 Prozent aller Fachkräfte älter als 50 Jahre und gehören damit zu den Risikogruppen. In 22 Prozent der Kitas ist sogar mindestens die Hälfte des Personals in dieser Altersgruppe. Hinzu kommen Fachkräfte mit Vorerkrankungen oder Risikopersonen im familiären Umfeld. Diese dürfen vorläufig nicht zurück in die Einrichtungen. Angesichts dieses personellen Engpasses ermöglichen manche Einrichtungen zwar allen Kindern einen Kitabesuch, jedoch nur zwei Tage pro Woche. Dies diskriminiert zwar keines der Kinder, stellt aber hinsichtlich Kontinuität und verlässlicher Betreuung keine langfristige Lösung für berufstätige Eltern dar.

Pädagogische Schwerpunkte in der aktuellen Situation

Viel Zeit verschlingen derzeit auf Seiten der Leitung die Verwaltungsaufgaben und das Management sowohl des Dienstplans als auch der Anwesenheitszeiten der Kinder. Dieses Führen von Listen sowie logistische Telefonate mit Eltern und Fachkräften sind für manche Leitungen zum Hauptgeschäft geworden, was anstrengt, unzufrieden macht und pädagogische Gestaltungsideen in den Hintergrund drängt. Zitat einer Leitung „Wir sind im Moment nur im Reagier-Modus. Wir müssen uns den Denkraum erst wieder ermöglichen, um neue Ideen zu entwickeln!“ Auch auf Seiten der Fachkräfte ist das Pädagog*innenherz vor allem mit der Organisation und Überwachung von Hygienestandards beschäftigt. Zu oft gerät die eigentliche Bildungsbegleitung ins Abseits und wird zur Nebensache. Krankheitsängstliches Personal, auch im Küchenbereich, sollte besser zu Hause bleiben, damit sich dessen Angststimmung nicht auf die Kinder überträgt.

Sondersituation für die Kinder

Die aktuell noch reduzierte Kinderzahl pro Notgruppe führt zu einer ungewohnten Fachkraft-Kind-Relation. Manche Kinder genießen die „Mini-Gruppen-Situation“, nutzen die hohe Ansprechbarkeit der Erzieher*innen und verbringen lange Zeit mit ihnen in Interaktion („Wenn mein*e Erzieher*in da ist, dann ist alles gut!“). Längerfristige Interaktionen werden möglich, die zu „normalen“ Zeiten seltener sind, wenn nicht sogar undenkbar wären und nun von Kindern und Erwachsenen genossen werden. Andere Kinder, die den Kitaaufenthalt vor allem zu intensiven Spielsequenzen mit Freund*innen nutzen, sperren sich jedoch dagegen, in eine Notgruppe zu gehen, wenn sie nicht wie gewohnt mit vertrauten Peers interagieren können („Ohne Freund komm ich nicht in die Notgruppe!“). Einige Kitas filmen Morgenkreise, nehmen Geschichten auf oder schreiben Briefe und schicken diese an zuhause gebliebene Kinder. Manche Familien nehmen das dankbar an, während andere davon berichten, dass ihre Kinder daraufhin in Tränen ausbrachen, weil sie sich zuhause benachteiligt fühlten.

Offene Arbeit?

Je nach räumlicher Ausgangssituation und noch nicht voll besetzten Gruppen versuchen die Kitas, eine Teilöffnung zu gewährleisten. Einer der befragten Kitas stehen zwei Gebäude zur Verfügung, in denen sich je eine Notgruppe frei bewegen kann. Eine „Luxussituation“, die aber nur solange zu halten ist, bis es wieder mehr als zwei Notgruppen gibt. Andere Kitas versuchen, freie Beweglichkeit zumindest auf einer Etage zu ermöglichen, auf der mehrere Lernwerkstätten angeboten werden können. Auch hier bleibt abzuwarten, was passiert, wenn Gruppen- und Kinderzahl wieder Richtung Normalzahl ansteigen.

Die Trennung der Gruppen, wie sie zzt. gefordert ist, kann den Kindern mitunter nur schwer verständlich gemacht werden, so z.B. wenn ein Kind seinen Bruder, seine Schwester oder seine*n beste*n Freund*in aus einer anderen Gruppe nicht in deren Räumen oder im Außengelände treffen darf. Eine der Kitas hat Walkie-Talkies für befreundete Kinder verschiedener Notgruppen ausgegeben, um bei Bedarf zumindest miteinander reden zu können. Besonders verwirrend wird es für Kinder, wenn sie nach Kitaschluss plötzlich wieder gemeinsam mit Geschwistern im selben Auto nach Hause fahren oder mit Freunden, mit denen sie vormittags nicht spielen durften, nachmittags auf dem Spielplatz wieder gemeinsam klettern oder im Sandkasten bauen können.

Die Nutzung des Außengeländes wird von den meisten Einrichtungen eher zeitlich als räumlich einge-teilt. D.h. der Außenbereich steht einer Gruppe komplett zur Verfügung, aber nur für bestimmte Zeit. Die Richtschnur der Offenen Arbeit „Ab dem 1. Kind ist das Außengelände (für alle Kinder) geöffnet“ kann aktuell nicht angewendet werden. Um aber den Kindern trotz momentaner Einschränkungen mehr Erfahrungen im Freien zu ermöglichen, gestalten einige Kitas mehr Wald- und Freilandtage, was bei guter Personaleinteilung durchaus möglich ist.

Eine strikte Trennung der Gruppen ist in der Realität kaum umsetzbar. Es kann auch nicht Hauptaufgabe der Fachkraft sein, die Aufpasser*innen-Rolle zu übernehmen und jeden „falschen“ Kontakt der Kinder zu verhindern. Die komplette Kehrtwende mit der Maßgabe, nun längerfristig in einem festen Gruppenraum mit 20 Kindern zu arbeiten, kann für Fachkräfte, die seit Jahren offen arbeiten, eine große und zu hinterfragende Herausforderung bedeuten.

Auch wenn Offene Arbeit nur noch in ausgewählten Ansätzen stattfinden kann, ist es den Leitungen wichtig, dass zumindest eine offene Haltung im Team bestehen bleibt und gepflegt wird eine elementare Voraussetzung für die Zeit nach Corona, wenn es darum gehen wird, die alten Ziele wieder zu verwirklichen.

Den Kitas, die sich bereits auf den Weg zu einem digitalen Bildungsangebot gemacht haben, stehen jetzt mehr Optionen zur Verfügung, auch über größere Distanzen hinweg Kommunikationswege zu anderen Gruppen, zuhause gebliebenen Kindern und Eltern zu nutzen oder aufzubauen. Für die anderen könnte es ein wichtiger Impuls sein, mit dem Aufbau digitaler Angebote zu beginnen und diese auch in Post-Corona-Zeiten zu nutzen.

Ausblick

Die Leitungen wollen im Moment noch gar nicht an den September denken, wenn die Eingewöhnung der neuen Kinder ansteht und trotz personeller Engpässe, räumlicher Trennung der Gruppen und organisatorischem Mehraufwand eine zeitlich intensive und gedanklich achtsame und individuell stimmige Aufnahme erfolgen soll.

Auch wenn die meiste Energie aktuell für die Krisenbewältigung benötigt wird, sollte die Zeit genutzt werden, um festzuhalten, welche positiven Effekte oder Erkenntnisse sich aus der Sondersituation ergeben. Was bedeutet es, wenn manche Kinder es offenbar sehr genießen, intensive 1:1-Kontakte mit der Fachkraft zu haben oder einfach in Ruhe allein spielen zu können? Durch die Kontaktbeschränkungen entfallen viele Besuche von Handwerkern, Eltern und anderen Personen, was sonst den Arbeitsfluss der Kinder und Fachkräfte unterbricht. Bei manchen Fachkräften stellt sich eine ungewohnte innere Ruhe ein, die sich positiv auf die Kinder überträgt und zum Nachdenken über weniger Brüche im Tagesablauf anregen kann. Beobachtung und Dokumentation sind auch hier zur Methode der Wahl geworden, um festzustellen, inwiefern Kinder bereit sind, ihr Verhalten zu ändern, wenn sich ihre Umgebung ändert. Durch die Notgruppensituation wurden mancherorts z.B. länger bestehende, ungute Gruppenkonstellationen gesprengt. Ein Junge, so wurde berichtet, der normalerweise einige Kinder „motiviert“, im Morgenkreis zu stören, kam mit dieser Taktik in der neuen Gruppenkonstellation nicht mehr an und gab sein Verhalten nach drei Tagen auf. Ein anderes Kind, das sich durch eine „Bande“ anderer Kinder bedrängt fühlte, stellte nach kurzer Zeit erleichtert fest, dass es diese Bandenkonstellation nicht mehr gab.

Veränderungen stören keineswegs immer, sondern können für Kinder auch eine gute Gelegenheit sein, Neues auszuprobieren mit der Chance, eingeschliffene Verhaltens- und Gruppenmuster zu verlassen. Hier ist die Fachkraft gefragt, die Kinder zu ihren „Mutproben“ zu ermutigen und darin zu stärken. Ihre wichtige Rolle spürt sie, wenn sie als Ansprechpartner*in aufgesucht wird. „Du Maria, jetzt habe ich es auch mit Freddy probiert und es hat geklappt!“

Auch bei den nach langer Auszeit zurückkehrenden Kindern lohnt es sich, zu beobachten, wie viel sie in dieser Zeit in ihren Familien gelernt haben. So manches Kind kann jetzt Blase oder Darm kontrollieren und rechtzeitig selbstständig die Toilette aufsuchen oder es kann Fahrrad fahren und traut sich mehr zu. Die Leiter*innen machten darauf aufmerksam, dass gerade Familien, die bisher möglicherweise zu sehr durch die Defizitbrille betrachtet wurden, nach dieser Herausforderung neu und anders wahrgenommen werden konnten.

Da in jeder Krise immer auch eine Chance liegt, lohnt es sich auf jeden Fall, die überraschend positiven und aufschlussreichen Dinge wahrzunehmen, zu dokumentieren und für „die Zeit danach“ mitzuneh-men, wenn irgendwann diese „neue Realität“ wieder durch die (sicher nicht mehr hundertprozentig identische) „alte Realität“ abgelöst werden wird.

Wir danken den Konferenzteilnehmer*innen für den offenen Austausch und wertvolle Praxiseinblicke:
Claudia Frey, Kita Rieselfeld (Freiburg)
Birgit Bauer, Kita Regenbogen (Waldkirch)
Maria Matzenmiller, Haus für Kinder am Hirzberg (Freiburg)
Peter Zürn, Kita Tausendfühler (Freiburg)
Sibylle Fischer, EH Freiburg

Für Ihre Zusammenarbeit mit Eltern

Der neue Rückkehrbogen Kita, ein Fragebogen für Eltern zum Übergang von zu Hause zurück in die Kita in der Zeit der Coronapandemie, erleichtert Ihnen die Kommunikation mit Eltern und ermöglicht ein reibungsloseres Zurückkommen der Kinder. Erhältlich ist er unter: https://www.herder.de/kindergarten-paedagogik-shop/rueckkehrbogen-kita-ebook-(pdf)/c-26/p-19219/

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