Betrachten, vorlesen und darüber sprechenImpulse zur alltagsintegriertern Sprachbildung (5)

Freundschaft, liebenswerte Monster oder mutige Held*innen – die Auswahl an Bilderbüchern ist groß. Doch nicht alle Kinder zeigen an Büchern Interesse oder sind vertraut mit ihnen. So unterstützen Geschichten die Sprachentwicklung.

Betrachten, vorlesen und darüber sprechen
© Monika Schaarschmidt, Osnabrück

Das gemeinsame Betrachten oder Vorlesen von Büchern ist zu Recht als geeignete Methode zum Aufbau von Sprache bekannt. Für eine Bilderbuchbetrachtung kommen besonders Bücher ohne Text, Wimmelbücher oder Bücher mit aussagekräftigen Bildern infrage. Im Unterschied zum Vorlesen wird der Text eines Buches gar nicht oder nicht komplett gelesen. Vielmehr soll sich ein Dialog um die Buchinhalte bzw. Abbildungen entwickeln. Im Folgenden werden Ideen aufgezeigt, wie das Betrachten bzw. Vorlesen von Büchern angeregt, unterstützt und speziell zur Sprachbildung und Sprachförderung genutzt werden kann. Das klassische Vorlesen ist für Kinder geeignet, die bereits ein gutes Sprachverständnis haben und ihre Aufmerksamkeit einige Zeit auf das Zuhören richten können.

Freier Zugang zu Büchern – überall

Damit Kinder neben Bibliotheken oder „Leseräumen“ in der Kita jederzeit und überall freien Zugang zu Büchern haben, sind Bücher auch im Bewegungsraum, im Atelier oder im Bauraum eine gute Idee – sie können sogar zum Themenbereich des Raumes passend angeboten werden und somit durch das gemeinsame Anschauen oder Vorlesen den Wortschatz spezifisch erweitern. So lädt das Betrachten eines Buches über Gebäude im Bauraum ein, die Merkmale einer Villa, eines Hochhauses oder eines Reihenhauses zu benennen, oder im Bewegungsraum, zu überlegen, was wohl der Unterschied zwischen laufen, gehen und rennen ist.
Wimmelbücher werden von vielen Kindern besonders gerne angeschaut. Allerdings sind die Seiten oft sehr voll, und es fällt schwer, die Aufmerksamkeit auf dieselben Dinge, Menschen oder Tiere zu richten – die Grundvoraussetzung für den Dialog. Hier kann ein Rahmen aus Pappe hilfreich sein: Auf die Buchseite gelegt, stellt er nun nur einen Ausschnitt der Seite in den Fokus.
Ein weiteres Hilfsmittel ist eine große, beleuchtete Lupe. Mit dieser kann man bestimmte Dinge auf einer Buchseite hervorheben und dazu noch Details erkennen und vor allem benennen. Außerdem steigt für viele Kinder die Begeisterung, wenn zusätzliche Anreize wie eine Lupe geboten werden.

Fragen offen formulieren

Um mit den Kindern in einen Dialog zu kommen, ist die richtige Fragetechnik wichtig. Wenig gesprächsfördernd sind Fragen wie Wo ist der Hund? oder Frisst der Hund einen Knochen? Sinnvoller sind für diesen Zweck offene Fragen wie Was siehst du auf dem Bild? oder Was passiert denn hier so? Dadurch hat das Kind die Möglichkeit, ausführlichere Antworten zu geben und sich Themen nach dem eigenen Interesse auszusuchen.
Die richtige Fragetechnik macht es auch möglich, neue Wörter einzuführen, in einen Zusammenhang zu bringen und im Kopf zu verankern. Gut geeignet sind Satzanfänge mit den drei Schlüsselwörtern hat, kann und ist, die als Frage betont werden. Bildet man einen unvollständigen Satz mit hat, z. B. Der Hund hat …?, so antworten die Kinder meist mit Nomen wie Fell, einen Schwanz oder Hunger. Verwendet man kann, so beziehen sich die Antworten meist auf Verben, also rennen, bellen oder fressen. Und bei dem Verb ist fallen den Kindern oft Adjektive ein, also schwarz, groß oder hungrig. Sollten die Kinder einen noch nicht genügend großen Wortschatz aufweisen, um die Sätze weiterzuführen, so kann die pädagogische Fachkraft die Wörter vorgeben, zum Beispiel so: Ja, da ist ein Hund! Der Hund hat vier Füße und dichtes Fell, er kann bellen und ist sehr hungrig! Ein weiterer positiver Effekt dieser Fragetechnik ist die häufige Wiederholung einzelner (Schlüssel-)Wörter, in diesem Fall Hund.
Das klassische Vorlesen von Büchern als Angebot gewinnt an Attraktivität, wenn es ritualisiert ist. Einen festen Platz im Tagesablauf für das Vorlesen zu etablieren ist sinnvoll, damit es im gut gefüllten Kita-Alltag genügend Beachtung findet.

Mit Trommel, Hut oder Reifen

Außerdem sollte das Vorlesen in einen bestimmten Ablauf von Aktionen eingebettet werden. Dies kann schon beim Zusammenrufen der Kinder beginnen, etwa wenn akustische Signale einer Trommel, einer Klangschale oder eines bestimmten Liedes verwendet werden. Oder mit einem visuellen Impuls, z. B. einem Hut, den die pädagogische Fachkraft trägt, einer Schnur, die in den Vorleseraum führt oder einem Hula-Hoop-Reifen, durch den die Kinder in die Buchwelt einsteigen.
Zur Einstimmung können ein Reim gesprochen oder ein Fingerspiel gemacht und nach dem Lesen ein passendes Spiel angeboten oder etwas gebastelt werden.
Diese Ideen zielen zum einen darauf ab, das Vorlesen für Kinder spannend und zugänglich zu machen, zum anderen aber auch darauf, bestimmte Begriffe immer und immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen nennen zu können. Holt die pädagogische Fachkraft alle Kinder mit einem Hut auf dem Kopf zum Vorlesen, singt das Lied „Mein Hut, der hat drei Ecken“ oder liest das Buch Fritz Ferkel von Axel Scheffler vor, bei dem es maßgeblich um Hüte geht, so wird kein Kind den Raum verlassen, ohne dieses Wort gelernt zu haben.
Gehen Sie das Buch, das Sie vorlesen wollen, vorher einmal in Ruhe durch und überlegen Sie, welche Wörter darin unbekannt oder missverständlich sein könnten. Dann gilt es im Vorfeld zu überlegen, welche passenden Gegenstände, Bildkarten oder Methoden es gibt, um die Bedeutung des Wortes besser erklären zu können. Dabei können Ihnen auch sprachgewandte Kinder behilflich sein. Wenn Sie die Begriffe am Anfang des Vorlesens erklären, können die Kinder dem Verlauf der Geschichte besser folgen.
Es empfiehlt sich, das Vorlesen zu unterbrechen, um mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Die Unterbrechung kann auch dazu dienen, die Kinder raten zu lassen, wie die Geschichte weitergeht oder wie sie gehandelt hätten. Kinder an bestimmten Stellen im Text mitsprechen zu lassen hilft dabei, die Aufmerksamkeit und die Konzentration zu halten. Dies funktioniert besonders gut, wenn der Text sich häufig wiederholt.

Nacherzählte Geschichten aufnehmen

Im Anschluss an das Vorlesen können die Kinder versuchen, die Geschichte nachzuerzählen oder zum Beispiel mit einem anderen Ende neu zu erzählen. Dies erfordert natürlich schon sehr viel sprachliche Kompetenz. Viele Kinder mögen es, wenn man ihre Geschichte mit einem entsprechenden Gerät aufnimmt und sie sich ihre Erzählung danach noch einmal anhören können.
Auch ein „Kinderdiktat“ schließt sich als sprachbildende Aktivität gut an. Hierbei schreiben Sie mit Blatt und Stift ausgestattet auf, was die Kinder über die Geschichte zu sagen haben. Sie werden feststellen, dass Kinder, die schon einige Erfahrung mit Büchern haben, schnell in eine Art Schriftsprache verfallen.

Tipp für Eltern

Eine Buchtauschbörse in der Bring- und Abholzeit ist eine gute Gelegenheit, um den Fokus auf Bücher zu lenken und Eltern einzubeziehen. Jedes Kind darf ein (Bilder-)Buch von zu Hause mitbringen und gegen einen „Buch-Tausch-Bon“ eintauschen. Für diesen Bon darf es sich dann ein neues Buch mit nach Hause nehmen. Natürlich können auch Bücher in anderen Sprachen oder Bücher für Erwachsene getauscht werden. 

Literaturtipp

Die inspirierenden Fotos in „Von Häusern, Fenstern und Türen“ und „Von Schuhen, Socken und Füßen“ regen zum Sprechen an. Die beiden Fotobücher zum dialogischen Vorlesen und Erzählen sind bei kindergarten heute erschienen. Mehr unter www.kindergarten-heute.de

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