Morgenkreis mit KuscheltierenEin Kita-Tag während der Corona-Krise

Ruhige und leere Einrichtungen, vielleicht zwei Kinder vor Ort – vieles ist anders als sonst. Wie sieht der Kita-Alltag in einer Notfallbetreuung zu Zeiten von Corona aus? Ein Beispiel aus München.

Morgenkreis mit Kuscheltieren
© Jennifer Butzek, Pfullingen

Wie jeden Morgen wird der 2-jährige Nick auch heute pünktlich um 7:15 Uhr von seinem Papa in die Münchner Kinderbetreuungseinrichtung „Denk mit!“ gebracht. Wie jeden Morgen, und doch ist alles anders.
Neuerdings darf Nicks Papa ihn nicht mehr bis in die Gruppe bringen. Es gibt im Eingangsbereich eine Begrüßungszone, dort empfängt Linda, Nicks Erzieherin, beide. Linda sieht auch etwas anders aus – sie trägt jetzt nämlich immer eine Maske über dem Mund. Die ist aber irgendwie lustig. Sie ist gelb-grün-gestreift und in der Mitte, wo der Mund sein sollte, prangt eine riesige Erdbeere.
Sein Papa will Linda noch kurz sagen, dass die Nacht heute nicht so gut war und Nick deswegen vielleicht ein wenig früher Mittagsschlaf machen wird. Während er das macht, hält er Abstand zu Linda. Nick weiß, warum er das macht: Es ist wegen dieses Coronas. Bevor Nick in den Gruppenraum darf, misst Linda bei ihm, wie momentan jeden Morgen, erst mal, ob er Fieber hat. Auch heute hat er keines. Linda verabschiedet seinen Vater und erklärt ihm, dass sie Nick heute wegen der kurzen Nacht vielleicht früher zum Schlafen bringen wird. Das ist kein Problem für Linda, denn der Tagesablauf kann gerade sehr individuell angepasst werden. Nick ist nämlich das einzige Kind in seiner Kita. Seine Mama und sein Papa sind beide Ärzte und werden in der Zeit der Corona-Krise sehr dringend gebraucht, deswegen bleibt Nick nicht, wie die anderen Kinder seiner Gruppe, zu Hause, sondern geht weiterhin jeden Tag in die sogenannte Notbetreuung seiner Kita.
Pünktlich um 8:30 Uhr beginnt der Morgenkreis. Da gibt es immer ein Begrüßungslied, in dem alle Kinder und Fachkräfte mit Namen begrüßt werden. Nur mit Steffi, Linda und Nick wäre das Lied aber sehr kurz. Deswegen darf Nick jeden Platz im Morgenkreis mit einem Kuscheltier, einem Lieblingsspiel oder auch einfach nur den Hausschuhen eines Kindes dekorieren, das daheim bleiben musste. Wenn dann das Lied beginnt, wird jedes Kind begrüßt – auch die, die zu Hause sind. Steffi nimmt dieses Lied auf und schickt es dann als Video über eine interne App an alle Eltern der Gruppe. So können auch die anderen Kinder aus der Ferne am Morgenkreis teilnehmen und Nick und seine Erzieherinnen vermissen die anderen dann ein bisschen weniger.

Regenbogen zählen – für jedes Kind einen

Mit Steffi geht Nick am Nachmittag spazieren. Unterwegs zählt er, wie viele Regenbogen er an den Fenstern sieht. Da sitzt überall ein Kind, das daheim bleiben musste. An seiner Kita hängt auch ein riesiger Regenbogen, den hat Nick mitgemalt und am Eingang gibt es ein großes Schild, auf dem für die anderen Kinder steht: „Wir vermissen euch sehr.“ Dann sehen sie es, wenn sie mit ihren Eltern spazieren gehen. „In der Nähe gibt es noch eine weitere Einrichtung von unserem Träger“, erzählt Steffi , „die haben zwei Kinder in der Notbetreuung und haben mit ihnen beim Spazierengehen mit Regenbogen bemalte Steine verteilt.“ Nick hat schon zehn davon gefunden und ist sehr stolz. In der Nachbar-Kita von desselben Trägers arbeiten drei Betreuerinnen in der Notgruppe. Zusammenlegen dürfen sie die Gruppe trotz der örtlichen Nähe nicht, obwohl für Nick Gesellschaft sehr gut wäre. „Das geht wegen des Infektionsrisikos leider nicht“, bestätigt Linda.

Alle halten zusammen

„Mehr als die Hälfte unserer Kitas bieten Notbetreuungen an. Die Gruppen sind klein, zumeist sind es nur ein bis drei Kinder pro Gruppe, die dann aber von bis zu drei Fachkräften betreut werden“, erzählt die Regionalleiterin der Einrichtungen in Baden-Württemberg, „wir haben bei der Dienstplanung darauf geachtet, dass Mütter und Väter, die ihre Kinder betreuen müssen, und solche, die mit gefährdeten Personen in einem Haushalt leben, zu Hause bleiben können.“ Im Team herrsche hohe Loyalität und ein außergewöhnliches Engagement, deswegen sei es nicht schwer gewesen, Mitarbeiter*innen für die Notbetreuung zu finden. „Alle hätten jetzt an sich denken können, dann hätten wir überlegen müssen, wer die Betreuung der Kinder übernimmt. Es war aber gar nicht so.“

Mundschutz mit lustigen Motiven

Als Dank und besondere Anerkennung bekommen die Mitarbeiter*innen für jede Woche in der Notbetreuung einen zusätzlichen Urlaubstag geschenkt. „Wir haben eine Art App, über die alle Mitarbeiter*innen häuserübergreifend vernetzt sind. Da werden ganz viele motivierende Bilder und Sprüche gepostet, sowohl von den Mitarbeitenden der Kitas als auch von unserer Verwaltung“, berichtet Geschäftsführer Adrian Storp. So haben Steffis und Lindas Mundschutz zum Beispiel zwei Kolleginnen genäht. „Es gibt ja keine mehr zu kaufen und um den Kindern keine Angst zu machen, war klar, wir brauchen Mundschutz mit lustigen Motiven. Wir haben einen Aufruf in unserer App gestartet und schon kamen viele Posts von Kolleginnen, die fleißig genäht hatten.“ Bis zu 100 Mundmasken kamen so zusammen. Die wurden verschickt und landeten noch mit einer liebevollen Botschaft der Kolleginnen bei Linda und Steffi. Das Paket hat der Postbote natürlich vor der Tür abgelegt. Er darf nicht rein.
Als Nick abends abgeholt wird, ist Steffi schon einigermaßen erschöpft. „Es ist schon was anderes mit nur einem Kind allein. In Zeiten des Fachkräftemangels ist so ein Betreuungsschlüssel absoluter Luxus“ – ihren Humor hat sie nicht verloren.
Wenn Steffi heimgeht, duscht sie und wäscht ihre Haare. Ihre Kleidung steckt sie bei 60° C in die Waschmaschine. Das sind Tipps vom Träger. So kann sie sich selbst schützen. Am Abend stöbert Steffi dann noch ein wenig in der internen App, um zu sehen, was die anderen Notgruppen den Tag über so gemacht haben oder welche Tipps die Kolleginnen und Kollegen von zu Hause eingestellt haben. Nick soll schließlich auch morgen einen schönen Tag in der Kita verbringen. Die pädagogische Qualität wollen sie beibehalten – auch während der Corona-Krise.

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