Kölner Missbrauchsgutachten: Überführt

Das nun veröffentlichte Gutachten der Kanzlei „Gercke Wollschläger“ zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum Köln steht in der Kritik. Doch der hier erstmals vorgenommene Vergleich mit der bisher zurückgehaltenen ersten Studie zeigt: Gerade in seinen Beschränkungen liegt die Stärke des neuen Gutachtens. Nur auf seiner Grundlage waren Amtsverzichte und Entpflichtungen zwingend.

Kölner Dom
© Pixabay

Warum bloß hat der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki das ursprüngliche, von ihm in Auftrag gegebene Gutachten der Kanzlei „Westpfahl Spilker Wastl“ (WSW) nicht veröffentlicht und sich später entschlossen, ein neues Gutachten bei der Kanzlei „Gercke Wollschläger“ in Auftrag zu geben? Die Entscheidung ließ das zurückliegende Jahr zu einem annus horribilis für die Kölner Erzdiözese werden. War es das wert? Das zurückgehaltene Gutachten soll ab dem 25. März 2021 im Kölner Maternushaus unter strengen Auflagen einsehbar sein. Der „Herder Korrespondenz“ liegen große Teile des Textes bereits vor, sodass hier erstmals ein Vergleich beider Gutachten möglich ist.

Dem Erzbistum und seinem Kardinal ist seit der Absage der Präsentation des WSW-Gutachtens vor einem Jahr ein massives Misstrauen der Öffentlichkeit entgegengeschlagen. Das ist angesichts einer Institution, der Vertuschung im großen Stil vorgeworfen wird, natürlich verständlich. Der Blick in beide Gutachten macht sein Handeln nun nachvollziehbarer. Dass Woelki auf die Berater gehört hat, die ihm von einer Publikation des WSW-Gutachtens abrieten, war im Rückblick die richtige Entscheidung. Denn sonst wäre es wohl kaum zu den Rücktrittsangeboten und Entpflichtungen gekommen, wie sie nach der Veröffentlichung des neuen Gutachtens von „Gercke Wollschläger“ am 18. März 2021 in kürzester Zeit erfolgt sind: Stefan Heße, Erzbischof von Hamburg, nahm seinen Hut, ebenso der Kölner Weihbischof Dominikus Schwaderlapp, nachdem Woelki ihn zuvor schon von seinen Aufgaben entbunden hatte. Auch Offizial Günther Assenmacher wurde vorläufig entpflichtet. Weihbischof Ansgar Puff bat von sich aus um seine Beurlaubung.

Nur juristisch?

Trotzdem wurde Kritik an der Arbeit von „Gercke Wollschläger“ laut. Die Gutachter würden „nur juristisch“ vorgehen und keine moralische Bewertung vornehmen, hieß es. Sie hätten die systemischen Ursachen nicht genügend im Blick und würden die Perspektive der Betroffenen nicht zur Geltung bringen. Und sie würden sich nur auf die Akten stützen, obwohl sie doch selbst festgestellt hätten, dass diese unvollständig seien.

Doch im Vergleich mit dem WSW-Gutachten wird deutlich: Das, was die Kritiker als Nachteil des Papiers sehen, ist gerade seine Stärke. Die Gercke-Anwälte haben zunächst fünf wesentliche Pflichtenkreise der Verantwortungsträger identifiziert und diese möglichst präzise zu definieren versucht. Dass eine solche Definition bei WSW fehlt, hatten im Oktober 2020 schon die vom Erzbistum mit einer Prüfung beauftragten Strafrechtsprofessoren Matthias Jahn und Franz Streng moniert. Auf der Grundlage der Definitionen haben „Gercke Wollschläger“ dann jeden greifbaren Aktenvorgang gesichtet, ihn auf mögliche Pflichtverletzungen überprüft und diese nach einem Ampelsystem bewertet. Auf „rot“ schaltet die Gercke-Ampel nur dann, wenn eine Pflichtverletzung aus der Akte „eindeutig“ hervorgeht. Wenn eine Pflichtverletzung nur „möglich“ erscheint, bleibt die Ampel „gelb“. Damit – und mit der eher engen Definition von Pflichten – fallen natürlich zunächst viele Dinge weg, die man den Verantwortungsträgern möglicherweise noch zum Vorwurf machen könnte. Was aber übrig bleibt, sind stichhaltige Belege für Pflichtverletzungen.

Die WSW-Gutachter scheinen dagegen das Maximum aus jedem Fall herausholen zu wollen. Sie überziehen die Verantwortlichen gleichsam mit Vorwürfen. Diese bekommen Gelegenheit zur Stellungnahme und bestreiten die Darstellung. Die Gutachter kontern dann bisweilen mit allgemeinen Werturteilen, kritisieren etwa die „Haltung“ eines Verantwortlichen: seine „verfehlte Grundhaltung“, seine „Verweigerungshaltung“ oder seine „passive Haltung“. Moralische Urteile sind auch das nicht, eher gegen die Person gerichtete Pauschalisierungen. Im Ergebnis liest sich das WSW-Gutachten als Dokumentation des Streits zwischen Gutachtern und Verantwortungsträgern sowie deren Rechtsanwälten. Das ist wohl unvermeidbar: Je weiter die Kritik geht, je grundsätzlicher die Vorwürfe sind, desto subjektiver und damit desto strittiger wird das Ganze.

Nach einer Veröffentlichung dieses Textes wäre wahrscheinlich nur eines geschehen: Der Streit wäre eben in der Öffentlichkeit weitergegangen – auch mit juristischen (etwa persönlichkeitsrechtlichen) Mitteln. Nach den Auseinandersetzungen im Vorfeld muss Woelki genau dies kommen gesehen haben.

Exemplarisch lassen sich die Unterschiede am „Fall F.“ zeigen, der in beiden Gutachten behandelt wird. Bei WSW firmiert er als „Fallbeispiel Nr. 6“, bei „Gercke Wollschläger“ als „Aktenvorgang 18“. Es ist der Fall eines Priesters und Autors religionspädagogischer Sachbücher, über den die „Bild“-Zeitung und weitere Medien erstmals im Dezember 2020 berichteten. Er hatte sich unter anderem in den Neunzigerjahren einer Mutter mit drei Söhnen angenommen, die sich in einer finanziellen Notlage befand, und für die Familie eine Immobilie erworben. Im Rahmen der Beziehung zu dieser Familie soll es zu Missbrauchshandlungen an den drei Söhnen gekommen sein. Anfang der Neunzigerjahre hatte es zudem bereits ein Strafverfahren gegen „F.“ gegeben, in dem ihm vorgeworfen wurde, mit einigen Jungen gegen Entgeld onaniert zu haben. Das Verfahren wurde gegen eine Geldauflage eingestellt.

Das Gercke-Gutachten schildert den Sacherverhalt auf Basis der Aktenlage zunächst in großer Ausführlichkeit. Es identifiziert vier separate Verdachtsfälle und beschreibt jeweils den Umgang der Verantwortungsträger mit den Vorwürfen. Es folgt eine ebenfalls ausführliche Zusammenfassung der Ergebnisse der Anhörungen von Norbert Feldhoff, Generalvikar 1975 bis 2004, Stefan Heße, Personalchef 2006 bis 2012 und Generalvikar 2012 bis 2014, Dominikus Schwaderlapp, Generalvikar 2004 bis 2012, sowie eines weiteren ehemaligen Personalchefs. Woelki wird in diesen Fall nicht angehört. Abschließend geben die Gutachter eine Bewertung zum Aktenvorgang anhand der vier Verdachtsfälle ab.

Bei WSW findet sich eine eher kursorische Zusammenfassung des Vorgangs, der im Gutachten eines von 14 „exem­plarisch herangezogenen Fallbeispielen“ darstellt. Das Vorgehen der Verantwortlichen mit dem Fall wird dann in Kapiteln zu den einzelnen Persönlichkeiten jeweils dargestellt und zugleich bewertet.

Greifen wir einen der Beteiligten heraus: Stefan Heße, damals „Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal“. Was seine Rolle im „Fall F.“ betrifft, konzentrieren sich die WSW-Gutachter unter anderem auf die Frage, ob dieser als Personalchef für die Verhängung eines Zelebrationsverbotes für den Geistlichen hätte sorgen müssen und ob er später als Generalvikar die Aufhebung eines solchen inzwischen erfolgten Verbotes durch den Erzbischof hätte verhindern müssen. Die Darstellung und Bewertung der Sachverhalte bleiben zwischen Heße und den Gutachtern strittig.

Im Gercke-Gutachten wird dagegen ein Verdachtsfall in Bezug auf „F.“ identifiziert, der Heße direkt betrifft – und auf den bei WSW überhaupt nicht näher eingegangen wird. Im Jahr 2011 wendet sich ein weiterer Betroffener – offenbar im Rahmen eines Stellengesprächs – an Heße und berichtet über neue Vorwürfe gegen „F.“, die sich in den Siebzigerjahren zugetragen haben sollen. Dieser fertigt eine Aktennotiz an, unternimmt aber weiter nichts in der Angelegenheit. Von den Gercke-Gutachtern dazu befragt, erklärt Heße, die Meldung habe ja „nichts substanziell Neues enthalten“ und die Schilderung habe „sich in die Fälle eingefügt, die es bereits gegeben habe“. Damit ist Heße sozusagen überführt. Die Gutacher stellen in ihrer Bewertung fest, Heße habe es „pflichtwidrig“ unterlassen, infolge dieser Meldung „ein Leitlinienverfahren einzuleiten“, wonach er gemäß den damals geltenden Leitlinien der Bischofskonferenz sowie der  Verfahrensordnung des Erzbistums verpflichtet gewesen wäre. Hier bleibt nichts zu bestreiten: Er hatte eine Pflicht und hat diese objektiv verletzt. Das trockene Fazit: „Dem Leiter der Hauptabteilung Seelsorge-Personal Dr. Heße ist ferner ein Verstoß gegen die Aufklärungspflicht vorzuwerfen.“ Eine Pflichtverletzung von elf, die das Gutachten bei Heße feststellt.

So entsteht der Eindruck, dass sich die WSW-Gutachter in müßige Streitereien um mögliche Zelebrationsverbote verzetteln, währen sie genau das eine Element des Vorgangs übersehen, anhand dessen es den Gercke-Gutachtern gelingt, eine Pflichtverletzung des späteren Hamburger Erzbischofs tatsächlich eindeutig nachzuweisen.

Vielleicht ist die moralische Schuld von Heße und den anderen Funktionsträgern im „Fall F.“ weitaus größer, als im Gercke-Gutachten erkennbar wird. Vielleicht gibt es Versäumnisse, von denen nichts in den Akten zu lesen ist. Vielleicht erinnern sich Betroffene und weitere Beteiligte noch an andere Aspekte des Falls. Vielleicht spielten eine klerikalistische Mentalität und andere kirchentypische Fehlhaltungen eine Rolle beim pflichtwidrigen Umgang der Führungspersonen mit dem Fall. Doch allein das präzise, „nur juristische“ Vorgehen der Gutachter, das sich auf persönliche Verantwortlichkeit und tatsächlich belegbare Versäumnisse konzentriert und den Interpretationsspielraum dabei möglichst klein hält, hat dazu geführt, dass – in Deutschland erstmalig im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch – hohe kirchliche Würdenträger ihre Ämter zur Verfügung stellen.

Der "Fall O."

Ein Nachteil für die Glaubwürdigkeit ist, dass genau dieses Vorgehen dem Auftraggeber zum Vorteil gereicht. Im ebenfalls medienbekannten „Fall O.“ hat Woelki als Kölner Erzbischof 2015 eine Meldung an die Glaubenskongregation unterlassen – pflichtwidrig, wie mehrere Kirchenrechtler meinten. Woelki argumentierte, der Beschuldigte sei zum betreffenden Zeitpunkt dement gewesen und hätte darum nicht befragt werden können. Die Gutachter rechnen das Unterlassen der Meldung nicht als eindeutige Pflichtverletzung – gestützt auf ein umfangreiches theoretisches Kapitel über Anzeige- und Informationspflichten. Indes urteilt inzwischen selbst der stets kritische Kirchenrechtler Thomas Schüller: „Das ist sicher kein Fall, in dem ein Erzbischof seinen Hut nehmen müsste.“

Noch unglaubwürdiger hätte allerdings die Veröffentlichung des WSW-Gutachtens gewirkt. Während Woelki bei Gercke zu mehreren Sachverhalten Stellung beziehen muss, wird bei WSW der „Fall O.“ offenbar gar nicht erwähnt. Und anders als den anderen Kölner Protagonisten ist Woelki dort auch kein Kapitel über persönliche Verantwortlichkeiten gewidmet. Dabei wäre es nach der WSW-Methode wahrscheinlich leicht gewesen, ihm als ehemaligem Weihbischof da und dort eine Mitwisserschaft oder ein unterlassenes Einwirken auf den Erzbischof zu attestieren.

Anzeige
Anzeige: Haltepunkte

Herder Korrespondenz-Newsletter

Ja, ich möchte den kostenlosen Herder Korrespondenz-Newsletter abonnieren und willige somit in die Verwendung meiner Kontaktdaten zum Zwecke des eMail-Marketings des Verlag Herders ein. Dieses Einverständnis kann ich jederzeit widerrufen.