Christen in NordkoreaKim und die Kirchen

Die Demokratische Volksrepublik Korea, der nördliche Teil der koreanischen Halbinsel, gilt als das am meisten isolierte Land der Welt. Offiziell sind 99 Prozent der Bevölkerung Atheisten. In der Hauptstadt Pjöngjang gibt es vier Kirchengebäude: eine orthodoxe, eine katholische und zwei protestantische Kirchen. Gäste aus dem Ausland können sie besuchen und an Gottesdiensten teilnehmen. Dabei gibt es die seltene Möglichkeit, direkt mit Nordkoreanern Kontakt aufzunehmen.

Katholischer Gottesdienst in Pjöngjang
© Ruth Brožek

Rund 60 000 Touristen besuchen jährlich Nordkorea, die meisten davon kommen aus dem benachbarten China. Besucher aus Europa sind recht selten. Wer nach Nordkorea reist, muss eine ausführliche Kontrolle des mitgebrachten Reisegepäcks akzeptieren, sowie einen straffen Reiseplan mit wenig Spielraum für persönliche Vorlieben – und auch den Umstand, keinen Schritt außerhalb des Hotels ohne Reiseleitung tun zu können. Auch der direkte Kontakt zu Einheimischen ist nicht vorgesehen. Wer dazu bereit ist, kann das Land jenseits der medialen Berichte über Atomtests und Raketentechnik kennenlernen.

Das Selbstbewusstsein Nordkoreas ist vom jahrzehntelangen Anspruch feindlicher Mächte an den eigenen Grund und Boden geprägt. War es am Anfang des 20. Jahrhunderts das Kaiserreich Japan, das Korea als seine Kolonie betrachtete, wurde die Halbinsel mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen der Sowjetunion im Norden und den USA im Süden entlang des 38. Breitengrades aufgeteilt. Die späteren Verhandlungen um ein vereintes Korea liefen erfolglos, auch die Vermittlung durch die Vereinten Nationen scheiterte. Der dann ausbrechende Koreakrieg vertiefte die Gräben zwischen den beiden Teilen und prägte das politische Selbstverständnis maßgeblich.

Die herrschende politische Ideologie – „Juche" genannt – betont die Autarkie des Landes, also die militärische Eigenständigkeit, die wirtschaftliche Selbstversorgung und die politische Souveränität des Staates. Durch diese drei Prinzipien soll die Nation die gesellschaftliche Entwicklung, bezeichnet als „Revolution", vorantreiben. Das schöpferische Potenzial des Menschen beziehungsweise seine Herrschafts- und Produktionsfähigkeit gehören zum Kern des „Juche"-Denkens. Diese Perspektive führt einerseits dazu, dass die ganze Nation große Anstrengungen vollbringt, sich zu entwickeln – und das sieht man auch: Pjöngjang ist eine moderne Zweieinhalb-Millionen-Stadt mit Hochhäusern, breiten Straßen und ständig emsigen Baustellen.

Auf der anderen Seite ist der einzelne Mensch gefordert, all seine Fähigkeiten und Kräfte zu entwickeln und in den Dienst der gesellschaftlichen Revolution zu stellen. Zu den Aufgaben geh&oml;rt etwa, für die Sauberkeit und Instandhaltung der Straßen Pjöngjangs zu sorgen. Nicht selten sieht man ganze Gruppen von Leuten im Gras hocken und mit Scheren die Grünstreifen neben der Fahrbahn stutzen. Ausbildungswege, Arbeitsplätze und sogar die Wohnorte sind mit einigen Wahloptionen – etwa ob man nach dem Collegeabschluss Militärdienst, Berufsausbildung oder universitäre Weiterbildung wählt – vorgezeichnet. Dies wird weniger einschränkend erlebt, als es aus westlicher Perspektive zu erwarten wäre. Es ist eine Ehre, die zugeteilte Bestimmung wahrzunehmen und sie bestmöglich auszuführen.

Bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war Pjöngjang das Zentrum des Christentums auf der Koreanischen Halbinsel – im Jahr 1945 waren etwa 13 Prozent der Bevölkerung Christen. Aufgrund der hohen Zahl der (vorwiegend protestantischen) Kirchen wurde die Stadt gerne als das Jerusalem des Ostens bezeichnet. Das Konzept einer transzendenten Macht – etwa Gott – ist hingegen im kommunistischen Denken nicht vorgesehen. Dennoch gewährt die heutige Verfassung, aus der Feder des „ewigen Präsidenten" Kim Il Sung (1912–1994), in Paragraf 68 freie Religionsausübung, solange diese nicht „zur Infiltration durch äußere Kräfte oder zur Verletzung der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung" gebraucht wird.

Dennoch sind westliche Reisende mit explizit religiösem Hintergrund de facto zumeist mit weniger Schwierigkeiten konfrontiert, als man erwarten würde. Bei der Einreise müssen sämtliche mitgeführten Publikationen genannt werden, es ist dabei üblicherweise jedoch kein Problem, eine Bibel oder religiöse Literatur für den persönlichen Gebrauch mitzunehmen. Tablets und Smartphones müssen bei der Einreise vorgezeigt werden, deren Inhalt wird aber nicht unbedingt kontrolliert. Auch ist es möglich, im Rahmen eines Reiseporgramms nicht nur religiöse Stätten zu besuchen, sondern auch an Gottesdiensten teilzunehmen und mit Gemeindevertretern ins Gespräch zu kommen.

Kim Jong Il, der 1994 seinem Vater als Staatschef Nordkoreas nachfolgte, ließ die russisch-orthodoxe Dreifaltigkeits-Kirche in Pjöngjang bauen, nachdem er 2002 von einem Russlandbesuch zurückgekommen war. Die Ikonen, der Weihrauch und die Kerzenstimmung sollen ihn beeindruckt haben. Für Kim galt der Kirchenbau in Pjöngjang als Zeichen der nordkoreanisch-russischen Freundschaft. Es handelt sich um einen modernen Bau, der mit den zwei goldenen Zwiebeltürmen samt Kreuz an der Spitze sofort als Kirche erkennbar ist. Im Innenraum zieren zahlreiche ikonografische Darstellungen die Wände und die Decke. Es ist verhältnismäßig viel Wandgestaltung für die sonst eher bildkargen Wände Nordkoreas zu sehen. Die Kirche ist einer der wenigen Räume, in denen der Besucher trotz reicher Bebilderung kein einziges Kim-Porträt an der Wand vorfindet. Diese Porträts von Kim Il Sung und Kim Jong Il zieren üblicherweise jedes Zimmer und jede Wohnung – mindestens ein Mal. Hier hingegen sieht man das vertraute orthodoxe Bildprogramm mit zahlreichen Christus- und Heiligendarstellungen.

Der lokale Priester ist Nordkoreaner, hat Slawistik studiert und wurde in Russland zum Priester ausgebildet. Als im Jahr 2006 die Kirche durch Metropolit Kyrill eingeweiht wurde, empfing er im selben Gottesdienst die Priesterweihe. Seitdem steht er der Liturgie vor und betreut die Gläubigen. Rund 30 von ihnen erscheinen im Laufe des Sonntagsgottesdienstes, mehrheitlich nichtkoreanische (Diplomaten-)Familien, einige davon sichtlich aktiv in der Liturgie beteiligt.

Die katholische „Jangchung"-Kirche wurde 1988 erbaut. Der Name Jangchung bezeichnet hierbei den Ortsteil, in dem sie steht. Der erste Diözesanbischof Francis Hong Yong-ho wurde 1944 durch den deutschen Benediktiner-Abtbischof von der Territorialabtei Tŏkwon, Bonifatius Sauer, zum Bischof geweiht und war zunächst Apostolischer Vikar. Seit 1962 gilt er als verschollen. Im selben Jahr wurde das Apostolische Vikariat zur Diözese umgewandelt und Hong Yong-ho zum Diözesanbischof ernannt. Seit 1998 wird die Diözese Pjöngjang offiziell von der Erzdiözese Seoul administriert. Heute sollen in Pjöngjang insgesamt 800 und in ganz Nordkorea 3000 Katholiken leben, allesamt Laien, denn ordinierte Priester oder Diakone gibt es im Land nicht.

Da die „Jangchung"-Kirche nun die einzige katholische Kirche in der Demokratischen Volksrepublik ist, haben manche Gläubige wohl nie die Möglichkeit, an einem Gottesdienst, geschweige denn an Sakramenten teilzunehmen. Man trifft sich daher, laut Kirchenvertretern, in registrierten Hauskirchen, die überall im Land existieren. Wer jedoch in Pjöngjang wohnt, hat zumindest zeitweise die Möglichkeit, an einer Eucharistiefeier teilzunehmen oder das Sakrament der Versöhnung zu empfangen, wenn südkoreanische Priester zu Gast kommen. Dies soll zirka zwei Mal im Jahr geschehen.

Ansonsten steht mit Chang Jae-un ein offizieller Leiter dem sonntäglichen Gottesdienst und anderen Feiern wie Begräbnissen vor. Wenn es in katholischen Familien Nachwuchs gibt, wird auch getauft. Die Katechese findet nach Angaben des Gottesdienstleiters hauptsächlich in den Familien statt. Im Kirchenraum befindet sich zudem ein großformatiger Bildschirm, auf dem vor dem Gottesdienst „Sendungen, die sich mit dem Glauben beschäftigen" gezeigt werden. Eine missionarische Aktivität ist staatlicherseits nicht gestattet. Da der Sonntag in Nordkorea der freie Tag der Woche ist – selbst wenn die Straßen und Baustellen genauso geschäftig aussehen wie während der restlichen Woche – tritt der Gottesdienstbesuch nicht in Konflikt mit der staatlichen Ordnung und ist somit möglich.

An einem Sonntag im September kommen rund 60 bis 70 Gläubige zum Gottesdienst. Man feiert einen Wortgottesdienst ohne Kommunion. Auch hier im vielleicht verschlossensten Land der Welt kann man die Erfahrung der Universalität des katholischen Glaubens machen: Nicht nur das Kreuzzeichen, auch Bußakt und Gloria sind deutlich zu identifizieren. Die Lesungen nach dem liturgischen Kalender lassen sich auf dem Smartphone mitlesen. Nach der koreanischen Predigt – die für ausländische Besucher allerdings nicht übersetzt wird – und dem Credo folgen freie Fürbitten aus dem Volk. Es schließt sich eine Kollekte, Gesang und Friedensgruß an. Der nordkoreanischen Sitte gemäß ist der Friedensgruß, wie Begrüßung und Verabschiedung, kein Händedruck, sondern eine dezente Verbeugung – eine der wenigen Möglichkeiten mit Nordkoreanern von Angesicht zu Angesicht Kontakt zu haben. Nach dem Friedenszeichen endet der Gottesdienst mit einem gemeinsamen Vaterunser.

Auf dem Altar liegt ein Messbuch in einer lateinisch-koreanischen Ausgabe aus dem Jahr 1976. Die Gemeinde habe es beim Besuch einer römischen Delegation bekommen, erzählt der Gemeindeleiter. Die Kommunikation mit Rom sei an sich gut, aber sehr spärlich. Zu den Schätzen der Gemeinde, die man aus der Sakristei herausholte, gehört ein Bild, das den Gemeindeleiter und andere Angehörige der Kirche bei einer Audienz bei Papst Johannes Paul II. zeigt. Damals hatten einige Gemeindemitglieder die Chance, auf Einladung nach Rom zu fahren. Zur Zeit ist es aber nicht möglich, aus eigener Initiative ins Ausland Kontakt aufzunehmen, geschweige denn zu reisen. Über eine Einladung aus dem Ausland würde man sich jedoch sehr freuen.

Diese Reise- und Kommunikationsbestimmungen gelten übrigens für alle Nordkoreaner. Während Postkartenschreiben aus Pjöngjang für Touristen funktioniert, würde ein Nordkoreaner weder eine europäische Postkarte noch ein E-Mail zu Gesicht bekommen.Zirka 60 Leute sind eine Woche später in der protestantischen „Chilgol"-Kirche anwesend. Sie stellt sich als presbyterianische Gründung heraus, die 150 registrierte Besucher zählt. Als landesweite Zahl der Gläubigen nennt man 13 000, die über die Provinzen verteilt leben und sich ebenso wie die Katholiken in registrierten Hauskirchen treffen. Eine unabhängige Überprüfung dieser Angaben ist natürlich nicht möglich, auch lässt sich nichts darüber eruieren, wie Gemeinden und Hauskirchen miteinander in Verbindung stehen. Die Kirche sei aber Teil des Christlichen Bundes Koreas und pflege dort Kontakt zu anderen Kirchen.

Der Gottesdienst wird musikalisch durch eine zwölfköpfigen Chor in besonderen Gewändern gestaltet. Der liturgische Ablauf besteht im Wesentlichen aus Gebeten, Lesungen und Predigt, abgewechselt mit Gesang, wobei die Gläubigen über die meiste Zeit mit gesenkten Köpfen den Gottesdienst verfolgten und die stille Andacht nur gelegentlich mit einem proklamativen „Amen" unterbrechen. Abschließend werden drei Hymnen zum Heiligen Geist vorgetragen.

Im Gespräch berichtet der Pastor, dass es in der protestantischen Kirche Nordkoreas kaum Ein- aber auch kaum Austritte gibt. Er betont, dass die Glaubensfreiheit in der Verfassung verankert ist und dies durch die Erlaubnis für Kirchenbau und die Abhaltung von Gottesdiensten realisiert wird, aber „Propaganda und Ausbreitung" verboten ist, weshalb das Wachstum gering sei. Auch bringt er die Ansicht ein, dass die Kirche in Korea, speziell die katholische Kirche, von US-Amerikanern begründet wurde und darum aufgrund der politischen Interventionen der Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg in Verruf geraten und geschwächt worden sei.

Der vierte christliche Versammlungsort in Pjöngjang ist die „Bongsu"-Kirche. Der Name leitet sich vom koreanischen Wort für Fackel beziehungsweise Fackelturm ab, gilt aber heute nur noch als Ortsname. Man versteht sich als überkonfessionelle Kirche mit rund 300 Gläubigen. Die Kirche hat eine stattliche Fassade, einen Gottesdienstraum mit Platz für etwa 700 Gläubige im Untergeschoss sowie weitere Gemeinderäumlichkeiten im oberen Geschoss. Überraschend ist die reiche technische und musikalische Ausstattung, darunter eine ausfahrbare Leinwand, Projektoren, zahlreiche Mikrofone und Lautsprecher. Die beiden Pastoren der Gemeinde haben, wie auch der Pastor der Chilgol-Kirche, die theologische Ausbildung an einer protestantischen Akademie in Pjöngjang absolviert. Bis zu zwölf Pastorenanwärter sollen hier in jedem Jahrgang teilnehmen, wobei nicht jedes Jahr ein neuer Jahrgang starte. Einer der Pastoren berichtet, er habe vor dem Pastorendienst Wirtschaft studiert und im Laufe seines Lebens mehrmals das Ausland besucht, ja sogar mehrere Jahre in Rom gelebt. Wann und in welcher Funktion, erzählt er nicht, kann aber einige Sätze auf Italienisch an die Besucher richten.

So authentisch manche Begegnungen in dem Land wirken, so eigentümlich sind manche anderen. In keiner der Kirchen sind nordkoreanische Kinder, Säuglinge oder Jugendliche zu sehen. In der „Bongsu"-Kirche erzählt man, dass im Jahr etwa zwei Taufen stattfinden. Selbstverständlich gäbe es auch junge Leute in den Gemeinden, aber so wie im Westen hätte man Smartphones, TV und andere Freizeitgestaltung als Konkurrenten zum Gottesdienst. Ob es auch etwas damit zu tun hat, dass Nordkoreaner mit 17 Jahren ihre politische Mündigkeit erreichen, wird nicht gesagt. Dann bekommen Nordkoreaner nämlich die Anstecker mit den Porträts von Kim Jong Il und Kim Il Sung überreicht, dürfen wählen, heiraten und ähnliche gewichtigen Entscheidungen treffen.

Alles nur Illusion?

Man stellt sich als Mitteleuropäer mit Blick auf Nordkorea gerne die Frage, was hier „echt" ist. Wir wollen hard facts, überprüfbare, wissenschaftlich belegte und von verschiedenen Seiten geprüfte Bestätigungen bekommen, gerade wenn die Informationen ohnehin spärlich sind. Diese verbrieften Zahlen und Fakten gibt es jedoch von Nordkorea – für Besucher aus dem Ausland – nicht. Zu den großen Herausforderungen bei einer Reise nach Nordkorea gehört, dass man als Besucher die Perspektive eben nicht selbst wählen kann. Man sieht und hört, was ausgewählt wurde. In gewissem Sinne ist dieser Rahmen die Teilnahmebedingung einer Reise in das Land. Man muss sie nicht annehmen, aber dann bleibt man wahrscheinlich zu Hause.

Auf der anderen Seite sollte man sich als Besucher auch nicht ganz so wichtig nehmen. Es wäre vermessen zu denken, alles werde wegen der Gäste, für sie und um sie zu beindrucken, inszeniert. Nordkorea mag nach außen viel Aufwand betreiben, um den Westen zu beeindrucken, aber im eigenen Land hat man in Fortschritt und Revolution eigene Ziele. Man mag selektieren, was man herzeigt, aber deswegen ist nicht zwangsläufig alles fake. Trotz allen Fragezeichen, die bleiben: Man kann von einer Reise mehr als nur verbriefte Fakten mitnehmen. Der Besucher erlebt herzliche Begegnungen, Freundlichkeit, die nicht gespielt wirkt, aber auch Unsicherheit und Scheu, wenn unbekannte Menschen einander gegenüberstehen.

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