AuftaktVon der Diaspora lernen

Berlin steht für Perspektivwechsel der Kirche.

Die Hedwigskathedrale am Forum Fridericianum
"Berlin muss Chiffre für einen grundlegenden Perspektivwechsel der Kirche werden." Die Hedwigskathedrale am Forum Fridericianum© EBO

So etwas wie eine katholische Hauptstadt gibt es in Deutschland nicht. Vielleicht konkurrieren Köln und München unausgesprochen um diesen Titel. Wo steht da Berlin? In einer katholisch-kirchlichen Weltsicht ist die Bundeshauptstadt noch immer Zonenrandgebiet der gläubigen Welt. Die katholische Kirche in Berlin wird als arm, kleinbürgerlich und unbedeutend angesehen – Diaspora nannte man das früher abschätzig. Das ist auch 25 Jahre nach der deutschen Einheit noch so. Doch es scheint sich etwas zu verändern.

Ausgerechnet in der Vakanzzeit des Berliner Bischofsstuhls hat die Bischofskonferenz eine Arbeitsgruppe zur Hauptstadt eingerichtet. Verschiedene „Anhörungen“ haben inzwischen stattgefunden. Es gab fast so viele Ansichten wie Teilnehmer. Man kreist in Berlin gern um sich selbst, derweil die ganze Welt fasziniert auf diese Stadt blickt. Es brauche da „dringend eine stärkere  Präsenz katholischer Intellektualität“, sagt der Direktor der Katholischen Akademie in Berlin, Joachim Hake. Der Sekretär der Bischofskonferenz, Hans Langendörfer, will eine „Vernetzung der Aktivitäten“ und gar ein „katholisches Wissenschaftskolleg“ gründen. Eine echte katholische Fakultät ist allerdings noch nicht in Sicht.

Das Ganze ist Chefsache: Kardinal Reinhard Marx hat seit jeher ein großes Interesse an Berlin. Doch auch ein zweiter Kardinal wirft einen intensiven Blick auf Berlin. Kölns Erzbischof Rainer Maria Woelki ist nach seiner Etappe an der Spree verändert an den Rhein zurückgekehrt. Er will sich weiter für Berlin einsetzen, was an seiner alten Wirkungsstätte viele erfreut, manche weniger. Das Besondere an diesem neuen katholischen Engagement für Berlin ist, dass es nicht vor allem mit der politischen Hauptstadt zu tun hat.

Nachdem 1999 die Regierung nach Berlin umgezogen war, wollten viele Bischöfe auch das Sekretariat der Bischofskonferenz umsiedeln. Die notwendige Zweidrittelmehrheit wurde um eine Stimme verfehlt. Der Umzug scheiterte an dem damaligen Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner, der auch Berliner Erfahrungen gemacht hatte. Damals galt: Das katholische Herz schlägt anderswo. Berlin: nur Diaspora. Das gilt heute nicht mehr in der Weise, deswegen muss die Entscheidung überdacht werden.

Der Grund, warum die katholische Kirche in Deutschland nun Berlin wichtiger nehmen muss, ist eben gar nicht Berlin selbst oder der Berliner Katholizismus, sondern die sich massiv verändernde kirchliche Lage anderswo, in den traditionell katholischen Gebieten. Es sieht so aus, als ob alles nach und nach in Richtung Diaspora entwickelt. In einer sich entkirchlichenden Gesellschaft wird Berlin aber dadurch zur katholischen Hauptstadt, weil das Unselbstverständliche von Kirche und Glauben zur Hauptaufgabe der Kirche wird.

Berlin muss Chiffre für einen grundlegenden Perspektivwechsel der Kirche werden. Nicht die schiere Quantität entscheidet über eine wie auch immer geartete Katholizität. Mit rund 300 000 Katholiken ist Berlin die Stadt mit dem drittgrößten Katholikenanteil in Deutschland. Doch relativ gesehen sind es nur 10 Prozent der Bevölkerung. Das Schielen auf die 90 Prozent der Berliner darf nicht zur Selbst-Lähmung führen. Ganz im Gegenteil: Nicht der schrumpfende Riese, sondern der wachsende Zwerg kann Sinnbild sein – so könnte die katholische Kirche dann von der Diaspora Berlin lernen.

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