Über das Ringen um das KatholischePrüfet alles und behaltet das Gute

Bei einem sind sie sich einig: Es muss sich etwas ändern. Bei der Frage, was das katholische Proprium ausmacht und wie die bisherigen Äußerungen des Papstes zu interpretieren sind, scheiden sich die Geister. Innerkirchliche Gruppierungen rüsten sich und setzen die Segel für den Reformkurs unter Papst Franziskus.

Kritik von innen gehört seit jeher zu den produktiven Kräften in der Geschichte des Katholizismus. Sie wird in ernsthaftem Ringen um eine Gestalt von Kirche wie auch der Theologie geäußert, die sich den Zeichen der Zeit stellen, diese reflektieren und auf sie reagieren. Statt einen „stillen Auszug“ zu wählen, entscheiden sich ihre Vertreter und Vertreterinnen in ehrlichem Interesse für ein Mitwirken und Mitgestalten von „Kirche“.

Das innerkirchliche Kritikpotenzial erlebt seit geraumer Zeit eine explizite und nachdrückliche Wertschätzung „von ganz oben“. Papst Franziskus selbst fordert auf, mit Parrhesia zu sprechen, das heißt ohne Angst und menschliche Rücksicht das zu sagen, was „im Herrn“ gesagt werden soll (vgl. Grußadresse zur Eröffnung der Dritten Außerordentlichen Vollversammlung der Bischofssynode). Auch in seiner Diagnose der „Kurienkrankheiten“ ruft er die Gläubigen zu eigenständigem Denken auf und warnt vor Untertänigkeit und Opportunismus durch eine „Vergötterung des Chefs“ – womit in diesem Kontext natürlich auch eine unangemessene Verklärung des Klerus gemeint ist. Mit dieser Einstellung wirbelt Franziskus Staub auf, der sich jahrzehntelang auf den innerkirchlichen Strukturen gebildet hat. Er erkennt die Pluralität innerhalb der Institution an und beweist selbst einen kritischen Blick auf die Wirklichkeit.

Denn die Kritik, die an der Kirche geäußert wird, ist plural und vielstimmig, sie äußert sich sowohl in schriftlichen wie mündlichen Stellungnahmen als auch in der gelebten Glaubenspraxis. Dabei spaltet sie nicht selten, zumindest die katholische Kirche in Deutschland, in verschiedene „Lager“.

Die Kritiker und Kritikerinnen reagieren auf binnenkirchliche Konfliktherde sowie auf Anfragen und Impulse von außen. Innerkirchliche Kritik verdient es deshalb, ernst genommen und gehört zu werden. Gleichzeitig muss auch die Kritik selbst kritisch betrachtet werden, um nicht nur ihre Motivationen zu verstehen, sondern auch genauer zu analysieren, wie sie ihre Ziele und Forderungen begründet (vgl. auch Herder Korrespondenz Spezial, Gottlos? Von Zweiflern und Religionskritikern, 1-2014, 46-49).

Eine explizite Würdigung und kirchliche Legitimation erfährt innerkirchliche Kritik im Konzilsdokument „Lumen gentium“ (Nr. 37). Dort heißt es: „Entsprechend dem Wissen, der Zuständigkeit und hervorragenden Stellung, die sie [die Laien] einnehmen, haben sie die Möglichkeit, bisweilen auch die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, zu erklären (…). Gegebenenfalls soll das durch die dazu von der Kirche festgesetzten Einrichtungen geschehen, immer in Wahrhaftigkeit, Mut und Klugheit, mit Ehrfurcht und Liebe gegenüber denen, die aufgrund ihres geweihten Amtes die Stelle Christi vertreten“ (vgl. c. 212 § 3 [CIC/1983]).

Doch wie es um das Wohl der Kirche bestellt ist, könnte kirchenintern kaum kontroverser interpretiert werden. Hierbei ist immer ein Spannungsverhältnis zwischen jenen zu beobachten, die sich vor die Herausforderung gestellt sehen, die eigene, traditionsreiche Lehre vor dem Hintergrund sich ändernder Lebenskontexte zu plausibilisieren und jenen, die den lebensweltlichen Veränderungen durch eine Neudeutung der althergebrachten Ordnung begegnen wollen.

Bezugspunkt ist in beiden Fällen der gesellschaftliche Kontext. Damals wie heute besteht ein Zusammenhang zwischen der Teilnahme an Kulthandlungen und der Zugehörigkeit zur jeweiligen spirituellen Gemeinschaft. So geht es etwa in der Debatte um den Eucharistieempfang von wiederverheiratet Geschiedenen nicht um einen generellen Ausschluss aus der Gemeinschaft der Gläubigen. Dennoch empfinden viele die Verweigerung des Sakraments nicht als Aufruf zur Umkehr, sondern als zusätzliche Strafe für einen in Teilen gescheiterten Lebensentwurf.

Auffällig ist die unterschiedliche Stoßrichtung des durch Laien getragenen Protests und die Frage, welche Strategien mit den beabsichtigten Inhalten korrelieren.

Ein Blick auf unterschiedliche Akteure wie das Forum Deutscher Katholiken und Wir sind Kirche e.V. lässt kollektive Handlungslogiken und divergente Argumentationslinien gut sichtbar werden. Es geht dabei nicht darum, die eine gegen die andere Position auszuspielen, sondern vielmehr auf die gegensätzlichen Taktiken und Standpunkte hinzuweisen und anzuerkennen, dass es um nicht weniger als um das Ringen um die katholische Identität in der heutigen Zeit geht.

Katholische Identität heute

Dass sich die Sozialformen beider Gruppierungen grundlegend voneinander unterscheiden, lässt sich bereits anhand der Namensgebung verdeutlichen. Die internationale Bewegung We are Church, die in diesem Jahr ihr 20-jähriges Bestehen feiert, versteht sich als eine „innerkirchliche Reformbewegung“ (vgl. www.wir-sind-kirche.de, „Wir über uns“) und ist ihrem Selbstverständnis nach eine Neue Soziale Bewegung. Als solche kann sie auch aus bewegungstheoretischer Perspektive nach Dieter Rucht verstanden werden, da sie keine formale Mitgliederbindung und keine klaren Außengrenzen hat. Allerdings gibt es – anders als Rucht es bestimmt – ein gewähltes Bundesteam, das als Repräsentant der Bewegung verstanden werden kann (Lassen sich personale, soziale und kollektive Identität sinnvoll voneinander abgrenzen?, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 24.4 [2011] 26–29, 26f.).

Das „Forum Deutscher Katholiken“ hingegen will „papst- und kirchentreue Katholiken unterschiedlicher Spiritualität und geistlicher Ausrichtung in katholischer Weite zu einem lockeren Verband zusammenschließen“ (so der Vorsitzende Hubert Gindert: Die Kirche in Bedrängnis – Dennoch Freude am Glauben, Schriften des Initiativkreises katholischer Laien und Priester in der Diözese Augsburg, Heft Nr. 37, Augsburg 2001, 19). Sie verstehen sich also, angelehnt an die lateinische Ursprungsbedeutung eines forum, als eine Begegnungs- und Kommunikationsstätte ihrer Zielgruppen. In diesem Sinne können Interessierte auch formal Mitglied werden, es gibt offizielle Repräsentanten und Repräsentantinnen, eine monatliche Zeitschrift „Der Fels“, die als „Sprachrohr“ dient und den jährlichen Kongress „Freude am Glauben“. All dies kann als identitätsstiftendes Instrumentarium angesehen werden.

Obwohl das „Forum Deutscher Katholiken“ damit eigene Strukturen etabliert hat, ist es auf das Engagement vielfältiger Träger und Trägerinnen angewiesen, wie zum Beispiel von geistlichen Gemeinschaften wie der Legion Mariens oder diverser katholischer Medienangebote wie „k-tv“ oder „Die Tagespost“. Obwohl sich „Wir sind Kirche“ und das „Forum Deutscher Katholiken“ in ihrer sozialen Form voneinander unterscheiden, setzen sie auf die Bildung einer kollektiven Identität zur Durchsetzung ihrer Interessen. Anhänger und Anhängerinnen beider Gruppierungen teilen die jeweiligen Ziele und Werte, wertschätzen diese und bekräftigen sie, wenn möglich, handlungspraktisch.

Um ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen, nutzen „Wir sind Kirche“ und das „Forum Deutscher Katholiken“ unterschiedliche Strategien. Die direkte Art, Kritik zu üben, ist auf den eher bewegungsartigen Charakter von „Wir sind Kirche“ zurückzuführen. Adressaten der Kritik sind in erster Linie die Vertreter der Kirchenleitung. Besonders deutlich wird dies in zahlreichen „Briefen an die Bischöfe“, die „Wir sind Kirche“ formulieren. Hierbei setzen die Verantwortlichen auf die Unterstützung namhafter Theologen und Theologinnen und rufen zu Solidarität sowohl auf Seiten der Kirchenbasis als auch bei leitenden Repräsentanten auf.

Dass sie „vom Volk der Gläubigen“ gestützt werden, sehen sie anhand von Unterschriftenaktionen bestätigt. Ihr Ziel scheint es jedoch nicht zu sein, möglichst viele Gleichgesinnte um der Gleichgesinnung wegen zu vernetzen, sondern mehr, ihre Macht und ihren Einfluss effektiver auf die Kirchenleitung und somit auf jene strukturell hierarchische Ebene zu richten, die im Fokus ihrer Reformbemühungen steht. Um die Adressaten der Kritik zu erreichen, ähneln die Aktionen häufig denen aktivistischer Bewegungen (vgl. Friedensbewegung, Ökologische Bewegung): Demonstrationen und Banner vor dem Vatikan während der Familiensynode zeigen klar, wer hier angesprochen ist.

Zwei verschiedene Zielgruppen

Doch wäre es zu kurz gegriffen, allein die Kirchenleitung als Zielgruppe progressiver Bewegungen zu identifizieren, der dann inhaltliche Argumente für die nötigen Reformen nähergebracht werden sollen. Adressiert werden zudem jeder Christ und jede Christin, der beziehungsweise die die Notwendigkeit eines stärkeren Zugehens von Kirche auf die moderne Lebenswelt sieht und dafür nach einer theologischen Grundlegung und Argumentation sucht (entsprechende Angebote werden auf der Website von „Wir sind Kirche“, in „Publik Forum“, oder in Newslettern zugänglich gemacht). Als Diskussions-, Vernetzungs- und Bildungsveranstaltungen werden zudem Tagungen und Workshops angeboten. „Wir sind Kirche“ aktiviert Kräfte, um die kirchlichen Strukturen und ekklesialen Muster zu verändern.

Ihr Vorgehen erklärt Christian Weisner, Mitglied des „Wir sind Kirche“-Bundesteams, mit der bereits vom brasilianischen Bischof Dom Helder Camara geäußerten Wechselwirkung von Kirche und Gesellschaft: „Wenn die Kirche nicht den Mut hat, ihre eigenen Strukturen zu reformieren, wird sie niemals die moralische Kraft haben, die Strukturen der Gesellschaft zu kritisieren“ (Epochenwechsel in der römisch-katholischen Kirche, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 28.1 [2015] Nr. 7.2).

Das „Forum Deutscher Katholiken“ verfolgt hingegen die Taktik: „Wer deutlich erklärt, wofür er steht, braucht nicht mehr zu sagen, wogegen er ist“ (Gindert, 19f.). Sie üben keine Kritik an den lehramtlichen Strukturen und Prinzipien der Kirche, da es ihrer Meinung nach an ihnen nichts zu kritisieren gibt. Doch bereits die Gründung des „Forums Deutscher Katholiken“ war ein Akt des Protests. Warum sonst sollte es nötig sein, die „katholischen Kräfte zu sammeln, zu bündeln und zu vernetzen“? Das „Forum Deutscher Katholiken“ kritisiert all jene, die sich gegen die bestehenden Strukturen wenden oder sie nur teilweise bejahen wie zum Beispiel, das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und zu ihm gehörende Verbände oder „Wir sind Kirche“, die sich für die Zulassung zur Kommunion von wiederverheiratet Geschiedenen einsetzen (vgl. Der Fels,  Nr. 3/2015).

Indirekt richtet so auch das „Forum Deutscher Katholiken“ seine Kritik an die Leitungsebene der Kirche: Schließlich würden diese Aktivitäten und Meinungen innerhalb der katholischen Kirche geduldet und teilweise protegiert, obwohl sie aus Sicht des „Forum Deutscher Katholiken“ durch den Katechismus nicht gerechtfertigt sind. Der eigentliche Fokus des „Forums Deutscher Katholiken“ liegt jedoch in der Neuevangelisierung, die sich am Ruf nach „konsequenter Entweltlichung der Kirche“ orientiert (vgl. Weitergabe des Glaubens hat absolute Priorität. Resolution des Kongresses „Freude am Glauben“, Augsburg 1. September 2013).

Dazu wollen die Vertreter und Vertreterinnen des „Forums Deutscher Katholiken“ vor allem die Jugend mobilisieren: So gibt es auf den Kongressen eigens ein Jugendprogramm. Ein viel diskutiertes Thema ist zudem der in seiner Katholizität als „nachlässig“ kritisierte Religionsunterricht. Hochgelobt dagegen werden Weltjugendtage und das Engagement von Initiativen wie Nightfever oder die Jugendarbeit von Neuen Geistlichen Gemeinschaften und Bewegungen. Eine zentrale Aufgabe sieht das „Forum Deutscher Katholiken“ daher in der Förderung von Gemeinschaften und Bewegungen wie zum Beispiel dem Opus Dei, den Legionären Christi oder Comunione e Liberazione. Die Bündelung katholischer Kräfte unter der Leitperspektive der Neuevangelisierung macht hier deutlich, dass es um die Mobilisierung von Ressourcen für die kollektive – in diesem Falle konservative – katholische Identität geht: Gemeinsam sind wir stark und können uns gegen die so genannten „Reformer“ durchsetzen!

Streit über das Thema Ehe und Familie

Unterscheiden sich die beiden vorgestellten Gruppierungen sowohl in ihren Sozialformen als auch in ihrer Art und Weise, Kritik an der Kirche zu üben, sind es jedoch vor allem die inhaltlichen Differenzen, durch die sich die jeweiligen Kritiken auszeichnen. Dies lässt sich am Beispiel der Themen Ehe und Familie sowie der Bedeutung hierarchischer Strukturen verdeutlichen.

Die Außerordentliche Bischofssynode „Die pastoralen Herausforderungen der Familie im Rahmen der Evangelisierung“, die vom 5. bis 19. Oktober 2014 im Vatikan stattgefunden hat, hat bereits durch die im Vorfeld verschickten Fragebögen rege Diskussionen ausgelöst. Katholische Gruppierungen wie „Wir sind Kirche“ sahen in der angekündigten Synode eine Chance, dass auch ihre Anliegen an der Kirchenspitze und von Vertretern der Amtskirche diskutiert werden. Für sie ist die Familiensynode „der Lackmus-Test für die grundsätzliche Erneuerungsbereitschaft und -fähigkeit der römisch-katholischen Kirche“. Immerhin betreffen vier der fünf Programmatiken der Laiengruppierung die Reform des Verständnisses von Ehe, Familie, Sexualität und außerehelichen Lebensformen: volle Gleichberechtigung der Frauen in Ehe und Familie, freie Wahl zwischen zölibatärer und nicht-zölibatärer Lebensform, positive Bewertung der Sexualität als wichtiger Teil des von Gott geschaffenen und bejahten Menschen, Frohbotschaft statt Drohbotschaft.

Hoffnungsvoll blickte auch das „Forum Deutscher Katholiken“ der Synode entgegen. Schließlich könnten bereits aus den Ergebnissen der von Rom initiierten Umfrage wichtige Hinweise für die Ehevorbereitung, Predigt und Familienkatechese ergehen. Zu reformieren sei nämlich gerade nicht das kirchliche Verständnis von Ehe, Familie und Sexualität, sondern vielmehr die Formen der Glaubensvermittlung, die die im Katechismus verankerte katholische Glaubenslehre an den Mann, die Frau und deren Kinder bringen sollen (Der Fels, Nr. 2/2014).

Die von Franziskus einberufene Bischofssynode steht ganz im Zeichen einer pastoralen Neuausrichtung und damit der Frage, wie Kirche vor Ort den Gläubigen begegnen kann. Es geht also mehr um die Praxis als um die Lehre, obgleich sehr deutlich wird, dass sich beide gegenseitig bedingen. Der Streit beginnt, wo die Meinungen über den taktgebenden Impuls auseinandergehen. Ist es die Praxis, die die Theorie infrage stellt (beziehungsweise stellen darf), oder ist es die Theorie, die die Praxis anfragt? Und was passiert, wenn die Praxis die Theorie nicht mehr versteht oder sie ihr schlichtweg nichts mehr bedeutet?

Hinsichtlich „dorniger Themen“ wie dem auf der Synode diskutierten Familienverständnis, wird die Bandbreite der Meinungsverschiedenheiten besonders deutlich: Während sich „Wir sind Kirche“ für eine offizielle Anerkennung und Würdigung von Vielfalt einsetzt und somit ausgehend von der wahrgenommenen Lebenswirklichkeit, die sie nicht normiert, sondern in der pastoralen Praxis gezielt integriert und adressiert sehen will, bestehende Kirchenbilder und Praktiken anfragt, hält das „Forum Deutscher Katholiken“ an der exklusiven Geltung des traditionell kirchlichen Bildes der heterosexuellen, sakramental vereinten und auf Reproduktion angelegten Ehe fest. Ausgehend von diesem Ideal überlegt das „Forum Deutscher Katholiken“, wie all jenen, die diesem noch nicht oder nicht mehr entsprechen, begegnet werden kann; immer geleitet von der Überzeugung, dass ein entsprechendes pastorales Konzept zur Umkehr führen müsse.

Sowohl das „Forum Deutscher Katholiken“ als auch „Wir sind Kirche“ setzen ihre Hoffnung auf Papst Franziskus. Für das „Forum Deutscher Katholiken“ ist er der „oberste Lehrer, der den Glauben der Kirche bewahrt und schützt und authentisch interpretiert“ (Der Fels, Nr. 4/2014); für „Wir sind Kirche“ „der Reformpapst“, der den „katholischen Eurozentrismus“ konsequent abbaut (Weisner) und den „absolutistischen Machtblock“ der römischen Kurie zu reformieren sucht. Weisner spricht dabei gar von einer „Franziskanischen Wende“.

Wie unterschiedlich die beiden Gruppierungen Franziskus’ Aussagen verstehen, wird am Beispiel seiner Positionierung zum Thema Homosexualität in seinem Interview auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro am 28. Juli 2013 deutlich. Das „Forum Deutscher Katholiken“ sieht die Nichtrevidierbarkeit der kirchlichen Ehelehre durch Franziskus’ Äußerung bestätigt. Seine Position sieht es zusätzlich durch die von Franziskus ausgesprochene Exkommunikation eines australischen Priesters bestärkt, der sich für die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare einsetzte (vgl. Der Fels, Nr. 11/2013).

„Wir sind Kirche“ hingegen sieht ihre Position ebenfalls durch Äußerungen von Franziskus im selben Interview vertreten. Im Gegensatz zum „Forum Deutscher Katholiken“ fühlt sich die Bewegung in ihrem Kampf für eine stärkere Gewichtung der subjektiven Urteilsfähigkeit und einer Zurückhaltung des Lehramtes in der Beurteilung individualmoralischer Fragen, durch seine Aussage „Wer bin ich, zu urteilen?“ unterstützt. Bekundungen wie diese sind für „Wir sind Kirche“ Botschaften der Wertschätzung pluraler Lebensformen, worunter sie auch Patchworkfamilien und wiederverheiratet Geschiedene versteht.

Sie sieht die lehramtlich einseitige Legitimation heterosexueller, sakramental vereinter Ehegatten als weder in der Wirklichkeit abgebildet noch als eine biblisch legitimierte Größe (vgl. Norbert Scholl und Hermann Häring, Schreiben an Kardinal Gerhard Ludwig Müller, in: Familiensynode „Das geht uns alle an!“. Texte und Arbeitshilfen zur Familien-Synode 2014–2015, München 2014, 9–14).

Ein weiteres Beispiel, an dem die Spannweite innerkirchlicher Kritik deutlich wird, ist die Frage nach dem Verständnis des Petrusamtes, das „Wir sind Kirche“ konkret als „Petrusdienst“ bezeichnet. Während sie sich für eine basisorientierte „Kirche von unten“ stark macht und für eine demokratische Bischofswahl durch die Gläubigen streitet, vertritt das „Forum Deutscher Katholiken“ die Position, dass Kirche eben keine Demokratie, sondern eine „Stiftung Jesu Christi“ sei und das Wort gelte: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt“ (Der Fels, Nr. 2/2014). Die nun auch von Papst Franziskus selbst geforderte innerkirchliche Umsetzung des Subsidiaritätsprinzips sieht „Wir sind Kirche“ zuletzt durch die Torpedierung der Terna bei der Wiederbesetzung der Bischofsstühle in den Erzbistümern Freiburg und Köln ignoriert.

Was das Profil des für den Petrusdienst Vorgeschlagenen angeht, so betonen basisorientierte Gruppierungen wie „Wir sind Kirche“ die Fähigkeit zum Dialog als Auswahlkriterium: Bischof soll werden, wer sein Amt als Dienst am Volk Gottes versteht und sich gemeinsam mit den Gläubigen um die Erarbeitung eines Sensus fidelium bemüht. „An die Stelle des Gehorsams gegenüber den Amtsträgern im jetzigen hierarchischen System tritt dann die Verbindlichkeit als freiwillig angenommene Verpflichtung zur Teilnahme an der Beschlussfassung und zum Einhalten der gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse“ (Paul Weß, Unfehlbares Lehramt oder der Glaubenssinn des Volkes Gottes?, in: Christ in der Gegenwart, Nr. 25/2013).

Das „Forum Deutscher Katholiken“ dagegen vertritt ein vertikales Kirchenverständnis: Es erwartet von Bischöfen, dass sie bei Konflikten über Fragen der Glaubens- und Morallehre „eindeutig und klar die kirchliche Position vertreten“ (Der Fels, Nr. 5/2014). Es beruft sich in der Beschreibung des Bischofsbildes auf die Äußerung von Franziskus, nach der ein Bischof kein Manager, sondern ein mutiger Glaubenszeuge sein soll (vgl. die Ansprache an die Kongregation für die Bischöfe am 27. Februar 2014), „der für die Wahrheit eintritt, sei es gelegen oder ungelegen“. Hierarchie sorgt hier für Klarheit, schafft Sicherheit, beseitigt Zweifel. Selbst letztgenanntem Zitat soll größere Autorität verliehen werden, indem es Franziskus zugeschrieben wird. Zu finden ist es in dessen Ansprache nicht. Das „Forum Deutscher Katholiken“ wird nicht müde, in ihren Augen romtreue Bischöfe zu loben, die Klartext reden. Inhaltlich ist es der Katechismus, auf den als Referenz verwiesen wird. Bedarf es einer stärkeren Unterweisung, verlässt man sich auf die deutliche Stimme von Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der als Präfekt der Glaubenskongregation in der Hierarchie weit oben steht.

Gruppierungen wie das „Forum Deutscher Katholiken“ und „Wir sind Kirche“ zeigen die Spannweite kirchenpolitischer Positionen auf. Beide wollen unangepasst sein, die einen gegenüber dem Zeitgeist, die anderen gegenüber den Kirchenstrukturen. Fordern die einen Reformen in der Glaubensvermittlung und sehen die große Herausforderung der heutigen Zeit im mangelnden Glaubenswissen der Gläubigen, so wollen die „Reformer und Reformerinnen“ eine Kirche, die weniger auf Glaubensgehorsam als auf Barmherzigkeit setzt.

Rezitieren die einen die im Katechismus zementierte Glaubenswahrheit, kratzen die anderen an der traditionellen Auslegung der Lehre. Dabei sind sich beide Gruppen in ihrer Art und Weise des Ausdrucks der Kritik nicht unähnlich: Sie nehmen Stellung zu jedem kirchenpolitisch interessanten bis brisanten Vorgang. Sie fordern ihre Anhänger und Anhängerinnen auf, es ihnen gleichzutun und ihre Stimme zu erheben. Doch vor allem „setzen sie auf dasselbe Pferd“: Papst Franziskus. Aussagen des Papstes zu zitieren, erfreut sich auf beiden Seiten großer Beliebtheit.

Hat der Papstbezug beim „Forum Deutscher Katholiken“ bereits Tradition, verwundert der stets positive Verweis auf das Kirchenoberhaupt zumindest auf den ersten Blick bei „Wir sind Kirche“. Doch in Franziskus’ Anliegen scheinen sich beide Positionen wiederzufinden: Er steht klar für die katholische Botschaft und wählt dafür die richtigen Worte. Er meint es ernst mit der universalen Botschaft der katholischen Kirche und er wird ernst genommen. Man glaubt ihm, dass es ihm um das Wohl der Kirche geht.

Ob Franziskus’ expliziter Aufruf zur furchtlosen Kritik und zum demütigen Zuhören mit offenem Herzen auch dazu führt, dass nicht nur an den Rändern, sondern auch in der Mitte der Kirche um das Katholische gerungen wird, muss sich zeigen. Zumindest wäre es angesagt, mehr miteinander statt „übereinander“ zu reden und die nach dem Konzil entwickelten Räte stärker als Raum produktiver Zusammenarbeit zu nutzen, anstatt deren Potenzial zu verschenken (vgl. Bernhard Sutor, Kirchenprotest in Deutschland – und wie damit umgehen? Zum kirchengeschichtlichen Kontext, in: Communicatio Socialis 45.3 [2012] 239–247, 243).

Im Ringen um die Identität der katholischen Kirche wäre es gut, Franziskus’ Vorbild zu folgen, der betont, dass das „Allumfassende“ nur im gemeinsamen Suchen gefunden werden könne. Dabei scheut er weder Kontroversen noch werden Denkverbote verhängt, auch wehrt er sich gegen kirchenpolitische Instrumentalisierungen. Ihm geht es um ein offenes Gespräch. Er provoziert und initiiert den innerkirchlichen Dialog und die Reflexion der eigenen Standpunkte gemäß dem Pauluswort „Prüfet alles und behaltet das Gute!“ (1 Thess 5,21).        

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