Die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung in SibiuÖkumenischer Realismus

Vom 4. bis 9. September trafen sich in Sibiu (Hermannstadt) Vertreter so gut wie aller christlichen Kirchen Europas, um sich mit dem Stand der Ökumene und mit den aktuellen Herausforderungen in Europa zu befassen. Die Versammlung, die weitgehend spannungsfrei über die Bühne ging, vermittelte ein realistisches Bild der ökumenischen Lage. Sie zeigte aber auch, dass die Kirchen Europas zusammenbleiben wollen.

Die Dritte Europäische Versammlung, zu der sich Anfang September Vertreter der christlichen Kirchen Europas im rumänischen Sibiu (Hermannstadt, Nagyszeben) im Herzen Siebenbürgens trafen, hatte eine doppelte Vorgeschichte. Zum einen stand sie in der Reihe der Ökumenischen Versammlungen von Basel (1989) und Graz (1997), an die auch immer wieder während des Treffens – allerdings zumeist zeremoniell – erinnert wurde. Zum anderen waren ihr kleiner angelegte Veranstaltungen auf europäischer Ebene in Rom im Januar 2006 (vgl. HK, März 2006, 117ff.) sowie Mitte Februar 2007 in Wittenberg (vgl. HK, April 2007, 191) vorausgegangen. Diese Treffen, obwohl sie einen „Pilgerweg“ hin zur großen Versammlung markieren sollten, spielten in Sibiu praktisch keine Rolle. Den entscheidenden Markstein für die Dritte Europäische Versammlung bildete die „Charta Oecumenica“, am 22. April 2001 von den Vorsitzenden der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und des Rates der Europäischen Bischofskonferenzen (CCEE) in der Europastadt Straßburg als „gemeinsame Verpflichtung zum Dialog und zur Zusammenarbeit“ unterzeichnet. Ihre drei „Körbe“ („Wir glauben an die einige, heilige, katholische und apostolische Kirche“; „Auf dem Weg zur sichtbaren Gemeinschaft der Kirchen in Europa“; „Unsere gemeinsame Verantwortung“) spiegelten sich in der Abfolge der Plenumsveranstaltungen und Foren in Sibiu wider. In der Schlussbotschaft des Treffens wird die „Charta Oecumenica“ als „stimulierende Leitlinie“ für den ökumenischen Weg in Europa empfohlen.

KEK und CCEE waren wie auch schon in Basel und Graz die Veranstalter der Versammlung, die unter dem Motto „Das Licht Christi scheint auf alle – Hoffnung auf Erneuerung und Einheit in Europa“ stand. Entsprechend lagen die Moderation der neun nachmittäglichen Foren wie der Vorsitz bei den drei vormittäglichen Plenumsveranstaltungen jeweils bei einem katholischen Vertreter und einem aus den Reihen der KEK-Mitgliedskirchen. Konfessionelle Ausgewogenheit kennzeichnete auch die lange Liste der Redner und Podiumsteilnehmer. Nach offiziellen Angaben nahmen an der Versammlung in Sibiu 1538 Delegierte teil, von den Mitgliedskirchen der KEK beziehungsweise von den einzelnen europäischen Bischofskonferenzen nominiert. Dazu kamen noch Redner, Gäste, Helfer und Journalisten. Die Delegation der Deutschen Bischofskonferenz umfasste neben Bischöfen (als Delegationsleiter fungierte der Magdeburger Bischof Gerhard Feige, in der Bischofskonferenz für die Beziehungen zu den orthodoxen Kirchen zuständig) und Spitzenvertretern des katholischen Verbandswesens und von Hilfswerken, auch Mitglieder von Diözesanräten, Ordensleute, Leiter von katholischen Akademien und theologische Ökumeneexperten beziehungsweise diözesane Ökumenereferenten.

Vielfalt konfessioneller Feiern

Das Gros der deutschen Delegierten bekam auf der dreistündigen Busfahrt vom Flughafen Tirgu Mures nach Sibiu gleich am Eröffnungstag einen anschaulichen Eindruck von der Situation ländlicher Regionen des neuen EU-Mitglieds Rumänien. Sibiu hatte man als Veranstaltungsort nicht zuletzt deswegen gewählt, weil die Stadt mit ihrem dynamischen Oberbürgermeister Klaus Johannis 2007 zusammen mit Luxemburg den Titel der „Europäischen Kulturhauptstadt“ trägt. Der auch dadurch bewirkte Aufschwung zeigt sich an vielen Stellen: Der Kern der Altstadt mit seinen Kirchen und Palais ist aufwendig renoviert, es sind in den letzten Jahren neue Hotels aus dem Boden geschossen, in vielen Schaufenstern kann man Schilder lesen mit der Aufschrift: „Wir suchen Personal“. Daneben sind aber auch die Erblasten in Form von Plattenbauten, heruntergekommener sozialistischer Repräsentationsarchitektur wie sanierungsbedürftiger Altstadthäuser nicht zu übersehen. Insgesamt spielte das Gastgeberland Rumänien bei der Versammlung aber eine untergeordnete Rolle. Spezifische, nicht zuletzt konfessionelle und ethnische Probleme Rumäniens kamen nicht in Foren oder Plenumsveranstaltungen, sondern fast ausschließlich in kleineren Hearings zur Sprache, die in Sibiu Bestandteil des Programms waren. Die latenten Spannungen zwischen den Volksgruppen schwappten insofern in die Versammlung, als sich die ungarisch-reformierten Delegierten aus Ungarn, Rumänien und der Slowakei in einer Stellungnahme beschwerten, nachdem die städtische Polizei in Sibiu offenbar mehrere rumänische Jugendliche ungarischer Muttersprache stundenlang aufgehalten und befragt hatte.

Das offizielle Rumänien, seit dem 1. Januar 2007 Mitglied der Europäischen Union, präsentierte sich der Ökumenischen Versammlung mit einem Grußwort von Staatspräsident Traian Basescu. Die Grußbotschaft des rumänischen Ministerpräsidenten, der durch die Überflutungen in Teilen des Landes verhindert war, verlas der Kultusminister. Für verwundertes Kopfschütteln zumindest bei westlichen Delegierten sorgte der nicht im Programm angekündigte Auftritt des Schwiegersohns des letzten rumänischen Königs, Prinz Radu von Hohenzollern-Veringen. Der Prinz hob in seinem Grußwort besonders auf die enge Verbindung zwischen orthodoxer Kirche und Königshaus in Rumänien ab.

Viele Stimmen im Vorfeld der Dritten Ökumenischen Versammlung hatten betont, wie wichtig es sei, dass man sich diesmal in einem von der Orthodoxie geprägten Land treffe. Das war denn auch deutlich zu spüren: Viele Redner erwiesen dem kurz zuvor verstorbenen Patriarchen Teoctist ihre Reverenz, und wenige Tage nach der Versammlung wurde am 12. September mit deutlicher Mehrheit der Metropolit der Moldau, Daniel (Ciobotea), zum neuen Patriarchen der rumänisch-orthodoxen Kirche gewählt. Metropolit Daniel, der früher einmal in Straßburg und auch in Freiburg studiert hat, hielt die Predigt bei der vielsprachig gestalteten feierlichen Vesper in der orthodoxen Kathedrale von Sibiu, zu der alle Teilnehmer der Vollversammlung eingeladen waren. Ansonsten war die Versammlung von der Vielfalt konfessioneller Feiern bestimmt. In der gotischen lutherischen Stadtpfarrkirche gab es einen Abendmahlsgottesdienst nach der Ordnung der „sächsischen“ lutherischen Kirche mit gesungenen Einsetzungsworten und kniend empfangenem Abendmahl, in der wenige Schritte entfernten, schmucklosen ungarisch-reformierten Kirche aus der Zeit Josefs II. einen typisch reformierten Predigtgottesdienst, in der kleinen Johanneskirche versammelte man sich zum anglikanischen „Evening prayer“. Die gemeinsamen Morgengebete im großen Versammlungszelt auf der Piata Unirii am Rand der Altstadt waren sorgfältig und durchweg ansprechend gestaltet, einmal streng liturgisch, das andere Mal eher freikirchlich, aber immer um das Grundmotiv „Licht“ kreisend. In Struktur und Atmosphäre der Veranstaltung ähnelte Sibiu anderen ökumenischen Großtreffen, seien es Vollversammlungen des ÖRK oder der konfessionellen Weltbünde: Referate und Podiumsstatements im Plenum, Foren mit einer Mischung von kürzeren oder längeren thematischen Beiträgen und Diskussionsphasen, eine Fülle von Grußworten und Grußbotschaften (darunter auch eine vom Apostolischen Nuntius in Rumänien verlesene kurze Botschaft Benedikts XVI.), Simultanübersetzung in fünf Sprachen, eifrige Stewards für technische Hilfsdienste. Im „Kulturhaus der Gewerkschaften“ war eine „Agora“ aufgebaut, bei der sich verschiedene kirchliche Einrichtungen und Institutionen aus ganz Europa präsentierten, es gab einen Jugendtreff und ein „Frauencafe“ in der „Casa Teutsch“, dem Kulturzentrum der lutherischen Kirche. Viele Hearings fanden in den Räumen der Orthodoxen Theologischen Fakultät statt.

Für manche war es Routine, für andere ein Neuheitserlebnis

Das Treffen verlief weitgehend spannungsfrei; es bot Gelegenheit zum informellen Austausch sowohl innerhalb der Delegationen, die weitgehend unter sich blieben (das galt auch für die katholische und evangelische Delegation aus Deutschland), als auch mit Bekannten aus anderen Ländern und Konfessionen. Schließlich waren unter den Delegierten nicht wenige altgediente ökumenische Profis der verschiedenen Konfessionen, die auch sonst die Netzwerke zwischen den Kirchen am Laufen halten. So war die Dritte Europäische Ökumenische Versammlung einerseits ein Expertentreffen, für andere Delegierte wiederum ein Neuheitserlebnis. Thematisch hatte man die Versammlung in drei große Blöcke gegliedert: Ging es am Mittwoch, dem 5. September um „Das Licht Christi und die Kirche“, folgte am Donnerstag „Das Licht Christi und Europa“, bevor es am Freitag schließlich um „Das Licht Christi und die Welt“ ging. Der Samstag war der Beschäftigung mit der Schlussbotschaft und dem Versuch einer thematischen Bilanzierung gewidmet. Am Sonntagvormittag wurden konfessionell getrennte Gottesdienste gefeiert (für die Katholiken im lateinischen Ritus, nachdem Tags zuvor eine große Eucharistiefeier im byzantinischen Ritus der „unierten“ Kirche Rumäniens stattgefunden hatte); dem schloss sich eine knappe gemeinsame Schlussveranstaltung auf der eindrucksvollen Piata Mare an. Jeweils drei Foren galten wichtigen Einzelaspekten der Themenkomplexe Kirche, Europa und Welt. So waren dem ersten Hauptthema Foren zu den Stichworten „Einheit“, „Spiritualität“ und „Zeugnis“ zugeordnet, dem zweiten solche zu den Stichworten „Europa“, „Religion“ und „Migration“. Die Foren zum dritten Hauptthema knüpften an die Anliegen des „Konziliaren Prozesses“ an, der an der Wurzel der Versammlung von Basel im Jahr 1989 stand: „Schöpfung“, „Gerechtigkeit“ und „Frieden“. Die Rednerliste zum Thema Europa war hochrangig besetzt, kam doch der Präsident der Europäischen Kommission, Manuel Barroso, zu einer Stippvisite nach Sibiu. Zwei weitere Kommissionsmitglieder kamen bei der Versammlung zu Wort, der Rumäne Viktor Orban und der Slowake Jan Figel.Den Reigen der europäischen Prominenz komplettierte René van der Linden, Präsident der Parlamentarischen Versammlung des Europarates. Manuel Barroso betonte vor den Delegierten aus allen Teilen des Kontinents, die Europäische Kommission habe immer einen fruchtbaren Dialog mit den Kirchen unterhalten. Sein Besuch der Ökumenischen Versammlung sei Teil eines „langen Prozesses des gegenseitigen Zuhörens und Achtens zwischen der Kommission und den wichtigsten in Europa vertretenen Religionen“. In wohlausgewogenen Formulierungen beschrieb er Europa als einen multireligiösen Kontinent, zitierte Paul Valéry mit der Aussage, der europäische Geist sei das Ergebnis des dreifachen Erbes, für das Athen, Rom und Jerusalem stünden und sprach vom Christentum und seinen verschiedenen Konfessionen als einer einigenden Kraft in der Geschichte der europäischen Zivilisation.

Der Präsident der Europäischen Kommission warb auch für den europäischen Reformvertrag und erwähnte den in ihm enthaltenen Artikel, in dem sich die Europäische Union zu einem offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog mit den Kirchen und weltanschaulichen Gemeinschaften verpflichtet. In der Schlussbotschaft der Versammlung wird zwar diese Selbstverpflichtung der Europäischen Institutionen anerkennend erwähnt, findet sich aber kein ausdrücklicher Hinweis auf den Reformvertrag oder sonst zu den Perspektiven für die Europäische Union. Es bleibt bei der Formulierung, Europa sei zu Anfang ein politisches Projekt zur Sicherung des Friedens gewesen; jetzt müsse es ein „Europa der Völker“ werden und damit mehr als ein Wirtschaftsraum. Europa als institutionelle Wirklichkeit wurde in Sibiu sozusagen unter Wert gehandelt. Das galt auch für das Forum, das ausdrücklich dem Thema Europa gewidmet war, zum verständlichen Missvergnügen der für die kontinuierliche kirchliche Lobbyarbeit in Brüssel Verantwortlichen. Mit einhelligem, starkem Beifall reagierte die Versammlung Tags darauf auf das mit Verve vorgetragene Plädoyer zugunsten des christlichen Einsatzes für Europa, das der Gründer und Spiritus Rector der Gemeinschaft Sant’ Egidio, Andrea Riccardi, vortrug. Riccardi warnte angesichts fehlender Visionen im heutigen Europa davor, mit der „nationalistischen Droge des Stolzes auf unsere Kultur“ die Angst vertreiben zu wollen: „Man findet den Stolz nicht, indem man am Horizont Feinde ausmacht.“ Heute habe man in den europäischen Staaten Angst, etwas zu verlieren. „Doch morgen werden sich die europäischen Staaten verlieren und allein bleiben.“ Christen, die die Suche nach Jesus, dem Gekreuzigten, lebten, könnten die Kultur der Angst und die Verschwendung des Friedens, des Wohlstands und der Freiheit in Frage stellen. In der „Charta Oecumenica“ von 2001 findet sich ein eigenes Kapitel mit der Überschrift „Die Beziehungen zum Islam pflegen“. In Sibiu dagegen blieb der Islam als die wichtigste religiös-kulturelle Herausforderung für die Christen und Kirchen im heutigen Europa unterbelichtet; das Forum „Religionen“ befasste sich nicht, wie in einem früheren Stadium offenbar angedacht, ausdrücklich mit dem Islam, sondern nur als Teilaspekt des Zusammenlebens der verschiedenen Religionen in Europa. So nimmt es auch nicht wunder, dass in der Schlussbotschaft das Stichwort Islam an keiner Stelle auftaucht. Es ist nur allgemein davon die Rede, dass es keine Alternative zum Dialog der Religionen gebe und die entsprechenden Empfehlungen der „Charta Oecumenica“ weiterentwickelt werden sollten. Hier hat man sich bei der Ökumenischen Versammlung vor einem Thema, das in jeder Beziehung an der Zeit ist, anscheinend gedrückt.

Positionsbestimmungen zum Thema Einheit

Gleich am ersten Arbeitstag in Sibiu bezogen Vertreter der wichtigsten konfessionellen Stränge, die sich auf der Versammlung zusammengefunden hatten, freundlich, aber doch auch bestimmt Position zu der ökumenischen Grundfrage, welche Einheit eigentlich angestrebt wird und wie sich das ökumenische Engagement ihrer Kirchen beziehungsweise Konfessionsfamilien zukünftig gestalten soll. Den Anfang machte der Ökumenische Patriarch von Konstantinopel, Bartholomaios I. In seiner Ansprache im Eröffnungsgottesdienst betonte Bartholomaios, die ganze Orthodoxie wie auch er persönlich seien verpflichtet, „alles zu tun, um die heilige Sache der Wiederherstellung der vollen kirchlichen und sakramentalen Gemeinschaft der Kirchen auf der Grundlage desselben Glaubens in Liebe und gegenseitigem Respekt der jeweils spezifischen Ausdrucksformen desselben apostolischen Glaubens voranzubringen“. Er bekannte sich zum ökumenischen theologischen Dialog „par cum pari“ (auf gleicher Augenhöhe) und rief alle orthodoxen Kirchen dazu auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen und durch Zusammenarbeit sowohl innerorthodox wie auch mit allen christlichen Kirchen, besonders mit allen Kirchen in Europa dazu beizutragen, „dass die Wunden des leidenden Menschen unserer Zeit geheilt werden“.

Metropolit Kirill von Smolensk und Kaliningrad, der Leiter des Kirchlichen Außenamtes des Moskauer Patriarchats, nutzte seinen Auftritt in Sibiu zu einem orthodoxen Plädoyer für eine ethische Ökumene als Antwort auf die gegenwärtige moralische Verderbnis und Religionslosigkeit Europas, die er in starken Worten schilderte: „Der Kampf für eine einheitliche Gesellschaftsmoral und die christlichen Werte im heutigen Europa ist unmöglich ohne eine Vereinigung der Anstrengungen vor allem der Christen der Hauptkonfessionen, unbeschadet ihrer Differenzen in der Glaubenslehre.“ Das alte Wort „Ökumene“ sei kaum geeignet zur Erfüllung dieser Aufgabe. Gleichzeitig fiel auch bei ihm, wenn auch etwas versteckt, das Stichwort vom theologischen Dialog, für den die Solidarität der Christen in Europa angesichts neuer Herausforderungen neues Interesse wecken könne.

Nach den vor allem im deutschsprachigen Raum ausgetragenen Auseinandersetzungen um die „Antworten“ der Glaubenskongregation zur Lehre von der Kirche (Vgl. HK, September 2007, 439ff.) konnte man auf die Beiträge von Kardinal Walter Kasper, dem Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates, und Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gespannt sein. Sie folgten in Sibiu unmittelbar aufeinander, konnten im Plenum allerdings nur ansatzweise diskutiert werden. Kardinal Kasper sprach sich mit Nachdruck dafür aus, über den Unterschieden und so genannten Profilen in der Ökumene das größere und wichtigere Gemeinsame nicht aus den Augen zu verlieren. Die Unterschiede beträfen nicht das Christsein, nicht die Frage des Heils, sondern die Frage der konkreten Heilsvermittlung und der sichtbaren Gestalt der Kirche. Dass man derzeit mit der bisherigen Suche nach Konvergenzen nicht weiter komme, sei für ihn kein Grund zur Resignation: „Wir können unsere jeweilige Position in ehrlicher und einladender Weise einander bezeugen. Wir können das in einer nicht polemischen, nicht abgrenzenden positiven Weise tun.“ Die Einheit der Kirche, so der Kardinal, sei kein Selbstzweck, sondern hingeordnet auf die Einheit der Welt, „in unserer Situation besonders auf das Einswerden Europas“. Christen bräuchten die Moderne nicht pauschal zu verwerfen, müssten sie jedoch vor der Zerstörung durch sich selbst bewahren. Bischof Huber erinnerte in Sibiu an den Schatz gemeinsamer christlicher Spiritualität; die spirituelle Erneuerung bezeichnete er als entscheidende Grundlage für das gemeinsame Zeugnis der Kirchen in unserer Welt. Gleichzeitig betonte er, für die evangelischen Kirchen sei die „Achtung des Kircheseins derer, die um die Einheit und die Wahrheit Christi ringen“, eine wichtige ökumenische Grundregel: „Für uns ist nicht zu erkennen, dass der Weg zur Einheit in Vielfalt oder zu versöhnter Verschiedenheit auf andere Weise gefunden werden kann.“ Angesichts der nach wie vor in der Christenheit unterschiedlichen Vorstellungen von der Einheit der Kirche überrascht es nicht, dass die Schlussbotschaft der Versammlung (über die nicht formell abgestimmt wurde; sie wurde durch Akklamation angenommen) es dabei belässt, den Kirchen die Fortsetzung ihres „Wegs zur sichtbaren Einheit“ nahe zu legen. Die christlichen Kirchen müssten sich um Lehrfragen kümmern und sich um einen breiten Konsens über aus dem Evangelium abgeleitete moralische Werte und einen glaubwürdigen christlichen Lebensstil bemühen. Insgesamt ist die Schlussbotschaft mit ihren zehn „Empfehlungen“ (darunter die, jährlich in der Zeit zwischen dem 1. September und dem 4. Oktober für die Bewahrung der Schöpfung zu beten) ein typisches Patchwork-Dokument, das in seinen Forderungen an die Christen und Kirchen in Europa von einigen aktualitäts- oder anlassbezogenen Formulierungen abgesehen nicht über die „Charta Oecumenica“ hinausgeht. Es war im Übrigen aufschlussreich zu beobachten, dass sich in der Diskussion über die beiden Entwürfe der Botschaft fast nur Delegierte verschiedener Konfession aus der Westhälfte Europas zu Wort meldeten, um Ergänzungs- und Verbesserungsvorschläge einzubringen.

Die Erste Europäischen Ökumenische Versammlung 1989 in Basel lebte – größtenteils ungeplant – von der sich am Horizont in Umrissen abzeichnenden Wende im kommunistisch beherrschten Teil Europas. Bei der zweiten Versammlung in Graz stellte man sich dann acht Jahre später der neuen ökumenischen Situation, die als Konsequenz dieser Wende entstanden war, besonders im Blick auf die Einbeziehung der orthodoxen Kirchen. Für Sibiu fehlte ein solcher Kairos. Der EU-Beitritt der meisten postkommunistischen Staaten, zuletzt Rumäniens und Bulgariens am 1. Januar 2007, hat die Lage für die Kirchen Europas nicht entscheidend verändert, auch nicht der Pontifikatswechsel in der katholischen Kirche. Und trotzdem hatte auch die Versammlung in Sibiu ihre Meriten. Es war gut, dass sich Vertreter so gut wie aller christlichen Kirchen des Kontinents trafen, um sich realistisch des Erreichten in den ökumenischen Beziehungen zu vergewissern und miteinander über die Herausforderungen für das Zeugnis und den Dienst der Christen im heutigen Europa zu sprechen. Dass dabei die orthodoxen Kirchen selbstverständlich, wenn auch nicht dominierend mit von der Partie waren, markierte einen Unterschied zu Graz. Gleichzeitig zeigte sich, dass auch sie nicht unbedingt mit einer Stimme sprechen, wo es um die Ökumene und das Verhältnis zur Moderne geht.

Auch sonst gibt es in Europa auch weiterhin ökumenische Ungleichzeitigkeiten. So fiel auf, dass nur an einer Stelle im Hauptprogramm ein spanischer Name auftauchte (Bischof Adolfo González Montes von Almeria referierte über die katholische Konzeption von Kircheneinheit); auch das katholische Polen war unter den Referenten und Moderatoren nur spärlich vertreten. An der Tatsache, dass Länder und Kirchen in Europa in unterschiedlichem Maß in das ökumenische Netzwerk eingebunden sind, wird sich wohl in absehbarer Zeit nichts ändern.

In Sibiu wurde natürlich auch schon über eine weitere Europäische Versammlung spekuliert, sowohl über den Ort für ein solches Treffen wie über seine mögliche Struktur. So wurde verschiedentlich der Wunsch laut, ein Folgetreffen partizipativer anzulegen, die Delegierten intensiver und verbindlicher in die Arbeit mit einzubeziehen. Nach dem protestantisch geprägten Basel, dem katholisch geprägten Graz und Sibiu in einem Land mit orthodoxer Bevölkerungsmehrheit wären für eine weitere Versammlung möglicherweise die Anglikaner beziehungsweise Großbritannien an der Reihe. Aber man könnte sich gut auch die „Europahauptstadt“ Brüssel als Schauplatz für ein großes Treffen der Kirchen Europas vorstellen. Noch ist längst nicht sicher, ob es überhaupt eine vierte Europäische Ökumenische Versammlung geben wird. Wichtiger ist auf jeden Fall, dass die Kirchen Europas nach Möglichkeit zusammenbleiben und alle Anstrengungen daransetzen, den christlichen Glauben in seinen verschiedenen konfessionellen Ausprägungen lebendig zu erhalten.

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