Der Fall Novak DjokovicVorbilder sehen anders aus

Der Tennisspieler Novak Djokovic musste Australien verlassen. Was lehrt uns dieses Schauspiel mit seinen Shakespeare’schen Zügen?

Die Fotos seiner Abreise gingen um die Welt. Eigentlich hatte Novak Djokovic bei den „Australian Open“ seinen 21. Grand-Slam-Titel gewinnen wollen. Doch der Weltranglistenerste ist eben nicht nur ein toller Tennisspieler – sondern auch einer, der seine Impfskepsis offen zur Schau trägt, der laut Recherchen des Spiegel einen positiven Coronatest falsch datiert hat und über ein Drittland nach Australien eingereist war, ohne dies anzugeben.

Selbst überführt

Wofür steht sein Fall? Zum einen für all die Mächtigen, die Sonderrechte für sich reklamieren und sich unantastbar fühlen. Zum anderen paart sich hier die Abgehobenheit tragischerweise mit – ja, man muss es so nennen – Dummheit: Im Internet hat Djokovic seinen Zwischenstopp auf spanischem Hoheitsgebiet fleißig mit seinen Followern geteilt, diesen aber bei seiner Einreise nach Australien verschwiegen. Damit hat er sich bequemerweise selbst überführt.

„Gekrönt“ wird auch bei ihm die Selbstdemontage durch all die Dementis, die gerade Menschen unerträglich finden, die in der Erziehung Heranwachsender einen sittlichen Kompass, ein reifes Gewissen vermitteln wollen. Djokovic zog sich zurück auf Vergesslichkeit, ungeschicktes Verhalten, Überforderung, Zeitdruck, er erging sich in Schuldzuweisungen an andere. Erst wenn nichts mehr hilft – wer wollte da nicht auch an Boris Johnsons „Partygate“ denken –, kommt die Flucht nach vorn: „Ja, es stimmt alles. Aber es tut mir leid. Ich bin doch auch nur ein Mensch und mache Fehler.“

Wer nicht mitspielen darf…

Vorbilder sehen anders aus. Idole geben ohne Umschweife ihre Schuld zu und bitten um Vergebung, bevor andere herausfinden, welche Sünden sie begangen haben. Wie sollen wir der nachfolgenden Generation Ehrlichkeit und Wahrheitsliebe – „Was ist Wahrheit?“, fragt Pilatus den Dornenkronenkönig an jedem Karfreitag – nahebringen, wenn jeden Tag Mächtige medial zu erleben sind, die sich selbst gefangennehmen in einer Art Spirale aus verdrehter oder günstig zurechtgelegter Wirklichkeit, Gedächtnisschwund und Heischen nach Mitleid?

Novak Djokovic darf in Melbourne nicht mitspielen. Fast wäre es gleichgültig, weil er sein Spiel schon vor Beginn moralisch verloren hat. Dennoch empfindet jeder von uns etwas bei dieser Nachricht, weil es unangenehme Kindheitserinnerungen weckt: Wer nicht mitspielen darf, schmollt, setzt sich abseits, hegt Groll und kann das Urteil seiner sozialen Ächtung partout nicht akzeptieren. Mächtige sollten es den Sternsingern gleichtun und ihre ganze Kraft dafür einsetzen, Segen für andere zu sein. Selbstverliebtheit und der Verlust von Bodenhaftung schaden nachhaltig dem moralischen Klima.

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