EditorialSeismograph Auto?

Noch gibt es eine „deutsche Liebe“ (FAZ) zum Auto. Deshalb lohnt es sich, Nachrichten zu dem Thema wahrzunehmen – und zu deuten.

Nehmen wir mal an, es ist tatsächlich etwas dran an der These, dass den Deutschen das Auto besonders wichtig ist. Es gibt ja einiges, was dafür spricht. So hat die Lobby-Organisation der Autofahrer, der ADAC, trotz vertrauenerschütternder Skandale immer noch mehr als 21 Millionen Mitglieder. Das sind ungefähr so viele, wie es evangelische Christen hierzulande gibt. Oder katholische. Sicher, die Einstellung zum Auto verändert sich, gerade bei jungen Leuten. Für sie ist ein Fahrzeug, zumal sein Besitz, nicht mehr so wichtig. Sie verbinden damit nicht mehr ein Gefühl von Freiheit, wie es frühere Generationen noch taten. Im Gegenteil: Immer mehr Menschen betrachten einen eigenen PKW allenfalls als notwendiges Übel, etwa auf dem Land. Gerade in der Stadt aber ist er oft nur ein Klotz am Bein, eine finanzielle Belastung, ein Verursacher von Stau, Dreck und Treibhauseffekt. Aber noch sind die Verhältnisse mehrheitlich so, wie sie sind, noch gibt es diese „deutsche Liebe“ (FAZ) zum Auto. Und deshalb lohnt es sich durchaus, Nachrichten zu dem Thema wahrzunehmen – und zu deuten.

Soeben wurde zum Beispiel bekannt gegeben, dass 2021 zehn Prozent weniger Neuwagen zugelassen wurden als im Jahr davor, so wenige wie seit Jahrzehnten nicht. Auch wurden überhaupt weniger Autos gebaut. Das liegt natürlich an Lieferproblemen. Aber genauso spielt wohl mit hinein, dass es derzeit einfach nicht angesagt ist, eine große Anschaffung zu machen. Unsicherheit und, ja, Melancholie sind die vorherrschenden Gefühle (vgl. „Grund zur Freude“).

Das spiegelt im Übrigen auch die Farbwahl bei den (wenigen? immer noch zu vielen?) Autos wider, die dann doch gekauft wurden. Im März 2021, mitten im zweiten Lockdown, gab fast ein Drittel der Deutschen in einer Umfrage an: Wenn sie sich jetzt ein Fahrzeug kaufen würden, wäre es schwarz. Tatsächlich lagen bei den Neuzulassungen am Ende des Jahres silber und grau noch knapp vor schwarz. Sicher, auch das waren immer schon beliebte Farben – aber in diesen Dimensionen? Mehr als die Hälfte der Autokäufer wählte gedeckte Töne. Nimmt man noch das neutrale Weiß dazu, waren es mehr als drei Viertel. Lust auf Farbe, auf Aufbruch, auf Lebendigkeit? Fehlanzeige! Sieht es derzeit auch in vielen Seelen so aus?

Und noch eine Nachricht: Ein bayerischer Autobauer hat dieser Tage ein Auto vorgestellt, das seine Farbe wechseln kann. Der Lack des Wagens besteht aus einer speziellen Beschichtung mit Mikrokapseln, die der Fahrer je nach Laune aktiviert. Vielleicht trifft ja auch das ein Gefühl dieser Stunde...

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