„Nach“ CoronaHaben wir etwas gelernt?

Jetzt fallen fast alle Corona-Regeln weg. Das Virus scheint beherrschbar. Geht nun alles zurück zu dem, was als normal galt? Das wäre fatal! Wir sollten den Schrecken nicht verdrängen, sondern ihn weiterhin als Ruf zur Umkehr verstehen.

Ist das wirklich schon drei Jahre her? Beziehungsweise: Sind es erst drei Jahre...? Im Spätwinter 2020 kam Corona bei uns an. Damals war ich gerade auf der Berlinale (von der diesmal Kollege Simon Lukas berichtet; vgl. S. 5–9) und musste miterleben, wie am Abend maskentragende Besucher aus Asien eines Restaurants verwiesen wurden. Natürlich half auch das nicht weiter. Vielmehr lernten wir bald alle, uns mit Masken zu schützen. Erst waren es teils durchaus kreative Stoffdesigns (liegen die bei Ihnen auch noch rum?), bis wir weiter lernten, dass diese zu undicht sind, um Luft zu filtern.

Holen wir uns in Gedanken die drei Jahre nochmal zurück: Wir wurden zu Menschen, die auf Zahlen starrten. Der Inzidenzwert, der R-Wert, die Übersterblichkeit ... Gebannt nahmen wir jede kleinste Veränderung wahr. Schließlich hing davon die Gestaltung unseres Alltags ab. Bei welchem Wert wurde die Warn- oder Alarmstufe erreicht? Ab der dann welche Regeln galten? Wann durfte man sich noch mit wie vielen Menschen treffen? Spielplätze wurden gesperrt. Überhaupt haben die Kinder und Jugendlichen wohl den höchsten Preis gezahlt: Sie verzichteten auf so viel – auf Schule, auf Begegnung mit Freunden –, damit sich das Risiko für uns Ältere reduzierte.

In den Kirchen stellten wir die Stühle auseinander oder spannten Plastikbänder, um Abstände einzuhalten. Zwischenzeitlich gab es auch einen völligen religiösen Lockdown. Danach erfanden wir den liturgischen Dienst des Ordners, der Ordnerin (oder war es eine Wiederbelebung des Ostiariers/Janitors?). Diese Personen hatten alle paar Minuten zu lüften und die Gläubigen anzuweisen, nach dem Gottesdienst auf den Kirchplatzschwatz zu verzichten und sich schnell zu zerstreuen. Gesungen wurde gar nicht mehr, erst später wieder, aber dann nur mit Mundschutz. Wir entwickelten neue Gottesdienstformen: per Zoom, zuhause, to go...

Das Schlimmste, na klar, waren die gesellschaftlichen Verwerfungen. Impfgegner, Querdenker trieben einen Keil durch unsere Gemeinschaften. Natürlich gab es Fehleinschätzungen und echte Fehler seitens der Politik. Wie sollte es auch anders sein angesichts einer nie dagewesenen Lage? Doch etliche Stänkerer nutzten das aus, um ihre eigene Agenda zu verfolgen. Der Hass hat zugenommen. In Österreich trieben die Gewissenlosen die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr in den Suizid – und feierten die Verzweiflungstat in den „asozialen“ Medien. Jetzt, am gewissermaßen offiziellen Ende der Pandemie, stehen wir „mütend“ da: das Kunstwort aus „müde“ und „wütend“ beschreibt den Status quo ziemlich treffend.

„Ich würde uns raten, dass wir danach nicht einfach zur Tagesordnung übergehen … jetzt, da wir erlebt haben, wie sich eine existenzielle Bedrohung anfühlt.“ Das hat der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor drei Jahren in einem Spiegel-Interview gesagt. Ziemlich hellsichtig kommt einem das heute vor. Denn von Fußball bis Fasnet: Alle wollen sie aktuell ganz schnell zurück zum Zustand „vor Corona“. Das ist verständlich, keine Frage! Aber dass es auch klug ist – daran sind doch arge Zweifel angebracht. Wäre nicht zunächst eine Gewissenserforschung angesagt: Was soll bleiben, was darf, was muss gehen? Was haben wir aus der Pandemie gelernt? Haben wir etwas gelernt?

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