Max Weber neu gelesenKatholisch ökologisch

Lange hieß es, Protestanten würden besser wirtschaften als Katholiken. Doch wer so argumentiert, übersieht etwas Zentrales.

Aus der Geschichte lernen könnten wir auf vielen Ebenen. Der Schweizer Historiker Peter Hersche zeigt dies in seinen letzten beiden Büchern. Das erste führt im Haupttitel Max Weber, im Untertitel Ökologie und Katholizismus. Es geht aus von dem berühmten Aufsatz Max Webers: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904), der eine generelle Erklärung für den enormen wirtschaftlichen und technischen Fortschritt in England, den Niederlanden und den USA lieferte. Die anschauliche Schilderung von Leben, Reisen und Forschen des Soziologen, Juristen und Ökonomen Max Weber in sechs Kapiteln führt zu einem Ausblick auf „ökologische Gegenwartsprobleme“ und das Verhältnis von Religion und Ökologie. „Der von Max Weber in der Protestantischen Ethik untersuchte moderne Kapitalismus war mit einer schonungslosen Plünderung der natürlichen Ressourcen, der Ausbeutung der Arbeitskraft einstmals selbständig wirtschaftender Menschen, einer weltweiten Zerstörung der Umwelt und der Landschaft, der Propagierung eines unverantwortlichen Massenkonsums und daraus herrührend einer neokolonialistischen Auslagerung vieler Folgeprobleme in die Dritte Welt schließlich mit einem durch unverhältnismäßigen Energieverbrauch verursachten Klimawandel und einer Spaltung der Gesellschaft in Superreiche und Arme verbunden.“ Die in der katholischen Kirche „lange Zeit ziemlich unterkühlte ökologische Diskussion erreichte die Spitze der Amtskirche erst mit der im Sommer 2015 von Papst Franziskus herausgegebenen Enzyklika Laudato si’. Ein lebhaftes Feuer konnte sie indes nicht entfachen, weil andere aktuelle Probleme in der Kirche ihr Anliegen bald wieder überlagerten… Der vom modernen Kapitalismus geschaffene und einem größeren Kreis der Bevölkerung zugutegekommene Reichtum … induziert ein unökologisches Verhalten: Wer sich tausenderlei unnötige Dinge und in der Oberschicht jeglichen Luxus leisten kann, nimmt keine Rücksicht auf die Begrenztheit der natürlichen Ressourcen.“

Das katholische Europa hatte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts eine traditionsgebundene agrarische Wirtschaftsweise und Mentalität, die, wie Peter Hersche feststellt, ökologisch sinnvoller war als die auf Gewinnmaximierung und Ausbeutung ausgerichtete Wirtschaftsweise in den industrialisierten protestantischen Ländern. „Auf den bäuerlichen Höfen dachte man in Generationen und arbeitete im Grunde für die Nachkommen; der der aktiven Familie anvertraute Boden sollte unversehrt weitergegeben werden. Die Ökonomie war der Ökologie nachgeordnet“, auch wenn die Begriffe noch nicht existierten. Die Idee, dass die Natur dem Menschen dienstbar gemacht und mit ihren Ressourcen grenzenlos ausgenutzt werden sollte, wurde zuerst in England formuliert. John Locke (1632–1704) rechtfertigte, ausgehend vom Calvinismus der Puritaner, den Besitzindividualismus, das Recht auf Eigentum, das in den Verfassungen des 19. Jahrhunderts als Staatsgrundsatz festgeschrieben wurde. Heute wird Reichtum vor allem von den Evangelikalen, den Pfingstkirchen, ohne jeden Skrupel positiv gewertet und als Zeichen der Erwählung durch Gott verstanden. Evangelikale waren und sind treue Anhänger von Donald Trump, Jair Messias Bolsonaro und Scott Morrison, dem früheren Premierminister von Australien, die den Klimawandel leugnen und auf nationaler und internationaler Ebene Umweltschutz boykottieren. Als Fundamentalisten nehmen sie den Satz „Macht euch die Erde untertan“ (Gen 1,28) wörtlich und verstehen ihre Ausbeutung durch Ölquellen, Bergwerke, Monokulturen, Massentierhaltung als göttlichen Auftrag. Das aktuelle Forschungsfeld „Evangelikale und Pfingstler – Kapitalismus – Ökologie“ steckt Peter Hersche nach eigenen Worten nur „provisorisch“ ab. Aber es ist brandaktuell. Als Gegenbeispiel weist er auf Bischof Erwin Kräutler und seinen Einsatz für Umweltschutz und die Rechte der Indigenen und der Frauen im riesigen brasilianischen Seelsorgsgebiet Xingu hin. In der Weltkirche war sein Einsatz eine Minderheitsposition, denn „der anhaltende Leidensdruck und der Zwiespalt zwischen Hierarchie und Basis hindern daran, die ökologische Frage ernsthaft in die Agenda aufzunehmen.“ Wie lange noch?

Das zweite, kürzlich erschienene Buch richtet den Fokus auf die Schweiz. Es untersucht den frühneuzeitlichen Sakralbau nach seinen wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen. Es „bewegt sich rittlings zwischen Sozial- und Kunstgeschichte. Die reine Sozialgeschichte macht in unserer mehr und mehr entchristlichten Welt gerne einen Bogen um alles, was nach Religion riecht, obschon man sich so mindestens für das vorrevolutionäre Europa jede solide historische Erkenntnis verbaut. Kunsthistoriker hingegen finden es meist unter ihrer Würde, sich mit solch schnöden Fragen wie der Organisation, der Geldaufbringung, der Fronarbeit und anderen niederen Dingen des Baus abzugeben. In der Regel beschränken sie sich außerdem auf die heutzutage zu Touristenmagneten gewordenen Spitzenwerke der Architektur.“ In der wissenschaftlichen Diskussion ist der Barock, nach Hersche, seit den 60er Jahren „out“. Man kam über die seit 1920 verbreitete Vorstellung vom Barock als Kunst des Absolutismus und der Gegenreformation nicht hinaus. „Für die Sozialgeschichte der barocken Architektur, insbesondere der sakralen, ist also aus der bisherigen Fachliteratur nichts zu holen … Eine Kulturgeschichte ohne weitestgehende Berücksichtigung der materiellen und sozialen Grundlagen aber ist heute nicht mehr tragbar, sie liefe Gefahr, sich in den Wolken zu verlieren.“

Hersche nimmt die Schweiz und ihre katholischen und protestantischen Kantone als Modell für seine Beobachtungen zur kulturprägenden Kraft der Konfessionen. Den Hoch- und Spätbarock, der die katholische Welt entscheidend prägte, erklärt er als künstlerische Reaktion auf die Strenge der Ideale des Konzils von Trient (1545–63) und der Gegenreformation und als einerseits adelig-klerikale, andererseits bäuerliche Kultur. Als Aufwand für katholische Sakralbauten des Barock in der Schweiz ermittelt Hersche 10–12 Millionen Gulden. Naturalabgaben wie Bauholz oder Steine sind dabei nicht eingerechnet. Dem gegenüber wurden in reformierten Orten nur wenige Prozent dieser Summe für Sakralbauten ausgegeben. Dort floss der Überschuss wirtschaftlicher Tätigkeit in Privatbauten oder Gewerbeinvestitionen. „Der barocke Sakralbau war nur möglich durch eine gewaltige Anstrengung der Gemeinden, durch ihre Arbeit und ihr Geld … Er war eine gemeinschaftliche Angelegenheit, die alle Schichten berührte, von der Elite bis zu den gewöhnlichen Leuten. Die heutige Gesellschaft hingegen ist von einem durchgehenden Individualismus geprägt … dessen zerstörerische Auswirkungen vor Augen liegen.“

Zwei Fragenkreise bleiben offen: die nach den Inhalten und den Orten. Die meisten Pfarrkirchen sind orientiert, das heißt dem Aufgang der Sonne und der Auferstehung Christi und aller Verstorbenen entgegengebaut. Diese Richtung zur Auferstehung in der Architektur wird in den Wand-, Altar- und Deckenbildern beispielhaft ausgeführt. Die Bildwelt führt in das ewige Licht. Für Christen ist die Botschaft vom Himmel voller Trost und Hoffnung. Heinrich Heine nannte es boshaft „das Eiapopeia vom Himmel“. Doch dank der bildenden Kunst des Barock spüren es auch ungläubige Kirchenbesucher: Kirchen sind Orte der Hoffnung.

Die Frage nach den Orten der Schweizer Pfarrkirchen streift Hersche mit dem Hinweis, dass sie an gut sichtbaren Stellen erbaut wurden. In Bergtälern stehen sie nicht dort, wo man sie am bequemsten erreichen kann, sondern dort, wo der Kirchturm die ersten und letzten Strahlen der Sonne einfängt. Für Wallfahrtskirchen, Kapellen, Feldkreuze, Bildstöcke gilt generell: Sie stehen an Grenzen, gleich ob Landes-, Gemeinde- oder Flurgrenzen, auf Passhöhen, an Gefahrenstellen, neben oder über Quellen und besonderen Bäumen, schließlich auf Gipfeln, nicht den höchsten, die erst der Alpinismus des 19. Jahrhunderts interessant fand, sondern auf zugänglichen, auffällig sichtbaren, wie dem Kreuzberg in der Rhön, dem Sonntagberg im Mostviertel oder in Maria Taferl über der Donau. An diesen Orten sind gelegentlich vorchristliche Kulte nachweisbar. Doch weist dies weniger auf ein Fortleben des Heidentums hin, wie die Gebrüder Grimm meinten, sondern vielmehr auf Empfänglichkeit für die Natur, die Erde, ihre Formen und Pflanzen – verständlich bei einer Lebensweise, die sich von den Früchten der Erde ernährte. Der Jesuit Matthäus Rader schrieb 1624: „Berge und Täler atmen und zeigen die katholische und alte Religion“. Er schrieb das für das Herzogtum Bayern, aber es gilt ebenso für Tirol oder die katholischen Kantone der Schweiz. Das „Atmen der Berge und Täler“ ist nicht Ökologie im heutigen Sinn, aber doch eine Vorstufe, nämlich der Achtsamkeit und Achtung vor der Natur.

Was könnte oder sollte die Kirche aus der Geschichte lernen? Zuerst, sich ihres Erbes als Anwalt des Gemeinwohls und eines sanften Umgangs mit der Erde zu erinnern. Die Kirche preist im Abendgebet den Gott, der die Mächtigen vom Thron stürzt, die Reichen leer ausgehen lässt, die Niedrigen erhebt und die Hungernden beschenkt (vgl. Lk 1,52f.). Immer wieder fordert sie mit den Worten der Psalmen und Propheten die Schöpfung, die Erde, ihre Berge und Quellen zum Lobpreis Gottes auf (vgl. Dan 3, 57–73). Darum sollte sie die Erde schützen gegen ihre Ausbeuter. Das ist ihr Erbe und ihre Verantwortung.

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Hersche, Peter

Max Weber, die Ökonomie und der Katholizismus

Schwabe Verlag, Basel 2021, 203 Seiten, 45€

Hersche, Peter

Kirchen als Gemeinschaftswerk

Schwabe Verlag, Basel 2022, 274 Seiten, 48€