"An der Nahtstelle zweier Welten"An der Nahtstelle

Der interreligiöse Dialog zwischen Christen und Muslimen ist hierzulande oft noch ein Nischenthema. Für Pierre Claverie (1938–1996) war er existenziell. Deshalb geriet er ins Visier von Extremisten.

Vor 25 Jahren ist Pierre Claverie, Bischof im algerischen Oran, von Islamisten erschossen worden, zusammen mit einem muslimischen Freund. Obwohl er zuvor viele Todesdrohungen erhalten hatte, blieb der französische Dominikaner stets entschieden in seiner Mission: Er wollte Zeugnis geben von Gottes Reich und sich gerade deshalb für den Dialog zwischen Muslimen und Christen einsetzen – ganz in jenem Geist des Evangeliums, den auch die Mönche von Thiberine lebten und dessentwegen sie wenige Monate vor Claverie ebenfalls ermordet wurden.

„Klar Position beziehen, ohne sich auf eine Seite zu schlagen. Das ist auch eine Art Kreuzigung. Es wäre ja einfacher und irgendwie weniger aufreibend, sich einem Lager zuzuschlagen“ – diese Maxime Claveries sagt alles über jene paradoxe Glaubenskraft, die klare Ausrichtung mit größter Dialogfähigkeit verbindet und so der Freiheit eines Christenmenschen entspricht. Das eigene Leben einsetzen (exposer), den Glauben vorschlagen (proposer) und allem Unrecht offensiv zu widerstehen (opposer) – das ist der Dreiklang seines großartigen Zeugnisses. Wie sehr es durchbetet und durchdacht ist, zeigt diese kostbare Auswahl seiner Meditationen und Überlegungen.

Hierzulande beginnt ein lebhaftes Zwiegespräch zwischen Muslimen und Christen langsam im Winkel akademischer Publikationen. Ansonsten beherrschen leider immer noch Unkenntnis und militante Feindbilder die Szene. Politische Interessen und Vorbehalte stehen im Zentrum, nicht das existenziell und spirituell Verbindende. Wie prophetisch dagegen Zeugnis und Perspektive in solch einem geistlichen Testament!

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