Ein Pfarrer und eine NonneAm Widerspruch wachsen

Die oft zu hörende Warnung vor einer Kirchenspaltung soll disziplinieren, Unterordnung und Gehorsam einfordern. Derart pauschal ist dies aber nicht biblisch. Thomas Frings und Emmanuela Kohlhaas zeigen, dass im Gegenteil manchmal gerade Ungehorsam geboten sein kann. Vielleicht das Buch der Stunde.

Die Opferung des Isaak ist eine dieser Bibelstellen, die man für gewöhnlich irgendwie hinnimmt. Mehr nicht. Wenn sie gelesen wird, wie soeben in der Osternacht, stellt sich das Gefühl der Fremdheit ein, womöglich auch ein Schaudern. Gott führt Abraham auf einen Berg und befiehlt ihm, seinen geliebten Sohn – „deinen einzigen“ – als Brandopfer darzubringen. Im Klartext: Abraham soll Isaak töten und den Leichnam Gott zuliebe verbrennen. Und: Er hätte es getan! „Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten“ (Gen 22,10).

Was „weggepredigt“ wird

Wie gesagt: Man nimmt das heute so hin. Zumal das Anstößige dieser Stelle ja auch oft routiniert „weggepredigt“ wird. So archaisch waren halt einst die Vorstellungen, die Gottesbilder, heißt es dann. Offensichtlich wurde es damals für möglich gehalten, dass von einem verlangt sein könnte, als Zeichen der Glaubenstreue sein eigenes Kind umzubringen. Nicht von ungefähr, so beruhigt man sich, wird die Erprobung Abrahams ja im Ersten Testament erzählt, das man hier mit einiger Berechtigung „Altes“ Testament nennen kann. Außerdem wird zur „Ehrenrettung“ Gottes meist angefügt, dass er das Menschenopfer am Ende doch nicht zulässt. Er greift ein: „Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest.“ Alles gut also, theologisch irgendwie „eingefangen“?

Dem in Köln lebenden Priester und Publizisten Thomas Frings war irgendwann mehr als unbehaglich zumute angesichts des traditionellen Umgangs mit dieser Geschichte. Er fragte: Müsste man eigentlich nicht laut aufschreien angesichts dieser biblischen Ungeheuerlichkeit? Vor allem, wenn man sich vor Augen führt, was die Tradition aus dieser Szene abgeleitet hat. „Man kann sich manchmal nicht des Eindrucks erwehren, dass sich in der katholischen Kirche bis auf den heutigen Tag nur wenig an diesem System geändert hat, so wie es sich an dieser biblischen Geschichte ablesen lässt. Der oder die alten Männer bestimmen, was sie für den Willen Gottes halten, und alle anderen müssen dem im Gehorsam folgen.“ Dass dies Folgen bis in aktuellste Zusammenhänge hat, liegt auf der Hand.

Thomas Frings ließ sich neu und unvoreingenommen auf die Bibelstelle ein. Nach der Methode des Bibliologs versetzte er sich in die handelnden Personen und gab ihnen (s)eine Stimme. „Mein Vater, halte ein!“, lässt er etwa Isaak rufen. Und dann legt der Junge ausführlich dar, warum seine Opferung nicht wirklich Gottes Wille sein kann. „Stopp! Nicht einen Millimeter weiter, sonst zerstörst du mit bester Absicht alles ... Ohne Erklärung dies hier zu verlangen, das ist die reine Willkür und ist eines Gottes nicht würdig.“ Liegt da nicht die Wahrheit?

Dass aus der dialogischen Predigt ein Buch geworden ist, liegt daran, dass Thomas Frings mit Emmanuela Kohlhaas eine kongeniale Co-Autorin gefunden hat. Die Kölner Benediktinerin hörte Frings’ Predigt zur „Erprobung“ Abrahams und war aufgewühlt. Sie suchte den Kontakt, und gemeinsam nahm dieser neue, interaktive Umgang mit der jahrtausendealten Tradition nach und nach Gestalt an.

Gesucht: „Gehorsam 2.0“

Schwester Emmanuela gab unter anderem Sara ihre Stimme. „Wie blind können doch Gesetze und Ideale machen“, fragt sie etwa, als sie ahnt, was ihr Mann mit dem gemeinsamen Sohn vorhat. „Manche Götter fordern das Opfer von Menschen, sagen ihre Priester. Oft ist es das Opfer des erstgeborenen Sohnes oder der erstgeborenen Tochter. Warum verlangen die Götter, dass wir das weggeben, was wir am meisten lieben? Haben sie denn kein Herz? Verschließen sie ihre Ohren vor den Schreien der unschuldigen Opfer? Bist du, Gott, denn nicht anders als sie?“

Das Ergebnis dieses – eigentlich bühnenreifen – Dialogs ist die Erkenntnis, dass der spontane Aufschrei gegen den vermeintlichen Willen Gottes genau das Richtige, das Geforderte sein kann. „Abraham erkennt, dass etwas falsch ist an seinem Tun, von dem er meint, damit Gottes Willen zu vollziehen. Aber er erkennt dies nur durch den Widerspruch seines Sohnes!“, so Thomas Frings. Die Erkenntnis wächst – gerade durch die Auseinandersetzung und Schärfung des Arguments.

Aber darf man eigentlich so frei, so „natürlich“ mit dem Bibeltext umgehen? Geht historisch-kritisch nicht anders? Schwester Emmanuela schmunzelt, als sie diese Frage hört. „So sinnvoll und wichtig eine wissenschaftliche Exegese auch ist – erst wenn ich die Distanz aufgebe und mich in die Geschichte hineinversetze, berührt der Text mein Leben“, ist sie überzeugt. Sie verweist zudem auf die Tradition der ruminatio, wörtlich des „Wiederkäuens“ eines Schrifttextes, um ihn sich ganzheitlich anzueignen.

Dass ihr Plädoyer im Übrigen keine generelle Absage an Ordnung ist, betonen die Autoren immer wieder. Keine Gemeinschaft funktioniert ohne Strukturen und Regeln. Gehorsam habe eine lange geistliche Tradition. Doch wie kann er heute verantwortlich gelebt werden? Als „Gehorsam 2.0“ sozusagen?

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Frings, Thomas / Kohlhaas, Sr. Emmanuela

UngehorsamEine Zerreißprobe

Verlag Herder, Freiburg 2021, 272 S., 22 €

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