Belarus / WeißrusslandZwei Geistliche, die sich etwas trauten

Wohl um seine Kirche zu schützen, fügte Sergej Lepin hinzu: „Entschuldigung, wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe.“

Es sind nur sehr wenige, bloß einzelne Priester in Weißrussland, die sich trauen, Kritisches über den Autokraten-Präsidenten Alexander Lukaschenko und seine Politik der Niederknüppelung von Demokratie fordernden Bürgern zu sagen. Einer aus der orthodoxen Kirche ist der langjährige Leiter der Informationsabteilung, Sergej Lepin. Er musste aber gleich seinen Posten räumen, nachdem sich Lukaschenko öffentlich über regimekritische Zeilen des Geistlichen auf dessen privater Facebook-Seite beschwert hatte. Anlass war der Streit um einen improvisierten Gedenkort für den 31-jährigen Roman Bondarenko, der von maskierten Leuten, wohl Sicherheitskräften, zusammengeschlagen und festgenommen worden war und tags darauf in einer Klinik starb. An dem Ort, an dem der Mann verprügelt worden war, legten viele Bürgerinnen und Bürger Blumen nieder und stellten brennende Grablichter ab. Ordnungskräfte des Regimes entfernten die Gedenkgegenstände.

Lepin hatte daraufhin auf Facebook geschrieben, er verstehe nicht, „wozu dieser Hohn über die Porträts des Umgebrachten, über die Blumen zu seinem Andenken, wozu dieses satanische Stampfen auf Lampen und Ikonen, der Kampf gegen die improvisierte Gedenkstätte im Hof seines Hauses, entlang der Straßen? Was ist der Sinn? Es war nicht genehmigt? Aber dieses Verhalten und diese Haltung sind genehmigt? Von wem?“

Lukaschenko zitierte bei einer Sitzung im Präsidentenpalast diese Wortmeldung genauso wie einen ähnlichen Facebook-Eintrag des katholischen Minsker Weihbischofs Juri Kasabutski. Der Staatspräsident forderte seine Anhänger auf, gegen beide Kirchenmänner vorzugehen. Die Generalstaatsanwaltschaft verwarnte sie. In ihren Aussagen würden „in kategorisch aggressivem Ton bestimmte Begriffe und Wendungen verwendet, die bewusst das Niveau der Spannungen in der Gesellschaft erhöhen, Hass gegenüber Vertretern der Staatsmacht, darunter die Sicherheitskräfte, und als Folge davon Feindseligkeit im Verhältnis zu bestimmten sozialen Gruppen der Bevölkerung schüren“. Das Handeln der Geistlichen verstoße gegen Artikel 16 der Verfassung, der es Religionsgemeinschaften und ihren Vertretern verbiete, entgegen dem „gesellschaftlichen Frieden“ zu handeln.

Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche Weißrusslands, Metropolit Benjamin, verschwieg die wahren Tatsachen und ließ bloß mitteilen, er habe den Ordensmann Afanasi zum neuen Leiter der Informationsabteilung ernannt. Sein Vorgänger habe „auf eigenen Wunsch“ um seine Entbindung von dieser Aufgabe gebeten. Gegenüber der Nachrichtenagentur „Interfax“ erklärte Lepin, er sei freiwillig zurückgetreten. Wohl um seine Kirche zu schützen, fügte er hinzu: „Entschuldigung, wenn ich etwas nicht richtig gemacht habe.“

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