Spiritualität nach CoronaEine Kirche der Fragen

Die Leere der Gotteshäuser in Zeiten von Corona ist ein Sinnbild auch für die Krise des christlichen Glaubens. Das auszuhalten kann aber auch den Raum öffnen für das Geheimnis des Lebens und die Sehnsucht nach Gott.

Nach einigen Jahren traf ich einen früheren Weggefährten aus der kirchlichen Jugendarbeit wieder. Wir hatten an derselben Uni studiert, allerdings unterschiedliche Fächer. Er hat sich später in der Umweltbewegung und besonders für den Ausbau nachhaltiger Energieerzeugung engagiert, gründete eine Familie und war in einer lebendigen Kirchengemeinde mit der ganzen Familie beheimatet.

Es ging in unserem Gespräch auch um Kirchenmitgliedschaft. Ich hatte das Thema nicht angestoßen. Er erzählte mir, dass er wegen der Finanzaffäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst aus der Kirche ausgetreten sei. Die „Kirchensteuer“ bezahle er jedoch jeden Monat weiter, nur anders. Sie gehe an ein sozial-pastorales Projekt in Brasilien. Immer wieder betonte er: „Wegen des Geldes bin ich nicht ausgetreten. Ich bezahle weiter. Ich kann aber beim besten Willen verschiedene Positionen der Kirche nicht mehr mittragen. Die öffentlich gewordenen Missbrauchsfälle innerhalb der Kirche haben mich in meiner Kritik bestätigt.“

„Verbeult“ und eine bunte Schar

Zugleich spürte ich in unserem Gespräch: Er ist mit diesem Zustand als engagierter Christ nicht zufrieden. Wie kann eine Brücke zurück in die Kirche aussehen? Mir wurde klar, wie schwer ein Zurückkommen für die Betroffenen ist. In unseren kircheninternen Kreisen wird viel von Evangelisierung und Mission gesprochen. Was heißt das in der Begleitung dieses engagierten Christen? Der Austritt war Ausdruck von Wut und Enttäuschung. Nach drei Stunden Gespräch saß ich mit einem Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit auf meinem Zimmer. Meine innere Stimme meldete sich gequält beschwichtigend: Kirchenmitgliedschaft ist doch nicht entscheidend; der entscheidende Punkt ist der Glaube an Jesus Christus. Warum Kirche? Christsein geht auch ohne. Stimmt das? Kirchenmitgliedschaft ist nur noch schwer zu vermitteln. In vielen Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, die Abwendung von der Religion ist nicht selten die Kehrseite übertriebener Erwartungen.

Es gibt und wird auch in Zukunft eine „verbeulte Kirche“ geben, wie sie Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben über die Freude des Evangeliums nannte. Natürlich können wir beschreiben, was die Kirche ausmacht, aber zugleich wissen wir nicht, wo die Grenzen der Kirche sind. Von Beginn an ist sie eine Gemeinschaft von Menschen mit Stärken und Schwächen. Sie ist, wie der Kirchenlehrer Augustinus es ausdrückt, eine Res mixta, frei übersetzt: eine höchst gemischte Gesellschaft. Die Kirche ist heilig und zugleich stets der Reinigung bedürftig, sagt die dogmatische Konstitution „Lumen Gentium“ des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die Kirche ist für Gerechte und Ungerechte, Dumme und Gescheite, Neurotiker und Sonderlinge, für Intellektuelle, für Sympathische, für Fanatiker, für Ausgeflippte, für Liebenswürdige, für Heuchler und solche wie Natanaël, „an denen kein Falsch ist“ (vgl. Joh 1,47). Aus der bunten Schar setzt sich Kirche in den verschiedenen Bereichen und Ebenen zusammen. Die Liste ist ohne Schwierigkeiten zu erweitern.

Hatten wir nicht mal Religion?

Zwei Monate nach der Ermordung der sieben Trappisten in Algerien wurde dort am 1. August 1996 auch der Dominikanerpater und Bischof von Oran, Pierre Claverie, mit seinem jungen Begleiter umgebracht. „Die Kirche vollendet ihre Berufung und ihre Mission, wenn sie gegenwärtig ist an den Bruchstellen, die die Menschheit in ihrem Fleisch und ihrer Einheit kreuzigen“, beschrieb Claverie einmal den kirchlichen Auftrag. An den Bruchstellen des Lebens präsent sein oder an den Rändern der Gesellschaft wie der Glaubensgemeinschaft selbst. Dabei wird es auch die Erfahrung geben, dass manches Mühen vergeblich ist. Trotz aller Anstrengung, trotz Reform und Transparenz wird es nicht immer gelingen zu überzeugen.

Der Tübinger Pastoraltheologe Ottmar Fuchs machte darauf aufmerksam, dass die Seelsorge vor allem unter dem Gesichtspunkt betrachtet wird, „dazwischenzugehen, Beratungserfolg zu haben, Einfluss zu haben bei den Menschen.“ Auch solle sie in den Strukturen von Kirche und Gesellschaft etwas bewegen. „Ich weiß längst, dass diese Konzeption zwar nicht ganz falsch ist, aber auf keinen Fall die einzige. Denn was ist, wenn der Erfolg im Sinne der Intervention, also der Unterbrechung und der Erneuerung, nicht eintritt? Hört dann die Begegnung auf? Nein, denn dann beginnt der andere Teil, der mindestens genauso wichtige: präsent zu sein auch dann, wenn es keine Erfolge gibt. Eine reine Gegenwart ohne Bedingung, ein Dabeisein und ein Dabeibleiben, beständig zu sein (und Beistand ist ein Markenzeichen des göttlichen Geistes, der sich niemals aus dem Staub macht!). Diese Art von Präsenz braucht ebenfalls Zeit, oft mehr Zeit als die Beratung, manchmal erschreckend uferlos viel Zeit. Sie ist gratis, aber nicht umsonst“, so Fuchs in dem Buch „Kochen, tanzen, beten und andere Kraftquellen von Menschen in der Pflege“.

Muslimische Schüler ärgerten ihre nicht-muslimischen Klassenkameraden mit dem Hinweis: „Ihr habt ja noch nicht mal eine Religion!“ Daraufhin sind diese Schüler an einen Klassenlehrer herangetreten und haben ihn gefragt: „Hatten wir früher nicht auch so etwas wie eine Religion? Können Sie uns darüber etwas erzählen?“ Für mich ist das eine ermutigende Nachricht: Mit den Begegnungen mit fremden Religionen und Kulturen können wir eine Neugier auf die eigenen Wurzeln wecken. In Gesprächen mit Lehrern wird eine Entwicklung der vergangenen Jahre deutlich. Die Kinder haben bei der Einschulung so gut wie keine Erfahrung mit dem christlichen Glauben, geschweige denn mit Kirche. Wie kann in dieser Situation der Religionsunterricht aussehen? Gibt es ein motivierendes Angebot, wo eine Berührung erlebt, Neugier auf den Glauben geweckt wird?

Ich sehe in dieser Zeit der Corona-Seuche die leeren Kirchen und Kapellen. Diese Leere ist für mich ein Zeichen der Zeit. Eine vage Religiosität zeigt sich noch. Irgendetwas muss wohl noch dran sein. Aber nicht wenige Zeitgenossen brechen nicht nur mit der Kirche, sondern überhaupt mit dem Glauben. Immer mehr Jugendliche können den Glauben nicht mehr verlieren, weil sie ihn nie empfangen haben. Der christliche Glaube ist damit nicht einfach verschwunden. Unsere christliche Geschichte zeigt sich – in leeren Kirchen. Sie stehen da, man geht hinein und zündet eine Kerze an. Besonders in Zeiten der Krise möchte man diese Orte und diese Zeichen nicht missen. Immer wieder ist in dieser Situation von Re-Evangelisierung, Re-Christianisierung oder sogar von Re-Katholisierung die Rede. Das hilft aber nicht weiter. Restaurierung von alten Zuständen kann nicht das Ziel sein. Papst Franziskus betont: „Die neue Evangelisierung muss ein neues Verständnis der tragenden Rolle eines jeden Getauften einschließen.“ Und: „Die evangelisierende Gemeinde stellt sich durch Werke und Gesten in das Alltagsleben der anderen, verkürzt die Distanzen… Die Evangelisierenden haben den ,Geruch der Schafe‘, und diese hören auf ihre Stimme.“ Wir brauchen das Evangelium. Dieses Eingeständnis ist kein frommes Ritual, das wir ausdrücken, um dann eine Strategie der Evangelisierung präsentieren zu können. Es ist vielmehr das Eingeständnis unserer Lebenssituation: Das Wort Gottes bleibt unsere Orientierung und Korrektur.

Lazarett und Sauerteig

Der Jesuit Medard Kehl veröffentlichte 1993 in den „Stimmen der Zeit“ den viel beachteten Artikel „Kirche in der Fremde“. Inzwischen haben wir als Volk Gottes einen langen Weg in der Fremde zurückgelegt. Wir sind mit einer „radikalen Pluralität“ der Moderne konfrontiert, so der Philosoph Wolfgang Welsch. Hat sich Pluralität in Beliebigkeit und Oberflächlichkeit, in Unverträglichkeit und Individualisierung, in Gleichgültigkeit und Indifferenz gegenüber den anderen, in Entsolidarisierung mit den Leidenden und in überzogener Selbstverwirklichung niedergeschlagen?

Ein Bild aus den Corona-Tagen werde ich nicht vergessen: Papst Franziskus allein auf dem menschenleeren Petersplatz: Gebet für die Opfer der Pandemie. Verdrängen wir die große – auch kirchliche – Leere, die verbreitete Perspektivlosigkeit? Papst Franziskus bezeichnete die Kirche ebenso als „Feldlazarett“. Mit diesem Bild möchte er uns ermutigen, dass wir uns nicht von der Welt abspalten, sondern auf die Verletzungen einlassen, die physisch, psychisch und geistlich unsere Zeit bestimmen. Die Kirche hat große Erfahrungen mit „Lazaretten“, mit Krankenhäusern, die oft aus einem Impuls des Evangeliums entstanden sind.

Die leeren Kirchen haben dazu geführt, dass wir in rasantem Tempo unsere digitale Präsenz ausbauen. Was sonst erst über langwierige Verhandlungen möglich wäre, passiert in der Krise in wenigen Stunden und Tagen. Allein diese „virtuelle Frömmigkeit“ wird dauerhaft unseren Umgang mit den neuen Medien beeinflussen. Wie wird Kirche als soziale Kommunikations- und Erlebnisgemeinschaft mit der Bildschirmkirche umgehen? Der Ausnahmezustand kann Ermutigung sein, sich der Leere, der Fremde zu stellen und neue Formen der Kirche zu gestalten, auch wenn wir kein Rezept für die Verkündigung in einer säkularen Gesellschaft haben. Wir sprechen jedoch vom Salz der Erde und vom Licht der Welt, auch vom Sauerteig. An diesen biblischen Bildern wird deutlich: Das Evangelium drängt in die Welt. Wir können es nicht in der Kirche behalten.

Ich bleibe einfach nur da

Der französische Kardinal Emmanuel Célestin Suhard (1874–1949), dem die Kirche viele wichtige Impulse und Analysen im Umgang mit Krisen und Neuanfängen verdankt, wurde einmal gefragt, wie denn jemand wirksam Zeuge des Evangeliums sein könne. Seine Antwort: „Zeuge sein, das heißt nicht Propaganda treiben; es heißt auch nicht schockieren. Es heißt so leben, dass dieses Leben unerklärlich wäre, wenn es keinen Gott gäbe.“ Es geht um die Fähigkeit des Überzeugen-Könnens. Nicht die Absicht des Überreden-Wollens macht die Wirksamkeit des Glaubenszeugen in einer komplexen Wirklichkeit aus. Ob wir als Christen glaubwürdig sind, des Glaubens und Vertrauens würdig, entscheiden nicht wir selbst, es hängt von unserer Umgebung ab. Letztlich vertrauen wir dem, der „alles in allen bewirkt“ (1 Kor 12,6). So ist das Entscheidende, ob Er unter uns ankommt.

Dabei ist es nicht unser Auftrag, alle Fragen zu beantworten. Um es mit Johann Baptist Metz auszudrücken: Es geht darum, unbeantwortete Fragen unvergesslich zu machen. Als Glaubende haben wir nicht nur Antworten zu geben, sondern wir haben immer noch eine weitere Frage zu stellen. Diese weitere Frage kann ein Gebet sein. Es gibt Augenblicke, in denen wir nur sagen können: Ich weiß es nicht, ich verstehe es nicht. Je nach Lebenskontext wird mit dem Eingeständnis Empathie geweckt. Ich öffne eine Leerstelle, wo Raum ist für die Fragen nach Hoffnung, Zukunft – nach Gott.

Ich bleibe einfach nur da. Die einfache Präsenz gibt Raum für Unaussprechbares und für Einfühlungsvermögen, auch an seiner Grenze. Es ist ein Dabeibleiben und Aushalten von Ohnmacht. Es geht um Solidarität mit dem im Augenblick nicht Veränderbaren. Kirchliches Leben ist nicht eine Erfolgsgeschichte. Sie ist Konfliktgeschichte, die im Alltag – wie einst in Nazareth – gelebt werden will. Dieses nüchterne Eingeständnis mag manchem schwerfallen oder als zu wenig erscheinen, dennoch kann das Sprechen vom Geheimnischarakter unseres Lebens und Glaubens eine Hilfe sein. Denn zu diesem Geheimnischarakter gehören Wissen und Nichtwissen, Vertrauen und Nicht-vertrauen-Können, Glauben und Zweifeln. Ich kann beheimatet sein in dieser Spannung.

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