Vom Kinderglauben zum Erwachsenenglauben

Kinder leben in einer magischen Welt, in der alles mit allem verbunden ist und sogar Gott nach Belieben beeinflusst werden kann. Der Münsteraner Pfarrer Stefan Jürgens erklärt, warum man diesen Kinderglauben im Lauf der Zeit hinter sich lassen sollte.

Die religiöse Krise der Gegenwart gründet wesentlich darin, dass die Menschen es nicht schaffen, ihren Kinderglauben zu einem Erwachsenenglauben hin zu entwickeln. Das vermutet der Münsteraner Pfarrer Stefan Jürgens. Wie jeder Mensch Stufen der biologischen Evolution durchlaufe, so durchlebe und durchleide er auch lebensgeschichtlich „den Fortgang der geistig-geistlichen Evolution der Menschheit von einer naiv-magischen Religiosität hin zum aufgeklärt-mystischen Glauben“, so Jürgens in der internationalen katholischen Zeitschrift „Communio“. Magie sei eine archaische Vorstellung, „dass alles mit allem zusammenhängt und man nur die richtigen Mittel anwenden muss, um das Göttliche nach eigenem Gutdünken zu beeinflussen“. Mystik hingegen bedeute „die konsequente Pflege einer persönlichen Gottesbeziehung“. Das schließt ein, durch die Nacht der Gottesferne, des Gotteszweifels zu gehen.

Die Glaubensentwicklung entscheidet sich wesentlich an einem Punkt: an der existentiellen Auseinandersetzung mit dem Leiden, mit dem Tod, mit der Sterblichkeit von allem. Auf der Gegenseite wiederum hilft das Staunen über das Mysterium, das Wunder des Daseins überhaupt. „Im Kinderglauben ist das Gebet eine magische Beschwörung, durch die man Gott herbeirufen will. Im Erwachsenenglauben ist Gott der Ewige und Heilige, der unverfügbar bleibt, jedoch mit seiner Liebe am Menschen interessiert ist… In der Magie soll Gott das tun, was der Mensch will, im Glauben darf der Mensch danach fragen, was Gott will, und es mit seiner Hilfe dann auch tun.“ Beten verändert laut Jürgens weder Gott noch die Welt, es verändert den Betenden. Entsprechend sollten die Sakramente nicht als „Heil- und Wundermittel“ magisch missverstanden werden. Sie sind vielmehr Realsymbole, „die erinnernd vergegenwärtigen, was Gott uns längst geschenkt hat, was also bereits geschehen ist“. Aus dem kindlichen Staunen werde so ein Loben und Danken. Aus „der Unterwerfung unter eine dunkle und ambivalente Gottheit“ werde die „innere Freiheit“, in der Glaubensentwicklung „auch zu scheitern und immer wieder neu anzufangen“.

Jürgens sieht ein großes Problem darin, dass es im Kirchenglauben zurzeit zu viel Kinderglauben und zu wenig Erwachsenenglauben gibt. „Wer nur den Kirchenjargon nachplappert und liturgische Formeln lieblos herunterbetet, trägt zur Infantilisierung des Gottesvolkes bei.“ Auch seien viele kirchlich leitende Persönlichkeiten – so Jürgens‘ Beobachtung – „ängstlich statt mutig, müde statt vital, kindlich statt erwachsen“. „Die aktuelle Reformdebatte zeigt, dass die Kirche als Ganze erwachsen werden muss.“

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