Loslassen

Loslassen, das ist leicht gesagt; unsere Wünsche sind gegenläufig zu diesem Wort. Wir möchten vieles festhalten: die glücklichen Stunden, die unvergesslichen Begegnungen, die Früchte unserer Arbeit, den Freundeskreis, die Urlaubsreise. Und doch wissen wir: Wir können nichts festhalten. An jedem Abend müssen wir den Tag loslassen, jeden Morgen die Ruhe der Nacht, bei jedem Gang zur Arbeit das vertraute Zuhause, bei jeder Enttäuschung eine Hoffnung, bei jedem Schmerz das unbeschwerte Leben.

Ein Kind muss den vertrauten Leib der Mutter verlassen, um zur Welt zu kommen und auf dieser Erde zu leben. Ein junger Mensch muss die Schule oder die Universität verlassen, wenn er im Leben bestehen will. In der Bibel steht: „Der Mann muss Vater und Mutter verlassen, um sich an seine Frau zu binden.“

Manchem fällt es schwer, sich von seinem Beruf zu trennen und in den Ruhestand zu gehen. Jeder weiß aus persönlichen Erfahrungen, wie schwer es sein kann loszulassen, sich zu trennen. Meistens ist die Trennung mit Schmerzen, mit Tränen, mit Trauer verbunden.

Loslassen heißt nicht: alles laufen lassen, alles gut finden, frustriert sein. Loslassen heißt vielmehr: sich in den Grundrhythmus des Lebens einüben. Wie ich frische Luft nur empfangen kann, wenn ich die verbrauchte Luft loslasse, so kann ich auch das Neue nur bekommen, wenn ich nicht krampfhaft am Alten festhalte. Loslassen heißt: Nach der Anspannung sich entspannen, nach der Aufregung zur Ruhe, zur Stille kommen. Das Loslassen wird dann zu einer befreienden Erfahrung.

Edgar Fritsch

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