Reformen im ChristentumLeiden an der Kirche 1989/2019

Vor dreißig Jahren, Anfang Februar 1989, erschien in dieser Zeitschrift ein Artikel des Münchener Theologen Heinrich Fries (1911–1998): „Leiden an der Kirche“. Dieser Beitrag löste ein überwältigendes Echo aus. Ein Sonderdruck erreichte eine Auflage von mehr als 150000 Exemplaren. Fries erweiterte den Text zu einem gleichnamigen Büchlein. Erinnerung tut not in einer aktuell dramatischen Situation der Kirche wie des christlichen Glaubens.

Der Fundamentaltheologe und Ökumeniker Heinrich Fries hat in der Zeit nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil die kirchliche und religiöse Landschaft maßgeblich mitgeprägt, den Reformwillen vieler Christen inspiriert. Mit Karl Rahner hat er 1983 das viel beachtete Buch „Einigung der Kirchen – reale Möglichkeit“ veröffentlicht. Er gehörte zu den Erstunterzeichnern der „Kölner Erklärung. Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“ von 1989. Obwohl er kein Konzilstheologe war, hat er sich leidenschaftlich für die Errungenschaften dieser bedeutenden Kirchenversammlung eingesetzt.

So ist auch der Ausgangspunkt seines CIG-Artikels die Freude an der Kirche und die Aufbruchsstimmung zur Zeit des Konzils und in der Folge. Von dort her markiert Fries den harten Bruch in die Gegenwart von 1989, die sich nicht wesentlich von der dramatischen kirchlichen Gegenwart des Jahres 2019 unterscheidet: „Statt Gaudium et spes, statt Freude und Hoffnung, beherrschen Niedergeschlagenheit, Resignation und Vergessenheit die Szene… Das Leiden an der Kirche hat … seinen Grund in der Diskrepanz zwischen der Kirche des Konzils und der Kirche der Gegenwart.“

Fries verbindet den Umschwung, der zu dieser Widersprüchlichkeit geführt hat, mit dem Erscheinen der Enzyklika „Humanae vitae“ von 1968 und mit der Ablehnung der Voten der Würzburger Synode der westdeutschen Bistümer von 1971–1975 durch Rom. In der Folge habe in der Kirche die Restauration den Sieg über die Erneuerung davongetragen, die Festschreibung von Glaubenssätzen über ihre Verlebendigung, die Prinzipientreue über die Zuwendung zu den konkreten Menschen und die Anerkennung ihrer Gewissensentscheidungen, der Monolog über den Dialog, die Direktiven aus der römischen Zentrale über die Prinzipien von Communio und Kollegialität, ein „Ökumenismus der beschwörenden Worte“ über eine Ökumene der konkreten Praxis und schließlich der Klerikalismus über die Nutzung der Ressourcen, die im Volk Gottes bereitliegen, vor allem auch in den Frauen.

Trotz dieser düsteren Analyse enden Artikel und Buch unter der Frage „Was ist zu tun?“ mit einer österlichen Perspektive. Fries ruft die Katholiken auf, dabeizubleiben und die Kirche nicht zu verlassen, nicht zu resignieren, sondern an der Erneuerung der Kirche mitzuwirken und über dem Leiden an der Kirche nicht die Freude an und in der Kirche zu vergessen.

Nach Fries haben zahlreiche Menschen in der katholischen Kirche immer wieder ihre Stimme erhoben, um sich die Freude und Aufbruchsstimmung der Konzilszeit zurückzuerobern. Es gab etwa das Dialogpapier des Zentralkomitees der deutschen Katholiken „Dialog statt Dialogverweigerung“ von 1993, das Kirchenvolksbegehren, das im Herbst 1995 fast 1,5 Millionen Unterschriften sammelte, die „Petition Vaticanum 2“ von internationalen Theologen nach der Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der traditionalistischen Piusbruderschaft 2009, das Memorandum von Theologieprofessorinnen und Theologieprofessoren „Kirche 2011: Ein notwendiger Aufbruch“ als Reaktion auf den Skandal sexuellen Kindesmissbrauchs durch Geistliche, schließlich den Abschlussbericht des überdiözesanen Gesprächsprozesses „Im Heute glauben“ vom September 2015.

Dreißig Jahre nach Fries’ Ruf zur Gewissenserforschung und Reform haben sich die Erklärungen, Begehren, Petitionen, Memoranden und Dialogpapiere wohl erschöpft. Trotz des neuerlichen Aufflackerns im Missbrauchsskandal leiden die wenigsten Getauften noch an ihrer Kirche. Die meisten wenden sich achselzuckend ab und leben ihr Leben. Sie leben es nicht schlecht oder sinnlos: Sie gründen Tafeln und eröffnen Trauercafés, sie feiern Nachbarschafts- und Begegnungsfeste mit Flüchtlingen, sie gehen für ein offenes Europa auf die Straße und engagieren sich für Insekten und gegen die Verpestung unserer Atemluft.

Heute leitet ein Papst die Kirche von Rom, der wie keiner vor ihm seit Johannes XXIII. Freude, Aufbruch und eine Glaubenshaltung ausstrahlen kann, die den Impulsen des Konzils entspricht. Papst Franziskus erfährt aber auch massiven Widerstand in der Kurie und in Teilen des Kirchenvolks. Er stößt an Grenzen, und er hat, wie wir alle, seine Grenzen als Mensch. Es ist an der Zeit, nicht mehr auf eine Erneuerung „von oben“ zu warten. Die Erneuerung der Kirche kann nur von Gott ausgehen. Der geht den Weg von unten.

Einen guten Impuls zu diesem Weg gab die Regensburger Kirchenrechtlerin Sabine Demel in einem Vortrag 2012 mit dem Titel „Wie heute von Gott sprechen – mit enttäuschten Katholiken?“ Das Leiden an der Kirche wurde da unter der Perspektive der „Enttäuschung“ bedacht. Sabine Demel lenkte den Blick auf die Enttäuschungserfahrungen Jesu, die ihren Höhepunkt im Tod am Kreuz gefunden haben, aber auch auf den Durchgang zur Erfahrung der Auferstehung. Von Jesus her kommt die Theologin zu einem ähnlichen Ergebnis wie Fries: Sie verweist auf die produktiven und kreativen Energien, die in der Ent-Täuschung und in der Trauerarbeit stecken. Sie warnt vor der Resignation und ermuntert zu einer „Trotzdem-Spiritualität“. Diese erfordert den Mut zum Ich, zum selbstständigen Aufbrechen und zur selbstständigen Wahrheitssuche, den Mut zur eigenen Position und zum Streiten für die erkannte Wahrheit. Das erfordert einen erwachsenen Glauben, der zur Geltung bringt, was Gott in uns und durch uns bewirken will.

Der Artikel von Heinrich Fries aus CHRIST IN DER GEGENWART 7/1989 hier zum Download (pdf, 6MB).

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