Raffaels "Drei Grazien"Charis: Gnade, Freude, Anmut und Dank

Das griechische Wort charis, ins Deutsche meistens übersetzt mit „Gnade“, ist wesentlich für die Rede von Gott und den Menschen. Es hat aber auch andere, weitgehend vergessene Bedeutungen: Freude und Anmut. Das kleine Bild des jungen Raffael kann uns daran erinnern.

© Foto: akg-images / Erich Lessing („Die drei Grazien“, um 1501; Öl auf Holz, 17 cm x 17 cm; Chantoilly, Musée Condé)

Der Englische Gruß, das „Ave-Maria“, beginnt im Lukasevangelium mit den altgriechischen Worten chaire, kecharitomene (im Urtext noch ohne den Eigennamen). In der lateinischen Übersetzung (ave, gratia plena) wie in der deutschen („Gegrüßet seist du, voll der Gnade“) ist das griechische Stammwort charis für Anmut, Gnade, Wohlwollen, Dank – oder wie das „Griechisch-Deutsche Handwörterbuch“ sagt: „alles, worüber man sich freut“ – aufgelöst in zwei Begriffe: den Gruß und die Gnade. Charis entsteht aus chairein, das „sich freuen“ bedeutet und im Wortstamm verwandt ist mit „gern“. Daraus entwickelte sich die Grußformel chaire = „Freue dich!“ oder „Lebe wohl!“

Charis ist aber nicht nur ein Begriff, sondern auch eine Göttin, vergleichbar mit Irene (Frieden), Gaia (Erde), Eros (Liebe) oder Eris (Streit). Die Griechen konnten sich Zustände als Personen vorstellen, als Götter, Göttinnen, Halbgötter, Nymphen und von ihnen Geschichten erzählen, Geschichten malen, ohne den Eingriff eines Lehramts und deshalb in vielen Variationen. Aber diese handeln immer von der Sache, vom Zustand, den sie erzählerisch umschreiben.

Die Streitgöttin Eris löst den Krieg um Troja aus. Die Friedensgöttin Irene pflegt den jungen Pluton, den Reichtum, denn nur im Frieden gedeiht der Wohlstand. Die Göttin der Anmut, Charis, ist eine Tochter des Zeus. Oft hat sie zwei Schwestern, die mit ihr zusammen dargestellt werden. Dann wird ihr Eigenname in den Plural übersetzt, die drei Chariten, und ins Lateinische als die drei Grazien.

Die griechische Übersetzung des Alten Testaments, die Septuaginta, führte das Wort charis in die jüdische und christliche Rede von Gott und den Menschen ein. Im hellenistischen Judentum, besonders bei Philon von Alexandria, wurde charis ein religiöser Begriff. Paulus benutzt ihn im Römerbrief (5,15–21) und die Ableitung charisma = Gnadengabe im ersten Korintherbrief (12,9) sowie mehrmals als Grußformel. Von den Evangelisten gebraucht Lukas das Wort im Gruß des Engels. Als Eu-charis-tia, Danksagung, kommt das Wort in den Abendmahlserzählungen der Synoptiker vor: „Dann nahm er den Kelch, sagte Dank und gab ihnen …“ (Mk 14,23; Mt 26,27; Lk 22,17).

Mit den Bedeutungen von Freude, Gnade und Dank ist charis ein kaum zu überschätzendes Zentralwort christlicher Verkündigung. In neueren deutschen Bibelübersetzungen wird das Wort Gnade überwiegend im Sinne von Paulus als Gegenbegriff zu Sünde, als Vergebung, eingesetzt, so im Lukasevangelium. Dort wird im Satz „Gott sei mir Sünder gnädig“ (18,13) allerdings auf das griechische charis verzichtet. Mit der Gnadentheologie von Augustinus und Luther sind Freude und Anmut im Hintergrund verschwunden.

Sie sollten in der italienischen Renaissance wiederbelebt werden. Damals wurde das römische Altertum ausgegraben. Antike Bildwerke, Bauten und Texte wurden in den Kosmos der christlichen Tradition neu eingebaut. Die römische Malerei, deren Reste verschüttet waren, sollte nach dem Beispiel der römischen Skulptur erneuert werden. Ein Zeugnis dieser Geistesbewegung ist das hier abgebildete Täfelchen (17 cm × 17 cm) im Musée Condé in Chantilly. Raffaello Santi aus Urbino hat es gemalt. Er ist 1483 geboren, hat früh die Mutter (†1491) und den Vater (†1494) verloren. Er lernte bei Pietro Perugino, kam 1504 nach Florenz, wo ihn Leonardo da Vinci und Michelangelo Buonarotti beeindruckten. 1508 wurde er von Papst Julius II. nach Rom berufen und erhielt den Auftrag, die Stanzen (von italienisch stanza für „Zimmer“, „Gemächer“) im Vatikanischen Palast auszumalen. Am Karfreitag 1520 starb er, weltberühmt.

Sein Jugendwerk zeigt die drei Grazien als nackte weibliche Gestalten, die sich umarmen. Wie ihre antiken Vorbilder, eines davon in der Dombibliothek von Siena, stehen sie nebeneinander, zwei zeigen sich von vorne, die mittlere ist in Rückansicht dargestellt.

Drei Frauen mit drei goldenen Kugeln

Das kleine Bild gehört zusammen mit einem gleich großen in der Londoner National Gallery, das einen unter einem Lorbeerbaum schlafenden Ritter zeigt. Neben ihm erscheinen zwei Frauen. Eine ist dunkelblau gekleidet und hält ein Buch und ein Schwert, die andere, rot und hellblau gekleidet, eine Myrtenblüte. Sie stellt vermutlich die Lebensfreude dar, die andere die Wissenschaft und die Kriegskunst. Auch Minne, Mut und Klugheit werden genannt, mit denen der Ritter zum Ruhm des Lorbeers gelangen kann. Das Bildchen wird auch „Traum des Scipio“ genannt, entspricht aber nur zum Teil der von Cicero überlieferten Traumschilderung. Im Hintergrund befindet sich eine „Weltlandschaft“ mit einer Burg, einem breiten Wasserlauf und blauen Bergen. Das Londoner Bild ist hell mit lebhaften Farben.

Im Gegensatz dazu ist hinter den „Drei Grazien“ die Landschaft farblich zurückgenommen. Flach ausgebreitet, bleibt ihr Horizont auf der Hüfthöhe der Gestalten, die fast wie Steinfiguren wirken. In der Vorzeichnung hielt nur die linke, die mit dem Schleier um die Hüfte, eine goldene Kugel, während die rechte mit ihrer Hand im Gestus der Venus pudica (schamhafte Venus) ihre Scham verbarg. Das führte zu der Deutung: Schönheit bewegt Keuschheit zur Liebe. Aber die Deutung ist umstritten, ebenso wie die ihres Gegenstücks in London. Das Bildpaar spiegelt humanistisches Gedankengut am Hofe von Urbino.

Raffael selbst hat in der Ausführung den drei Frauen drei goldene Kugeln in die Hände gelegt und damit eine Erinnerung an den Mythos vom Garten der Hesperiden, der Abendgöttinnen, die den Apfelbaum der Hera im Westen bewachen, gestiftet, aber am antiken Bildtypus der „Drei Grazien“ festgehalten und so ein Bild geschaffen, das über alle Wirklichkeit hinaus ein Ideal verkörpert.

Das Bildchen des jungen Raffael kann uns erinnern, dass Freude, Anmut, Gnade und Dank zusammengehören. Diese Begriffe sind in den europäischen Sprachen, die Geschlechter differenzieren, weiblich. Nur im Deutschen und im Französischen ist der Dank männlich, wie der Mut, Hochmut, Wagemut und Trotz im Gegensatz zur Anmut und zur Demut. Das Beispiel von maskulinem Mut (und Hochmut) und weiblicher Anmut (und Demut) zeigt, dass unsere Sprache nicht geschlechtsneutral ist, so wenig wie das Leben und die Traditionen, die es prägen. Raffaels ganzes Werk ist gendertechnisch nicht neutral. Die „Drei Grazien“ und seine vielen Madonnenbilder zeigen, dass für ihn das Ideal von charis (von allem, was uns freut) einzig im Weiblichen vorstellbar war, ein Traum von Männern, wie der des jungen Ritters unterm Lorbeerbaum. Auch die vielen Bilder, die von der Gnade Gottes über der Jungfrau Maria handeln, spiegeln männliche Träume von Weiblichkeit, am elegantesten die Verkündigungstafel von Simone Martini von 1333 in Florenz.

Die Frage nach einer geschlechtsneutralen Kunstbetrachtung ist relativ jung. Das entbindet uns nicht, die charis neu zu bedenken. Wie steht es mit Anmut und Freude bei unseren Feiern der Eu-charis-tie? Nur ihre sakramentale Gnade ist durch jahrhundertelange Arbeit von Theologen dogmatisch gesichert. Freude und Anmut aber scheinen weniger wichtig. Aber können sie wegbleiben?

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