ZwillingeEnergie im Doppelpack

Trotz aller Ähnlichkeiten sind Zwillinge unterschiedliche Persönlichkeiten. Für Eltern ist gleichaltriger Nachwuchs oft eine doppelte Herausforderung

Energie im Doppelpack
Gleich und doch verschieden: Zwillinge haben eigenständige Persönlichkeiten © sarahwolfephotography - Getty Images

Neue Verantwortung, neue Abläufe und viele neue Aufgaben – das erste Kind stellt das Leben auf den Kopf. Das gilt umso mehr, wenn es gleich zwei Kinder sind. Aber, das betont Madleen Kurze* immer wieder: Die ersten Lebensjahre ihrer Zwillinge Nick* und Milo* waren vor allem auch eine wunderbare Zeit. Mittlerweile sind die beiden 14 und „aus dem Gröbsten raus“. Die Berlinerin hat aber nicht vergessen, wie sehr in den ersten Lebensjahren trotz aller Freude der elterliche Alltag von Stress geprägt war. Von wegen „alles mit einem Abwasch erledigen“ – diesen Spruch in Bezug auf ihre Zwillinge hat Kurze nie nachvollziehen können. „Es war eher so, als ob man ständig in zwei Becken gleichzeitig abwäscht“, sagt sie. Das begann mit dem Stillen und endete mit dem Einschlafen, als die beiden noch Babys waren.
Nick und Milo sind eineiige Zwillinge und äußerlich kaum auseinanderzuhalten. Sie haben sich aus derselben Eizelle entwickelt, deshalb ist ihr Erbgut weitgehend identisch. Eine solche Schwangerschaft entsteht, wenn sich eine Eizelle kurz nach der Befruchtung noch einmal teilt. Über die Ursachen ist bisher wenig bekannt. Hundertprozentig aber gleichen sich auch eineiige Zwillinge nicht. Mutationen schon kurz nach der Befruchtung können auch für Unterschiede in der DNA sorgen. Die US-amerikanische Verhaltensgenetikerin Nancy Segal weist außerdem darauf hin, dass während der Entwicklung im Mutterleib bestimmte Gene an- oder abgeschaltet werden. Das kann ebenfalls zu Differenzierungen führen.
Zweieiige Zwillinge wachsen dagegen aus zwei Eizellen, die während eines weiblichen Zyklus heranreifen und beide befruchtet werden. Die daraus entstehenden Kinder ähneln sich nicht mehr als alle anderen Geschwister, es können auch Junge und Mädchen sein. Sie sind eben nur gleich alt.
Das bedeutet auch: Zwillinge sind immer auf dem gleichen Entwicklungsstand, mit sehr ähnlichen Bedürfnissen und Verhaltensweisen. Bei den Eltern sorgt das wegen der Doppelbelastung für Stress, zuweilen aber auch für Entspannung. „Vor allem in den ersten drei Lebensjahren haben unsere Jungs oft sehr harmonisch miteinander gespielt“, erinnert sich Madleen Kurze. Beide entwickelten gleiche Interessen: Sie bauten geduldig mit ihren Steinen, lauschten Geschichten, malten ausdauernd. „In den ersten Jahren lebten sie absolut symbiotisch“, berichtet Kurze. Das ging so weit, dass beide im Kleinkindalter für die Kommunikation untereinander eigene Worte entwickelten. Ein häufiges Phänomen bei Zwillingen, sagt Petra Sandhagen von der Uni Hildesheim. Die Psychologin war an einer Zwillingsstudie der TU Braunschweig beteiligt. „Die Kinder merken aber recht schnell, dass sie mit diesen Worten bei anderen Menschen nicht weiterkommen und erlernen auch die eigentliche Sprache, nur eben etwas später als andere“, sagt sie. Den Eltern rät sie daher, die Eigenkreationen ihrer Kinder nicht in der Familie zu etablieren.

Individuelle Bedürfnisse

Als Madleen Kurze und ihr Mann Thomas* die Jungs in der Kita anmeldeten, wählten sie für jedes Kind eine andere Gruppe. Im Rückblick hält Thomas das für einen Fehler: „Milo lebte sich gut ein, aber Nick vereinsamte ziemlich.“ Es gibt keine Studien darüber, ob Zwillinge in eine gemeinsame oder in unterschiedliche Kita-Gruppen geschickt werden sollten. Psycholog:innen raten dazu, nach dem Wesen der Kinder und den Gegebenheiten vor Ort zu entscheiden. Zwillingsmutter Petra Lersch hat über ihre Erfahrungen mehrere Elternratgeber geschrieben. Sie wählte die Kita für ihre Söhne sehr bewusst aus. „Ein negatives Indiz war, wenn mir die Fachkräfte unreflektiert sagten, dass sie Zwillinge sowieso immer trennen“, erinnert sie sich. „Bevor unsere Söhne dann in die Grundschule kamen, haben wir sie mehrfach gefragt, natürlich dem Alter entsprechend, ob sie in eine oder in unterschiedliche Klassen gehen wollen.“ So hielten es auch die Kurzes in Berlin – und schickten ihre Jungs ganz nach deren Wunsch in dieselbe Klasse.

Konkurrenz in der Pubertät

Die brüderliche Harmonie im Hause Kurze legte sich, als die Zwillinge elf Jahre alt wurden. Bis dahin hatten sie friedlich ein gemeinsames Zimmer bewohnt. Aber ab einem bestimmten Moment gab es ständig Streit, die beiden begannen stark zu konkurrieren. Vater Thomas musste sein Arbeitszimmer räumen, damit Milo einen eigenen Raum beziehen konnte. Das entschärfte den Konflikt etwas. Mutter Madleen hat das Gefühl, dass jeder ihrer beiden Söhne seither nach der eigenen Persönlichkeit sucht, nachdem beide jahrelang fast alles gemeinsam durchlebt hatten. „Das Konkurrenzverhalten gehört wie bei anderen Kindern auch zum pubertären Abnabeln – bei Zwillingen eben nicht nur von den Eltern, sondern auch von den Geschwistern“, sagt Psychologin Petra Sandhagen. Anstrengend werde es möglicherweise, wenn eines der Geschwister früher als das andere damit beginnt.
Manche Zwillingspaare suchen sich in der Pubertät ganz bewusst nicht nur unterschiedliche Kleidung, sondern auch unterschiedliche Frisuren aus. Sie haben in ihrer Kindheit oft die Erfahrung gemacht, nicht als eigenes Individuum wahrgenommen zu werden. „Unsere Jungs sind leider häufig über einen Kamm geschoren worden“, berichtet auch Madleen Kurze. „Zum Beispiel der Lehrer, der beide ermahnt hat, auch wenn nur einer im Unterricht schwatzte.“ Der Sportverein stellte an beide hohe Erwartungen, obwohl nur Nick ein besonders schneller Läufer ist. Die Eltern achteten von klein auf darauf, worin sich die Jungs unterscheiden. „Wir wollen die Individualität beider fördern“, sagt Vater Thomas. Beide Jungs in den gleichen Klamotten – das war für die Familie von Beginn an tabu. „Die meisten Leute haben ohnehin Schwierigkeiten, Milo und Nick auseinanderzuhalten.“
„Studien belegen, dass gerade Eltern eineiiger Zwillinge sehr auf Unterschiede achten und diese dann auch mal überbetonen“, erklärt Meike Watzlawik, Psychologieprofessorin an der Sigmund-Freud-Privatuniversität Berlin. Tatsächlich seien diese aber viel kleiner als häufig angenommen. Trotzdem ist es wichtig, auch jeden Zwilling als eigenständigen Menschen zu achten. „Jeder ist ja ein Individuum mit seinen Eigenheiten“, sagt Watzlawik. „Schon im Mutterleib hat einer mehr Platz als der andere, was sich auf die Entwicklung des motorischen Zentrums im Gehirn auswirkt.“ Sie empfiehlt, jedem Geschwisterkind regelmäßig auch die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Bezugsperson zu ermöglichen, sofern die familiären Ressourcen dies erlauben. Das kann der Ausflug nur eines Kindes mit der Mutter sein, während das andere beim Vater bleibt. Oder nur eines der Geschwister fährt für ein paar Tage zu den Großeltern, das andere bleibt zu Hause.

Wie andere Geschwister auch

Solche Dinge mussten auch die Eltern von Nick und Milo erst lernen. Es war nicht so leicht, sich Rat zu holen – nicht zuletzt, weil es trotz der jährlich gut 14 000 Zwillingsgeburten in Deutschland nur wenige Ratgeberbücher zum Thema gibt. Andere Eltern treffen sich mit ihren Neugeborenen mal zum Austausch beim Babyschwimmen oder in Eltern-Kind-Gruppen. „Mit Zwillingen ist das nicht so einfach möglich“, sagt Madleen, die in den ersten zwölf Monaten allein Elternzeit genommen hatte. Beim Schwimmen beide Babys im Arm zu haben, sei eigentlich nicht möglich.
Manchmal stoßen gute Ideen auch an praktische Grenzen. Madleen traf sich in der Babyzeit mal mit einer anderen Mutter aus einer Zwillingselterngruppe zum Spaziergang. Sie dachte, während die Kinder im Wagen schliefen, könne man sich von Zwillingsmama zu Zwillingsmama unterhalten. „Hat aber schlecht funktioniert, weil wir auf den Gehwegen in der Großstadt so gut wie nirgends nebeneinander laufen konnten“, lacht sie. „Unsere Doppelkinderwagen waren einfach zu breit.“
Autorin Petra Lersch bietet seit vielen Jahren Kurse für werdende Zwillingseltern an. „Eigentlich unterscheidet sich der Umgang mit Zwillingen kaum von dem mit zwei Geschwisterkindern, die vom Alter her dicht beieinander sind“, betont sie. Ihrer Erfahrung nach ist der Schlüssel für die Versorgung zweier kleiner Kinder eine gute Organisation. Checklisten für die Kühlschranktür, den nächsten Tag schon am Vorabend durchplanen und die Wohnung pragmatisch einrichten – all das erleichtert den Alltag, wenn zwei gleichaltrige Kinder quengeln, im Winter dick anzuziehen sind oder Aufmerksamkeit für sich fordern. Braucht ein Kind Trost – zum Beispiel nach einem Sturz –, sollte das andere verbal miteinbezogen werden. Auch eine Mischung aus Pragmatismus und Gelassenheit erleichtert den Alltag. „Und man muss seine eigene Rolle definieren“, mahnt Lersch. „Bei uns war immer klar: ‚Ich bin der Boss.‘ Die Kinder können wählen, welche Schuhe ihnen gefallen. Aber wenn ich sage: ‚Jetzt werden Schuhe angezogen‘, dann wird darüber nicht diskutiert.“

Nicht überall perfekt sein

Um die dafür nötige Kraft immer wieder tanken zu können, empfiehlt Lersch den Eltern regelmäßige Auszeiten. „Ein fester Tagesrhythmus fördert nicht nur die kindliche Entwicklung, sondern eröffnet auch Mutter und Vater Freiräume.“ Als ihre Kinder noch Mittagsschlaf hielten, nutzte Lersch diese Stunden für eigene Bedürfnisse. Bei Freunden und Verwandten wünschte sie sich in diesen Jahren zum Geburtstag oft Babysitter-Stunden, um etwas Zeit für sich und ihren Mann zu haben. „Unser Haus war damals nicht immer aufgeräumt“, sagt sie, „aber man muss auch lernen, dass man nicht überall perfekt sein kann.“
Die meisten Zwillinge, die gemeinsam aufwachsen, werden trotz aller Bemühungen der Eltern immer wieder damit konfrontiert, dass sie etwas Besonderes sind. Manche genießen diese Rolle, andere mögen sie weniger. Die meisten sind sich jedoch ihrer gemeinsamen Stärke bewusst. Für Psychologin Petra Sandhagen einerseits eine positive Erfahrung. „Aber Zwillinge müssen auch lernen, dass sie in der Welt nicht alles gemeinsam machen können.“
Professorin Meike Watzlawik weiß aus der Forschung, dass entgegen des Klischees Zwillinge nicht nur symbiotisch leben. „Wer also Zwillinge hat, die sich oft streiten, den sollte das nicht zu sehr beunruhigen.“ Für Petra Lersch war die anstrengendste Seite das Gefühl, ständig mental präsent sein und viele Dinge auf einmal im Blick haben zu müssen. „Aber es hat mich persönlich sehr geerdet. Und ich fand es wunderschön, dass meine Kinder so viel Gemeinsames hatten, miteinander lachen, sich aufeinander beziehen und miteinander aufwachsen konnten.

*Namen geändert

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