Sollen wir uns nochmal zusammenraufen?

Wenn ein Elternpaar in der Krise steckt, scheint eine Trennung oft die einzige Lösung

Sollen wir uns nochmal zusammenraufen?
© PredragImages

Richtig glücklich fühlten sich Matthias und Eva Schneider* in ihrer Ehe schon lange nicht mehr. Gesprochen wurde darüber nicht viel, aber die Anzeichen waren deutlich: Von Jahr zu Jahr gab es weniger Gespräche, weniger Berührungen, weniger Unternehmungen in der Freizeit. Nach der Geburt des zweiten Kindes war der letzte Rest Zweisamkeit auf der Strecke geblieben. Stattdessen lagen ständig Vorwürfe und Groll in der Luft. „Im Italienurlaub, als wir alle von morgens bis abends aufeinanderhockten, ist die angespannte Situation eskaliert“, erzählt die 38-jährige Eva. Unter strahlender Sommersonne gerieten die Eltern in eine derart finstere Auseinandersetzung, dass erstmals das Wort Trennung im Raum stand.
Dass Zufriedenheit, Lust und Romantik in Partnerschaften mit den Jahren nachlassen, ist wissenschaftlich erwiesen. Auch dass es nach der Geburt der Kinder zu einer Verschlechterung der Elternbeziehung kommen kann. Nicht allen Familien ergeht es so, aber vielen. Hohe Anforderungen im Beruf, ein aufreibender Alltag, Kleinkinder, die Aufmerksamkeit brauchen – an den Nerven von jungen Eltern zerren viele Dinge gleichzeitig. Da ist es nicht ungewöhnlich, dass der liebevolle Umgang mit dem Partner auf der Strecke bleibt, und sich in Beziehungen der Frust breitmacht.

Die Belastungen für Eltern wachsen

Thomas Kluge, systemischer Paartherapeut aus Leipzig, kennt die Mechanismen. „Vor der Geburt der Kinder können sich Paare sehr gut um sich kümmern; es gibt ausreichend Zeit für gemeinsame Erlebnisse und persönliche Freiräume.“ Mit kleinen Kindern rutschen viele ungewollt in die klassische Rollenverteilung. Väter, die sich zu Hause an den Rand gedrängt fühlen, flüchten sich in den Job. Umso mehr fühlen sich die Mütter mit der familiären Verantwortung alleingelassen.
Auch wenn Eltern statistisch gesehen etwas länger an ihren Ehen festhalten als kinderlose Paare: Die schleichende Entfremdung endet oft mit der Trennung. Knapp 40 Prozent aller Ehen in Deutschland werden geschieden. Die meisten Paare erwischt es im verflixten sechsten, nicht im siebten Jahr. 2,6 Millionen Alleinerziehende gibt es, das entspricht 20 Prozent aller Familien mit Kindern. Dabei sind sich Wissenschaftler und Therapeuten einig: Viele Trennungen könnte man verhindern; vielen Paaren könnte geholfen werden. „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich“, so beginnt Leo Tolstois berühmter Roman Anna Karenina. Für den Psychologen Kurt Hahlweg (siehe Interview) ist es eher umgekehrt: „Nicht die glücklichen, sondern die unglücklichen, verkrachten Paare ähneln sich.“

Paare schämen sich für ihre Probleme

Paartherapeut Thomas Kluge erlebt oft, wie schambesetzt das Thema Ehekrise immer noch ist. „Die Paare empfinden das als persönliches Scheitern“, sagt er. Statt sich rechtzeitig professionelle Unterstützung zu suchen, harren viele in ihrer Unzufriedenheit aus und hoffen, dass die Beziehung sich von alleine wieder einrenkt. Ihrer Verantwortung gegenüber den Kindern sind sich Eltern dabei durchaus bewusst. „Vorzeitig aufgeben tun die wenigsten.“ Trotzdem hält Kluge die Wir-müssen-das-selbsthinkriegen- Strategie für falsch und gefährlich. „Sich streiten heißt nicht, dass die Beziehung schlecht ist. Es bedeutet nur: Da gibt es Themen, die ein Paar noch nicht geklärt hat.“ Kluge nennt es „Wachstumspotenzial“, das noch nicht ausgeschöpft wurde.
Nur: Um Krisen zu überwinden, müssen beide am Ball bleiben und bereit sein, Arbeit in die Beziehung zu investieren. Der Blick von außen kann helfen, eingefahrene Muster aufzubrechen. Etwa wenn ein Partner sich immer wieder über mangelnde Zuwendung beschwert und darauf drängt, dass der andere sich ändern soll. „Manche wollen Verständ nis vom Ehepartner rübergereicht kriegen wie eine Schachtel Pralinen“, sagt Kluge. Dabei könne man immer nur bei sich selbst beginnen, „indem man nachfragt, nachspürt, aktiv wird“.
Doch ist es überhaupt erstrebenswert, monate- oder jahrelang um eine zerrüttete Beziehung zu kämpfen? Sich hinter einer bürgerlichen Fassade zu verstecken, auch wenn dahinter längst alles in Trümmern liegt – das will heute kaum noch jemand. Manche Paare gehen stattdessen neue Wege. Sie versuchen es mit Beziehungspausen, in seltenen Fällen mit einer Ménage-àtrois oder einer Eltern-WG. Oft steht der Wunsch dahinter, für die Kinder den gewohnten Alltag aufrechtzuerhalten, aber als Erwachsene dennoch emotional auf Abstand zu gehen. Theoretisch könne das funktionieren, meint Kluge. „Wenn es beiden Erwachsenen damit gut geht, sehe ich da kein Problem.“ Die pauschale Aussage, nur wegen der Kinder dürfe man nicht zusammenbleiben, hält der Therapeut für Quatsch. „Wenn ein Paar sich das Versprechen gegeben hat, weil es seinen Kindern diese Sicherheit bieten möchte“, dann könnten auch ungewöhnliche Lebensmodelle der richtige Weg sein. Allerdings nur, wenn die Kommunikation zwischen den Eltern harmonisch verläuft.

Konflikte sollten gelöst werden

Doch selbst wo nur noch gebrüllt und gestritten wird, ist eine endgültige Trennung nicht unbedingt die heilsamste Lösung. „Diese Paare verschieben ihre Konflikte dann oft von der Beziehungsauf die Erziehungsebene.“ Die Machtkämpfe gehen auch nach der Trennung mit unverminderter Härte weiter. „In solchen Fällen halte ich eine Beratung auf jeden Fall für sinnvoll.“ Was viele Paare nämlich übersehen: Eine Scheidung ist fast immer eine enorme seelische Belastung, verbunden mit großer Trauer. Die Eltern stehen vor den Scherben des eigenen Lebensentwurfs und kämpfen zugleich mit Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern.
Die Schneiders zogen nach ihrem desaströsen Familienurlaub deshalb die Reißleine. In dem geschützten Raum einer familientherapeutischen Praxis sprachen sie endlich über die Gründe ihrer Wut und Unzufriedenheit. Sie redeten auch über ihre Wünsche und Sehnsüchte. Es brauchte nur wenige Sitzungen, da waren sich beide sicher: Diese Liebe ist nicht am Ende. Im Gegenteil. „Uns verbindet viel mehr als die Kinder, das Haus oder das Bankkonto“, sagt Eva. „Wir mussten uns das nur wieder in Erinnerung rufen.“ Ihre Krise hätten sie mittlerweile überwunden – und seien heute sogar glücklicher als je zuvor. 

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