MediennutzungKann ich mal dein Handy?

Smartphones sind intuitiv und damit kinderleicht zu bedienen. Nicht nur deswegen faszinieren sie unsere Kinder

Kann ich mal dein Handy?
Mobile Smartphones wirken auf Kinder eine große Faszination aus © NI QIN

Noch fünf Minuten, Papa!“ Die sechsjährige Laura beugt den Kopf wieder über das kleine Gerät in ihren Händen. Vater Thomas seufzt. Jedes Mal, wenn die Tochter sich Fotos auf seinem Smartphone anschauen möchte, bekommt er es nur unter Protest und mit viel Theater zurück. Dabei hat er außer einer Bilderbuch-App gar keine Inhalte für Kinder installiert. Laura „wischt“ aber trotzdem gerne und ausgiebig über das Display.

„Für Kinder hat das Spielen eine große Bedeutung. Sei es, spielerisch das Handy mit seinen Funktionen zu erkunden – und hier sind Kinder ja meist viel geduldiger als Erwachsene – oder Handyspiele zu spielen“, sagt Kommunikationswissenschaftlerin Dr. Dorothée Hefner. Später werde die Kommunikation wichtiger, etwa mit Gleichaltrigen, aber auch mit den Eltern. „Das Handy erleichtert die Alltagsorganisation“, sagt Hefner. Die Wissenschaftlerin an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover hat untersucht, wie Kinder und Jugendliche das mobile Internet nutzen. Die Ergebnisse der Studie wurden im vergangenen Herbst veröffentlicht. Acht Prozent der befragten Acht- bis Vierzehnjährigen sind suchtgefährdet. „Das bedeutet, dass man ständig an das Handy denkt, schlechte Laune bekommt, wenn man es nicht nutzen kann, dass man die Nutzung nicht einschränken kann oder Konflikte mit anderen Tätigkeiten oder Personen hat, weil die Handynutzung so viel Zeit und Raum einnimmt“, erklärt Hefner. Zudem gibt knapp die Hälfte der Kinder und Jugendlichen an, unter dem vermeintlichen Kommunikationszwang zu leiden; sie lassen sich vom Smartphone ablenken, zum Beispiel bei den Hausaufgaben.

Erst Buch, dann Bildschirm

Es bringt also nichts, Kleinkindern viel vorzulesen und ihnen Bücher nahezubringen, da sie spätestens ab der Schule ohnehin dauernd vor dem Bildschirm hängen? Doch. Denn „Bilderbücher sind die Wegbereiter, mit denen Kinder lernen, Informationen aufzunehmen und zu verstehen“, sagt Kristin Langer, „dadurch haben sie erst die Möglichkeit, sich mediale Inhalte zu erschließen und sinngebend für sich zu nutzen.“ Langer ist Mediencoach bei SCHAU HIN! Was dein Kind mit Medien macht. Der Ratgeber informiert über Möglichkeiten und Gefahren der digitalen Medienwelt und bietet eine Orientierungshilfe für Eltern wie pädagogische Fachkräfte.

Kinder im Vorschulalter haben in der Regel noch kein eigenes Gerät, doch auch für sie sind internetfähige Telefone allgegenwärtig; Faszination und Nutzung steigen mit dem Alter. Laut der miniKIM Studie von 2014 ist für Zweibis Dreijährige das Buch das wichtigste Medium, für die Vier- bis Fünfjährigen bereits der Fernseher. Nach und nach werden Tablets und Smartphones interessanter. Kristin Langer rät, Kinder nicht zu früh an mobile Medien heranzuführen, da schnelle und laute Anwendungen manche Kinder unter drei Jahren überforderten. Eltern, die befürchten, ihr Nachwuchs könne später nicht mithalten, können aber beruhigt sein: „Jedes Kind hat seinen eigenen Rhythmus, und Kinder holen sehr schnell auch im Grundschulalter Fertigkeiten auf, die sie benötigen, wenn sie Aufgaben mit Mediengeräten bearbeiten sollen“, sagt Langer. Am Anfang sollten Eltern ihre Kinder unbedingt begleiten und enge Zeitfenster setzen. Gebe es hier klare Strukturen, die die Kinder von klein an kennenlernen, so orientierten sie sich auch in späteren Lebensjahren daran.

Immer mal abschalten

Grundsätzlich gelten Eltern natürlich auch hier als Vorbild. Wer das Smartphone sogar beim Essen neben den Teller legt, braucht sich über das wachsende Interesse seines Kindes nicht zu wundern. „Hier ist es wichtig, dass Eltern genauso auf handyfreie Zeitfenster achten, wie sie es von ihren Kindern wünschen. Dass sie im Gespräch mit ihren Kindern (und anderen) nicht parallel das Handy nutzen“, rät Dr. Dorothée Hefner. Eltern sollten das Kind anfangs noch begleiten und auch im Gespräch bleiben, wenn es später ein eigenes Gerät besitzt. „Die beste Regel für die Handynutzung ist die, die Eltern und Kinder gemeinsam erarbeitet und beschlossen haben.“

kizz Info

Gute Apps ...

  • sind übersichtlich und einfach zu bedienen
  • haben eine selbsterklärende Navigation
  • überfordern nicht mit blinkenden Animationen
  • enthalten keine Gewalt
  • verlinken nicht zu Social Media
  • sind frei von In-App-Käufen
  • sind möglichst frei von Werbung
  • haben einen Elternbereich

Weitere Informationen sowie App-Empfehlungen unter www.schau-hin-info.

Das sagen Eltern und ErzieherInnen im Netz

"Ich bin Erzieherin und stehe dem (täglichen) Umgang mit Smartphone, Tablet, PlayStation etc. zwiespältig gegenüber. Das Heranführen und Nutzenkönnen der Technik finde ich gut. Aber der Großteil der Kinder kann sich nicht mehr aufs Zuhören einer Geschichte, auf ein Würfelspiel oder ein Ausmalbild konzentrieren. Manche haben keine eigenen Spielideen, können nicht ohne Streit mit anderen spielen. Ich finde das sehr bedenklich!“

"In der heutigen Zeit ist das Smartphone so normal wie Zähneputzen.Unser zwei Jahre alter Sohn darf gern mal eine von uns ausgewählte Sachgeschichte mit der Maus sehen – auch auf unserem Smartphone. Kommt aber immer darauf an, zu welcher Zeit … Wir bleiben dabei und schalten danach das Handy aus. Er kennt und nutzt aber auch die anderen Spielangebote selbstständig (im Haus und auch draußen) und ist durchaus in der Lage, sich ohne Handy zu beschäftigen. Ich denke, die Mischung macht es aus."

"Mein Smartphone ist für meine Jungs (zwei und vier Jahre alt) tabu. Und da ich auch keine App mit Spielen drauf habe, ist das Interesse an meinem Telefon sehr gering. Man muss nur wissen, wie man es handhabt."

"Mein Kleiner, knapp zwei, hat im Schnitt 20 Minuten am Tag Handy- oder Tablet-Zeit. Die nutzt er für kurze Videos oder seine Apps."

"Solange die Kinder, wenn man „Wer kommt mit in den Wald?“ ruft, alles stehen und liegen lassen und sogar freiwillig Tablet und Fernseher ausschalten, ist alles gut! Bedenklich wird es, wenn Kinder mehr Freude an der digitalen Welt finden als in der realen ..."

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