Ein Kinderschutzkonzept erarbeiten - wie geht das?Eine Fachbegleitung berichtet

Kinderschutz ist wesentlicher Bestandteil der Arbeit aller Kitas der AWO Schwaben. Das Recht des Kindes auf gewaltfreien Umgang ist in §8 SGB VIII festgelegt und darauf baut unser Schutzkonzept auf. Das Gesetz beschreibt Vorgehensweisen bei vermuteten Übergriffen und Vernachlässigung im Elternhaus, aber auch durch Mitarbeiter*innen. Im Schutzkonzept finden sich Ablaufschemata, Leitfäden für Eltern- und Mitarbeiter*innengespräche, Ansprechpartner*innen sowie Vorlagen zur Dokumentation.

„Wie geht das?“ war eine der ersten Fragen, die sich mir als Fachbegleitung stellte, als ein trägerinternes Kinderschutzkonzept für alle 38 Einrichtungen zu erarbeiten war. Was soll darin verankert sein, welche Inhalte sind vorgegeben? Ganz pragmatisch überlegte ich zunächst, wie umfangreich das Konzept sein soll und wer daran mitarbeitet. Wo fangen wir an und wie wird es am Ende in den Einrichtungen implementiert? Wann und in welchem Umfang binden wir die Leitungen ein? Die vielen offenen Fragen machten den Start nicht gerade leicht.

Bei mir dominierte zu Beginn der Fokus „Schutz vor sexuellen Übergriffen“, da dieser Aspekt in den Medien am präsentesten ist. Je länger ich mich jedoch mit den einzelnen Bereichen beschäftigte, zeigte sich, wie breit das Spektrum von Kinderschutz und wie fließend der Übergang von Grenzverletzungen zu strafrechtlich relevanten Übergriffen ist.

Doch wie konnten wir unsere Mitarbeiter*innen in die Entwicklung des Kinderschutzkonzepts einbinden, damit es lebendig ist, die Teams sich darin wiederfinden und gut damit arbeiten können? Auch sollte das AWO-Leitbild zum Ausdruck kommen und unsere Kernkompetenz „Partizipation – Mitentscheiden – Mithandeln“ die Grundlage bilden. Bei den Vorüberlegungen kam uns im Trägerteam die Ein Kinderschutzkonzept erarbeiten – wie geht das? Idee, einen Fachbeirat zu gründen, der die Vielfalt unserer Mitarbeiter*innen widerspiegelt. Mit sechs Mitgliedern war das Gremium vollständig und Frau, Mann, Krippe, Kindergarten, Hort, Leitung, Fachkraft, Ergänzungskraft, Inklusionsfachkraft und Fachberatung waren vertreten.

In regelmäßigen Treffen entstand zuerst die Gliederung des Konzepts. Wir einigten uns auf die Inhalte, bezogen Praxiserfahrungen ein und reflektierten zu den meisten Themen auch eigene Haltungen: z.B. zum Essen mit Kindern, Wickeln, Umgang mit herausfordernden Kindern, zu prekären Situationen im Tagesablauf, zur Teamkultur u.v.m. Standards für beziehungsvolle Situationen im Umgang mit den Kindern sollten gemeinsam festgeschrieben werden. Fragen wie „Müssen Kinder alles aufessen bzw. Essen probieren?“, „Soll das Kind entscheiden, wann und von wem es gewickelt wird?“, „Dürfen Kinder aus dem Mittagsschlaf geweckt werden?“ führten zu kontroversen Debatten. Doch jedes Mal konnten wir Konsens erzielen und weiterarbeiten.

Anregungen bezog unser Gremium aus gemeinsamen Fortbildungstagen zum Thema Sexualpädagogik inklusive Verhaltenskodex. In ihm sind Grundlagen wie Grenzverletzungen (Unterscheidung Übergriff/Grenzverletzung/straffälliges Verhalten), eigene Positionierung zu sexistischem/diskriminierendem/rassistischem Verhalten, Unterstützungssysteme wie Fachberatung/Fachbegleitung/Träger, Beziehungsgestaltung (Nähe/Distanz) festgehalten. Zeitgleich wurde den Leitungen und den meisten ihrer Mitarbeiter*innen das Thema Sexualpädagogik als Multiplikator*innen-Schulung angeboten, um es in alle Einrichtungen zu transferieren. Für die Verknüpfung in die Praxis (Kindergärten, Häuser für Kinder, Horte, Krippen, Jugendsozialarbeit) ist unser Schutzkonzept interaktiv aufgebaut. An viele Kapitel schließen sich individuell erweiterbare Reflexionsfragen an, die unsere Teams bei der Bearbeitung einrichtungsspezifischer Herausforderungen unterstützen. Sie dienen zur Selbstreflexion, Konsensfindung, Formulierung hauseigener Standards und Qualitätsüberprüfung vor Ort. Ergänzt wird das Schutzkonzept durch die Kita-Konzeption, die Kinderrechtskonvention sowie verschiedene Vorlagen (z.B. Eingewöhnungskonzept, Schlafkonzept, Umgang mit Transitionen etc.). So bietet sich ein Gesamtbild der konzeptionellen und organisatorischen Grundlagen aller Einrichtungen.

Beim ersten Treffen mit allen AWO-Einrichtungsleitungen stellten wir vom Fachbeirat die fünfte Fassung unseres Entwurfs mit Umsetzungsideen vor und bekamen durchweg positives Feedback. Es bestand Einigkeit, dass die vom Träger vorgegebenen Qualitätsstandards Klarheit in der Praxis schaffen, was für den Kita-Alltag eine große Erleichterung ist. Der Verhaltenskodex unterstützt bei Neueinstellungen und Mitarbeiter*innengesprächen. Für die Implementierung holten wir uns von einer Akademie zwei Multiplikator*innen für die Entwicklung von Kita-Schutzkonzepten dazu. In zwei Weiterbildungstagen für alle Leitungen und mit hoher Kompetenz unserer Fachkräfte wurden Grundlagen und Begrifflichkeiten des Konzepts geklärt und Präventionsmaßnahmen festgelegt. Der Verhaltenskodex für alle Mitarbeiter*innen unserer Einrichtungen ist Handlungsgrundlage in der Begegnung mit Kindern, Eltern und im Team.

Wie geht es weiter? Der gemeinsame Blick in die Zukunft zeigt, dass wir nicht stehen bleiben dürfen. Ich sehe unser Schutzkonzept als dynamisches Projekt, das in Verbindung mit hauseigenen Konzeptionen einer regelmäßigen Überprüfung und Auseinandersetzung im Team bedarf. Das Kernthema Partizipation der AWO Schwaben wird weiterhin von den Multiplikator*innen und mir begleitet. Beteiligungsprojekte in den Einrichtungen, hauseigene Verfassungen und Beschwerdemanagement machen unseren Qualitätsanspruch aus. Das Schutzkonzept findet sich in diesen Bereichen wieder und seine Einhaltung ist unumkehrbar. So ist z.B. im Bereich Persönliche Rechte der Kinder deren Entscheidung verankert „Wann, wie viel und was esse ich?“ oder „Von wem möchte ich gewickelt werden?“

Um die Prozesse im Projekt AWO Kinderschutzkonzept gut zu begleiten, bieten wir unterschiedliche Unterstützungssysteme für Leitungen und Teams an. Wir bilden thematische Arbeitskreise, kollegiale Beratung findet in Regionalgruppen vor Ort statt, Feedbackrunden stehen auf der TO von Dienstbesprechungen mit dem Träger, Coachings für Einzel- und Teamberatung bietet der Fachbeirat an.

Meine Reflexion und mein Fazit zu diesem Prozess wirken stark bei mir nach. Zu Beginn war mir noch nicht klar, dass im Kita-Alltag alle Bereiche von Kinderschutzthemen tangiert sind. Ein Schutzkonzept verändert die eigene Haltung zu allen Abläufen: zum Umgang miteinander, zur Haltung gegenüber Kindern, zur Begleitung von Übergängen, zur Wahrung der Kinderrechte, zur Interaktion, Prävention und zum Stellenwert von Partizipation und Beschwerde. Auch die Überprüfung der Räume unter dem Aspekt intimer Priorität weitet den Blick der Mitarbeiter*innen. Ein trägereigenes, in jede Einrichtung implementiertes Schutzkonzept sensibilisiert deutlich mehr für jegliche Form von Gewalt an Kindern und fordert aktives Handeln heraus.

Dass unsere Vorstellung von pädagogischer Fachlichkeit und unser Bild vom Kind jetzt verbindlich fixiert sind, ist mir besonders wichtig. So wurde mir das Konzept tatsächlich zur Herzensangelegenheit. Dies kam auch in den positiven Rückmeldungen der Leitungen an mich zum Ausdruck, was mich sehr freut.

Als Stolpersteine für die Implementierung erweisen sich der zeitliche Aspekt, sie in abendlichen Teamsitzungen zu erarbeiten, die Vielfalt der Mitarbeiter*innen und die Fülle der Themen, die einen Paradigmenwechsel erfordern. Immerhin war auch in Corona-Zeiten eine nachhaltige Erstellung des Schutzkonzepts möglich. Viele Treffen über Zoom, Spaziergänge und digitale Weiterbildungen zeigten neue Wege, ersetzten die persönlichen Begegnungen jedoch nicht.

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