Technischer FortschrittGeheime Gedanken einer Kitaleitung

Geheime Gedanken einer Kita-Leitung: Die Zaubertür
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In letzter Zeit denke ich öfter darüber nach, wie sehr sich unsere Arbeit geändert hat. Früher kamen die Kinder, um zu spielen. Ein Jahr, bevor sie in die Schule wechselten, startete ein eher unspektakuläres Vorschulprogramm. Auch verbrachten die Kinder viel Zeit draußen und blieben bis 12 Uhr mittags. Dann machte der Kindergarten entweder zu oder öffnete nachmittags nochmal für zwei bis drei Stunden. Mittagessen war regulär nicht vorgesehen. Die Kinder wurden abgeholt, aßen zu Hause und einige wenige wurden wieder gebracht. Damals hieß die Erzieherin noch Kindergärtnerin und wurde mit „Tante“ angesprochen. Schlug ein Kind mal über die Stränge, rief sie es energisch beim Namen und es gehorchte augenblicklich. Die Eltern hatten kaum Mitspracherechte und das pädagogische Konzept wurde auch nicht hinterfragt.

Heute bleiben die meisten Kinder von morgens früh bis spätnachmittags in der Kita. Zwar wird auch gespielt, aber der Fokus liegt eindeutig auf dem Lernen. Die Kinder folgen einem straffen Zeitplan, alles ist getaktet und alles wird dokumentiert. Die Ansprüche der Eltern wachsen stetig. Beispielsweise versuchen wir, die Kinder über Mittag ein wenig zur Ruhe kommen zu lassen. Sie legen sich in ihre kleinen Betten, hören eine Geschichte – entweder vorgelesen oder von einer CD – und dürfen eine halbe Stunde „runterkommen.“ Zum Leidwesen mancher Eltern schlafen einige Kinder dabei ein. Was das bedeutet, kennen Sie: „Lassen Sie Kevin bloß nicht schlafen, sonst kriege ich ihn heute Abend nicht ins Bett!“ oder „Lisa darf höchstens eine Stunde schlafen!“, „Luis soll erst kurz vor vier geweckt werden. Wenn er nicht seine zwei Stunden Schlaf bekommt, ist er ungenießbar!“ Das ist angesichts der personellen Ressourcen nicht zu leisten und selbst wenn man sein Bestes gibt: Irgendwer ist immer unzufrieden.

Aber was wären wir ohne technischen Fortschritt? Irgendwann könnten vakante Stellen doch vielleicht mit Robotern besetzt werden. Jedes Kind bekäme einen „Personal Roboter“ (PR), der es von Anfang an betreut. „Luis“, säuselt dann der PR, „deine Werte sagen mir: Du hast Hunger. Bitte setz’ dich an den Frühstückstisch.“ Und Luis würde natürlich sofort gehorchen. Die Stimme des PR dürften die Eltern beim Vorgespräch aussuchen. Luis’ Eltern haben sich für das Modell XS3KN Ultra entschieden: „Klingt ein bisschen wie Oma Waltraud.“ Nach dem Essen würde das Kind vom PR gewickelt bzw. auf die Toilette geschickt. Der Roboter hätte außerdem abgespeichert, wann es Zeit wird, bestimmte Dinge zu erlernen: trocken werden, Schuhe binden, fahrradfahren. Für jedes Kind würde ein persönlicher Stundenplan programmiert. Individuelle Mittagsruhe? Kein Problem: „Luis, schlaf’ jetzt! Ich wecke dich um fünf vor vier!“ Eigentlich müssten die Eltern begeistert sein. Emma, die mittags nur Nudeln ohne alles essen will, bekäme diese vom PR bissfest zubereitet. Karla hört gern „Peterchens Mondfahrt“ in der Ruhezeit? Nichts leichter als das. Der PR machts möglich, ohne andere Kinder zu stören. Und auch für den Turmbau wären PRs unersetzlich.

Während ich hier so fantasiere, fällt mir prompt Ruben ein. Bei ihm würden die PRs allerdings wahnsinnig. Ruben ist sehr eigen. Morgens kommt er viel zu spät, weil er seine Zeit braucht, um wach zu werden. Vormittags sitzt er zufrieden bei einer Kollegin und lässt sich Bücher vorlesen. Ans Essen stellt er kaum Ansprüche und schläft jeden Mittag ein. Das Problem nur: Ruben schläft wie ein Stein. Einmal versuchten wir sogar, ihn mit Gitarre und Gesang zu wecken: Die Kinder gaben alles, aber keine Chance. Bei solch einem Kind würde der PR vermutlich eine Error-Meldung auswerfen und abstürzen. Und dann? Müssten Programmierer im Schaltraum tätig werden. Aber die sind ja meistens unterbesetzt.

Herzlichst

Petra Mönter

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