Erzieher*innen brauchen dringend etwas zu lachen25 Jahre pädagogische Cartoons von Renate Alf

Noch immer mit Feder und Tusche handgezeichnet, so entsteht die Reinzeichnung bei Renate Alf. Im Interview sprechen wir mit ihr über Humor, wie ihre zugespitzten Cartoons entstehen und was sie beruflich noch vorhat.

Erzieher*innen brauchen dringend etwas zu lachen
© Michael Bader Fotografie, Leipzig

Frau Alf, wie kam es zu den Cartoons für Erzieher*innen?
Mitte der 90er-Jahre kam jemand aus dem Verlag Herder auf mich zu und meinte, die Erzieher* innen, eine der strapaziertesten Berufsgruppen überhaupt, bräuchten dringend etwas zu lachen. Darum war ein Buch in Planung: „Cartoons für Erzieher*innen“. Und ich sollte es zeichnen! Ich war etwas erschrocken. Ein ganzes Buch zu diesem einen Thema? Ein paar wenige Cartoons zum Thema Kindergarten hatte ich schon, aber die waren mehr für Eltern lustig. Schließlich war ich selbst keine Erzieherin. Ich war Cartoonistin – und Mutter. Als Erstes machte auf meine Bitte hin eine Gruppe von Erzieher*innen ein Brainstorming und ich erhielt eine wunderbare Liste mit all den typischen Konflikten, mit denen sie sich herumschlagen mussten: nervige Eltern, Stress im Team, geringe Anerkennung, kranke Kinder, Feste, Überlastung. Und schon hatte ich Material für ein ganzes Buch! Außerdem durfte ich ab sofort jeden Monat einen Cartoon für kindergarten heute zeichnen. Was ich bis heute tue.

In den letzten 25 Jahren haben Sie eine ganze Menge erfolgreicher Cartoons für kindergarten heute gezeichnet. Welcher ist für Sie der beste und bringt Sie selbst zum Lachen?
Schwierige Frage. Ich habe mal die ganze Sammlung durchgeguckt und festgestellt, dass ich in jedem Jahr etwa ein bis zwei Cartoons besonders mag. Das Gemeine am Humor ist ja, dass man tendenziell böse Cartoons witziger findet als nettere. Erzieher*innen freuen sich zum Beispiel immer besonders, wenn ich die Eltern ordentlich auf die Schippe nehme. Das sehe ich an den Reaktionen auf meiner Facebook-Seite. Ich selbst mag den Cartoon „GRAD NICHT!“ (siehe S. 5) ziemlich gerne, obwohl oder vielleicht gerade weil er pädagogisch nicht korrekt, sondern ein bisschen fies ist.

Das Themenspektrum der Frühpädagogik ist begrenzt. Was inspiriert Sie, Szenen aus dem Kita-Alltag trotzdem immer wieder anders und witzig darstellen zu können?
So begrenzt finde ich das Spektrum gar nicht. Das Ganze ist ja ständig im Wandel. Anfangs glaubte man noch, Erzieher*innen würden demnächst alle arbeitslos, weil es immer weniger Kinder gab. Dann kamen die U3-Kinder, der Rechtsanspruch und viele Flüchtlingskinder. Inzwischen ist eines der größten Probleme im Kita-Bereich der Fachkräftemangel. Auch sonst tauchen ständig neue Themen auf: frühkindliche Bildung, Partizipation, Inklusion, Digitalisierung, Genderfragen … Inspiration bekomme ich aus verschiedenen Quellen: In den ersten Jahren gab es einmal jährlich ein inspirierendes Treffen im Verlag. Ich wohnte damals nur fünf Minuten entfernt. Die Redakteurinnen hatten dann schon Themen für mich gesammelt. Einmal wurde ich zum Hospitieren geschickt. Das war aufschlussreich, zumal meine eigenen Kinder zu diesem Zeitpunkt schon groß waren. Zwei meiner Freundinnen sind außerdem in der Erzieher*innen- Fortbildung tätig. Die erzählen mir von der Stimmung im Lande. Jüngst sollte ich Cartoons für Erzieher*innen in der Grundschulbetreuung zeichnen. Da habe ich auf Facebook gefragt: Was ist für euch schwierig? Wo gibt es Probleme? Ich bekam eine Menge nützlicher Kommentare.

Wie entsteht eigentlich ein Cartoon?
Meistens habe ich ja schon ein Thema. Dann setze ich mich hin mit Kuli, Bleistift und Schmierpapier und scribble ein bisschen vor mich hin. Früher oder später fällt mir immer etwas ein, es ist aber nicht immer gleich gut. Vieles landet auch im Papierkorb. Meist lasse ich die Skizzen ein bisschen liegen und schaue später noch mal drüber. Dann merke ich, ob eine Pointe funktioniert oder nicht.

Die übergroßen Nasen der Figuren, die transparenten Farben: Wie kam es zu Ihren zeichnerischen Vorlieben, die Sie bis heute beibehalten haben?
Ich bin mit den Nasen von Loriot, Snoopy, Asterix und den Mumins groß geworden, das prägt. Anfangs waren meine Nasen noch etwas kleiner, aber sie wurden von allein immer größer. Meine Arbeitsweise ist tatsächlich ziemlich altmodisch. Die Reinzeichnungen mache ich mit Feder und Tusche. Dann kopiere ich die Zeichnungen auf festes Papier und koloriere sie mit Aquarellfarben. Ich mag den ungleichmäßigen Federstrich und die transparenten Farben. Inzwischen bekommt man die gleichen Effekte auch am Computer hin. Immer wieder überlege ich, ob ich nicht wenigstens das Kolorieren digital machen soll. Aber irgendwie graut mir davor, noch mehr Zeit vor dem Bildschirm zu verbringen.

Sie beschäftigen sich besonders mit Bildung, Erziehung, Betreuung, Familienalltag, Frauen in unterschiedlichen Lebensphasen. Welches neue Thema oder Projekt würden Sie gerne einmal als Cartoonistin und/oder Illustratorin aufgreifen?
Für mich war es immer schön, die eigenen Konflikte, mit denen ich gerade zu tun hatte, in Cartoons zu verarbeiten. Das hat etwas Befreiendes. Von meiner Ausbildung her bin ich eigentlich Lehrerin für Biologie und Französisch. Nach dem Referendariat habe ich aber sofort angefangen, als Cartoonistin zu arbeiten. Da konnte ich gleich meine Erfahrungen aus dem Schuldienst verarbeiten. Noch zentraler waren natürlich meine Erfahrungen als Mutter, später als Großmutter. Mein letztes Buch heißt übrigens „Ungebremst im Ruhestand“. Ich habe es gemeinsam mit meiner Kollegin Petra Kaster gezeichnet. So eine Zusammenarbeit ist anstrengend, aber auch inspirierend. Vielleicht machen wir noch mal etwas zu zweit, zum Beispiel ein Buch zum Thema Umweltschutz. Ansonsten konzentriert sich meine Arbeit zunehmend auf den Bereich der Frühpädagogik. Da kennen mich die Leute und es besteht offenbar ein großer Bedarf. Mir ist das recht. Ich habe inzwischen drei Enkelkinder, das Thema ist also immer wieder aktuell, auch für mich.

In welcher Arbeitsumgebung sind Sie am kreativsten?
Die Ideen kommen mir tatsächlich fast immer am Schreibtisch, wenn ich vor einem Blatt Papier sitze. Dass mir im normalen Alltag spontan Ideen zufliegen, kommt bei mir fast nie vor. Kreativ bin ich eigentlich nur vormittags. Besonders nach der Kaffeepause. Aber ich muss ja nicht dauernd kreativ sein. Den größeren Teil meiner Arbeit nehmen andere Dinge ein: Reinzeichnen, Scannen, fertige Arbeiten verschicken, E-Mails beantworten, Rechnungen schreiben, herumreisen und mit Cartoon- Präsentationen Tagungen auflockern. Wenn Anfragen kommen, kann ich inzwischen auf einen großen Fundus zurückgreifen.

Hat eine Cartoonistin auch einmal Urlaub oder nehmen Sie Ihre Umgebung oder Ereignisse immer auch mit dem griffbereiten Skizzenblock wahr?
Ich habe eigentlich immer eine Mappe mit Schmierpapier dabei. Ein Urlaubstag ist für mich am schönsten, wenn ich morgens nach dem Frühstück schon eine gute Idee hatte.

Auf welchen Cartoon haben Sie besonders viele Reaktionen bekommen?
Sehr beliebt ist zum Beispiel „Voll der lockere Job“. Die Zeichnung kommt immer wieder irgendwo zum Einsatz, obwohl sie inzwischen fast etwas veraltet ist. Ich habe sie kürzlich mit einer Windel ergänzt und den Uraltcomputer durch einen Laptop ersetzt.

Was verbindet Sie mit kindergarten heute?
Die Zusammenarbeit über so viele Jahre ist wirklich etwas Besonderes. Bemerkenswert ist auch, dass die Person, die fast von Anfang an für mich zuständig war, immer noch dieselbe ist. Wir sind sozusagen miteinander älter geworden und es war immer eine sehr angenehme Zusammenarbeit.

Was haben Sie sich für die nächsten Monate vorgenommen?
Eine Sache, die mir am Herzen liegt, ist, alle älteren Cartoons, die mir nach wie vor gefallen, neu zu kolorieren. Bei vielen habe ich das schon gemacht, aber es bleibt noch eine Menge Arbeit. Für kindergarten heute zeichne ich hoffentlich noch lange. Was neue Projekte betrifft, da lasse ich mich überraschen. Bis jetzt ist immer etwas Spannendes auf mich zugekommen. Mal sehen, wer sonst noch etwas zu lachen braucht!

Vielen Dank für das Gespräch und vor allem für die langjährige Zusammenarbeit und unzähligen Momente, in denen Sie uns und unsere Leser*innen herzhaft zum Lachen gebracht haben und noch bringen werden.

Die Fragen stellte Susanne Weiss, Redaktion kindergarten heute.

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