Ein Skelett für den DelfinDie Anatomie von Tieren im ko-konstruktiven Prozess erforschen

Bei den 5- und 6-jährigen Kindern entwickelt sich ein spannendes Gespräch über tote Tiere und Skelette. Sie beschließen, ein Delfinskelett zu bauen. Dann gibt ihnen ein Knochenfund Rätsel auf.

Ein Skelett für den Delfin
© Kinderhaus Paramecium, Köln

Es ist Sophia, die ihrem Vorschlag, gemeinsam ein Skelett zu gestalten, nachgehen möchte. Zum wöchentlichen Treffen der Vorschulgruppe bringt sie also ein Bilderbuch über verschiedene Tierskelette mit. Auch Sebastian interessiert sich bereits für Knochen. Er hat im Urlaub einen undefinierbaren Knochen gefunden und bringt ihn mit, um ihn den anderen Kindern zu zeigen. Sophia und Sebastian begeistern hierdurch auch die anderen zehn Vorschulkinder für das Thema Knochen und eröffnen so die noch unbekannte Projektreise.
Welche Knochen der Mensch hat, das schauen sie sich an „Paul“ an, dem lebensgroßen Skelettmodell im Forschungsraum der Kita. Die Kinder versuchen, an ihrem eigenen Körper die Knochen zu ertasten. Ihren Fragen zu Skeletten gehen sie in einem gemeinsamen Gestaltungsprozess auf den Grund. Bei der sich hier entwickelnden Projektarbeit sind die Aussagen und Ideen der Kinder von großer Bedeutung. Wir als Pädagoginnen sind Begleiterinnen und halten die Ideen und Vorschläge der Kinder fest.
Sophia: „Wir könnten alle zusammen ein Skelett basteln.“
Felix T.: „Ich hab schon mal ein Walskelett gesehen. Im Museum.“
Ole: „Ja! Auf den Oberhektor!“ (Ole spricht vom Overheadprojektor.)
Sebastian: „Das zeigt ja gar nicht die Knochen.“
Lori: „Ein Papierskelett machen? Man könnte einen Delfin aus dem Bauraum holen und dann kann man das auf den Overheadprojektor legen.“
Sophia: „Und dann abmalen.“
Frederic: „Knochen suchen und gucken, von welchem Tier die sind. Wir wollen Skelette anschauen.“
Sebastian: „Wir brauchen Knochen.“
Zoha: „Aber wie sollen wir die Knochen machen?“
Sophia: „Wir können die sägen.“
Kira: „Man kann ein Tier vorzeichnen.“
Zoha: „Und dann die Knochen machen.“

Aus Holzresten Knochen sägen

Wie sie es besprochen haben, legen die Kinder die Delfinspielfigur auf den Overheadprojektor. Auf dem Papier an der Staffelei entsteht ihre Silhouette, die größer oder kleiner wird, je nachdem, wie der Projektor verschoben wird. Der Umriss wird abgezeichnet und bildet den Rahmen für das noch zu konstruierende Skelett. Während ihrer Kita- Zeit haben die Kinder gelernt, für ihre Vorhaben Strategien zu entwickeln und sie mit verschiedenen Hilfsmitteln selbstständig umzusetzen. Wie viele Rippen hat ein Delfin eigentlich? Das Buch von Sophia gibt ihnen Aufschluss. Die Kinder teilen sich nach Interessen und Fähigkeiten auf, um jeweils die Wirbelsäule, den Kopf und die Flossen zu gestalten.
Philippa: „Wir brauchen 1 … 2 … 3 … 10 Rippen!“
Kira: „Ich brauch Platz, damit ich messen kann.“
Felix S.: „Irgendwo bei der Flosse.“
Freddy: „Die Muschel ist bestimmt das Herz, oder?“
Felix S.: „Nein, die Schulter.“
Sebastian: „Die ganzen Stacheln fehlen.“
Felix T.: „Wir brauchen 36 Knochen, ich hab die gezählt.“
Freddy: „Ich säge das Holz für die Wirbelsäule.“
Kira: „Willst du den Hals machen und ich das Auge?“
Sophia: „Vielleicht ein Karton-Hals?“
Felix T.: „Über der Schnauze ist ja so ein Knochen und da endet das Auge.“
Felix S.: „So das Maul hier! Die kleine Scheibe könnte doch hier hinten sein beim Schwanz.“
Sophia: „Die Flosse besteht aber aus Haut.“
Die Vorschulgruppe trifft sich im Atelier, um in Ruhe alle Materialien sichten und bearbeiten zu können. Verschiedene Holzreste und die Werkbank werden zu den wichtigsten Arbeitsinstrumenten. Dabei sägen die Kinder mit viel Elan und Ausdauer. Sie teilen die Arbeiten auf, koordinieren Abläufe, verhandeln ihr Vorgehen, lernen andere Meinungen zu akzeptieren und arbeiten über Wochen intensiv zusammen. Jeder Knochen wird gezielt platziert, sodass das Delfinskelett nach und nach immer mehr Form annimmt.
Zoha: „Man kann das auch malen.“
Freddy: „Wenn man die Knochen aber bunt macht, weiß keiner, dass es ein Delfinskelett ist.“
Lori: „Alle Knochen sollen eine Farbe haben.“
Philippa: „Wir können abstimmen, welche Farbe wir machen wollen.“
Sophia: „Alle, die weiß wollen, zeigen jetzt auf!“
Es melden sich zehn von zwölf Vorschulkindern. Demokratische Entscheidungsprozesse kennen die Kinder aus ihrem Kita-Alltag. Sie wenden diese eigenverantwortlich an.

Warum ein Pottwal an Land nicht überleben kann

Das Delfinskelett ist fertig. Die Fotos vom Entstehungsprozess schauen sich die anderen Kinder und die Eltern auf der Galerie der Kita immer wieder interessiert an. Nach einem Kurzfilm über die Anatomie des Menschen kommen die Kinder auf ein neues Thema zu sprechen: tote Pottwale.
Frederic: „Die Wale wurden gestrandet. Die wurden an den Strand gespült und die Wale können nicht am Strand leben.“
Lori: „Sonst ertrocknen die.“
Felix S.: „Die kriegen keine Luft auf den Strand.“
Kira: „Das sind Wassertiere.“
Sophia: „Die brauchen, damit die Lungen nicht zerquetschen, Wasser. Die Muskeln können zerdrücken und dann kriegen die keine Luft.“
Ole: „Die haben Kiemen.“
Sophia: „Nein, die haben keine Kiemen. Die tauchen ab, um Luft zu holen. Die haben ein Blasloch.“
Sebastian: „Warum haben die diesen kleine Loch auf dem Rücken?“
Laurenz: „Da kommt die Blubberei raus.“
Lori: „Da sind die Blasen, wo die draus atmen.“
Philippa: „Die haben ein Loch auf dem Rücken. Die machen damit einen Springbrunnen.“
Lori: „Ja, Delfine und Orcas.“
Laurenz: „Die Delfine springen dann auch wieder ins Wasser. Das sieht so aus, als ob sie einen Purzelbaum machen.“
Felix S.: „Der im Film hat erst mal geguckt, wie das Skelett aussieht, und hat das dann aufgebaut.“
Sarah: „Ja genau, so wie ihr es auch gemacht habt, hier in der Kita.“
Felix T.: „150 Knochen hat der Pottwal. Und 206 hat der Mensch.“
Sebastian: „Waaas?!“
Sebastian ist sichtbar beeindruckt von der Anzahl der Knochen.
Philippa: „Weil Wale sind viel größer als Menschen und mit ihrer Schnauze haben sie Fische gefangen. Und der hat scharfe Zähne.“
Felix T.: „Ja, der Wal ist zwölf Meter“.
Felix beginnt durch den Raum zu gehen und mit den Füßen die Länge darzustellen. Sophia ist die Größte und wird von den Kindern ausgewählt, um auf der Galerie mit großen Schritten die Messung vorzunehmen. Die realistische Größe des Pottwals wird sichtbar und durch den Körpereinsatz auch erlebbar. So lang sind zwölf Meter! Dafür muss man 21 (Kinder-)Schritte gehen oder vier Autos hintereinanderstellen. Beeindruckt sind die Kinder auch von der Vielfalt der Knochen. Im weiteren Prozess des Projekts entstehen Skizzen von Pottwalskeletten.

Ein rätselhafter Knochenfund

Sebastian hat einen Knochen mitgebracht: „Ein Knochen. Vom Fluss. Weiß ich nicht, wie der heißt, in Spanien. Papa sagt, könnte von einem Huhn sein.“
Ole: „Das ist ein Beinknochen von einem Huhn.“
Zoha: „Oder Hals.“
Laurenz: „Hühner sind keine Vögel, weil sie können nicht fliegen.“
Ole: „Doch, sie können ein bisschen fliegen, nur nicht so hoch.“
Felix T.: „Hähne können fliegen.“
Laurenz: „Ich denke, ein Kaninchen.“
Dario: „Aber Kaninchen leben nicht am Fluss.“
Sophia: „Fische haben keine Skelette, sonst könnten sie nicht schwimmen.“
Sebastian: „Der (das Tier) muss im Fluss leben, weil der Knochen Papa im Fluss gefunden hat.“
Laurenz: „Landtiere können auch ins Wasser gehen.“ Zoha: „Wir können hier am Computer vom Kindergarten gucken.“
Laurenz: „Wir wissen ja nicht, ob es den Knochen im Computer gibt, weil der war ja in Spanien.“
Philippa: „Ich hab schon mal ein ganzes Huhnskelett gesehen und da war genau so ein Knochen. Und das war hier unten das Schienbein.“
Wir geben den Begriff „Hühnerknochen“ im Internet ein.
  
Sebastian: „Jetzt müssen wir gucken von welchem Teil.“
Dario: „Das Schienbein.“
Felix T.: „Wenn ein Huhn von Sophia stirbt, können wir die Knochen mit dem von Sebastian vergleichen.“
(Sophias Großeltern besitzen Hühner.)
Jen: „Gibt es tote Hühner zu kaufen?“
Sebastian: „Ja, klar. Kann man essen.“
Laurenz: „Hähnchen.“
Jen: „Wir könnten überlegen, ob wir ein Hähnchen kaufen. Hat jemand eine Idee, wo wir eins kaufen können?
Felix S.: „Im Supermarkt kaufen wir manchmal Hühnchen.“
Laurenz: „Immer da, wo die griechische Schule ist von meinem Bruder, da kann man Hühnchen kaufen.
Der hat einen Riesengrill, der das verkauft.“
Zoha: „Aber wann kaufen wir den?“
Laurenz: „Mitten 
in der Vorschule vielleicht?“

Essen Ameisen Hähnchenfleisch?

Wir machen uns also auf den Weg zum Hähnchenstand. Der Mann am Hähnchenstand zerlegt das Hähnchen und schneidet mit einer Schere das Fleisch so ab, dass das Knochengerüst erhalten bleibt. Das schauen sich die Kinder in der Kita genauer an. Zunächst wird das Fleisch vorsichtig von den Knochen gelöst und dann gegessen. Sebastian vergleicht seinen Knochen mit dem des Huhns. Tatsächlich sieht er wie ein Schienbein aus. Wir frieren das Hähnchen ein, bis wir eine Lösung haben, wie sich das übrige Fleisch von den Knochen lösen lässt. Eine Mutter schlägt vor, uns von Ameisen helfen zu lassen. Die Vorschulkinder sind begeistert. Das tiefgefrorene Hähnchen wird aufgetaut. Die Gruppe triff t sich am Mittag, um kleine Löcher für Strohhalme in einen Schuhkarton zu bohren. Sie sollen den Ameisen als Wege dienen, um an das Fleisch zu kommen. Ob die Ameisen helfen werden? Den Schuhkarton platzieren wir im Garten. Täglich kommen mehr Ameisen. Das übrig gebliebene Fleisch wird weniger. Die Kinder beobachten jeden Tag, was sich im Schuhkarton verändert. Eines Tages finden sie ihn leer vor.
Ärger macht sich breit. Hat ein Fuchs das Fleisch geholt? Die Kinder suchen den Garten nach Knochen ab. Leider sind keine Spuren zu finden. Damit hat niemand gerechnet. Die gemeinsame Faszination an Knochen hat lange Zeit angehalten. Die Kinder haben viel über die Anatomie der drei Tierarten gelernt, sich gegenseitig motiviert, bereichert und sind als Vorschulgruppe zusammengewachsen. Nach dem Ereignis mit dem verschwundenen Grillhähnchen klingt das Projekt aus.  
Fazit: Die Projektarbeit war sehr lebendig und barg auch überraschende Wege, wie zum Beispiel den Gang zum Grillhähnchenstand. Durch die Partizipation aller Beteiligten und den gemeinsamen Dialog auf Augenhöhe entstand eine wertschätzende Atmosphäre, in der sich alle gegenseitig begeisterten und motivierten, an einer Sache zu arbeiten. Das Lernen verschiedenster Fähigkeiten, Fertigkeiten und die Wissensvermittlung passierte dabei ganz beiläufig und fast wie von selbst. Dabei nahmen wir als Pädagoginnen eine unterstützende Rolle ein und sorgten dafür, dass die Kinder Raum und Zeit hatten, ihre eigenen Ideen zu entwickeln und ihnen nachzugehen.

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