Unser Roboter aus DosenEin Beispiel für ko-konstruktives Lernen

Wie muss ein Bewegungsautomat gebaut werden, damit er sich allein bewegt? Dieser Frage geht eine Gruppe von Kindern zwischen 3 und 6 Jahren nach. Sie tüfteln, sammeln Erfahrungen mit technischen Möglichkeiten und probieren Bewegungsabläufe an ihrem eigenen Körper aus. Am Ende klappt es.

Die Kinder aus der Gruppe Rasselbande haben sich lange mit Fahrzeugen und Flugzeugen beschäftigt und diese aus Recyclingmaterial gebaut. Nun wollen sie etwas Großes erschaffen. Im Morgenkreis sprechen sie über ihre Vorstellungen. Während die Erzieherinnen erwarten, dass die Kinder ein größeres Fahrzeug bauen wollen, haben diese anderes im Sinn: „Etwas Großes ist ein Roboter“, sagt Niclas. Die Idee greifen alle begeistert auf und sofort überlegen die Kinder, was ein Roboter so alles braucht und kann: Arme, Beine, einen Körper aus Metall, er soll piepen, schießen, reden und sich bewegen. Die Erzieher/-innen fragen: „Wenn ihr einen Roboter bauen wollt, aus welchem Material soll er sein?“ Nils: „Aus Karton.“ Justus meint: „Nee, ein Roboter ist doch aus Metall!“ Selbst in einer Reggio-Kita ist Metall nicht einfach so zu haben, nicht einmal im Atelier. Gibt es Alternativen? Eine schwere Frage für die Kinder. Was sieht aus wie Metall? Metall sieht silbern aus, das steht für die Kinder fest. „Pappröhren“, sagt ein Kind. Konservendosen fallen Justus ein, Alufolie einer Erzieherin. Stimmt, die Dosen und die Folie sehen nicht nur aus wie Metall, sie sind aus Metall und sogar relativ einfach zu besorgen. Dazu müssen die Kinder und die Eltern nur Konservendosen sammeln, und die Erzieher/-innen versprechen, Alufolie zu kaufen.

Über Lösungen nachdenken und ausprobieren

Jedes Kind malt einen Roboter nach seinen Vorstellungen. Die Kinder entscheiden sich für Charlines Modell. Sie überträgt ihre Zeichnung auf die Skizzenmalwand. „Wie groß soll der Roboter werden?“, fragt eine Erzieherin. „So groß wie Laura“, sagen die Kinder. Laura ist eine der Erzieherinnen. Aber wie groß ist Laura? Die Kinder nehmen bereits gesammelte, gleich große Dosen als Maßstab. Daraus sollen die Arme und die Beine des Roboters entstehen. Mit den aufeinandergestapelten Dosen messen sie das Bein von Laura ab. Sechs Dosen und bis zur Hüfte sind es sieben. Und das andere Bein? Nicht allen Kindern ist gleich klar, dass dieses dieselbe Länge hat, also messen sie noch mal. Mit den Armen verfahren die Kinder ebenso. Als Kopf beschließen die Kinder einen Karton zu nehmen. „Aber wir brauchen auch einen Hals“, sagt Arvid. „Das ist dann eine Dose.“ „Knöpfe zum Anschalten fehlen noch.“ „Wir brauchen drei: einen zum Anmachen, den zweiten zum Ausmachen und den dritten, damit er rennt“, sagt Rebekka. Die Kinder haben detaillierte Vorstellungen davon, wie der Roboter aussehen soll und wie er in etwa funktionieren kann. Sie messen und zählen, wie viele Dosen für eine bestimmte Länge benötigt werden, und machen dabei mathematische Erfahrungen. Technische Überlegungen schließen sich später an, als es um das An- und Ausschalten der Bewegung geht. Den Karton für den Kopf und für den Körper umwickeln die Kinder mit Alufolie. Sie suchen die Funktionsknöpfe aus und merken, dass die Dosen immer wieder umfallen, wenn sie den Rumpf des Roboters daraufstellen. Wie hält etwas dauerhaft zusammen? Die Kinder kleben die Dosen mit der Heißklebepistole aneinander und verstärken dies noch mit Klebeband. Dann bauen sie gemeinsam alle Teile zusammen. Der Roboter bekommt auch ein Gesicht und lächelt freundlich. Gut sieht er aus, der Roboter! Aber wie bewegt er sich denn? Die Kinder überlegen lange, wie sich etwas eigenständig bewegen kann. „Er braucht eine Batterie“, sagt Justus schließlich. Sarah, die Erzieherin, holt eine Batterie und legt sie auf den Roboter. Und nun? „Festkleben“, meinen die Kinder, „sonst kann es nicht funktionieren.“ Aber der Roboter fängt auch mit aufgeklebter Batterie nicht an zu laufen. Die Kinder erken nen, dass es nicht reicht, eine Batterie nur aufzukleben. Die Erzieher/-innen erklären einen einfachen Stromkreislauf. Aber den hat der Roboter nicht, und es erscheint zu kompliziert, ihn zu installieren. „Wie schaffen wir es, dass sich der Roboter ohne Strom bewegen kann?“, fragt Laura.

Erfahrungen sammeln und einbringen

Philipp hat die Idee, ein Seil zu befestigen und daran zu ziehen. Damit kann der Roboter laufen. Die Kinder schlingen ein Seil um den Roboter und Philipp zieht daran. Der Roboter bewegt sich ein Stück vorwärts und dann fällt er scheppernd um und fast völlig auseinander. Die Kinder bauen ihn wieder auf und kleben ihn zusammen. Sie sind hartnäckig, doch in Bezug auf das Bewegen ratlos. Was müssen wir machen, damit sich etwas wie ein Gelenk bewegt? Am Ende des Tages setzen sich die Erzieher/-innen zusammen und besprechen den Prozess. Wie können sie die Kinder weiter unterstützen? Sie beschließen, den Kindern Bewegungsprozesse am Menschen zu demonstrieren. Am nächsten Morgen dürfen die Kinder an Charline untersuchen, wie sich ihre Arme und Beine bewegen lassen. Sie merken, dass sie sich selbst bewegen können und der Roboter von ihnen bewegt werden muss. Jetzt fällt Arvid auf, dass sich die Beine nicht bewegen, da sie aneinandergeklebt sind. Die Kinder probieren alle an ihrem Bein aus, wie es sich bewegt. „Wir haben ein Knie zwischen den Beinen. Und auch noch Bänder, die das halten“, sagt Arvid. Niclas: „Dann nehmen wir einen Ball für das Knie und binden die Bänder dort fest. Wenn wir ziehen, bewegt sich das Bein.“ Im Fundus von Recyclingmaterial gibt es einige Styroporkugeln. Die werden mit einem Nagel und Hammer am Werktisch durchbohrt. Die Dosen ebenfalls. Anschließend ziehen die Kinder das Band durch die Dosen, durch die Kugel und wieder durch die Dosen. Ein Beingelenk entsteht.

Die Lernumgebung anregend gestalten

An dieser Stelle wird deutlich, wie der kindliche Lernprozess funktioniert. Die Kinder haben einige Erfahrungen mit Dingen gemacht, die sich bewegen. Entweder weil sie sich wie Puppen oder Legomännchen bewegen oder weil sie batteriebetrieben sind. Wichtig ist, die Kinder anzuregen, über ihre Gedanken nachzudenken. Gemeinsam steht die Lösungssuche im Mittelpunkt. Nach dem Nachdenken folgt das Ausprobieren, um zu begreifen. Kinder brauchen Zeit, um gemeinsam zu überlegen, Ideen anderer aufzugreifen, Hypothesen aufzustellen, wie zum Beispiel eine Batterie zu nehmen oder ein Seil zu befestigen und daran ziehen. Viele Versuche, gezielte Fragen, Anregungen vonseiten der Erzieher/-innen und ausreichend Material, um eine Auswahl zu haben, sind dazu notwendig.

Miteinander kooperieren und etwas erreichen

Die Arme und Beine befestigen die Kinder am Rumpf. Dann stellen sie den Roboter im Flur auf, indem sie die Arm- und Beinbänder durch den Körper ziehen, anspannen und an einem Haken an der Decke befestigen. Wie kann sich der Roboter mithilfe der Bänder nun bewegen? Die Kinder befestigen ein Band am Knie und ziehen daran. Es funktioniert! Aber eben nur dieses eine Bein. Es braucht also mehr Bänder, um beide Arme und beide Beine zu bewegen. Am anderen Knie wird nun ebenfalls ein Band befestigt. Zwei Kinder halten die Bänder und bewegen das Bein. Soll das Knie hochgezogen werden, muss ein Kind auf einen Stuhl steigen. Das bringt die Kinder auf die Idee, dass diese beiden Bänder bis an die Decke reichen müssen. Mithilfe der beiden begleitenden Erzieherinnen installieren sie eine Seilkonstruktion vom Roboter bis an die Decke und zurück, an der sie ziehen können. Nicht ganz einfach. Dazu sind viele kleine Denkschritte notwendig. Die Konstruktion ist auch für die Erzieherinnen eine Herausforderung. Als sie gelingt, gibt es das große Finale. Der Reihe nach bewegen alle Kinder den Roboter. Sie sind sehr stolz. Die Erzieherinnen auch. Ihr selbst gebauter Roboter ist ein Roboter im eigentlichen Sinne: ein Bewegungsautomat. Das können die Kinder aus der Gruppe Rasselbande bestätigen.

Dieses Projekt haben die Kinder der Gruppe Rasselbande gemeinsam mit den Erzieherinnen Sarah Hellenberg und Laura Ahrens durchgeführt.  

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