Das KitakunstbausprachprojektSo funktioniert alltagsintegrierte Sprachbildung

Künstlerisches Arbeiten eröffnet einen anderen Zugang zu Sprache. Beim Verschönern ihrer Kita erleben die Kinder ungewöhnliche Sprachanlässe, die inhaltlich neue Themen streifen und zum Spracherwerb beitragen.

Das Kitakunstbausprachprojekt
© Antje Koos, Hannover

Die Künstlerin Antje Koos sammelt gemeinsam mit einer Gruppe von jeweils acht bis zehn Kindern Ideen und Vorschläge für die Verschönerung ihrer Kita-Räume sowie des Außengeländes. Bei der Besprechung und späteren Umsetzung der Ideen ergeben sich viele Sprachanlässe. Zusätzlich lernen die Kinder neue Wörter, sowohl innerhalb der Kindergruppe als auch beim künstlerischen Gestalten im Eins-zu-eins-Gespräch. Begleitend zu den verschiedenen Arbeitsschritten werden neue Begriffe eingeführt, Zeichnungen und Modelle erklärt, Ideen benannt und Entscheidungen im Gespräch gemeinsam getroffen. Durch die Projektbegleitung durch eine Fachkraft der jeweiligen Einrichtung, an dem das Projekt durchgeführt wird, sind Projekte mit ergebnisoffener Herangehensweise möglich.

Kinder stellen ihre Lieblingsplätze vor

Auftakt und Kennenlernaktion ist ein „Lauf durch die Kita“. Meistens sind die Kinder schon von ihrem/ihrer Erzieher/-in informiert worden, wer ich bin und warum ich komme. „Ich kenne mich hier nicht aus, ich bin neu hier“, so steige ich ins Gespräch mit den Kindern ein, um mich vorzustellen. Nachdem wir die Frage eines Kindes, was eigentlich eine Künstlerin macht, besprochen haben, geht es richtig los. Mit dem Abzählreim ergibt sich die Reihenfolge, in der mir die Kinder, als Expert(inn)en ihrer Umgebung, ihre Lieblingsplätze vorstellen. Dabei frage ich sie, wie ihre Kita verschönert oder ihre Umgebung verändert werden könnte. Die Kinder zeigen mir ihre persönlichen Highlights wie Nestschaukel, Trampolin und das Vogelnest am Ballspielplatz. Dabei erklären sie die vorgestellten Orte, beispielsweise: „Da ist ein Vogelnest, die Eltern kommen – da! siehst du!? ... und füttern die Küken. Wir können hier jetzt nicht Fußball spielen, weil die dann Angst haben und nicht mehr kommen.“ Nach diesem spielerischen Einstieg setzen wir uns zusammen, um über die folgenden Fragen zu beratschlagen: „Was können wir machen, damit es hier noch schöner wird? Was wünschen wir uns? Was könnten wir bauen?“ Zunächst herrscht etwas Ratlosigkeit. Ich unterstütze die Ideenfindung durch assoziative Fragen wie zum Beispiel: „Was wäre, wenn hier alles blau wäre?“ Diese Frage regt die Kinder zu unterschiedlichen Antworten an: „Das wär wie im Wasser und viele Fische ... alles wäre nass. Ich könnte nicht atmen“, „Oder im Himmel, zwischen den Wolken, da könnte ich auf einer Wolke sitzen und nach unten gucken, was die anderen machen“. Auf diese Weise nach ihren Wünschen und Ideen für die Kita und das Außengelände befragt, nutzen die Kinder die Einwürfe der anderen wie im Brainstorming und für den Austausch untereinander. Die Fragen regen ihren Schöpfergeist an, es entstehen Bilder in ihren Köpfen. Auch kleine geführte Traumreisen dienen zu diesem Zeitpunkt als Inspirationsquelle, zum Beispiel mit Einführungssätzen wie: „Wir sitzen hier auf einem Baumstamm, stell dir vor, wir fliegen zusammen auf einem Drachen – was siehst du unten auf der Erde?“ Oder: „Was wäre, wenn du ganz klein wärst und zwischen diesen Steinen verschwinden könntest?“ (siehe Bild). Die Kinder sind jetzt engagiert bei der Sache und einige sprudeln ihre Vorschläge heraus. Viele Ideen werden benannt:

  • „Ein Schloss mit Tunnel, Verließ und zwei Räumen bauen.“
  • „An der Höhle Traumfänger und Geräuschbleche aufhängen.“
  • „Die Pfähle für das neue Sonnensegel anmalen.“
  • „Das Außengelände dekorieren und schmücken.“

Zurück im Gruppenraum wird der Elan in Skizzen mit schwarzen Filzstiften umgesetzt. Die Zeichnungen hängen in einer langen Reihe, für alle gut sichtbar, quer im Raum. Jedes Kind erklärt den anderen sein Bild, was darauf zu sehen ist und wo der Platz dafür in der Kita oder draußen sein soll. Hier machen die Kinder nicht nur die Erfahrung, eine eigene Idee aufzuspüren, sondern diese auch festzuhalten und der Gruppe zu präsentieren. Diese ersten Skizzen dienen über den weiteren Projektzeitraum hinweg immer wieder als Einstiegshilfe in die folgenden Aufgaben (zum Beispiel am Anfang des Tages) und sind für die Kinder eine Veranschaulichung der Planung der Arbeitsschritte in der Gruppe.

Von der Fläche in den Raum – Modellbau

Die Ideen der Kinder sollen sich jetzt von der Fläche in den Raum entfalten. Anfangs ist das Wort Modellbau für die Kinder neu und es kommen die folgenden Fragen auf: „Was ist ein Modell?“, „Was ist dreidimensional?“. Meine Erklärungen helfen, das komplexe abstrakte Denken zu entwickeln: „Ein Modell ist etwas für eine Welt in klein, zum Beispiel für eine Puppenstube.“ Drei Materialboxen kommen ins Spiel. Neugierig packen die Kinder das Material und die Werkzeuge aus: „Was ist das? Wofür ist das? Wie funktioniert das? Was wird damit geschnitten?“ Die Namen der Dinge, wie Hammer, Kneifzange, Spachtel, Tapetenmesser, Cutter, Zollstock, Draht, Hanfseil, Kokos, Bambus, Seidenpapier, Wellpappe, Tonkarton werden beim Gestalten der Modelle und für den Austausch untereinander gebraucht, wiederholt und im Anschluss ganz selbstverständlich von den Kindern verwendet. Nun beginnt der Modellbau. Alles, was später die Kita verschönern soll, entsteht im Kleinformat: Blumen, eine Burg oder Hütten. Die Kinder arbeiten allein oder in Gruppen – bei Bedarf bekommen sie durch mich und die begleitende Fachkraft Anregungen und Hilfestellung. Sie gestalten ausgeschnittene Formen farbig und zeichnen dann mit Stiften darauf weiter. Auf die Frage, was die anderen bauen und ob das alles zusammenpassen wird, spielen die Kinder mit den entstandenen Modellen und sortieren die Dinge zueinander auf den Modellpappen. Gebautes wird anschließend nach Absprache und Einigung miteinander auf der Modellfläche platziert, zueinander arrangiert und fest verklebt. Dabei können die Kinder eine dreidimensionale Vorstellung entwickeln, denn jetzt steht die Blume aufrecht und ein Teil der Burg kommt dazu. Mit Klebstoff arbeiten die Kinder großzügig. Die Modelle zeigen ihre Ideen, eine kleine Spielwelt: „Also ich finde, die Hütte braucht einen Keller, damit alle Sachen, die man braucht, da rein können. Sonst ist es ja so voll. Und ein Stockwerk höher, da schlafen die Eltern.“ Die Kinder kommen vom Modell in den Austausch und ins Spiel. Die Verbindung zur Verschönerung der Kita ist während dieser Phase kurz in den Hintergrund getreten.

Der Übertrag in Echtgröße

Nach der Fertigstellung der Modelle ergeben sich die folgenden Fragen: „Welche Dinge von den Modellen oder den Zeichnungen bauen wir jetzt? Wie groß soll das werden? Wie können wir das umsetzen?“ Jede Gruppe stellt sich diesen Fragen anders. Der Prozess der Meinungsbildung ist sehr unterschiedlich. Einige Kinder erleben zum ersten Mal eine Abstimmung bzw. dass sie die Wahl haben und sich entscheiden können. Eine Gruppe will nach der Abstimmung sofort starten und die Größe der Burg mit dem Zollstock bestimmen. Eine andere Kindergruppe wiederum kann sich nach ausführlicher Materialbesichtigung für die Veränderung der Hütte auf dem Gelände mit Mosaikbildern und einem neuen Anstrich entscheiden. Anschließend sind alle freudig beteiligt an der Umsetzung ihrer Idee. Währenddessen entwickeln die Kinder weitere Pläne, was noch alles geschehen kann.

Die Sprachanlässe

Die begleitenden Erzieherinnen erleben einen Perspektivwechsel, indem sie „ihre“ Kinder prozessorientiert beobachten und das System Gruppe außerhalb der gewohnten Alltagsstruktur sehen. Dabei besteht ihre Aufgabe darin, das künstlerische Schaffen der Kinder zu begleiten, sie in ihrem individuellen sprachlichen Ausdruck zu unterstützen und ihnen damit Selbstwirksamkeit und Selbstdarstellung zu ermöglichen. Das Projekt berührt verschiedene Themen wie z.B. Demokratie: Ich übe mich darin, meine eigene Meinung zu sagen, wir kommen gemeinsam zu einer Entscheidung, es wird abgestimmt, Teams werden gebildet. Jede/-r übernimmt eine andere Aufgabe in der Gruppe. So entsteht eine besondere (Arbeits-)Atmosphäre. Während des Arbeitsprozesses gibt es ständig Sprachanlässe. Es finden immer wieder Gesprächskreise mit kleinen Präsentationen statt oder die Kinder kommen beim Werkeln ganz beiläufig miteinander ins Gespräch, beispielsweise beim Tapezieren oder Streichen, bei Tätigkeiten also, die herausfordernd für sie sind. Am Ende des Projekts sind die Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit bestärkt und teilen die Freude über die gemeinsam erreichte Verschönerung miteinander.

Fazit

Bei einer Wiederholung des Projekts wäre auch eine altersgemischte Gruppe denkbar, da Kinder ohne Erwachsene vieles untereinander beobachten, hören und nachahmen. Die „Sprachbaustelle“ war zeitlich befristet. Die dauerhafte Nutzung eines Ateliers in der Kita, in dem die Kinder auch eigenverantwortlich Ideen und Vorhaben umsetzen können, ist sicher ein gutes Angebot. Verschiedene Fachkräfte einer Kita können sich Techniken aneignen und das Angebot selbst mit Inhalten gestalten. Neue Erlebnisse und Erfahrungen regen das schöpferische Denken an und wirken sich positiv auf die Sprachentwicklung aus. Wenn Kinder die Möglichkeit haben, sich selbst zu entdecken, und dabei wahrnehmen, unter welchen Bedingungen sie konzentriert und gleichzeitig entspannt „etwas tun“, unterstützt sie das dabei, ihre individuellen Ressourcen zu nutzen. Die Fachkräfte leisten neben der Vermittlung lebenspraktischer Kompetenz als Impulsgeber/innen und Bestärker/-innen wertvolle Entwicklungsarbeit.

Das Projekt „Sprachbaustelle“ lief von Frühjahr bis Herbst 2015 an sieben Braunschweiger Kindertagesstätten. Finanziert wurde es mit Fördergeldern der Richard Borek Stiftung, der Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und der Stiftung – Unsere Kinder in Braunschweig (Skibs).

Für Sie in den niedersächsischen Bildungs- und Orientierungsplan geschaut

Im Bildungsbereich Sprache und Sprechen steht: „Die gesprochene Sprache ist das wichtigste zwischenmenschliche Kommunikationsmedium. (...) Spracherwerb ist ein eigenaktiver, konstruktiver Prozess, in welchem das Kind auf gelungene Dialoge und aktive sprachliche Anregungen angewiesen ist. (...) Daher ist es das wichtigste Ziel, bei den Kindern die Freude am Sprechen zu wecken bzw. zu erhalten. Das schließt die Motivation zur Erweiterung der sprachlichen Möglichkeiten – den aktiven und passiven Wortschatz zu vergrößern oder die Aussprache und den Satzbau zu verbessern – ein. Kinder lernen Sprechen im kontinuierlichen sozialen Kontakt und hier besonders mit Erwachsenen, zu denen sie eine gute Beziehung haben. Deshalb beeinflusst die Erzieherin mit ihrem Sprechen und ihrem Sprachgebrauch die sprachliche Entwicklung der Kinder stark und ist demzufolge aufgefordert, das eigene sprachliche Verhalten laufend zu reflektieren und bewusst zu gestalten. (...) Sprachliche Bildung ist grundsätzlich in den Alltag integriert und kann durch die Schaffung geeigneter Sprechanlässe – z.B. durch entsprechende Raumgestaltung – noch intensiviert werden.“ Niedersächsisches Kultusministerium (2005): Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder. Hannover: o.A., S. 20.

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