Sprache mit ZeichenEin Kunstprojekt mit Piktogrammen

Eine Figur mit einem grünen Briefumschlag in der linken Hand berührt mit der rechten den Kopf. Hat sie Kopfweh oder vergessen zur Post zu gehen? Die Kinder wollen wissen, was es mit Piktogrammen auf sich hat. Mühelos finden sie Zugang zu dieser symbolischen Darstellungsform.

Sprache mit Zeichen: Ein Kunstprojekt mit Piktogrammen
© Maria Sieberer-Semo, Wien

Am Beginn des Projekts zum Thema Gefühle ist den Kindern das Wort „Gefühle“ nicht bekannt. Doch darüber, was es heißt, wütend, fröhlich oder traurig zu sein, wissen sie Bescheid. Während eines Treffens der zukünftigen Schulkinder entsteht ein Gespräch darüber, welche Gefühle sie schon erlebt haben, ob Gefühle Farben haben, und wenn ja, welche Farbe zum Beispiel Wut, Liebe oder Freude hat. Die Kinder ordnen Gefühlen bestimmte Farben zu und stellen sie dar, indem sie sich farbige Tücher auf den Kopf legen und dem jeweiligen Gefühl gemäß entsprechend tanzen. Sie entdecken in Zeitungen Gesichter, die Gefühle ausdrücken, schneiden sie aus und machen ein Plakat daraus. Auch das Formen von kleinen Figuren aus Ton in unterschiedlichen Gefühlslagen ist Teil des Projekts. Währenddessen stoße ich in einer Zeitung auf einen Bericht über das Kunstprojekt „Kleine Strichmännchen zeigen große Gefühle“. Die abgebildeten Werke einer Ausstellung zeigen Piktogramme des Künstlerinnenkollektivs migrantas. Die Zeichnungen faszinieren mich. Könnten diese Bilder die Kinder interessieren? Ich nehme sie mit in den Kindergarten.

Zwei rote Figuren mit rotem Herz, dazwischen eine durchbrochene Linie

Paul und Stanislaus sehen sich das Piktogramm zunächst erstaunt und ratlos an. Es entsteht eine lebhafte Diskussion:
Stanislaus: „Die fahren auf einer Rolltreppe.“
Paul: „Also ich versteh auf dem Bild nichts.“
Cem und Liam kommen dazu und mischen sich ins Gespräch ein: „Können wir auch die Bilder anschauen?“
Cem: „Mädchen und Mädchen.“
Liam: „Ich gib dir die Hand, bedeutet das.“
Stanislaus: „Ich geh mit dir.“
Paul: „Komisch, das versteh ich nicht.“
Liam: „Vielleicht lieben die sich?“
Paul: „Die geben sich die Hand.“
Stanislaus: „Wann kommt das nächste?“ (Bild, meint er).
Ich fahre mit der Rolltreppe rauf, bedeutet es.“
Paul: „Die sind gleich groß.“
Liam: „Die sind nicht gleich groß. Die ist größer.“ (Er zeigt auf die größere Figur.)
Paul: „Nein, das ist die Entfernung.“
Ich: „Ihr könnt ein Lineal nehmen.“
Stanislaus: „Wann kommt das nächste?“ (Bild)
Paul: „Die sind gleich groß.“
Liam: „Oder sie lieben sich.“
Paul: „Das versteh ich irgendwie nicht – das Bild ist voll schwierig.“
Liam und Stanislaus: „Wir wollen ein neues.“ (Bild, meinen sie. Dennoch machen sie weiter mit ihren Überlegungen.)
Liam: „Ich geh aufs Klo mit dir, heißt es.“
Paul: „Ich versteh nicht: Was bedeutet das Herz?“
Luis: „Das Herz ist verbrochen.“
Liam: „Oder das Herz ist auf die Kleidung draufgenäht. Vielleicht waren Löcher im T-Shirt und dann haben sie das Herz draufgenäht oder -geklebt.“
Paul: „Die haben überhaupt keine Haare.“ Stanislaus: „Und keine Schuhe.“
Paul: „Die haben gar nichts. Auch keine Hände, keine Augen, nur ein Strich.“
Stanislaus: „Die hat einen Mund.“ (Er zeigt auf das Bild mit dem blauen Kopftuch.)
Luis: „Warum ist das Herz verbrochen?“
Nelly: „Die haben ein verbrochenes Herz, weil sie gerade sehr wütend sind.“
Ella: „Vielleicht haben sie sich lieb.“
Peter: „Das Herz ist gebrochen, weil da sind so Striche drauf.“
Cem: „Ein Mädchen hat ein Herz und die Frau hat auch ein Herz drauf.“
Marius: „Kann ich auch mal schauen? Sie geben sich die Hand. Die gehen auf dem Gehsteig, die Frau ist auf der Seite und das Mädchen auf der anderen.“
Die Jungen schauen auf das nächste Bild. Sie versuchen, eine Verbindung zum vorherigen herzustellen, und schauen, ob sich etwas wiederholt. Dass sie die Darstellungen nicht einordnen können, irritiert sie. So etwas haben sie noch nie gesehen. Nichts passt zusammen. Sie wollen weitere Bilder sehen. Irgendwann muss doch eine Lösung oder Erklärung kommen. Gebannt wollen sie herausfinden, was es mit diesen eigenartigen Figuren auf sich hat.
Stanislaus: „Das ist ein Menschenstau oder sie gehen gerade zu einem Fest und es ist ein Stau.“
Luis: „Die steht auf einer Bühne. Gib mal her.“
Nelly kommt dazu, sie hat nicht gehört, was Stanislaus gesagt hat.
Nelly: „Menschenstau. Oje, oje.“
Cem: „Das Herz ist nun wieder gut. Jetzt sind sie wieder fröhlich.“
Levi: „Da ist ein Herz.“
Die Kinder bemerken, dass es noch mehr Bilder gibt, und wollen mehr sehen. 

Eine Figur mit einem grünen Briefumschlag in der linken Hand, die rechte berührt den Kopf

Paul: „Die konnte die Briefmarke vergessen haben.“
Valerie: „Die Dame geht zur Post und sie hat Kopfweh. Sie hat vergessen, was sie machen soll.“ Marius: „Sie weiß nicht, wo der Brief hingehört, weil nichts draufsteht.“
Illiana: „Da geht die Frau raus und dann geht sie zur Post und bringt den Brief und dann …“
Nelly: „Das wird keine Geschichte. Wir müssen uns das vorstellen mit der Fantasie: Ein Mensch, dem tut das Herz ein bisschen weh, und er hat vergessen, den Brief abzugeben.“
Die Mädchen beginnen die Piktogramme nebeneinanderzulegen und eine Bildergeschichte zu erzählen. Fantasiegeschichten, in denen alles möglich ist, alle Bilder eine Bestimmung finden und alles zusammenpasst. Die Kinder wollen, dass ich ihre Geschichten aufschreibe. Beim Vorlesen kontrollieren sie, ob alles richtig notiert ist. Peter fühlt sich vom Piktogramm mit zwei Figuren mit einer roten Trennlinie dazwischen angesprochen. Sein Vater ist oft in einem anderen Land und er vermisst ihn. Daher zeichnet er dieses Piktogramm nach. Die Kinder gehen dazu über, eigene Piktogramme zu zeichnen.
Paul: „Auf dem Piktogramm ist ein Piktogramm zu sehen, das heißt, dass man da nicht hineingehen darf – da dürfen nur Mitarbeiter rein.“ Finden wir im Kindergarten auch Piktogramme? Die Mädchen und Jungen suchen nach Symbolen und machen Fotos – zum Beispiel vom Notausgang.

Piktogramme werden zu Geschichten

Ein Beispiel:
Pauls Geschichte:
Der da macht die Türe auf und dann rumpelt ihm was drüber und dann geht er so und er fährt dann mit dem Aufzug – das könnt’ dann sein. Oben fährt er mit einer Rolltreppe dann noch weiter rauf, weil der Aufzug dort schon zu Ende war. Dann kommt ein Schild „Da wird’s laut“. Dann macht er die Tür auf, wenn er durch diese Tür war, weiß er nicht, welchen Weg er gehen soll, ob links, rechts oder geradeaus. Dann geht er geradeaus. Er kommt zu einer Aussichtsterrasse – wie er dort schon eine Weile war, beschloss er, rechts zu gehen. Er kam zu einem Plan, wo es stand, wo es hinging. Er schaute nicht, was da dabeistand bei den Symbolen und fragte sich, was der orangene Punkt wohl zu bedeuten hat. Dann schaute er doch zu den Symbolen. Dann wusste er, dass er dort ist, wo der orangene Punkt ist. Dann ging er von da weg und ging geradeaus. Er kam zu einem Gasthaus. Da wollte er nicht hin und er ging dann nach Hause. Das war das Ende.

Die Sicht der Eltern auf die Lernerfahrung ihres Kindes

Eine Mutter schreibt:
„Paul hat sich schon lange gerne mit Piktogrammen beschäftigt. Egal, ob an Baustellen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Parks, Gebäuden oder auf Gefahrentransportern. Offensichtlich hat es ihn fasziniert, dass er halbwegs komplexe Anweisungen (meistens Ge- und Verbote) verstehen kann, obwohl er noch nicht lesen kann. Wir haben schon lange Seilbahnfahrten mit Blick auf die Bilder in der Gondel verbracht, anstatt das Panorama zu genießen :-). Die Piktogramme aus der Zeitung über ‚Fremd-sein-in-Österreich‘ haben ihn definitiv irritiert. Sie sehen aus wie leicht verständliche Piktogramme, sind aber nicht so leicht zu verstehen oder auf verschiedene Arten zu verstehen. Das hat Paul zuerst nicht ins Konzept gepasst. Und ‚Anweisungen‘ waren es auch nicht wirklich, also was sollte das? Durch die Anregung im Vorschulprogramm haben die Kinder dann gemeinsam interpretiert und ihre Fantasie spielen lassen, was die Bilder bedeuten könnten. Mit dem Ergebnis: Jeder Betrachter und jede Betrachterin liest etwas anderes darin, je nach persönlichem Background. Paul ist diese Vieldeutigkeit bewusst geworden und dass es auf manche Fragen mehr als nur eine richtige Antwort gibt. (…) Die Piktogramme aus der Zeitung waren ein wirklich gut abgegrenztes Versuchsfeld für das Thema Vielfalt. Offensichtlich ist bei der Beschäftigung mit dem Thema das Wort ‚Kunst‘ oder ‚Kunstprojekt‘ öfters gefallen. Denn an diesen Begriff knüpft Paul jetzt gerne und oft die Möglichkeit, verschiedene Dinge in einer Sache zu sehen. Immer wenn ihm die Bedeutung eines Objekts oder eines Bildes nicht klar ist, sagt er ‚das ist wohl Kunst‘ oder ‚da hat wohl wieder jemand ein Kunstwerk hingestellt‘ oder auch ‚das soll wohl Kunst sein.‘ (…) Er ergänzt dann: ‚Ich sehe darin eine Maschine, die einen Schraubenschlüssel herstellt‘ (Metall-Kunstwerk im Donaupark) oder ‚ich finde, da oben sieht man einen Mann, der eine Eierspeis kocht‘ (modernes Schuttbild mit Gelb) oder ‚ich glaub, da gräbt sich ein Riesen-Regenwurm mit freundlichem Gesicht durch das Gras‘ (Kreisverkehr in Krems). (…) Seine Ich-Aussagen lassen uns allen offen, etwas anderes zu sehen. Von der Diskussion über ‚normale‘ Ge- und Verbots-Piktogramme ist unsere Familie jetzt bei einer Diskussion über die Interpretationsmöglichkeiten von Kunstwerken angelangt. (…) Wir müssen im Kreisverkehr manchmal eine Runde mehr drehen, damit alle sich ihre Meinung zum Kunstwerk in der Mitte bilden können – dafür können wir vielleicht im kommenden Winter von der Gondel aus das Bergpanorama genießen :-). Herzlichen Gruß und danke für das außergewöhnliche Projekt im letzten Kindergartenjahr!“

Eine einfache, verständliche Sprache – Resümee

Piktogramme begegnen uns täglich. Meist nimmt man sie gar nicht mehr wahr, so vertraut sind sie uns geworden. Symbolbilder weisen den Weg, warnen vor Gefahren oder teilen den Betrachter- (inne)n Informationen in einfacher, schnell verständlicher Form mit. Ich habe den Kindern Piktogramme aus einem Kunstprojekt vorgestellt, um sie zum Nachdenken und Philosophieren anzuregen. Mit welchen Überlegungen werden sie sich mit Bildern auseinandersetzen, bei denen nicht von vornherein klar ist, welche Bedeutung sie haben? Die Mädchen und Jungen haben das Thema mühelos angenommen und viele interessante Überlegungen dazu angestellt. Das Projekt entwickelten sie weiter, indem sie eigene Geschichten zu den Bildern erfanden. Eine kritische Haltung nahmen sie gegenüber Darstellungen ein, die es ihrer Ansicht nach in der Realität so nicht geben kann – zum Beispiel, dass jemand seinen Kopf in eine Tonne steckt. Die Zusammenarbeit mit den Kindern war für mich sehr bereichernd.

Kleine Strichmännchen zeigen große Gefühle

Die Ausstellung „Kleine Strichmännchen zeigen große Gefühle“ zeigt Arbeiten der Künstlerin Marula Di Como und der Grafikerin Florencia Young, die sich mit den Ängsten von Migrant(inn)en beschäftigt und diese als Zeichnungen zu Papier gebracht haben. Im Stadtraum mittels Piktogrammen sichtbar zu machen, was diejenigen denken und fühlen, die ihr eigenes Land verlassen haben und nun in einem neuen Land leben, ist das Ziel des Künstlerinnenkollektivs migrantas. Die Gründerinnen, die selbst nach Deutschland eingewandert sind, konzipieren ihre Arbeit mit anderen Migrant(inn)en in Workshops, verdichten Zeichnungen zu Piktogrammen und verbreiten sie im Stadtraum. 2011 wurde migrantas der Hauptstadtpreis für Toleranz und Integration durch die Initiative Hauptstadt Berlin e.V. verliehen. Mehr über das Kollektiv: www.migrantas.org

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