SoziotheologieFür eine emphatische Kirche

Dieses Buch ist anstrengend. Wieder und wieder reibt die evangelische Theologin und ordinierte Prädikantin Sarah Vecera der Leserschaft unter die Nase, dass es auch in der Kirche Rassismus gibt. Dieser falle Weißen aber meist gar nicht auf, im Gegenteil wiegen sich die Mehrheitsmitglieder meist in dem schönen Gefühl, dass Kirche ein „safe space“ ist, in dem alle willkommen und gleichwertig sind. Vecera stellt dieser Wunschvorstellung eine Fülle von Gegenbeispielen entgegen. Sie erklärt, dass Rassismus nicht mit einer Absicht verknüpft sein muss, sondern er „steckt seit Jahrhunderten in uns allen drin und tritt individuell, aber vor allem institutionell und strukturell auf“. Provokant ist die von ihr vertretene These, „Rassismus ist eine weiße Ideologie, ein Denksystem, das in Europa erfunden wurde, um aus einer weißen Machtposition heraus Ansprüche auf Macht, Herrschaft und Privilegien zu grundieren und ihre gewaltvolle Durchsetzung zu legitimieren“. Daran hätten sich die Kirchen bis hin zu weißen Jesusdarstellungen beteiligt.

Gegen diese und andere sozialkonstruktivistischen Theorien, die „Normalitätsstandards“ kritisieren, bringen sich aktuell die Gegner in Stellung, besonders kontrovers die amerikanischen Autoren Helen Pluckrose und James Lindsay mit ihrem Bestseller „Zynische Theorien. Wie aktivistische Wissenschaft Race, Gender und Identität über alles stellt – und warum das niemandem nützt“. Sie kritisieren die „Critical Whiteness Theory“ generell und teils polemisch – stattdessen wären wissenschaftlich gründliche Analysen wünschenswert.

Denn reflexhaft will auch die weiße Leserin von Veceras Buch darauf hinweisen, auch nie wie Barbie ausgesehen und trotz weißer Privilegien nicht einfach eine geradlinige Karriere hingelegt zu haben (schon gar nicht in der katholischen Kirche). Doch Vecera schreibt bewusst subjektiv, um ihre Kirche und unsere Welt ein kleines Stückchen besser zu machen, motiviert durch die Frohe Botschaft. Es lohnt sich, sich auf den radikalen Perspektivenwechsel einzulassen und dann den Bogen selber weiter zu spannen. Vielleicht finden sich gemeinsam Wege, wie auch die (katholische) Kirche für alle Menschenkinder attraktiver werden kann. Hilde Naurath

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Sarah Vecera.

weiß geworden?.

Ostfildern 2022, 200 S., 19,00 € (D)