900 Jahre Prämonstratenser-OrdenLeben nach Art der Apostel

Norbert von Xanten hatte eine steile Karriere vor sich. Zuerst begab er sich als Bußprediger auf Wanderschaft, schließlich wurde er zum Gründer der Prämonstratenser. Der Orden blickt auf 900 Jahre bewegte Geschichte zurück.

Statue von Norbert von Xanten
© KNA

Staunen erregte seine neue Art zu leben, nämlich auf Erden zu leben und nichts von der Erde zu wollen.“ Dieser Satz in der Lebensbeschreibung des heiligen Norbert (Vita A, c. 6) bezieht sich auf das Jahr 1119. Der um 1080 auf Burg Gennep nachgeborene Sohn hochadeliger Eltern war als Kind in das St.Viktor-Stift in Xanten gegeben worden, wo er eine klassische Bildung erhielt und Kanoniker wurde. Die privilegierte Lebensform nutzte Norbert für Kontakte zum Kölner Erzbischof und zu Heinrich V., den er 1110/11 zur Kaiserkrönung nach Italien begleitete.

Aber die spürbaren Spannungen zwischen König und Papst ließen den etwa 30-Jährigen an seiner glatten Karriere zweifeln und eine Auszeit bei den Benediktinern auf dem Michaelsberg bei Siegburg nehmen. 1115 entschied er sich für die Priesterweihe. Weitere Orientierung suchte er bei den Kanonikern von Klosterrath nahe Aachen, die nach dem Vorbild der Urgemeinde ganz auf Privateigentum verzichteten. Zurück in Xanten, ging er auf Distanz zum Stift und lebte an einer seiner Familie gehörenden Kirche auf dem zwei Kilometer entfernten Fürstenberg. Seine Predigten und Messen fanden Zulauf. Schließlich begab er sich, gekleidet wie Johannes der Täufer, als Bußprediger auf Wanderschaft.

Das erregte Ärger beim Klerus, er wurde in Fritzlar vor eine Synode zitiert. Jetzt gab Norbert sein Kanonikat in Xanten definitiv auf, schenkte die Kirche auf dem Fürstenberg der Abtei Siegburg und machte sich barfuß im Winter 1118/19 auf den Weg nach St-Gilles bei Arles. Dort gab ihm Papst Gelasius II. eine unbeschränkte Predigtlizenz.

Der Welt zugewandtes Lebensideal

Nun konnte er tun, worum es ihm ging: nach Art der Apostel leben. Er fand Gefährten, so Hugo von Fosses, seinen späteren Nachfolger in Prémontré, und Evermod von Cambrai, seit 1154 Bischof von Ratzeburg. Im folgenden Winter nahm ihn der Bischof von Laon aus Fürsorge in sein Haus auf. In dessen Diözese fand Norbert bei der Kapelle von Prémontré eine Bleibe für sich und die Seinen. In den wärmeren Jahreszeiten setzte er seine Wanderpredigten fort. Im Herbst 1121 holte er aus Köln Reliquien für die Kirche in Prémontré und begeisterte rund 30 Kleriker und Laien, Frauen und Männer für die „vita apostolica“. Sie folgten ihm nach Prémontré. Mit ihnen und jenen, die dort schon lebten, legte Norbert am Weihnachtstag 1121 die Profess ab. So entstanden die Prämonstratenser, eine nach der Augustinusregel lebende Kanonikergemeinschaft.

Rasch machte das Beispiel Schule. Bestehende Stifte wie St. Martin in Laon und St. Michael in Antwerpen schlossen sich an. Schenkungen des Adels ermöglichten Neugründungen, so 1122 auf der Burg Cappenberg bei Lünen, wo Graf Gottfried mit seiner Familie in den „ordo novus“ eintrat. Im Frühjahr 1126 gelang es Norbert, sich die ihm in verschiedenen Diözesen übertragenen Stiftungen als einen die gesamte Kirche erfassenden Reformkreis von Papst Honorius II. bestätigen zu lassen. Seit den Zeiten der Apostel, so schrieb damals Hermann von Tournai, habe kein Zweiter so viele Menschen zu einem Leben in der Nachfolge Christi bekehrt wie Norbert, darunter Hunderte Frauen.

Auf Initiative des päpstlichen Legaten Gerhard von Bologna wurde Norbert wenige Monate später auf einem Speyerer Reichstag zum Erzbischof von Magdeburg bestimmt. An der Elbe entstand ein „Prémontré des Ostens“. Das der Welt zugewandte, Predigt und Seelsorge pflegende Lebensideal wurde hier mit Mission verbunden, Präsenz in einer noch stark von vorchristlich-slawischer Religiosität geprägten Bevölkerung. Norberts hochbegabter Schüler Anselm, den er 1129 zum Bischof von Havelberg weihte, sah darin getreue Nachfolge des Herrn.

Als der Propst des Stiftes Hamersleben in die Benediktinerabtei Huysburg übertrat und deren Abt das Mönchsleben als höherwertig hinstellte, kritisierte Anselm die zur Selbstheiligung neigenden Tendenzen des Mönchtums. Jesus habe aktives und kontemplatives Leben vereint; immer wieder sei er zu Gebet und Meditation in die Einsamkeit gegangen, habe aber im Alltag als Lehrer der Menschen und Heiler der Kranken gewirkt.

Alle frühen Stifte der Prämonstratenser sind als Doppelklöster gegründet worden. Die räumlich getrennten Konvente der Männer und Frauen lebten in völliger Gütergemeinschaft. Wegen der strengen Klausur konnten die Frauen nicht in den Werkstätten oder auf den Außenhöfen (Grangien) eingesetzt werden. Doch verarbeiteten sie Wolle, fertigten Kleidung an, versorgten die Schafe des Klosterhofes und stellten aus deren Milch Käse her.

Trotz der harten Lebensbedingungen gab es großen Zulauf von Frauen, was die Stifte mit der Zeit überforderte. Es kam zu Aufnahmebeschränkungen, in Frankreich sogar zu einem Beschluss, „in Zukunft keine Schwester mehr aufzunehmen“. In Deutschland entstanden fortan aus Stiftungen des Adels oder des Bürgertums auch reine Prämonstratenserinnenklöster.

Norberts Nachfolger in Prémontré, Hugo von Fosses (amt. 1128–1161), hatte dem neuen Kanonikerorden eine verbandliche Struktur gegeben. Er ließ sich dabei vom Beispiel der Zisterzienser inspirieren. So entstanden das Generalkapitel und ein geordnetes Visitationssystem. Dies war weniger an der Filiationenfolge ausgerichtet (wie bei den Zisterziensern) als geografisch. Die Prämonstratenser waren der erste Orden in der Kirchengeschichte, der seine Häuser in Regionen gliederte, „Zirkarien“ genannt in Anspielung auf die Rundreisepflicht der Visitatoren. Im Raum des heutigen Deutschland lagen sechs Zirkarien, in den Beneluxstaaten vier, in Frankreich acht, auf den Britischen Inseln fünf.

Nur wenig mehr als 100 Jahre nach Norberts Tod (1134) gab es an die 600 Prämonstratenserstifte von Spanien bis Dänemark und Ungarn, von Irland bis Unteritalien und Zypern. Dann aber griffen die neuen Bettelorden die Idee radikaler Armut auf und gewannen in den aufblühenden Städten größte Anziehungskraft. Die eher dem ländlichen Raum verbundenen Prämonstratenser nahmen im 13./14. Jahrhundert mehr die Lebensgewohnheiten weltgeistlicher Stifte und der grundbesitzenden alten Orden an. Das bedeutete: Abkehr von der Gütergemeinschaft und Rückkehr zum Pfründensystem. Versorgungsdenken gewann Vorrang vor pastoraler Praxis.

Trotz ernsthafter Observanzbestrebungen führte die Reformation zu einem tiefen Einschnitt: Der Orden wurde um mehr als die Hälfte seines Bestandes auf etwa 250 Häuser reduziert. Die konfessionelle Teilung ließ die Prämonstratenser in Nord- und Ostdeutschland verschwinden; die Anzahl der Männerstifte im Reich ging zwischen 1500 und 1648 von 132 auf 85 zurück, die der Frauenklöster von 78 auf nur noch 30.

Auf dem Trienter Konzil vertrat der Abt von St. Paul in Verdun die Prämonstratenser, Nicolas Psaume (1518–1575). Er hatte an der Sorbonne in Paris studiert, wo sich unter seinen Kommilitonen Ignatius von Loyola und die übrigen Gefährten befunden hatten, die 1534 auf dem Montmartre den Jesuitenorden gründeten. Diese Nähe wurde für die Prämonstratenser der Neuzeit wegweisend. Brevier und liturgische Texte wurden überarbeitet, die Ausbildung durch die Einrichtung von Studienhäusern in Paris, Salamanca, Löwen, Köln, Rom, Douai und Prag entscheidend verbessert.

In den Statuten von 1632 heißt es: „Unser Orden, das ist die Verbreitung der Ehre Gottes, der Eifer für die Seelen, die Spendung der göttlichen Sakramente. Unser Orden, das ist die Predigt des Evangeliums, die Lehre der Anfangsgründe des Glaubens an die Unwissenden, der häufige Umgang mit der Heiligen Schrift, die Leitung der Kirche Gottes und Widerstand gegen die Sünden.“

Im Kontext der Trienter Reformen wurde Norbert 1582 heiliggesprochen. 1597 endete im Magdeburger Liebfrauenstift die katholische Tradition. Norberts Reliquien sind 1627 von dort in die Prager Abtei Strahov überführt worden. Von Böhmen ausgehend, wurde die gegenreformatorische Herausstellung der Realpräsenz Christi im Altarsakrament mit der Verehrung des Gründers verknüpft und Norbert meist mit einer Monstranz dargestellt.

In der Seelsorge setzte der Orden seine erneuerte Spiritualität mit zeitgemäßen Methoden um. In den Pfarreien wurden zur Intensivierung des religiösen Lebens der Gläubigen Bruderschaften gegründet. Ein wichtiges familienkatechetisches Hilfsmittel war die „Christkatholische Handpostille“ des Steinfelder Prämonstratensers Leonhard Goffiné (1648–1719); sie war bis ins 20. Jahrhundert verbreitet. Kultur und Wissenschaft erlebten eine Blütezeit, Bibliotheken, Kirchen und Stiftsanlagen wurden im Stil des Barock umgestaltet oder neu gebaut. Die Abteien Schussenried und Steingaden errichteten in Steinhausen und mit der „Wieskirche“ attraktive Wallfahrtsziele.

In Oberschwaben brachten Prämonstratenserkomponisten wie Wilhelm Hanser und Nikolaus Betscher die Klostermusik zur Blüte. In Westfalen erarbeitete sich das Gymnasium Laurentianum der Abtei Wedinghausen in Arnsberg einen hervorragenden Ruf. Seit 1792 beteiligten sich viele Stifte an einer großzügigen Aufnahme des französischen Exilklerus, weil sie, wie Propst Jodokus van Oldeneel in Clarholz sagte, „in jedem Flüchtling einen Segen für das Haus“ sahen. Kaum ein Jahrzehnt später, 1803, überließ der Reichsdeputationshauptschluss alle Stifte und Klöster „den respectiven Landesherren (...) zur Erleichterung ihrer Finanzen“. Damit erlosch das prämonstratensische Leben in Deutschland.

Nach der Napoleonischen Epoche existierte der Orden nur noch in den Habsburgischen Ländern Österreich, Böhmen und Ungarn. Nach und nach kam es zu einem Wiederaufbau. Ohne die früheren inkorporierten Pfarreien und den Landbesitz konnten in Belgien nach 1830 fünf Abteien (Averbode, Grimbergen, Park, Postel und Tongerlo) wiederhergestellt und 1857 die Brabantische Zirkarie restituiert werden. Von Grimbergen aus wurde Mondaye in der Normandie wiederbelebt, Berne in den Niederlanden entstand neu, jetzt in Heeswijk, doch mit dem alten Namen. Die in Österreich-Ungarn bestehenden Klöster schlossen sich 1855 zu einer Kongregation zusammen. 1883 wählten die Brabantische und die (1889 geteilte) Österreichisch-Ungarische Zirkarie den Abt von Strahov zum Generalabt, ein Titel, den bis 1790 der Abt von Prémontré geführt hatte. 1896 gliederte Leo XIII. die Abtei Frigolet und das Priorat Conques (am Jakobsweg) dem Orden als Französische Zirkarie an.

Seit 1890 kam es von Belgien aus zu Missionsgründungen im Kongo, in Südafrika und in Brasilien. Berne gründete 1896 in den USA eine Tochterkanonie, De Pere in Wisconsin, die wiederum 1954 in Daylesford, Pennsylvania einen Ableger erhielt. An beiden Orten wurden Schulen aufgebaut, außerdem in Claymont, Delaware, die Archmere Academy; an ihr wurde 1961 der 2020 zum Präsidenten der USA gewählte Joe Biden graduiert. Vom kommunistischen Regime bedrängt, gründeten ungarische Prämonstratenser 1961 das Kloster Orange in Kalifornien.

„Zu jedem guten Werk bereit“

Berne (1926) und Tepl (1978) begannen mit der Arbeit in Indien. Dort gibt es inzwischen zwei selbständige Kanonien: Jamtara (1984) und Manhatavady (2007). Brasilien hat deren drei (Jaú, Montes Claros und Itinga), Afrika eine in Kinshasa.

Heute zählt der männliche Zweig des Ordens 1150 Mitglieder in 39 Kanonien (beziehungsweise mit den abhängigen Prioraten in 77 Häusern), verteilt auf 20 Länder: in Amerika neun (USA fünf, Brasilien drei, Kanada eine), in Asien zwei, in Afrika und Australien je eine, in Europa 26: davon sechs in Belgien, vier in Tschechien, je drei in Österreich (Geras, Schlägl und Wilten) und in Deutschland (Speinshart, Windberg und Hamborn), je zwei in Ungarn, Frankreich und Großbritannien, je eine in den Niederlanden, Irland, der Slowakei und Rumänien. Hinzu kommen rund 150 Prämonstratenserinnen; sie leben in 14 Kommunitäten. In jüngerer Zeit entstanden in Deutschland zwei Priorate: Roggenburg (1982) von Windberg aus und 1991/96 Magdeburg von Hamborn aus.

Das Motto des 900-jährigen Ordensjubiläums (1121–2021) „Gemeinsam. Mit Gott. Bei den Menschen“ lässt die Grundsäulen kanonikalen Lebens anklingen: communio, contemplatio, actio. Leidenschaft für Gott und Leidenschaft für den Menschen vertiefen sich im Zusammenleben „wie ein Herz und eine Seele auf dem Weg zu Gott“ (Augustinusregel I 2). Alle heutigen deutschen Prämonstratenserklöster sind, ihrer lokalen Bindung entsprechend, an der Seelsorge in den sie umgebenden Pfarreien beteiligt und, wie es ein Wahlspruch des Ordens ausdrückt, „zu jedem guten Werk bereit“. Einzelne ihrer Mitglieder haben Dienste in der kategorialen Pastoral übernommen: in der Gefängnis-, Polizei- und Militärseelsorge, in der Behinderten-, Kranken- und Sozialpastoral, in der geistlichen Begleitung, im Schuldienst, in der Wissenschaft, im Rundfunk, in der Kirchenmusik und in der Ökumene.

Mit Windberg ist eine Jugendbildungsstätte verbunden, mit Roggenburg ein Zentrum für Familie, Umwelt und Kultur, mit Speinshart eine internationale Begegnungsstätte. Die Abtei Hamborn engagiert sich im Duisburger Norden durch Zuwendung für die Würde ärmerer und benachteiligter Menschen; mit einem religionsübergreifenden Musikprojekt werden die Talente familiär benachteiligter Kinder entdeckt und gefördert. Und in Magdeburg entstehen die „Ökumenischen Höfe“: zwei evangelische Gemeinden, eine katholische Pfarrei, die beiden konfessionellen Studentengemeinden und die St. Norbert-Stiftung wollen dort, nachbarschaftlich mit dem Priorat der Prämonstratenser verbunden, Wege christlichen Lebens gestalten.

Thomas Handgrätinger, von 2003 bis 2018 Generalabt des Ordens, beschreibt dessen Profil so: „In einer Zeit der Vereinzelung und Individualisierung leben wir in Gemeinschaft. In einer Zeit der rasenden Veränderungen und Mobilität betonen wir die ‚stabilitas in loco‘ und die Ausprägung einer ‚Kirche vor Ort‘. In einer Zeit der Verunsicherung stehen wir auf dem Boden der urchristlichen Gemeinde, wo noch Glaubensgemeinschaft gelebt und die Lebensgemeinschaft geglaubt wird. In einer Zeit der ‚neuen Unübersichtlichkeiten‘ orientieren wir uns am Ideal der ersten Christen.“ Gefragt, was er sich zum Jubiläumstag am 25. Dezember 2021 wünsche, antwortet Abt Albert Dölken (Hamborn): „Ehrlich gesagt: Guten Nachwuchs für den Orden! Ein paar Apostel, junge Leute, die aus dem Geist der Apostelgeschichte heraus leben wollen – das würde schon reichen.“

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