TheologieKarl Barth: Neue Sicht auf Person und Werk

Schon sieben Jahre nach dem Tod Karl Barths erschien 1975 die Biografie „Karl Barths Lebenslauf“ aus der Feder von Eberhard Busch, dem persönlichen Assistenten aus den späten Jahren des Schweizer Theologen. Über vierzig Jahre danach hat jetzt Christiane Tietz, evangelische Systematikerin an der Universität Zürich, eine umfangreiche neue Biografie vorgelegt. Sie hat ihre Fähigkeit zum biografischen Schreiben in einem kleinen, aber ausgesprochen informativen Buch über Dietrich Bonhoeffer unter Beweis gestellt; nun hat sie sich den protestantischen „Kirchenvater“ des 20. Jahrhunderts vorgenommen: Karl Barth (1886– 1968), den Zeit seines Lebens streitbaren und umstrittenen Verfasser des „Römerbriefs“ und später der monumentalen „Kirchlichen Dogmatik“.

Tietz verfolgt den theologischen und gesellschaftlich-politischen Weg Karl Barths über die verschiedenen Stationen. Sie rekonstruiert die Rolle Barths im Kirchenkampf des Dritten Reichs, bis 1935 als wichtiger Akteur in Deutschland selbst (maßgeblicher Mitverfasser der „Barmer Erklärung“ von 1934), dann von der neutralen Schweiz aus, sowie seine pointierten Wortmeldungen im „Kalten Krieg“. Die entscheidenden Werke Karl Barths werden jeweils prägnant referiert, die Darstellung wird durchgängig durch sprechende Originalzitate des um treffende Formulierungen nie verlegenen Theologen anschaulich bereichert.

In einem knappen Epilog weist Christiane Tietz darauf hin, dass zuletzt eine weitgehende Abwendung von Barths Theologie stattgefunden habe. Sie hält allerdings dagegen, „dass Karl Barth durch die strikte Trennung von Gott und Welt in der Lage war, kritisch auf die ‚Welt‘ zu blicken, gerade auch auf Politik und Gesellschaft“ und bekennt in der Nachfolge von Karl Barth, es gehe in der Theologie nicht zuerst um die menschliche Kulturleistung Religion, sondern um Gott. Indem eine solche Theologie Gott als den ganz Anderen zur Geltung bringe, sei sie kritisches Korrektiv zum Selbst- und Weltverständnis des Menschen: „Letztlich ist Barths Theologie eine Weiterführung der reformatorischen Einsicht, dass der Mensch nicht durch sich selbst über sich selbst hinauskommt“. Er lebe von Gott als seinem Gegenüber, von dem großen Du, das den Menschen bedingungslos bejahe. Über diesen Ansatz zu streiten, ist allemal lohnend!

Christiane Tietz:

Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch. Verlag C. H. Beck, München 2018. 537 S. 29,95 € (D).

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Christiane Tietz

Karl BarthEin Leben im Widerspruch

Verlag C. H. Beck, München 2018. 537 S. 29,95 € (D)