Die Heilsversprechen des TranshumanismusEwig leben

Das Bedürfnis, die Grenzen des Menschlichen zu sprengen und den Menschen zu „verbessern“, hat es schon immer gegeben. Der Versuch, sich selbst schöner, gesünder und intelligenter zu machen, nimmt heute aber ganz neue Dimensionen an.

Transhumanismus - Mensch als Roboter
Wird der Mensch bald zur technischen Existenz? Entwickeln sich Genome Editing und Robotik weiter, dann könnte das passieren.© Pixabay

In einer „Upgradekultur“, wie sie der Soziologe Dierk Spreen beschreibt (Bielefeld 2015), optimieren sich Menschen um des Optimierens willen. Der Körper wird zum Projekt, das Body Enhancement durch den steten Abgleich mit anderen zur permanenten Arbeit an sich selbst. Aber diese permanente Selbstverbesserung reicht vielen heute nicht mehr. Man mag sich und seinen Körper ständig optimieren, doch gerade der Körper erweist sich, allem Enhancement zum Trotz, als verwundbar und vor allem als vergänglich. Diese Vergänglichkeit will man dieser Tage nicht länger akzeptieren. Es geht nicht mehr darum, das Leben zu optimieren, sondern vielmehr darum, es zu verewigen.

Die (technischen) Möglichkeiten hierzu werden immer ausgefeilter. Von der synthetischen Biologie über die Reproduktionsmedizin bis zum sogenannten Genome Editing, durch das Erbanlagen verändert werden können – überall findet ein Umbau des Menschen statt, mit dem Beeinträchtigungen, körperlicher Verfall und Schwäche aufgehoben werden sollen.

Folgt man Anhängern des Transhumanismus wie dem amerikanischen Futurologen Ray Kurzweil, dem Physiker Michio Kaku und dem Computeringenieur Steve Wozniak, dann muss man sich mit diesem Umbau nicht begnügen. Das eigentliche Ziel des Transhumanismus ist folgenreicher und radikaler. Angestrebt wird die Erschaffung eines neuen, nichtbiologischen Menschen, in dessen Leben, so Kurzweil, Tod und Trauer, Freiheit und Ewigkeit einen „unwiderruflichen Wandel“ erfahren (Menschheit 2.0. Die Singularität naht, Berlin 2014, 7).

Dieser Wandel vollendet sich nach Kurzweil, dem wohl schillerndsten und mittlerweile auch hierzulande bekanntesten Vertreter des Transhumanismus, mit dem Eintritt der „Singularität“. Singularität markiert in der Physik einen Punkt, an dem vertraute Gesetzmäßigkeiten nicht mehr gelten. Die technologische Singularität markiert ganz ähnlich jenen Zeitpunkt, ab dem Grundlagen der biologischen Evolution ihre Gültigkeit verlieren und der Mensch eine transhumane technische Existenz annimmt.

Eingeläutet wird der Beginn der Singularität nach Kurzweil durch das Zusammenspiel von drei Technologien: der Gentechnik, der Robotik und der Nanotechnik. Sie arbeiten der Verschmelzung des menschlichen Gehirns mit der Computer-Software, der Mensch-Maschine zu. Biologisches Denken und Dasein vereinigen sich dabei mit einer Technik, die menschliche Fähigkeiten nicht nur imitiert, sondern überflügelt (vgl. 10). Dieser Prozess, in der sich die Mensch-Maschine mit der rasanten Explosion der Maschinenintelligenz permanent weiterentwickelt und perfektioniert, ist der Übergang in die Singularität, der nach Kurzweil noch vor Mitte des 21. Jahrhunderts vollzogen sein wird (vgl. 9). Dann hat die sich fortlaufend optimierende Maschinenintelligenz ein Bewusstsein (vgl. 493). Das menschliche Verständnis der Welt ist endgültig außer Kraft gesetzt, die biologisch-humane Intelligenz ganz in der Technik aufgegangen.

Die von Kurzweil gegründete „Singularity University“, unter anderem gesponsert von der NASA und Google, treibt die Arbeit an der Verschmelzung von Mensch und Maschine rasant voran. Obwohl sich diese Verschmelzung wie Science Fiction ausnimmt, ist sie doch eine realistische Zukunftsoption, die jeden einzelnen Menschen betrifft und die Grundlagen der christlichen Weltdeutung infrage stellt. Mit der Singularität „bricht“, so Kurzweil, „die Menschheitsgeschichte aus allen Fugen“ (9-10). Die christliche Schöpfungsordnung verliert ihre Gültigkeit. Der Mensch wird über sein Schicksal verfügen können. Seine Sterblichkeit wird von ihm selbst abhängen. Jeder Einzelne kann also entscheiden, wie lange er leben will. Mehr noch: Mit dem Ablegen seiner biologischen Existenz wird dem Menschen eine „Art  Unsterblichkeit“ zuteil, die nach Kurzweil mit dem „ewigen“ Leben „in gewisser Weise“ gleichzusetzen ist (330, 331).

Dieses „ewige“ Leben ist „herstellbar“ durch perfektionierte Technik. Die christliche Botschaft von der Überwindung des Todes wird dabei verkehrt. Der Tod ist nicht länger ein Übergang zum ewigen Leben in der „Fülle Gottes“ (Kol 1, 19). Dieser Deutung des Todes stellt Kurzweil die Bändigung eines „bösen“ Todes entgegen, der mit dem Eintritt der technologischen Singularität für die Lebenserwartung des Menschen keine Rolle mehr spielen wird.

Das transhumane „ewige“ Leben ist letztlich unbegrenzt verlängerte Zeit. Nach christlichem Verständnis dagegen beginnt mit dem ewigen Leben eine Zeit in der Gegenwart Gottes, die keine Zeit kennt und die linear voranschreitende Zeit überbietet. Das vom Transhumanismus angestrebte ewige Leben ist kein Leben, das der Mensch Gott verdankt, sondern ein Leben, das der Mensch von sich aus auf ewig verlängern will. Christliche Glaubenshoffnungen wie die Erlösung von Leid und Tod werden dabei zu Zielen, die, so Kurzweil, „Technik allein“ erreichen kann (381).

Von den Möglichkeiten der Technik her gesehen ist der Tod nach Kurzweil nicht das Ende, der Tod an sich wird stattdessen beendet. Damit entfällt der Fristcharakter der Lebenszeit. Sie gilt nicht länger als Frist zum erlösenden Ende. Vielmehr wird, so Kurzweil in einem Interview mit Tobias Hülswitt, „das Gefühl, dass unsere Zeit rapide abläuft (…) ein Ende haben“ (in: Hülswitt und Roman Brinzanik [Hg.], Werden wir ewig leben? Gespräche über die Zukunft von Mensch und Technologie. Frankfurt 2010, 21).

Unsere Lebenszeit läuft immer weiter und ermöglicht es uns so, die Mensch-Maschine ständig zu optimieren. Wenn aber die Befristung der Zeit an sich durch ganz neue technische Möglichkeiten der Entgrenzung und Befreiung von der Endlichkeit des Lebens aufgehoben werden kann, dann verliert der Tod seine Bedeutung als Voraussetzung für das ewige Leben, von dem der christliche Glaube kündet.

Der Tod verliert zudem seine sinngebende Bedeutung für das Leben im Hier und Jetzt. Einst galt: Das Leben ist endlich und erhält vom Ende her seinen Sinn. Leben, das mit dem Tod endet, kann jedoch nach Kurzweil nicht sinnvoll sein, weil der Tod nicht „wünschenswert“ ist und eine „Tragödie“ darstellt, die den Menschen in seiner Freiheit einschränkt (Menschheit 2.0, 331, 382). Wer den Tod als Grenze nicht hinnimmt, wem sich vom Ende her kein Sinn für das Leben erschließt, muss ganz auf das Leben selbst setzen. Der Glaube an die nahe Singularität verleiht nunmehr dem Leben Sinn – einem Leben im Zeichen einer Unsterblichkeit, die den Menschen zu einem Wesen macht, das „größer“ ist als der Tod (331).

Die eigentliche Bedeutung unseres Lebens liegt, so Kurzweil, in dem beständigen Streben nach mehr Intelligenz und Wissen, durch das wir uns zu einer „höheren ‚Ordnung‘ hin (…) bewegen“ (382). Es ist ein Prozess, der die „Natur des Todes“ letztlich überwindet, werden sich doch die Fähigkeiten des Menschen durch die Verschmelzung mit der Technik grenzenlos ausdehnen (381). Diese Grenzenlosigkeit mag man als Hybris, als Selbstüberschätzung kritisieren, aber die verheißene „Erlösung“ vom Tod in einem transhumanen Zeitalter ist ein derart tiefsitzender Wunsch des Menschen, dass man nicht von ihm ablassen wird.

Wer sich der Idee der Singularität verschreibt und sein Leben als „Singularitarist“ lebt, für den hält der Transhumanismus eine weitere Frohbotschaft bereit: Wir haben schon heute „die Chance, lange genug zu leben, um ewig zu leben“ (381). Kurzweil exerziert vor, wie dies möglich ist. Er reprogrammiert nach eigenen Angaben seine Biochemie und wirft sich – um die in Aussicht stehende Unsterblichkeit zu erleben – täglich über hundert Nahrungsergänzungsmittel und Tabletten ein, die er profitträchtig vermarktet – was die Frage aufwirft, wer sich die angestrebte Unsterblichkeit überhaupt „leisten“ kann.

Krankheit „bekriegen“ Der transhumane Mensch will letztlich – anstelle Gottes – „Herr über Leben und Tod“ sein (Weish 16, 13). Der transhumane Mensch sagt sich damit von seiner Geschöpflichkeit los, sein „Geschick“ liegt nicht „in Gottes Hand“ (Ps 31, 16). Der von uns selbst in Gang gesetzte Fortschritt wird, so Kurzweil, „andauern, bis das ganze Universum in unseren Händen ist“ (505). Das Maß des Menschen ist entsprechend nicht mehr seine Gottebenbildlichkeit. Der Mensch legt sein eigenes Maß fest. Es ist das Maß des Gesunden, Schönen und Intelligenten, auf das jeder Einzelne zugeschnitten und hergestellt wird. Der Mensch ist sein eigener Schöpfer. Wenn aber die Vermeidung von Schwäche und Verfall das Maß aller Dinge ist, dann muss sich auch alles diesem Maß unterordnen. Damit sind Missbrauch und Machenschaften Tür und Tor geöffnet.

Singularitaristen mögen vermessen erscheinen, ihre Ansichten utopisch wirken, aber unübersehbar ist, dass sich heute die Hoffnungen vieler Menschen zunehmend auf die Möglichkeiten der digitalen Technik richten, für die es keine „unlösbaren“ Probleme gibt (383). Zu den „lösbaren“ Problemen gehören nach Kurzweil vor allem Alterungs- und Krankheitsprozesse. Eine Schlüsselstellung nimmt an dieser Stelle die Nanotechnik ein. Mikroskopisch kleine Nanobots werden, so Kurzweil, in den Blutbahnen unseres Körpers unterwegs sein, Bakterien, Viren und Krebszellen zerstören, DNA-Defekte korrigieren und in den Hirnkapillaren die menschliche Intelligenz stetig erhöhen (vgl. 29, 163-165). Alterungsprozesse werden so aufgehalten, Krankheiten aller Art überwunden. Damit erreicht zugleich die Medikalisierung des Todes einen neuen Höhepunkt – eine Medikalisierung, bei der der Tod als etwas Krankhaftes gilt und man letztlich den Tod genauso fürchtet wie das Sterben an sich. Alles, was zum Tod führt, gilt als Krankheit. Der Tod interessiert primär als Frage nach den Todesursachen (vgl. 329). Werden die Ursachen aufgeschlüsselt, löst sich, so die Annahme, auch das Problem des Todes.

Nach biblischem Zeugnis zeigt sich in der Krankheit das Verwiesensein des Menschen auf einen Gott, der jeden Einzelnen aus der Situation des Krankseins befreien will, seiner Todesverfallenheit, seiner „Verlorenheit“ (Röm 8, 21). Die Überwindung dieser Verlorenheit ist eine Verheißung, deren letzte Vollendung „von Gott her“ noch aussteht (Offb 21, 2.10). Im Transhumanismus ist dies eine „Angelegenheit“ des Menschen. Sein Kampf gegen die Krankheit soll das Nahen des Todes in Schach halten. Dieser Kampf gegen die Krankheit, der nach Kurzweil „einem Krieg (gleicht)“, wird am Ende siegreich sein und auf ein Leben ohne die Kränkung der Krankheit führen (212).

Die Notwendigkeit, Krankheit und Tod zu erleiden, ist damit aufgehoben. Es dominiert eine mechanistische Todes- und Leidvorstellung. Die Lebensmaschine in Gang zu halten, ist nunmehr die Aufgabe einer Gesundheitstechnologie, für die Leiden den Stellenwert einer „Panne“ in einer Reparaturwerkstatt hat, die sich ausschließlich dem Funktionieren-Müssen und der Optimierung der Lebensmaschine widmet. Diese erhält ihre „Gesundheit“ zurück und damit die Möglichkeit (unbegrenzt) weiterzuleben – bis zur nächsten Reparatur. Dabei bleibt außer Acht, dass Gesundheit auch die Fähigkeit mit einschließt, Einschränkungen und Unvollkommenheiten anzunehmen und mit ihnen zu leben. Wenn ein an Diabetes erkrankter Mensch – Kurzweil hat diese Krankheit angeblich vollständig aus seinem Körper „eliminiert“ – seine chronische Erkrankung akzeptiert und mit ihr sein Leben meistert, ist er letztlich gesünder als derjenige, dessen Leben kein anderes Ziel hat als den Krieg gegen die Krankheit.

Dieser Krieg, in dem es um die Abschaffung der Krankheit geht, offenbart jedoch eine ganz andere – unheilbare – Krankheit. Der Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter beschreibt sie in seiner Studie über den „Gotteskomplex“ (Reinbek 1979) als „Krankheit, nicht leiden zu können“ (127). Eine Ursache für diese Krankheit ist ein Machbarkeitsmythos, nach dem alles lösbar und heilbar ist. Diese Lösungen sind im Transhumanismus technische Lösungen, durch die, folgt man Kurzweils Vorhersage, die Maschinenintelligenz so „allwissend“ und allmächtig wird, dass sie Krankheit, Leid und Tod beenden kann (vgl. Ps 139).

Das Geheimnis des Lebens entschlüsseln

Der Krieg gegen Krankheit und Tod ist nur dann zu gewinnen, wenn Altern, Schwäche und Vergänglichkeit als Informationsprozesse gedeutet werden, die grundsätzlich optimierbar sind. Diese Optimierung beruht nach Kurzweil darauf, dass technologische Entwicklungen nicht linearen, sondern exponentiellen Wachstumsgesetzen folgen, die wiederum die Voraussetzung dafür sind, dass es überhaupt zu der angestrebten Vereinigung des Menschen mit den Produkten seiner Technik kommt (vgl. Menschheit 2.0, 8-9). Dabei tritt das eigentliche Ziel des Transhumanismus zutage: eine radikale Veränderung der conditio humana durch den Einsatz rein technischer Verfahren, mit denen all das transzendiert werden soll, was der Mensch bisher zu sein glaubte. Mit dem Transhumanismus ändert sich also das „Verständnis dessen, wer – oder was – ein Mensch ist“ (Kurzweil, Homo S@piens. Leben im 21. Jahrhundert – Was bleibt vom Menschen? Köln 1999, 359).

Das Letztere, das „Was“, entspricht einem Menschenbild, das mit den Grundlagen der christlichen Anthropologie bricht. Wenn der Mensch gleichsam ein „Katalysator“ von Informationen und Informationsprozessen ist und als Maschine konstruiert werden kann, die aus ihm ein Software-Programm macht, dann entsteht ein technisches Dasein mit ungeahnten und zugleich lange ersehnten Möglichkeiten. Sie gipfeln in dem Versprechen, dem Tod zu entkommen – eine Heilsbotschaft, der man wohl eher Glauben schenkt als der christlichen Auferstehungsvorstellung, weil sie „wissenschaftlich“ verifizierbar und einsichtig erscheint. Die machbare Unsterblichkeit des Transhumanismus ist in dieser Hinsicht nicht nur plausibler als die christliche Auferstehungsbotschaft, sie tastet auch die Glaubwürdigkeit dieser Botschaft an sich an. Wenn der Tod tatsächlich mit technischen Mitteln aus der Welt geschafft und beendet werden kann, bedeutet dies letztlich auch das Ende der christlichen Deutung des Menschen und der Schöpfung.

Der Mensch gilt im Transhumanismus als ein Wesen, dessen Bauplan nachbildbar ist. Reverse Engineering, die „Nach-Konstruktion“, die von einem fertigen Produkt dessen Funktionsprinzip ableitet, liefert dabei die Mittel zur Entschlüsselung der Arbeitsweise des Gehirns (vgl. Kurzweil, Das Geheimnis des menschlichen Denkens. Einblicke in das Reverse Engineering des Gehirns. Berlin 2014, 38). Damit eröffnet sich die Möglichkeit, Intelligenz in Software zu überführen. Dies ist, so Kurzweil, realistisch, weil wir davon ausgehen können, dass unsere Welt aus in Mustern organisierten Informationen besteht – Mustern, die streng hierarchisch geordnet sind. Denken an sich beruht nach Kurzweil auf der Erkennung dieser Muster und lässt sich damit als Informationsverarbeitung beschreiben (vgl. 33, 39). So weist das Gehirn, wie Kurzweil unter Berufung auf Ergebnisse der Neurowissenschaft darlegt, eine hierarchische Struktur auf, die von 300 Millionen „Mustererkennern“ im Neokortex abgebildet wird, dem Ort des bewussten Denkens (39). Die Erkennung und Verarbeitung der Informationsmuster der Welt läuft nach Kurzweil einzig und allein über diese Mustererkenner, die auch das bestimmen, was wir als „Bewusstsein“ und „Geist“ bezeichnen (vgl. 41-42, 208).

Die Mustererkennungstheorie unterstützt Kurzweils Annahme, dass die Maschinenintelligenz ein Ich-Bewusstsein erlangt. In einer sich fortlaufend optimierenden Mensch-Maschinen-Zivilisation wird schließlich der Upload all unseres Wissens, unserer Erfahrungen und Gefühle möglich. Auch wenn diese technische, nichtbiologische Existenzform vielen befremdlich erscheinen mag, wird man sie, so ist Kurzweil überzeugt, dennoch gutheißen, weil wir in die Lage versetzt werden, „uns selbst zu ‚backupen‘“ (Menschheit 2.0, 329). Wir können Sicherungskopien erstellen von jenen Mustern in Materie und Energie, die unsere Fähigkeiten und unsere Persönlichkeit prägen. Diese Backups besiegeln den Sieg über die Sterblichkeit, deren Ursachen nunmehr eliminiert sind.

In der Mensch-Maschinen-Zivilisation gibt es kein Geheimnis mehr. All das, was den Menschen eigentlich erst zum Menschen macht, ist nach Kurzweil abhängig von Algorithmen und kann entschlüsselt werden. Die einst unverfügbaren Grundlagen von Leben, Geist und Bewusstsein sind vollständig nachbildbar. Man kann zudem, so Kurzweil, die Welt im Innersten nicht nur verstehen und entschlüsseln, sondern sie auch zu einer „intelligenten“ Welt umformen, in der das Ich „geistige Software“ ist (331).

Software erweist sich unberührt von Tod und Trauer. Tod und Trauer werden zu technisierten Vorgängen. Mit dem Tod eines Menschen verliert der Angehörige nach Kurzweil einen Teil von sich selbst. Eine Kommunikation mit dem Verstorbenen über neuronale Muster ist nicht mehr möglich (vgl. 382). Wenn wir aber – in naher Zukunft – von unserer Hardware, dem Körper, unabhängig werden und jeder „ewige“ Sicherungskopien seiner selbst erstellen kann, wird es, so Kurzweil, Trauer als Verlust nicht mehr geben. Die Erinnerung an die eigene Endlichkeit, das Memento mori fällt aus.

Kurzweil deutet „traditionelle“ Religion funktional, sie dient primär der „Rationalisierung des Todes“ und stellt den Tod „als eine gute Sache“ dar – was er nach Kurzweil gerade nicht ist (382). An dieser Stelle hält der Transhumanismus ein Heilsversprechen bereit, in dem das christliche Erlösungsverständnis neu ausgerichtet wird. Der Tod ist für Kurzweil ein Relikt aus Zeiten, in denen der Mensch auf seine rein biologische Existenz festgelegt ist. Singularität verheißt eine Befreiung von den „engen Beschränkungen“ dieser Existenz und ist somit ein „spirituelles Unternehmen“, das eine neue Religion zum Inhalt hat (328, 400). Sie weist den Weg in ein „ewiges“ Leben jenseits des biologischen Daseins, das nicht Gott, sondern der Mensch selbst zu verantworten hat.

Der Mensch kommt in diesem Religionsverständnis nicht mehr als endliches Geschöpf in den Blick, dessen Leben auf ein absolutes, göttliches Gegenüber bezogen ist. Religion hat nichts mehr damit zu tun, dass sich der Mensch bedürftig vor Gott erfährt. Im Gegenteil: Nach Kurzweil ist es Sinn und Zweck des Lebens, dass der Mensch sich über seine Natur erhebt – bis die angestrebte Gottwerdung endgültig erreicht ist (vgl. 384). Die Folgen, die diese Entwicklung für das christliche Verständnis der Schöpfungsordnung hat, beschreibt der Science-Fiction-Autor Arthur C. Clarke in einem „Playboy“-Interview als „künftige Aufgabe“ des Menschen. Sie besteht nicht mehr darin, „Gott zu preisen, sondern ihn zu erschaffen“ (zitiert nach: Mark Dery, Cyber. Die Kultur der Zukunft, Berlin 1997, 37).

Verläuft die menschliche und technische Evolution so, wie von Kurzweil prophezeit, wird diese Aufgabe bald erledigt sein. Der sich ständig beschleunigende Fortschritt verselbständigt sich auf eine Weise, die göttliche Attribute aufweist. Die Evolution „bewegt sich in Richtung (…) größerer Intelligenz, größerer Schönheit (und) größerer Kreativität“ – Eigenschaften, die, so Kurzweil, alle monotheistischen Religionen Gott zuerkennen (Das Geheimnis des menschlichen Denkens, 219). Das beschleunigte Wachstum der Evolution führt so auf das „genaue Gegenteil“ von einem „Schöpfer, der zu Beginn alles erschaffen (…) hat“ (Menschheit 2.0, 402). Die Frage, ob die neue Religion „einen Gott (hat)“, beantwortet Kurzweil daher ebenso prägnant wie süffisant mit „Noch nicht“ (385). Aber, so führt Kurzweil aus, „den wird es geben“ – und zwar früher als erwartet. Wenn die gesamte Materie und Energie des Universums mit Intelligenz „gesättigt“ ist, „erwacht“ das Universum zu kosmischem Bewusstsein. Das kommt, so Kurzweil, „Gott schon ziemlich nahe“ (385).

Technizistische Eschatologie

Jaron Lanier, einer der schärfsten Kritiker der Singularitäts-Idee, verweist an dieser Stelle darauf, dass die Entstehung „immer höherer Bewusstseinsformen“ bis zu einem „wunderbaren Zustand“ mit der christlichen Lehre von den letzten Dingen einiges gemein hat (Gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht, Berlin 2010, 40). Der Seher Johannes hofft im Ende auf eine neue Welt, die Gott heraufführt – eine Welt, in der Tod und Trauer, Klage und Mühsal „nicht mehr sein werden“ (Offb 21, 4). Der Futurologe Kurzweil setzt mit dem Ende der biologischen Existenz des Homo Sapiens auf das Kommen einer neuen Welt, die durch den vom Menschen selbst initiierten technischen Fortschritt entsteht – eine Welt, in der das transhumane Dasein nicht mehr Krankheit, Tod und Trauer ausgesetzt ist.

Christliche Eschatologie ist Hoffnung auf Vollendung, die der Welt von Gott zuteil wird. In der technizistischen Eschatologie des Transhumanismus meint Vollendung fortlaufende Optimierung und selbstgeschaffene Makellosigkeit. Die Welt, wie sie jetzt ist, vollendet sich also nicht, sie durchläuft vielmehr verschiedene Stadien einer technischen Evolution, bis zu dem Punkt, an dem sich die technische Intelligenz ohne menschliches Zutun selbständig weiterentwickelt. Die eschatologische Vollendung der Welt „von Gott her“ wird ersetzt durch die Perfektionierung auf einen Gott hin, der eine technische Erscheinungsform annimmt.

Christliche Eschatologie setzt ein Menschenbild voraus, das den Menschen auf ein Ziel, ein Telos ausrichtet, nach dem er das werden soll, wozu er bestimmt ist. Dieses Ziel offenbart sich endgültig im „Ende aller Dinge“ (1 Petr 4, 7). Es ist ein Geheimnis und nicht auszurechnen oder vorherzusagen. Auch die transhumane Eschatologie trägt ein teleologisches Merkmal in sich. Die Singularität hat ein Ziel, das Ende der biologischen Evolution und Existenz, durch das der Mensch zu seiner eigentlichen Bestimmung – der Unsterblichkeit – gelangt. Dieses Ziel offenbart sich im Ende der analogen Welt in der Heraufkunft einer gottähnlichen Maschinenintelligenz und ist vorsehbar und überprüfbar.

Dem Seher Johannes wird offenbart, „was geschehen muss“ (Offb 4,1): Geschichte, die einer göttlichen Notwendigkeit folgt und das Heil der Welt zum Ziel hat. Dieses Heil ist ein Geschenk Gottes und überbietet alles, wodurch die Welt jetzt bestimmt ist. Eschatologie verweist so auf etwas, was dem Menschen als Gnade widerfährt – das neue Leben, die „Heimat“ bei Gott (2 Kor 5,8). Dieses neue Leben ist in dem Maße zugänglich, wie wir unser Leben jetzt leben und es ausrichten auf jenes nicht von uns selbst geschaffene „himmlische Haus“ (2 Kor 5,2). Das irdische Leben in der Welt ist so Voraussetzung für das Leben in der neuen Welt.

In der technizistischen Eschatologie des Transhumanismus fällt diese Voraussetzung aus. Die endzeitlichen Erwartungen richten sich darauf, die Welt, wie wir diese kennen, hinter sich zu lassen, ist sie doch eine Fehlkonstruktion, die uns ständig auf unsere Grenzen verweist. Mit der Singularität, so das Credo des Transhumanismus, kommt es zur Erlösung von der Last der (analogen) Welt. In der christlichen Eschatologie geht es dagegen um die Erlösung der in Jesus Christus mit Gott versöhnten Welt.

Die transhumane Deutung der Welt nimmt Günther Anders – unter dem Eindruck der entsetzlichen Ereignisse von Hiroshima und Auschwitz – mit seiner Rede von einer „prometheischen Scham“ vorweg (Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1, Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München 1956, 23). Sie führt dazu, den unvollkommenen Körper, der den Maschinen „unterlegen“ ist, zu verändern und zu verbessern (25). Diese Optimierung steht nach Anders im Zeichen eines „puritanischen Leibhasses“ (38).

Im Transhumanismus kommt jedoch nicht nur Leibhass, sondern eine Verachtung der (analogen) Welt an sich zum Ausdruck. Es geht im Transhumanismus also letztlich gar nicht darum, diese Welt zu verbessern, sondern darum, sie durch eine neue Welt zu ersetzen, die die Grenzen zwischen Schöpfer und Geschöpf, zwischen Leben und Tod auflöst und erst gar nicht zulässt.

Wenn es aber wirklich realistisch ist, dass in dieser neuen Welt Tod und Trauer nicht mehr sein werden, wenn eine Echtzeit-Erlösung vom physischen Körper möglich ist, kommt dies einer Aufhebung des christlichen Inkarnationsgedankens gleich. Das analoge, irdische Leben des Menschen, das der Transhumanismus überwinden möchte, erhält mit dem Ereignis der Inkarnation eine Wertschätzung, die dem Menschen in seiner Hinfälligkeit, Sterblichkeit und Endlichkeit eine einzigartige Würde verleiht. Dem Menschen und der Welt wird eine neue Bestimmung geschenkt: Gott zu begegnen – einem Gott, der sich verleiblicht und in seiner Gnade sichtbar ist. Dieser Gott ist keine technische Erscheinung, sondern in der menschlichen Wirklichkeit mit allen Sinnen personal erfahrbar.

Diese Erfahrung kennt keine Unterscheidung zwischen dem Analogen und Virtuellen. Sie verbindet die Welt und ihre konkrete Geschichte mit Gott selbst. Weil sich dieser Gott in der Feier der Eucharistie tatsächlich verleiblicht und sein Heil offenbar macht, ist auch der menschliche Körper mehr als eine irdische Last oder Hardware. Er ist ein Werk Gottes, mit dem und in dem wir seinem leiblichen Erscheinungsbild nahe sein und entsprechen können (vgl. 1 Kor 6, 19-20).

Das transhumane Heilsversprechen

Die Selbsttechnisierung des Menschen, die Abwertung des Körperlichen als Last ist dagegen gnadenlos. Den Gesetzen einer Maschine gemäß setzt sie den Menschen dem Druck aus, ständig besser, langlebiger und leistungsfähiger zu werden. In diesem ökonomisierten Menschenbild geht das eigentlich Menschliche verloren: der Lebensgenuss, das Sich-Verschenken an den Nächsten, das Verweilen-Wollen im Augenblick.

Allen transhumanen Heilsversprechen zum Trotz wird nicht jeder auf diese Aspekte des Menschlichen verzichten wollen. Und so ergibt sich ein Szenario, das Kritiker der Singularitäts-Idee in düsteren Farben beschreiben: Mit dem Eintritt der Singularität entsteht eine Welt, in der sich eine gottgleiche Maschinenintelligenz über analoges Leben erhebt. Der optimistische Fortschrittsglaube des Transhumanismus kann also auch ins Gegenteil umschlagen. Intelligente Maschinen stellen sich nicht zwangsläufig in den Dienst derer, denen sie überlegen sind. Sie können sie vielmehr auch – siehe die Film-Trilogie „Matrix“ – unterdrücken und versklaven.

Dazu fügt sich, dass transhumane Heilsversprechen von Internet-Giganten gesponsert werden, die sich vom Zugriff auf den technisch aufgerüsteten Menschen auch einen Zugriff auf jene Macht versprechen, über die – in sozialdarwinistischem Gewand – nur eine singularitarstische Elite verfügen wird. Dieses Machtstreben, dieser Machtmissbrauch weist auf etwas, was man nicht in den Griff bekommen und überwinden kann. Der analoge Mensch, nach Kurzweil ein reparaturanfälliges, unvollkommenes „Produkt“, mag mit dem Eintritt der Singularität durch ein neues Produkt, ein technisch makelloses Wesen, ersetzt werden. Doch dieser Makellosigkeit steht das Böse gegenüber, das durch keinen Fortschritt, durch keine Evolution zu bannen ist. So verheißungsvoll sich das Zeitalter der Singularität ausnimmt, so deutlich ist auch, dass der transhumane Mensch sich nicht selbst vom Bösen befreien und erlösen kann.

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