ScientologyBerechtigte Aufregung in Berlin?

Tom Cruise, der ebenso smarte wie rührige „Botschafter“ der „Scientology Church“ war letztendlich dann doch nicht unter den von der Berliner Polizei geschätzten 1500 Gästen. Die Hollywood-Prominenz brauchte es jedoch auch nicht mehr; der Medienhype hätte kaum noch gesteigert werden können. Über mangelnde Aufmerksamkeit wird sich auf Seiten von Scientology keiner beschweren. Mitte Januar eröffnete die Organisation ihr neues Zentrum in Berlin; wobei unklar bleibt, ob dieses die deutsche Scientology-Zentrale in München ablösen wird. Jedenfalls besitzt das Hauptstadt-Zentrum im Stadtteil Charlottenburg beeindruckende Ausmaße, einige Kommentatoren sprachen von schlichtem Imponiergehabe: 4000 Quadratmeter, auf sechs Stockwerken verteilt, umfassen mehrere Kinos, zahlreiche Kursräume, eine (gemessen am Anspruch relativ kleine) Kapelle, eine Reinigungssauna, Bibliothek und selbstredend den obligatorischen Nachbau des Büros von Scientology-Gründer L. Ron Hubbard.

Der vor zwanzig Jahren verstorbene Science-Fiction-Autor hatte die „Church of Scientology“ im Jahr 1954 gegründet. 1970 wurde in Deutschland (in München) die erste so genannte „Org“ gegründet (vgl. HK, August 1992, 379 ff.). Scientology beansprucht, den einzigen Weg für das Überleben des einzelnen Menschen wie der gesamten Menschheit zu wissen. Nach eigenen Angaben will die Organisation sich in ihrer neuen Berliner Zentrale noch stärker Drogenmissbrauch und Gewalt unter Jugendlichen widmen. Die heftige Debatte im Vorfeld der von Scientology zelebrierten Eröffnung zeigte vor allem eins: Die große Unsicherheit und Verlegenheit im Umgang mit der umstrittenen Organisation, die für sich selbst beansprucht „Kirche“, Religionsgemeinschaft zu sein. Die hierzulande gebräuchlichen Verstehensmuster, Verfahren und Regelungen scheinen nicht richtig zu greifen. So gab es die, die angesichts der neuerlichen Aufregung mit guten Argumenten warnten, den PR-Strategen der „Church“ nicht auf den Leim zu gehen. Und gerade ist es ein halbes Jahr her, dass sich Scientology mit dem Angebot der Nachhilfe für Schüler in die Schlagzeilen brachte (davor waren es Angebote zur Drogentherapie), dazu reichlich aufgeregte Politikerstatements provozierte und bei Eltern und Lehrern Verwirrung und Sorge auslöste. Desgleichen lässt sich berechtigt fragen, ob von einer Gruppe wirklich eine solche Bedrohung und Gefahr ausgehen kann, deren Mitgliederzahl in Deutschland der Verfassungsschutz auf etwa 6000 schätzt, davon in Berlin gerade einmal 200. Scientology spricht selbst von 15 000 Anhängern bundesweit; in Berlin sollen es 1000 sein.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) gab zu bedenken, die Eröffnung des Berliner Zentrums sei nichts als ein weiterer Versuch, sich in Deutschland als erfolgreiche und expandierende Organisation zu präsentieren. Dabei seien in den letzten Jahren die durchaus zahlreichen werbewirksamen Aktivitäten weitgehend erfolglos geblieben; nicht zuletzt dank einer intensiven Aufklärungsarbeit (www.ekd.de/ ezw/index.php.).

So erklärte beispielsweise EZW-Referent Michael Utsch: Deutschland erweise sich für Hubbards Anhänger als eine schwierige, vielleicht sogar eine unmögliche Mission. Zum einen wisse die Öffentlichkeit recht gut über die Hintergründe und Struktur der Organisation Bescheid und sei so oft nicht mehr bereit, sich auf ein Gespräch einzulassen, „das in einem Rhetorik-Mix der Zeugen Jehovas und einem Direktvertriebsparfum daherkommt“. Zum anderen sei hierzulande die Skepsis gegenüber ideologischen Heilsversprechen aufgrund der leidvollen deutschen Geschichte verständlicherweise groß.

Dagegen attestieren Experten der Organisation in den USA durchaus beträchtlichen Einfluss auf Politik und Wirtschaft. Trotz heftiger öffentlicher Kritik habe sich Scientology dort etabliert und konnte gar den Status der Gemeinnützigkeit erlangen.

Verbot oder Aufklärung?

Andere warnten vor vermeintlicher Verharmlosung. Auch bei anderen extremistischen Gruppen messe man die Gefahr für Staat und Gesellschaft nicht nach Mitgliederzahl. So sprach die in diesen Tagen viel befragte Scientology-Fachfrau des Hamburger Senats, Ursula Caberta, von einer regelrechten Europa-Strategie der Organisation und mahnte, den Versuch politischer Einflussnahme nicht zu unterschätzen. Die Neueröffnung in Berlin stehe in einer Reihe mit vergleichbaren Aktivitäten in Madrid, London und Brüssel. In internen Papieren der Organisation heiße es, man wolle die obersten Ebenen der deutschen Regierung in Berlin erreichen, die nötigen Zufahrtstraßen ins Parlament bauen. Vor diesem Hintergrund, so Caberta, sei durchaus auch ein Verbot der Organisation zu prüfen. Seit 1997 wird Scientology von den Verfassungsschutzämtern der meisten Bundesländer beobachtet, weil man ihr Bestrebungen gegen die freiheitlich demokratische Grundordnung vorwirft. Besorgt zeigen sich Eltern, Lehrerinnen und Leiter benachbarter Berliner Schulen, Schüler und Studenten seien bereits von Werbern angesprochen worden. Der Deutsche Philologenverband wirft der Berliner Schulbehörde erhebliche Versäumnisse bei der Aufklärung über Scientology vor. Die Behörde vernachlässige ihre Fürsorgepflicht. Berlin sei augenscheinlich die Stadt, in der Gerichte und Behörden Scientology nicht nur keine Steine in den Weg legten, sondern diese offensichtlich sogar bereitwillig wegräumten. Fraglos hatte der ganze Vorgang auch seine besondere Berliner Note. Auch unabhängig davon, dass die Stadt für eine solche Organisation besondere Anziehungskraft besitzen muss mit ihrem hohen Anteil an religiös wenig vorgeprägten Menschen, ihrer kaum zu überblickenden Fülle an religiösen und weltanschaulichen Gruppen sowie auch als Brückenkopf nach Mittel und Osteuropa.

Nicht allein die Kirchen sahen sich einmal mehr mit der eigenwilligen Religionspolitik des rot-roten Senats konfrontiert (vgl. HK, Mai 2005, 223 ff.). Die Kirchen in Berlin haben noch an der Degradierung des Religionsunterrichts durch die Einführung eines staatlichen Ethikunterrichts als Pflichtfach im letzten Jahr zu kauen. Innensenator Ehrhart Körting erfuhr von dem neuen Zentrum über die Presse, die zuständige Behörde wurde aufmerksam, als es um die Genehmigung des Schriftzuges mit dem Scientologenkreuz ging. Die Immobilie hatte eine Firma mit nicht identifizierbarem Namen erworben. Dabei ist Berlin das einzige Bundesland, das die Jünger Ron Hubbards nach einem Urteil des Landesverwaltungsgerichts nicht mehr durch seinen Verfassungsschutz beobachten lässt. Die Behörde hatte seinerzeit keine ausreichenden Anhaltspunkte für tatsächlich verfassungsfeindliche Aktivitäten vorlegen können. Nun fordert der Innensenator eine verstärkte politische Auseinandersetzung mit der Organisation, deren Ideologie müsse aufgedeckt, Interessenten müssten aufgeklärt werden.

Die beiden großen Kirchen hielten sich im Vorfeld der Eröffnung eher zurück, offenbar in Sorge, irgendwelche falschen Zuständigkeiten aufgedrängt zu bekommen; das Problem Scientology soll nicht bei ihnen abgeladen werden. Der Sektenbeauftragte des Erzbistum Berlins, Andreas Komischke, warnte so einerseits vor Panikmache. Zugleich riet er aber zu kritischer Beobachtung. Die Wirkung der Organisation auf Politik und Wirtschaft bleibe zwar äußerst gering, die psychischen und finanziellen Schäden bei jedem Einzelnen, der Opfer werde, seien jedoch enorm. Mit Blick auf die Schulen in der Nachbarschaft mahnte der Weltanschauungs-Experte zu forcierter Aufklärung.

Wolf im Schafspelz?

Entschiedener warnte der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, Wolfgang Huber, vor dem „Wolf im Schafspelz“. Methoden und Lehre des nach Gewinn strebenden Wirtschaftsunternehmens hätten mit Wissenschaft – wie der Name suggeriert – und Religion nichts zu tun. Ihre Aggressivität sieht der Bischof vielfach belegt. Auch der Sektenbeauftragte der Landeskirche, Thomas Gandow, weist Anspruch oder Behauptung, Kirche oder Glaubensgemeinschaft zu sein, zurück. Scientology sei nichts als ein totalitäres Wirtschaftsunternehmen, eine totalitäre Organisation, die aggressiv für sich wirbt, antidemokratisch arbeitet, Mitglieder abhängig macht, Kritiker und Aussteiger massiv unter Druck setzt. Zu den Methoden gehörten Rufmord, Verfolgung und körperliche Gewalt gegen Gegner. Nach eigenen Angaben ist Gandow selbst schon Opfer dieser rabiaten Methoden geworden. Die wieder einmal so vehement eingeforderte Beobachtung durch den Verfassungsschutz reicht auch Gandow nicht. Nötig sei vor allem die Aufklärung über Ziele und Methoden, an der sich Schulen, die Partei-Stiftungen sowie die Landeszentrale für politische Bildung beteiligen sollten. Auch Gandow aber klagte, die Organisation werde in Berlin massiv unterschätzt und die Neugründung daher kein Wunder. Besonders in Bayern, Hamburg und Baden-Württemberg sei der Beobachtungsdruck viel größer.

Mit Recht habe die geplante Eröffnung des Berliner Zentrums in der Öffentlichkeit für „Irritation und Protest“ gesorgt, erklärte die EZW in einer Stellungnahme zur Eröffnung. Die EZW charakterisiere die Scientology-Organisation „mit ihren schwer durchschaubaren und weit verzweigten Aktivitäten“ dabei als „Phänomen, in dem sich überzogene Heilsversprechen aus Therapie, Politik, Wirtschaft und Religion in höchst eigenwilliger Weise miteinander mischen“. Der scientologische Weg verheiße die Verwirklichung des Traums vom Übermenschen durch den Besuch kostspieliger Kurse, die persönlichen Erfolg, absolute Freiheit und letztlich Unsterblichkeit garantierten.

Auch die EZW bestreitet der Organisation die Selbstbezeichnung als Religion, Lehre und Praxis stünden dem entgegen. Zuletzt spricht auch sie sich trotz ihres Schwerpunktes bei der Aufklärung dafür aus, die Organisation auch in Berlin wieder durch den Verfassungsschutz beobachten zu lassen.

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