Katholische Theologie in den neuen BundesländernAuf in den Osten

Ostdeutschland gehört zu den am meisten entkonfessionalisierten Regionen der Erde. Dem müssen sich die Einrichtungen, an denen in den neuen Bundesländern katholische Theologie getrieben wird, stellen. Sie tun es durch die Konzentration auf theologische Kernthemen.

Als ein Student aus Leipzig sich in Zürich polizeilich melden wollte, rief er offenbar großes Erstaunen hervor, als er auf die Frage nach der Konfession mit „nein“ antwortete. Das wiederum erstaunte ihn. Diese von der Leipziger Religionssoziologin Monika Wohlrab-Sahr geschilderte, fast kabarettreife Szene wechselseitiger Verwunderung zeigt schlaglichtartig die Herausforderung, der sich die Theologie in den neuen Bundesländern stellen muss: ihr Kerngeschäft, Gott zur Sprache zu bringen, in einer Umgebung zu betreiben, in der die meisten Menschen sogar vergessen haben, dass sie Gott vergessen haben. Dabei musste sie mit der „Wende“ von 1989 selbst eine Wende vollziehen – ein Prozess, in dem sie sich immer noch befindet. Über Jahrzehnte stand die Auseinandersetzung mit der marxistisch-leninistischen Staatsdoktrin im Zentrum. Diese dogmatischen Kämpfe – vereinzelte Dialogversuche wie zum Beispiel die Budapester Konferenz von 1986 eingeschlossen – haben relativ wenig publizistische Spuren hinterlassen, was durch die repressiv kontrollierte mediale Öffentlichkeit bedingt war: Vieles wurde erst rückblickend nach der Wiedervereinigung bekannt. Vor allem die Lehre in den evangelischen, kirchlichen Hochschulen – außerhalb der sechs evangelischtheologischen Universitätsfakultäten – war aber davon geprägt. Das gilt auch für das seit 1952 als Teil des Priesterseminars bestehende Philosophisch-Theologische Studium Erfurt, die einzige katholisch-theologische Hochschule auf dem Gebiet der DDR. Ein intensiver Austausch über den Eisernen Vorhang hinweg, in dem die ostdeutsche Theologie einige eigene Akzente setzen konnte, hat wesentlich dazu beigetragen, dass nach 1989 diese Hochschulen anders als entsprechende Einrichtungen in anderen sozialistischen Staaten sofort an den westeuropäischen Standard anschließen konnten.

Den nun für die Theologie als solche notwendigen Übergang in ein neues Diskursfeld markierte Ehrhart Neuberts „Gründlich ausgetrieben“ (Berlin 1996). Die Studie stand noch ganz im Bann der vormaligen Auseinandersetzung, konnte aber aus religionssoziologischer Perspektive die Augen für ein Milieu öffnen, das sich bisher hinter dem Pulverdampf der ideologischen Scharmützel verbarg und weniger vom Marxismus-Leninismus als von einer weitflächigen und inzwischen über Generationen hinweg tief verwurzelten weltanschaulichen und entsprechend auch religiösen Indifferenz geprägt war. Ostdeutschland ist so areligiös, wie Bayern katholisch ist. Es gehört – zusammen mit dem böhmischen Teil Tschechiens – zu den am meisten entkonfessionalisierten Regionen der Erde: Mindestens zwei Drittel der Bevölkerung – Stadt und Land umfassend – sind betroffen, Tendenz immer noch steigend. Eine Ursachenkonstellation, die weit hinter den massiven ideologischen Druck der Nachkriegsära, nämlich bis in die frühmittelalterliche Missionsgeschichte, zurückreicht und unter anderen Reformation und Aufklärung, verspätete Industrialisierung und sozialistische Arbeiterbewegung sowie die jüngsten deutschen Geschichtskatastrophen umfasst, hat in dieser Hinsicht eine Normalität erzeugt, welche für Auswärtige kaum vorstellbar ist (die eingangs geschilderte Szene macht es deutlich). Dass sie nach wie vor zumeist unterhalb der Radarschirme der Theologie, der Religionsphilosophie und der Religionswissenschaften bleibt, liegt wohl auch an der sententia communis,der Mensch sei „unheilbar religiös“ (Nikolai Alexandrowitsch Berdjajew), so dass Religion eigentlich nicht verschwinden, sondern nur unsichtbar werden könne. In den neuen Bundesländern drängt sich dieses angebliche Unsichtbarwerden allerdings in einer Weise auf, dass es das wissenschaftliche Geschäft fast aller in den genannten Bereichen Lehrenden und Forschenden zumindest hintergründig beeinflusst – die Akzentuierungen sind freilich je nach Fachkultur und institutioneller Umgebung verschieden. Zunächst ist vor allem die Religionssoziologie mit der außergewöhnlichen Sachlage konfrontiert. Seit sie nach 1989 an Kraft gewonnen hat, hier ist vor allem Detlef Pollack (Frankfurt/Oder) zu nennen, steht inzwischen verlässliches empirisches Material reichhaltig zur Verfügung, wobei dessen Interpretation wie üblich strittig ist. Da es, soweit feststellbar, keine nennenswerte außerkirchliche Religiosität gibt (Ostdeutsche fahren auch kaum zum Dalai Lama), erscheinen die sonst notwendigen Differenzierungen zwischen Religiosität, Christlichkeit und Kirchlichkeit obsolet. Folglich wird wieder stärker eine kirchensoziologische Perspektive eingenommen – nach Thomas Luckmanns Entdeckung der invisible religion gewissermaßen eine der Todsünden der Religionssoziologie.

In diesem Kontext erscheint Ostdeutschland immerhin als „Ausnahme“, die nicht nur wegen des weltweit höchsten Bevölkerungsanteils an „bekennenden“ Atheisten (rund 25 Prozent, vgl. World Values Survey 1995–1997), sondern auch wegen der vielen „Unentschiedenen“, „Indifferenten“, „Unreligiösen“, „negativen Atheisten“ oder wie auch immer die Bezeichnungen lauten, zunehmend sogar internationale Aufmerksamkeit auf sich zieht – beispielsweise aus den USA. Die klassische Säkularisierungsthese, inzwischen verschiedentlich abgeschwächt oder sogar schon verabschiedet, kommt dabei erneut auf den Prüfstand und muss wohl für diesen Teil Europas revitalisiert werden.

Niemals traf die Verkündigung großflächig auf überhaupt keine Religion

Einen weiteren universitären Bereich außerhalb der Theologie, der unmittelbar betroffen ist, stellt das Lehramtsstudium für Ethik oder für das brandenburgische Fach „LER“ (Lebensgestaltung – Ethik – Religionskunde) dar, das neben anderen auch von Lehrkräften mit katholischem Hintergrund getragen wird, so beispielsweise an der Universität Potsdam. Wie sehr die Notwendigkeit zur permanenten Situationsanalyse hinsichtlich ihrer religionswissenschaftlichen und philosophischen Konsequenzen besteht, zeigten jüngst Referate der Betroffenen bei der Aachener Tagung der Görresgesellschaft (Marie-Luise Raters über den aristotelischen „Gott ohne Gestalt“) oder in der Katholischen Akademie in München (Johann Evangelist Hafner über die Unterscheidung zwischen hoher und niedriger Transzendenz). Vorrangig ist allerdings naturgemäß die Vermittlung des bisher fast völlig ausgeblendeten Religionsbereichs an das zukünftige Schulpersonal. Dabei kann an dessen vorsichtige, auf sichere Distanz bedachte Neugier gegenüber den unbekannten religiösen und spirituellen Lebensoptionen angeknüpft werden. Denn während in Berlin anscheinend die ideologischen Grabenkämpfe der vorletzten Jahrhundertwende wiederholt werden, ist eine aggressive Antikirchlichkeit, wie sie eher für Westdeutschland kennzeichnend ist, in den neuen Bundesländern – vor allem bei den Jüngeren – eher selten.

Kirchengeschichtlich wie global gesehen ist die Adressatenlage außergewöhnlich: Niemals traf die kirchliche Verkündigung großflächig auf überhaupt keine Religion. Eine entschieden missionstheologische Perspektive findet sich universitär eher auf evangelischer Seite (wohl auch motiviert durch ihre volkskirchliche Vergangenheit). So hat die Greifswalder Fakultät ein eigenes „Institut für die Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung“ gegründet, das jedoch religionssoziologische und katholisch-theologische Fachkompetenz einbezieht, wie eine Tagung im Oktober 2005 über „Gemeindepflanzung“ als mögliches Modell für die Kirche der Zukunft verdeutlichte. Während die diesbezügliche Publikation noch zu erwarten ist, hat der so genannte „Ökumenisch-Theologische Arbeitskreis“ einen Bericht „Gemeinsame Aufgaben der Kirchen in der säkularen Situation der neuen Bundesländer“ vorgelegt („Ökumenische Rundschau“ 53 [2004] 3–16), in welchem allerdings – mit Karl Barths Kritik im Rücken – bestritten wird, dass „Religionslosigkeit“ der geeignete theologische Ansatzpunkt für die Bewältigung dieser Situation sein kann.

In diesem Umfeld agiert auch die Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Erfurt. Sie ist seit über fünfzig Jahren die einzige Hochschuleinrichtung dieser Art zwischen Fulda und Breslau. Zwei kleinere universitäre Einrichtungen an ostdeutschen Philosophischen Fakultäten vor allem für das Lehramt Katholische Religion kamen neu hinzu: das Institut für Katholische Theologie an der Technischen Universität Dresden (mit drei Lehrstühlen, seit 1994), an welchem durch Albert Franz und Monika Scheidler auch eine auf die konfessionelle Situation der neuen Bundesländer orientierte Forschung betrieben wird, sowie das erst neuerlich vollbesetzte Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Martin-Luther-Universität Halle (mit zwei Lehrstühlen). In welcher Weise sich die Erfurter Fakultät den Herausforderungen stellt, kann ihre Festschrift für ihren ehemaligen Professor und jetzigen Ortsbischof, Joachim Wanke, zeigen (Christi Spuren im Umbruch der Zeiten, Leipzig 2006). Themen wie eine denkbare Areligiosität oder Marktchancen der Kirche, verantwortlicher Umgang mit den alttestamentlichen Schöpfungsaussagen, Auferstehungsglaube oder neue kirchliche Feierformen im nichtkonfessionellen Umfeld (um wieder nur einiges zu nennen) erscheinen zunächst als wenig spektakulär und letzteres im Blick auf die bahnbrechenden Initiativen wie die Feier zur Lebenswende für ungetaufte Jugendliche an der Erfurter Bischofskirche sogar als nahe liegend. Anders aber, wenn die Lebensläufe und die vorherigen Forschungsschwerpunkte der Mitglieder des Erfurter Professorenkollegiums einbezogen werden, von denen viele nicht aus den neuen Bundesländern kommen (ein Viertel sind übrigens Frauen): Dann wird die neue Schwerpunktsetzung, aber auch das Suchende der theologischen Forschung angesichts der veränderten politischen Rahmenbedingungen seit 1989 und der regionalen konfessionellen Verhältnisse augenfällig.

Beste Voraussetzungen für wissenschaftliche Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen

Einen solchen Perspektivwandel in statu nascendi konnte kürzlich die Zuhörerschaft der Antrittsvorlesung „Missionarisch Kirche sein“ anlässlich der Neubesetzung des Lehrstuhls für Pastoraltheologie und Religionspädagogik erleben, als sich die aus Wien gekommene neue Lehrstuhlinhaberin Maria Widl in immer wieder eingestreuten Nebenbemerkungen von ihrem bisherigen Forschungsschwerpunkt „Religion in der Postmoderne“ aus in die anders erscheinende ostdeutsche Sachlage vortastete.

Einige Konturen zeichnen sich inzwischen deutlicher ab: Erstens die Forderung nach einer konkreten Theologie in einem ähnlichen Sinn, wie sie Merleau-Ponty für die Philosophie stellte: „Sie muss sich sehr eng an die Erfahrung halten und darf sich dennoch nicht auf die Empirie beschränken; sie hat in jeder Erfahrung die ontologische [in unserem Fall: die theologische] Chiffre wiederherzustellen, von der sie innerlich gezeichnet ist(...) das unmittelbarste Leben ist selbst ,philosophisch‘ [hier: ,theologisch‘] geworden“ (zit. nach Bernhard Waldenfels, Phänomenologie in Frankreich, Frankfurt 1998, 49). Entsprechend hat die Erfurter Fakultät als Forschungsschwerpunkt: „Minderheit – Migration – Mission. Katholizismus im öffentlichen Raum der Gegenwart unter besonderer Berücksichtigung der historischen Situation Ost- und Mitteldeutschlands“ und eine auf diese Perspektive speziell zugeschnittene Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte. Eine solche Akzentuierung ist aber angemessen nur interdisziplinär zu erreichen, wobei jede Fachkultur das profiliert Ihrige beizutragen hat. Insofern erwies sich die fast reibungslose Integration des vormaligen Philosophisch-Theologischen Studiums in die Universität Erfurt im Januar 2003 als Glücksfall, da diese mit ihrem kultur-, sozial- und geisteswissenschaftlichen Profil und einem starken religionswissenschaftlichen Schwerpunkt (Vergleichende Religionswissenschaft, Judaistik, Islamistik, Orthodoxie, Martin-Luther-Institut für Evangelische Theologie) beste Voraussetzungen für eine wissenschaftliche Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Ebenen bietet. Die Rahmenordnung aller Fächer sieht ein prüfungsrelevantes interdisziplinäres Studium fundamentale vor, welches nicht nur die Studierenden mit anderen als den gewählten Fächerkulturen bekannt macht und damit auch Nichtchristen in theologische Lehrveranstaltungen bringt – Probleme mit der erhofften „Horizontverschmelzung“ inklusive –, sondern auch die jeweils mindestens zwei Dozierende zu einer intensiven fachübergreifenden Kommunikation zwingt. Aus dieser Konstellation ist ein Interdisziplinäres Forum Religion hervorgegangen, das Lehrkräfte und Promovierende verschiedener Fachbereiche, die in irgendeiner Weise mit dem Thema „Religion“ befasst sind, zusammenführt und das schon mehrmals, über die Universität hinausreichend, einen Promotionspreis „Religion und Ethik“ ausschreiben konnte. Frucht dieser Kooperation ist ein Bündel von Forschungsprojekten unter dem Leitthema „Religionen in Nachbarschaft“ (Vgl. auch die Reihe „Vorlesungen des Interdisziplinären Forums Religion“, die im Aschendoff Verlag, Münster, erscheint: Hg. jeweils Christoph Bultmann u. a., Band 1: Religion – Gewalt – Gewaltlosigkeit, 2004; Band 2: Heilige Schriften. Ursprung, Geltung und Gebrauch, 2005 [beide noch ohne Reihenvermerk]; Band 3: Mahnung und Warnung. Die Lehre der Religionen über das rechte Leben, 2006). Ein weiterer Kooperationspartner aus der Zeit schon vor der Integration ist das Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität, zu deren ersten Promovenden auch ein Erfurter Diplomtheologe gehörte. Dessen Direktor Hans Joas – ein aus internationaler Erfahrung kundiger Kritiker der klassischen Säkularisierungsthese und engagierter Teilnehmer an der Wertedebatte – war auch einer der Initiatoren des von der Bundesregierung geförderten Verbundprojekts „Mobilisierung von Religion in Europa“, bei dem nun neben staats- und religionswissenschaftlichen auch mehrere Lehrstühle der Katholisch-Theologischen Fakultät involviert sind.

Nach einer der Ausgangslage angemessenen Gestalt kirchlicher Aktivitäten fragen

Ähnliche Schwerpunkte setzt die internationale Kooperation mit der Universität Tilburg/Niederlande, nähert sich doch Westeuropa als „kirchliches Katastrophengebiet“ (Peter L. Berger) stellenweise ostdeutschen Verhältnissen. Die Suche nach „Routes of Transcendence“ ist der Tilburger Forschungsschwerpunkt. Hinter all diesen Themen steht die Absicht, die spezielle Situation der neuen Bundesländer im größeren Kontext einer Dynamik religiöser Kräfte zu verorten: Inwieweit wird eine angebliche „Wiederkehr der Religionen“ mit ihrer diffusen Phänomenalität und all ihren – auch in theologischer Hinsicht bestehenden – Ambivalenzen Auswirkungen auf ein bisher religionsresistentes Territorium haben? Wo liegen dann hier die Anknüpfungspunkte? Verschiebt sich die deutsche Ost-West-Differenz der Konfessionalität allmählich (wieder) zur west- und mitteleuropäischen Nord-Süd-Differenz? Welche internationalen Allianzen in der Theologie sind dann forschungsstrategisch mehr und welche weniger fruchtbar, wenn diese konkret bleiben will?

Die zweite bemerkbare Konturierung der tastenden Versuche in einem außergewöhnlichen konfessionellen Umfeld ist die Konzentration auf theologische Kernthemen. Dass die durch die interne Kirchenkritik geprägten Auseinandersetzungen – gemessen an der Hitze der Debatten andernorts – in den neuen Bundesländern relativ moderat verlaufen und entsprechende Initiativen ein eher schwaches propagandistisches Echo erzeugen, mag zunächst an der noch vorhandenen Festungsmentalität der über Jahrzehnte (nämlich in der Zeit des Nationalsozialismus wie des „real existierenden“ Sozialismus) bedrohten Kirchgemeinden liegen: Angesichts des Feindes vor den Toren war wenig Lust auf Streit untereinander, und eine katholische Kirche unter politischem Druck zeigt erfahrungsgemäß deutlicher ultramontanistische Tendenzen als eine, die sich in ihren Initiativen nach allen Richtungen ausbreiten darf und dabei allerdings auch in die Gefahr einer weniger profilierten Identität geraten kann. Da diese Geschlossenheit der Gemeinden und ihres Denkens offenbar zunehmend aufbricht – bedingt auch durch eine verstärkte Mobilität ihrer Mitglieder –, wäre zumindest in gewissem Maße eine Übernahme westdeutscher Problemlagen erwartbar. Dem wirkt ein sanfter Druck, welcher der Gesprächserfahrung mit der religiös indifferenten Umgebung geschuldet ist, entgegen: Sobald nämlich die Vorgeplänkel der meist medieninduzierten Strittigkeiten abgearbeitet sind, wird schnell klar, dass auf der anderen Seite das Interesse an innerkirchlichen „heißen Eisen“ theoretischer und praktischer Natur relativ gering ist und stattdessen der Fokus sich vornehmlich auf Fragen nach Religion, Spiritualität und Christentum „überhaupt“ richtet. Einem angeblich von Chesterton stammenden Bonmot zufolge reicht es nicht, Latein zu können, um Charles diese Sprache beizubringen, man müsse vor allem Charles kennen. Dass auch die Studierenden der Theologie trotz ihrer zumeist religiösen Sozialisation von den Fragestellungen ihrer Umgebung angesteckt sind, ist klar. Will die Theologie also weiterhin die ihr angemessene Rolle der orientierend-kritischen Begleiterin des regionalen kirchlichen Lebens spielen, muss sich ihre Reflexion in den vor allem religionsphilosophischen und fundamentaltheologischen Themenfeldern konzentrieren und zum Beispiel nach dem Phänomen des homo areligiosus, nach seiner vielleicht verdeckten Gottessehnsucht und nach einer dieser Ausgangslage angemessenen Gestalt der kirchlichen Aktivitäten fragen.

Verschiebung der Gewichte in der kirchlichen Selbstreflexion

Dabei scheint besonders die Frage „Warum überhaupt Religion?“ infolge des 11. September 2001 eine stark kulturwissenschaftliche Konnotation zu erhalten. Das macht bei aller Problematik des Begriffs einen cultural turn der Theologie notwendig, ohne dass sie dabei zur Religionswissenschaft mutieren darf. Die Erfurter Katholisch-Theologische Fakultät hat im Hinblick auf diese Problemlage zusätzlich zu den zwölf ständigen einen für mehrere Jahre drittmittelfinanzierten „Lehrstuhl für christliche Weltanschauung, Religions- und Kulturtheorie“ (Jürgen Manemann) installiert, der in Lehre und Forschung eine Brücke in das kulturwissenschaftlich orientierte Umfeld der Universität schlagen soll. Die dritte sich abzeichnende Konturierung betrifft eine Verschiebung der Gewichte in der kirchlichen Selbstreflexion, markant angesprochen im Interview Josef Ratzingers „Salz der Erde“ (Stuttgart 1996, 17): „Vielleicht müssen wir von den volkskirchlichen Ideen Abschied nehmen.“ Lange Zeit galt die Diaspora als Außenposten der Volkskirche, auf die als ihre eigentliche Heimat geschaut wurde und von der die Diaspora überlebensnotwendig abhängig war. Der Wandel von einer eher selbstgewissen zu einer zunehmend selbst-unsicheren Volkskirche bei gleichlaufender Umpolung der Schwerpunktsetzung macht sich inzwischen durch ein verstärktes Interesse an der Pastoral in einer Minderheitssituation bemerkbar. Immer mehr kirchliche Initiativen aller Art verlangen auf Tagungen und Weiterbildungen Berichte und Reflexionen aus den neuen Bundesländern, wenn sie nicht sogar mit ihren Mitgliedern selbst dorthin „pilgern“, um sich vor Ort ein Bild zu machen und Anregungen aufzunehmen. Die „Besser-Wessi“„Jammer-Ossi“-Polarisierung scheint sich im Raum der katholischen Kirche in ihr regionales Gegenteil zu verkehren. Resignation und Defätismus sind natürlich auch in ostdeutschen kirchlichen Institutionen und Diasporagemeinden reichlich zu finden, wobei besonders die wirtschaftliche Situation der meisten Bistümer die ganze Fragilität der Verhältnisse offen legt und jede Art emanzipatorischen Auftrumpfens lächerlich werden lässt. Trotzdem herrscht eine nach vorn ausgreifende, hoffnungsvolle Tendenz vor – zumindest aus der Außenperspektive: So wurde in unüblicher Weise dem Papier der deutschen Bischofskonferenz „Zeit der Aussaat. Missionarisch Kirche sein“ (erschienen 2000) ein „Brief eines Bischofs aus den neuen Bundesländern über den Missionsauftrag der Kirche für Deutschland“ angefügt, dessen Erfurter Autor Joachim Wanke das im Grundtext forcierte Bild des Sämanns durch das Bild vom Gastmahl ergänzte: Zielpunkt missionarischen Bemühens scheint aus seiner Perspektive eher das Fest zu sein als ein quantifizierbarer und ständig bedrohter Ernteerfolg, wobei durchaus auch eine Umorientierung von der missionarischen Einbahnstraße hin zum ökumene-ähnlichen Dialog unter Gleichrangigen, der alle Beteiligten verändert, herausgehört werden kann. Eine konstruktiv-kritische Atmosphäre – kirchlich und inneruniversitär – hat einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf das theologische Geschäft (wie gegenteilige Konstellationen andernorts eindrücklich belegen können). Auch außerhalb der neuen Bundesländer – nicht zu vergessen der gesamte osteuropäische Raum, zu dem teilweise noch aus DDR-Zeiten stammende gute Beziehungen existieren – spricht sich das herum, wie die Studierendenzahlen signalisieren. Wenn auch das Limit der fakultären Lehrkapazitäten bei derzeit etwa 180 Studierenden aller Sparten (Lehramt, Diplom, Promotion) noch lange nicht erreicht ist und von einer speziell Erfurter „Theologie der Gegenwart“ (so der Titel der bekannten Fachzeitschrift, die neuerdings von der Fakultät herausgegeben wird) zu sprechen überzogen wäre, so dürften doch die ersten Schritte auf dem Weg zu einer auf die neue konfessionelle Situation zugeschnittenen Theologie getan sein.

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