PolenDreißig Jahre Maximilian-Kolbe-Werk

Am 19. Oktober 1973 wurde das Maximilian-Kolbe-Werk gegründet, das sich mit seiner Unterstützung für ehemalige polnische KZ-Häftlinge große Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Polen erworben hat. Bei den Jubiläumsveranstaltungen ging es auch um die aktuellen deutsch-polnischen Irritationen.

Gewöhnlich werden 30. Jahrestage nicht groß gefeiert. Eine Ausnahme machte jetzt das am 19. Oktober 1973 gegründete Maximilian-Kolbe-Werk, wobei es aber weniger um Jubiläums Routine ging, sondern um eine Art Innehalten. Dass der Zeitpunkt nicht beliebig anders hätte gewählt werden können, machte ungewollt eine Panne zu Beginn des Berliner Teils der auf drei Stationen aufgeteilten Gedenkveranstaltungen deutlich: Die Hälfte der Plätze im Auditorium der Katholischen Akademie in Berlin blieb zunächst leer – die Gäste aus Polen und der Ukraine waren an der Grenze aufgehalten worden. In zehn bis 15 Jahren, sagte später der frühere Ministerpräsident Bernhard Vogel, von 1984 bis 1992 Präsident des Kolbe-Werkes, werde das Werk seine ursprüngliche Aufgabe – als Hilfswerk für KZ-Überlebende im Dienste der Versöhnung – erfüllt haben.

Die gezielteste Aussöhnungsinitiative

In dieser Hinsicht hat das Werk in den vergangenen drei Jahrzehnten sicher mehr erreicht, als seine Gründer zu hoffen gewagt hätten. Es war vor allem Alfons Erb (1907–1983), seinerzeit Vizepräsident von Pax Christi, der mit einer ersten „Sühnewallfahrt“ der deutschen Sektion der katholischen Friedensbewegung 1964 nach Auschwitz den Stein ins Rollen gebracht hatte. Aus der finanziellen Unterstützung der Reisegruppe für ehemalige Häftlinge, die sie in Auschwitz getroffen hatten, wurde eine Aktion „Solidaritätsspende“. 1973, nach Abschluss des Warschauer Vertrags und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Polen, wurde dann auf Vorschlag Erbs durch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und 13 katholische Verbände das Maximilian-Kolbe-Werk gegründet. Erb wurde sein erster Geschäftsführer, gefolgt 1982 von seiner Tochter Elisabeth (1932–2000).

Zu Beginn wurden die Schritte der Versöhnung in Richtung Polen in beiden Ländern mit Misstrauen verfolgt und stießen nicht nur auf staatlicher, sondern auch auf kirchlicher Seite auf Zurückhaltung, wie der polnische Historiker Arkadiusz Stempin bei der Berliner Tagung Ende September hervorhob. Stempin, der an einer Dissertation über die Arbeit des Kolbe-Werks arbeitet, würdigte den Solidaritätsspende-Fonds und das Kolbe-Werk als „die gezielteste, langfristigste deutsche Aussöhnungsinitiative, die in dem ganzen, oft dramatisch verlaufenen Annäherungsprozess zwischen Deutschland und Polen je ergriffen wurde“. In Deutschland kollidierte die Inititative in den sechziger Jahren nach seiner Darstellung mit der „vorwurfsvollen Haltung eines größeren Teils des katholischen Milieus gegenüber Polen“ auf dem Hintergrund der Erfahrung der Vertreibung. In Polen pflegten die regierenden Kommunisten das westdeutsche Feindbild. Die Bischöfe beider Länder hatten zwar 1965 eine viel beachtete gegenseitige Vergebungsbitte ausgesprochen, das Verhältnis der Episkopate zueinander war aber noch lange kompliziert und von diplomatischen Rücksichtnahmen auf die jeweiligen nationalen Interessen beeinflusst. Allerdings hatte bereits 1964 der damalige Erzbischof von Krakau, Karol Wojtyla, mit den Teilnehmern der „Sühnewallfahrt“ einen Gottesdienst in deutscher Sprache gefeiert. Mit dieser Geste der Versöhnung sei der heutige Papst selbst „an den Anfängen beteiligt“ gewesen, die später zur Gründung des Kolbe-Werkes führten, wie Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano in seinem Grußwort zum Jubiläum hervorhob.

Auch wenn das Werk nie so populär wurde wie etwa das – übrigens auch von Alfons Erb initiierte – Hilfswerk Misereor oder die anderen großen katholischen Werke, ist die Bilanz der vergangenen 30 Jahre beachtlich. In Polen und anderen osteuropäischen Ländern wurden Hilfen im Umfang von 56 Millionen Euro geleistet, von denen 34 Millionen Euro aus Spenden und 13 Millionen Euro aus Kollekten stammten.

Im Mittelpunkt stehen die Opfer

Neben der personenbezogenen finanziellen Hilfe für KZ- und Getto-Überlebende – derzeit erhalten noch rund 3000 Personen Beihilfen für ihren Lebensunterhalt – organisiert das Werk Erholungs- und Begegnungsaufenthalte für jährlich etwa 400 ehemalige Häftlinge in Deutschland, Zeitzeugen-Gespräche in deutschen Schulen, Kuraufenthalte in Polen sowie persönliche Begegnungen ehrenamtlicher Mitarbeiter mit KZ-Überlebenden in Polen und GUS-Ländern.

Die vielen persönlichen Begegnungen sind nach Aussagen aller Beteiligten dabei noch wichtiger als die finanziellen Hilfen. „Wir fühlen uns immer wieder reich beschenkt“, formulierte es stellvertretend für die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Kolbe-Werks Christine Küpper aus Lörrach. Die besuchten Überlebenden hätten es oftmals wie eine zweite Befreiung erfahren, dass es in Deutschland Menschen gebe, die sich auf diese Weise an ihr Schicksal erinnerten. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, dessen verstorbener Bruder Reinhold zu den Gründungsmitgliedern des Kolbe-Werkes gehörte und mehrere Jahre dessen Vorsitzender war, bezeichnete es denn auch als „große Gnade“, dass das Werk unter den ehemaligen Opfern Männer und Frauen gefunden habe, „die den ersten Schritt taten“. Lehmann betonte in Berlin, angesichts der schuldbehafteten Geschichte könne das Jubiläum des Kolbe-Werks „nicht einfach als Erfolgsgeschichte“ gefeiert werden, allenfalls sei eine „verhaltene, diskrete und demütige Freude“ angemessen. Versöhnung könne nicht erzwungen werden und sei „auch durch noch so ausgefeilte Sozialtechniken nicht machbar“, so der Mainzer Bischof. Schon gar nicht dürfe sie den Opfern gleichsam abverlangt werden. Das Kolbe-Werk habe von Anfang an die Opfer in den Mittelpunkt gestellt und damit zum Ausdruck gebracht, dass es Versöhnung zwischen Deutschland und seinen Nachbarn nicht mit dem Rücken zu denen geben könne, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft besonders gelitten hätten.

Aktuell dominiert die Diskussion über das geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ die Beziehungen zwischen Deutschland und vor allem seinen polnischen und tschechischen Nachbarn. Auch für das Kolbe-Werk und die von ihm nach Berlin eingeladenen Gäste bildete sie einen unvermeidlichen Bezugspunkt. Die Sorge vor wieder auftauchenden „Gespenstern“ aus der Vergangenheit, wie es der Gnesener Erzbischof Henryk Muszynski ausdrückte, vor wiederbelebten Klischees auf beiden Seiten war groß. Zugleich herrschte übereinstimmend die Auffassung, diese Diskussion dürfe nicht unterdrückt, sondern müsse geführt werden. Das deutsch-polnische Verhältnis habe auch einen Stand erreicht, „der durch die aktuelle Kontroverse nicht mehr dauerhaft zu gefährden ist“, meinte Vogel. Er rief dazu auf, durch „qualifizierte Sachbeiträge“ zu der Debatte beizutragen. Muszynski warb einerseits um Verständnis für die in Polen nach wie vor bestehenden Ängste. Immerhin könnten die Polen auch über die selbst erlittene Vertreibung erst seit dem Ende des Kommunismus offen sprechen. Allerdings müsse die Komplexität des Geschehens einschließlich seiner Ursachen dargestellt werden. Gefordert sei Empathie für das Leiden der anderen, nicht die „Stigmatisierung des eigenen Leidens“. Auch der Berliner Erzbischof, Kardinal Georg Sterzinsky, hob hervor, ein solches Gedenken könne nur weiterführen, „wenn es getragen wird von der Bereitschaft zur Versöhnung“.

Und ZdK-Präsident Hans Joachim Meyer bat die „polnischen Freunde“ um Verständnis dafür, „dass es auch eine Sache der innerdeutschen Gerechtigkeit ist, wenn wir über das Leid jener vertriebenen und geflüchteten Deutschen sprechen, die sehr viel härter für die deutsche Schuld büßen mussten als die Mehrheit der Nation“. Darüber würden aber auch die Polen nicht vergessen, „die ebenfalls durch den Krieg ihre Heimat verloren“.

Für das Kolbe-Werk selbst fällt diese Diskussion in eine Zeit, in der wichtige Weichenstellungen für die künftige Arbeit erforderlich sind. Bernhard Vogel ging in seiner Festansprache ausdrücklich darauf ein. Noch lebten allein in Polen etwa 20 000 KZ-Häftlinge, also müsse weiter um Spenden geworben werden, müssten Zeitzeugen-Gespräche mit jungen Deutschen, die „durch nichts zu ersetzen“ seien, intensiviert werden, müsse den Betroffenen Hilfe in der letzten Lebensphase geleistet werden. Doch müssten sich die Verantwortlichen jetzt Gedanken über den „Zeithorizont“ von zehn bis 15 Jahren hinaus machen. Der langjährige ZdK-Generalsekretär und amtierende Präsident des Kolbe-Werks, Friedrich Kronenberg, hat angeregt, das Werk solle sich künftig als gemeinsame deutsch-polnische Initiative anderen Opfern von Menschenrechtsverletzungen in Europa, etwa auf dem Balkan, in Weißrussland oder in der Ukraine, zuwenden. Dem schloss sich auch Vogel an. Versöhnung in Europa gelinge nur, „wenn immer wieder Männer und Frauen stellvertretend für die Täter von Unrecht und Gewalt das Leid der Opfer von Unrecht schultern und sich in den Dialog und in die Begegnung mit Opfern und Tätern begeben.“ Dieser Gedanke der Stellvertretung sei ein Kerngedanke des Werks, das den Namen Maximilian Kolbes trage.

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