Jakob besetzt fast ständig das Schaukelpferd

Frage aus der Praxis
© Florian Nütten

FRAGE AUS DER PRAXIS:

“Jacob (2;8 J.) besetzt fast ständig das Schaukelpferd, sodass andere Kinder es kaum nutzen können. Woran liegt das und wie lässt sich Streit verhindern?“

(Laura Weber aus Neuwied)

ANTWORT DER EXPERTIN:

Jakob genießt offensichtlich die Schaukelbewegungen. Mit Freude gerät er aus dem Gleichgewicht, um durch die Bewegung in eine neue Balance zu kommen. Dies ist eine Grunderfahrung der Motorik. Unser Körper lässt sich nur durch ständige Schwerpunktverlagerung im Gleichgewicht halten. Daher gilt es, diesen Sinn regelrecht zu trainieren. Wie Klaus Zimmer (1993), Professor für biologische Psychologie, feststellt, beginnt sich das Gleichgewichtsorgan im Ohr bereits zwischen der sechsten und achten Schwangerschaftswoche zu formen. Bis zur zehnten Woche bilden sich seine Nervenbahnen, die sich um die 21. Woche stabilisieren. Dieses Sinnessystem formiert sich als Erstes. Das Kind ist daher von Anfang an ständig vestibulären Reizen ausgesetzt und empfindet diese i. d. R. auch nach der Geburt als sehr angenehm, bspw. wenn die Eltern es tragen. Sobald es dem Kind motorisch möglich ist, sucht es diese Reize weiterhin gezielt, stellt Motologe Richard Hammer (2019) fest. Den neurologischen Prozess, bei dem das Gehirn Sinnesreize ordnet und bewertet, nennt man Sensorische Integration. Diese ermöglicht es dem Menschen, sich seiner Umwelt gegenüber angemessen zu verhalten.
Jakob befindet sich momentan in der sog. sensitiven Periode (Wygotski 1964) der Gleichgewichtsentwicklung und sucht gezielt entsprechende Wahrnehmungen. Sobald er diesen Sinn fürs Erste gesättigt hat, wird er sich wieder verstärkt anderen Aktivitäten zuwenden. Wenn die anderen Kinder beobachten, wie lustvoll Jakob auf dem Schaukelpferd sitzt, möchten sie das natürlich auch erleben. Und angesichts der oben erläuterten Hintergründe ist es wichtig, allen Kindern möglichst viele vestibuläre Anreize anzubieten. Eine Möglichkeit ist es, mind. noch ein weiteres Schaukelpferd anzuschaffen und mit den Kindern viel ins Außengelände bzw. auf den Spielplatz zu gehen, um zu schaukeln. Dort finden sie weitere Spielgeräte, die den Gleichgewichtssinn ansprechen, bspw. Federspielund Drehgeräte, Wippen und Karussells. Auch mithilfe einer in mehreren Gymnastikreifen platzierten Turnmatte lässt sich eine Schaukelmöglichkeit gestalten. Sinnvoll sind zudem Deckenaufhängungen, bestückt mit einer Hängematte oder einem Segeltuch, in der/dem mehrere Kinder Platz haben. Eine Einpunktaufhängung ermöglicht neben den Schwing- auch Drehbewegungen. Doch Vorsicht: Was dem einen Kind noch zu wenig ist, überfordert schnell ein anderes Kind.

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