Zum Holocaust-GedenktagGott weint

Wenn die Welt am 27. Januar der Opfer des Nationalsozialismus gedenkt, dann wird auch die Dimension unserer Verantwortung deutlich, betont unser Autor, deutscher Priester in Auschwitz.

In Häftlingserinnerungen ist oft Hunger ein großes Thema. Anderen das Brot stehlen oder seins teilen? Kampf ums eigene Leben oder opferbereite Liebe?

Ich wäre seinerzeit wohl nicht Lagerinsasse, sondern deutscher Bewohner der Stadt Auschwitz gewesen, vielleicht mit einem Job bei IG Farben. Hätte ich das Leid der Häftlinge ernst genommen oder mich nur darum gekümmert, mein eigenes Leben zu gestalten? Hätte ich gedacht, das Lager geht mich nichts an, das kann ich sowieso nicht ändern, es ist zwar nicht schön, aber vielleicht nötig für die Zukunft Deutschlands? Oder hätte ich begriffen, dass da Verbrechen geschehen, die aufhören müssen, die jemand stoppen muss, und dass vielleicht ich dafür verantwortlich bin – und nicht nur „die da oben“? Hätte ich den Mut gehabt, etwas zu tun? Ich weiß nicht, wie ich mich damals verhalten hätte. Aber ich sollte mich fragen: Wie verhalte ich mich heute?

Nicht selten haben mir Überlebende von einem „guten Deutschen“ erzählt, der etwa auf der Arbeit sein Butterbrot für sie liegen ließ. Daran hätten sie gemerkt, dass der „auch ein Herz hatte“. Mich beschämen solche Sätze. Warum war das eine Ausnahmeerfahrung? Wenn alle Deutschen „ein Herz gehabt“ hätten, wäre der Horror nicht geschehen. Deshalb ist mir die Frage nach unserem Herzen und nach unseren herzlichen Beziehungen zum zentralen Thema „nach Auschwitz“ geworden. Das gilt auch für die Herausforderungen von heute, angefangen beim direkten Umfeld, in dem wir leben, bis hin zu den großen Konflikten der Kriege in der Ukraine und im Heiligen Land und unserem Verhältnis zur globalen Bevölkerung.

Können wir mit Liebe die Welt verändern? Ich bin davon überzeugt. Auch wenn Panzer und Raketen manchmal nötig erscheinen; sie dürfen nie das Antlitz der anderen verdecken. Wie viel investieren wir in Waffen? Wie viel Energie investieren wir in die Suche nach Begegnung? Liebe – oder, wem das zu kitschig klingt: Achtung vor der Menschenwürde aller anderen – muss gewagt werden, muss opferbereit sein.

Das ist mein Glaube: Gott liebt uns, alle Menschen, die er geschaffen hat, und er schaut uns alle mit Liebe an. Und er weint. Er weint, weil wir leiden, er weint aber auch, weil wir schuldig werden und anderen Leid zufügen. Deshalb müssen wir verstehen, dass unsere Feinde von Gott geliebt sind. Dass wir alle Brüder und Schwestern sind. Dass Gott die Russen, die Ukrainer, die Polen, die Deutschen, die Palästinenser und natürlich sein jüdisches Volk, sein auserwähltes Volk, alle liebt. Und in dieser Liebe leidet Gott. Er weint. Er fleht um unsere Liebe. Er fleht die Opfer an, nicht in Hass zu verfallen. Er fleht die Gleichgültigen an, wach zu werden und ihr Herz für die Anderen zu öffnen. Er fleht die Täterinnen und Täter an umzukehren und zu sühnen, zu heilen, was möglich ist. Er weint über die Schuldigen und ist bereit, ihnen zu vergeben, wenn sie umkehren zu ihm, zur Liebe.

Gott sehnt sich danach, dass wir so werden. Wie Gott. Voller Liebe. Mit einer brennenden Liebe im Herzen, die in Gott wurzelt. Sie soll unser innerster Motor sein, der unsere Entscheidungen lenkt, wenn wir Auswege aus unseren Konflikten suchen.

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