Der eine Gott und die Götter (35)JHWH und seine Aschera

War der JHWH-Glaube vielleicht doch von seinem Ursprung her ein Glaube, in dem neben JHWH eine Göttin verehrt wurde?

Im Jahre 1975 machten Archäologen der Universität Tel Aviv im nördlichen Teil des Sinai eine aufregende Entdeckung. Unter den Überresten einer Karawanenstation aus dem 8. Jahrhundert v. Chr. fanden sie bemalte Vorratskrüge mit Inschriften. Zwei der Inschriften lauteten: „Ich segne euch bei JHWH von Samaria und seiner Aschera“ und „Ich segne dich bei JHWH von Teman und seiner Aschera“. Sind diese Inschriften ein Hinweis darauf, dass der Gott JHWH ursprünglich eine göttliche Partnerin, eine sogenannte Paredros, an seiner Seite hatte? Begegnen wir hier einem Götterpaar in geschlechtergerechter Konstellation von männlicher und weiblicher Gottheit? Aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. wird uns eine Episode erzählt, bei der König Asa von Juda seine Großmutter Maacha degradierte, „weil sie der Aschera ein Schandbild errichtet hatte“ (1 Kön 15,13). Die Bezeichnung als „Schandbild“ oder gar „Schockbild“ stellt eine gezielte Abwertung des deuteronomistischen Geschichtsschreibers dar. War der Kult der Aschera besonders bei Frauen beliebt? Hat das Deuteronomium in seinem Kampf um die Einheit und Reinheit des JHWH-Glaubens im 7. Jahrhundert v. Chr. die Göttin aus dem religiösen Symbolsystem Israels verbannt, so dass wir uns heute mit einem rein männlich konnotierten Gottesbild begnügen müssen?

Aschera begegnet uns im Alten Testament sowohl als Göttin als auch in der Gestalt eines stilisierten Baumes, der die Göttin repräsentiert. Im Deuteronomium fordert Mose Israel auf, beim Einzug in das verheißene Land derartige Kultpfähle umzuhauen: „Ihre Altäre sollt ihr niederreißen, ihre Steinmale zerschlagen, ihre Kultpfähle (ihre Ascheren) umhauen und ihre Götterbilder im Feuer verbrennen“ (Dtn 7,5). JHWH darf nicht zusammen mit Aschera verehrt werden: „Du sollst neben dem Altar des HERRN, deines Gottes, den du dir baust, keinen Kultpfahl (keine Aschera), keinerlei Holz einpflanzen“ (Dtn 16,21). Doch hat Israel sich an die Worte des Propheten gehalten? Von König Manasse im 7. Jahrhundert v. Chr. wird berichtet, dass er ein Bild der Aschera anfertigen und im Tempel zu Jerusalem aufstellen ließ (2 Kön 21,7). Einige Jahrzehnte später ließ König Joschija im Rahmen einer groß angelegten Reform „alle Gegenstände aus dem Tempel des HERRN hinausschaffen, die für den Baal, die Aschera und das ganze Heer des Himmels angefertigt worden waren“ (2 Kön 23,4). Der Prophet Jeremia beklagt die Verehrung einer Himmelskönigin. Sie scheint besonders bei Frauen beliebt gewesen zu sein: „Die Kinder sammeln Holz, die Väter zünden das Feuer an und die Frauen kneten den Teig, um Opferkuchen für die Himmelskönigin zu backen“ (Jer 7,18; vgl. 44,19). Darüber werde der Zorn JHWHs entbrennen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. sieht der Prophet Sacharja in einer Vision ein Fass. Der Deckel des Fasses hebt sich und mitten im Fass sitzt eine Frau. Ein Engel warnt ihn: „Das ist die Bosheit (ha-rischa). Darauf stößt er sie in das Fass zurück und verschließt es mit einer Bleiplatte“ (Sach 5,8). Zwei Frauen werden vom Wind durch die Lüfte getragen und bringen das Fass mit Frau Bosheit weit weg ins Land Schinar, das ist: Babylon. Die exegetische Forschung ist sich weitgehend darin einig, dass die Frau im Fass das Bild einer Göttin war, vielleicht das Bild der Aschera.

Wie sind die hier in Auswahl präsentierten Texte aus verschiedenen Jahrhunderten zu deuten? Und was sagt uns die Archäologie? War der JHWH-Glaube vielleicht doch von seinem Ursprung her ein Glaube, in dem neben JHWH eine Göttin verehrt wurde? Oder drangen mit der Verehrung der Göttin erst in späterer Zeit fremde Elemente in den JHWH-Glauben ein, die im Rahmen groß angelegter Reformprojekte wieder beseitigt werden mussten? Wie ist dieser Prozess theologisch zu deuten? Stehen wir mit der Verbannung der Göttin aus dem religiösen Symbolsystem Israels vor den verheerenden Folgen einer in der jüdischen und christlichen Tradition bis heute als problematisch empfundenen Verdrängung spezifisch weiblicher Gotteserfahrungen? Oder ist der Verlust der Göttin ein Gewinn, der uns in die ganze Wahrheit führt?

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