LyrikGottsuche, verdichtet

Mit einem Gedicht schaut man sich selbst ins Gesicht (come face to face with oneself). So haben es die Vereinten Nationen gesagt, als sie vor zwei Jahrzehnten den 21. März zum „Welttag der Poesie“ gemacht haben. Moderne Lyriker entdecken bei diesem Blick inzwischen wieder den zweifelnden, suchenden, manchmal auch glaubenden Menschen.

Es sind keine guten Zeiten für Lyrik. Viele haben sich in den vergangenen Monaten zu Menschen entwickelt, die vor allem auf Zahlen starren. Wie viele neue Corona-Fälle gab es seit gestern? Wie viele Tote sind zu beklagen? In welche Richtung marschiert die Inzidenz? Und wenn wir reden oder schreiben, muss es anscheinend immer schneller, immer greller, immer lauter sein. Die Nerven liegen blank.

All das hat so gar nichts zu tun mit einem Gedicht. Jener literarischen Form, die sich dem Messbaren, dem Kalkulierbaren entzieht. Dem Lauten sowieso. Lyrik ist alles andere als effizient. Sie braucht Zeit, will in Ruhe gelesen und gehört, ja geschmeckt werden, immer wieder aufs Neue.

Aber vielleicht ist dies ja gerade deshalb die Stunde der Poesie – das, was in diesen Zeiten nottut. Sicher nicht als Massenbewegung. Aber womöglich als wertvolle persönliche (Wieder-)Entdeckung. Keine Zeit? Keine Zeit für Lyrik? Wer es dennoch wagt und sich diese Zeit einmal nimmt, gewinnt. Das wäre doch auch eine Fastenübung.

„Ich weiß ja auch nicht, was das alles soll und wie es besser ginge“, räumt Johann Hinrich Claussen, der Kulturbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, mit Blick auf das aus den Fugen geratene Leben in der Pandemie ein. „Zumindest habe ich für mich eine Form gefunden, mit guten Gedanken und Gefühlen in den Tag zu gehen. Ich lasse mich nämlich, bevor ich mich an den Schreibtisch setze, von einem Gedicht inspirieren – und nicht von den aktuellen Seuchen-Statistiken.“

Ein neuer Mut zu Religion

Was die Beschäftigung mit Lyrik für den religiös musikalischen Leser besonders spannend macht: Spiritualität, das Göttliche sind durchaus Themen für die Dichter. Das weitgehende Desinteresse vergangener Jahrzehnte scheint vorbei. Man traut sich wieder, die großen Fragen zu stellen, auch die nach Gott. „Ich bemerke ein ganz neues Interesse an der Religion“, so Johann Hinrich Claussen im „Deutschlandfunk“. Diese Hinwendung sei weniger theologischer oder lehrhafter Art, sondern lyrisch, tastend, ausprobierend. „Viele Menschen sind auf der Suche nach einer neuen Form von Spiritualität und nach einer Sprache, die ganz anders auch den ganzen Menschen, das Gefühl, die Seele anspricht.“ Beispiele für dieses neue Fragen nach Religion findet Claussen vor allem im englischsprachigen Raum, etwa bei Mark Strand, dessen Gedichtzyklus über die sieben Worte Jesu am Kreuz er ins Deutsche übertragen hat.Andere Namen sind Richard Exner, Anne Sexton, Stanley Moss. Aber auch hierzulande findet Johann Hinrich Claussen spannende Autoren: Ulrich Schacht, Dieter Gräf, Lutz Seiler und Ralf Rothmann.

Gemeinsam ist all diesen Dichtern, dass sie sich zumeist gar nicht als gläubig bezeichnen würden, sondern säkular verorten, mehr oder weniger. Es ist bemerkenswert, wenn solche Autoren dem Spirituellen, der Religion nachspüren. Oft, so beobachtet jedenfalls Claussen, kommen dabei sogar die literarisch spannenderen Werke als bei gläubigen Autoren heraus.

Was macht gute Lyrik aus?

„Eher peinlich“ findet der Kulturbeauftragte dagegen Poesie, die ausdrücklich und schon im Titel christlich daherkommt. „Schlechte religiöse Lyrik sind für mich Gedichte, die eigentlich nur das aussagen, was man meint, theologisch ohnehin schon zu wissen, aber dann in gereimter Form und in Versen, die eine feste Botschaft haben, die immer schon feststeht und nur noch ein anderes Transportmittel braucht.“ Eine harte, zugespitzte Aussage, die aber durchaus einen Punkt trifft: Kunst, die in erster Linie ein Anliegen vertritt, ist tatsächlich oft sehr eindimensional. Damit sie ernst genommen wird, muss es aber zunächst und zuallererst um die – in diesem Fall literarische – Qualität gehen.

Gerade bei zeitgenössischer geistlicher Lyrik gibt es Autorinnen und Autoren, deren Texte über jeden Zweifel erhaben sind und größte Beachtung verdienen. Nora Gomringer etwa, die im letzten Jahr den viel beachteten Gedichtband „Gottesanbieterin“ herausgebracht hat. Oder Christian Lehnert mit seinem Gedichtband „Cherubinischer Staub“ von 2018. Von ihm ist dieser Tage etwas Neues erschienen, allerdings keine Lyrik, sondern literarische Miniaturen.

Auch den ersten Autor, um den es hier ausführlicher gehen soll, nimmt Claussen ausdrücklich von seiner Kritik aus: Christian Heidrich, den CIG-Lesern durch eine Vielzahl unterschiedlichster Beiträge bestens bekannt (etwa aktuell der religiöse Leitartikel auf Seite 1). Jetzt hat er einen Band mit verdichteten Texten vorgelegt. Johann Hinrich Claussen nennt sie „theo-poetische Ab- und Ausschweifungen, die zum Kern der Sache mit Gott vorstoßen, indem sie einen Bogen um sie machen“.

Ja, diese Texte schillern und locken, reizen zum Lesen, ach was, ziehen einen unaufhaltsam an. Allein schon die Überschriften: „Der alte Priester wartet auf Pönitenten“, „Der Kardinal schläft“, „Letzter Dorfkaplan liest Gottfried Benn“. Die klugen, sprachgewaltigen Texte selbst gehen oft von konkreten Ereignissen aus: Persönliches, aber auch kirchliche Nachrichten. Das macht zutraulich, man lässt sich gern darauf ein. Doch wehe, er hat einen einmal „an der Angel“! Dann führt Christian Heidrich seine Leser ein ums andere Mal auf unerwartete Wege, jenseits des Katechismus, ohne Netz und doppelten Boden – und nur da ist Gott zu finden, wenn überhaupt. Welch ein Glück!

Der Messias zögert wie immer.

Nur der Regenbogen, der alte Schweiger,

lässt sich blicken, weil es an der Zeit ist –

und macht alle sprachlos.

(Christian Heidrich)

Auch Andreas Knapp hat etwas Neues vorgelegt. Nach „ganz knapp“ im letzten Jahr, jetzt „noch knapper“, 99 Miniaturen. Es ist eine kurze, verdichtete Geschichte der Menschheit, nein, des Kosmos. Bruder Andreas, der in Leipzig in der Gemeinschaft der Kleinen Brüder vom Evangelium lebt, fängt tatsächlich beim Urknall an und endet „am Ende aller Lichtjahre“, beim Vergehen der Erde. Das kann man wohl eine klare Agenda, einen festen Erzählrahmen nennen.

Geschichte als Heilsgeschichte

Was dazwischen stattfindet, ist Heilsgeschichte. Daran lässt Andreas Knapp keinen Zweifel. Dabei ist er nicht vordergründig oder oberflächlich „fromm“. Er will, so schreibt er im Vorwort, „meine Erfahrung mit Gott und meinen Glauben (!) an die Evolutionstheorie zusammendenken“. Geht das nicht mitten hinein in unsere religiöse Krise? Dass man meint, der Glaube habe unserer „vernünftigen“ Wirklichkeit nichts zu sagen? Dass man diese Sphären, die doch beide den Menschen in seinem Wesen ausmachen, trennt – weil sie sich angeblich nicht mehr zur Deckung bringen lassen?

Genau dahin zielt Andreas Knapp, wenn er etwa unerbittlich fragt:

Wohnt ein Sinn im großen Ganzen

oder lesen Menschen nur etwas hinein,

so wie man am Sternenhimmel

Bilder zu erkennen wähnt?

Entfährt der große Wagen

nur einer vagen Vorstellung

übergroßer Phantasie?

Oder birgt die Welt Chiffren

eines verborgenen Sinns,

der entziffert werden kann?

Wenn es so etwas wie eine Antwort gibt, dann ist sie „ganz Knapp“ im Christusereignis enthalten. So schreibt er einmal: „Findet sich womöglich ein Mensch, dessen Sehnsucht nach Gott so heiß und hell brennt, dass in dieser Glut zugleich das göttliche Feuer des Ich bin da in Reinform leuchten kann?“ Oder an anderer Stelle: „In Jesus hat sich Gott seinen Wunschtraum vom Menschen erfüllt … Wie sich Jesus zeigte, das sieht Gott ähnlich.“

Zuletzt sei das neue Buch von Huub Oosterhuis empfohlen. Der niederländische Theologe und Poet hat wie kein anderer das Lebensgefühl eines Christen der Gegenwart ins Wort gebracht, stets biblisch fundiert. Auch weit in seinen Achtzigern ist er noch produktiv, zuweilen ein bisschen rätselhafter vielleicht, teilweise auch düsterer.

Wie kommt man „in Gott“?

Der Glaubende von heute weiß um alle Vorläufigkeiten, er ist sich seiner Sache nie sicher. Er hat Zweifel, Sehnsucht und, ja, auch Vertrauen, immer wieder:

Du, nicht Gott, den wir uns dachten,

Totenstille, Nacht der Nächte,

Stimme schweigend, fremder Freund.

Aber wie kommt man dann „in Gott“?

Steile Treppen herunter.

Niemandem sagen.

Und dann springen.

Nicht mehr wissen

ob’s ihn wohl gibt

oder nicht.

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