Entchristlichtes Abendland?

Die öffentlichen Debatten über Religion hierzulande werden von zwei widerstreitenden Tatsachen bestimmt. Zum einen setzt sich die „ungebrochene Säkularisierung“ weiter fort, zum anderen ist eine „Rückkehr der Religion“ zu beobachten – in Gestalt des Islam. Das erläuterte der Religionssoziologe Gert Pickel aus Leipzig der Katholischen Nachrichten-Agentur. „Die Zahl derer, die sich allgemein als religiös bezeichnen, sinkt konstant. Zugleich fühlt sich mehr als jeder zweite Deutsche vom Islam – was auch immer er darunter versteht – bedroht.“

Im Hinblick auf die Rede vom „christlichen Abendland“ rät Pickel den Christen, sich Gedanken über die eigene Identität zu machen „und vor allem über die soziale und gesellschaftliche Bedeutung ihrer Religion“. In theologischen Debatten wird der hiesigen Kultur zudem der Begriff „jüdisch-christlich“ zugeordnet. Allerdings sei im Bewusstsein der Bevölkerung das Erbe, das Juden und Christen gemeinsam hinterlassen, eher von „geringer Bedeutung“. Dort unterscheide man deutlich zwischen beiden Religionen. „Die meisten sehen eine historische Verantwortung der Deutschen gegenüber dem Judentum.“ Allerdings, so der Religionssoziologe, gebe es in der Bevölkerung ebenso einen bemerkenswerten Anteil „an zumindest sekundärem Antisemitismus“, also einer Konfrontationsstellung gegenüber Israel.

Der Münchner jüdische Historiker und Publizist Michael Wolffsohn hat in der „Süddeutschen Zeitung“ daran erinnert, dass Germanen, Gallier und Britannier lange bevor sie Christen wurden Juden in ihren Städten und Dörfern erlebt haben. „Am Anfang, bis ins 4. Jahrhundert, war das Abendland nicht nur heidnisch, sondern … – jüdisch.“ Heute hingegen könne man hierzulande, besonders im Osten, überspitzt formuliert von einer „Heidenrepublik“ reden. „Selbst Spanien und Italien haben sich im kirchlichen Sinn entchristlicht.“ Die europaweite Säkularisierung sei Wirklichkeit. Wolffsohn rät der religiösen Mehrheit: „Bevor über die ‚Islamisierung‘ gejammert wird, sollten sich … die Kirchen im jesuanischen Sinn verchristlichen“, und Christen sollten mit ihrer Religion zumindest in Grundzügen vertraut sein.

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