Ethik: Was wir sollen

Die Ethik entwickelt allgemeine Normen für das menschliche Leben.

Die Ethik befasst sich mit den Normen des menschlichen Handelns.© Pixabay

Ethik (griech. = die Lehre vom sittlichen Sollen) als Wissenschaft ist ein grundlegender Teil der praktischen Philosophie (manchmal auch "Moralphilosophie" genannt). Sie befasst sich mit den Normen für das menschliche Handeln und mit deren vernunftmäßiger und argumentativer Begründung. Die philosophische Ethik ist streng zu unterscheiden von einer theologischen Ethik (vorwiegend im katholischen Sprachgebrauch Moraltheologie genannt), die die Normen für das sittliche Handeln von dem in der Offenbarung ergangenen und von der Kirche bezeugten Wort Gottes her begründet.

Die philosophische Ethik, die sich mit der Sittlichkeit des Menschen befasst, wendet ihre wissenschaftlich-methodische Reflexion einem Urphänomen im Selbstverständnis des Menschen zu: Der Mensch erfährt sich in seinem Selbstvollzug als ein Wollender, der sich selber in der Aktualisierung dieses Wollens "willig" (frei-willig) auf das Gute oder auf das Böse hin verfügt. Im freien Selbstvollzug des Menschen als geistiger Person ist dieser Unterschied zwischen Gut und Böse in Gesinnung und Handlung immer schon mitgewusst. Die sich selber frei vollziehende Person erfährt sich selber dabei als sittlichen Grundwert. In einer am Glauben orientierten philosophischen Ethik wird diese "Grund-Wert-Erfahrung" thematisiert; von ihr aus kann die geistige Person als eine verstanden werden, die zugleich ihre "Natur" (Sittengesetz) und ihre Hinordnung auf ein letztes Ziel sittlich-verantwortlich vollzieht, die als solche absolut gewollt ist, so dass aus ihrer absoluten Gewolltheit der unbedingt verpflichtende Charakter jener sittlichen Werte abgeleitet werden kann und muss, die der Verwirklichung jener absolut gewollten geistigen Person dienen.

In der philosophischen Ethik werden in sinnvoller Weise die einzelnen Seinsbezüge dieser Person, ihr Verhältnis zu sich selber, zu anderen freien Personen (Mitmenschen), zur Menschengemeinschaft im ganzen, zur Umwelt und letztlich zu Gott einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen und für die konkreten Vollzüge konkrete ethische Normen formuliert. Eine Aufteilung dieser Analyse führt zur Unterteilung der allgemeinen Ethik in eine Individualethik und eine Sozialethik (vielfach spezialisiert, zum Beispiel als Wirtschaftsethik, Umweltethik usw.). Der sich daraus ergebenden objektiven sittlichen Ordnung ist die unmittelbare subjektive Norm des jeweils sittlich Handelnden zuzuordnen: das Gewissen des einzelnen Menschen, dessen Spruch letztlich den Wert oder Unwert einer konkreten Handlung bestimmt. Somit ergeben sich letzte Prinzipien für das Gewissen wie: Objektiv schlechte Mittel werden nicht durch einen subjektiv guten Zweck gerechtfertigt; ein als verpflichtend begriffener sittlicher Wert kann nicht einem vorsittlichen Teilwert des menschlichen Daseins geopfert werden.

Die Analyse des Gesollten kann anhand leitender Schwerpunktsetzungen erfolgen. Demgemäß lassen sich in der Geschichte der Ethik unterscheiden: Tugendethik, von Aristoteles (†322 v. Chr.) in der Entwicklung des systematischen Verständnisses der Tugend konzipiert; Gesetzesethik, von Thomas von Aquin (†1274) auf der Basis der Tugendlehre als Theorie des Sittengesetzes erörtert; Pflichtethik nach Immanuel Kant (†1804) als Bewusstsein der mit dem Kategorischen Imperativ gegebenen moralischen Verpflichtung (im 20. Jahrhundert weiterentwickelt in der auf Konsens hin orientierten Diskursethik); Nutzenethik als Reflexion über einen Ausgleich der individuellen Eigeninteressen (Utilitarismus); Wertethik (Max Scheler † 1928; Nicolai Hartmann †1950) mit dem Ausgangspunkt bei den von allen Menschen "erfühlbaren" Grundwerten. Im Zusammenhang mit solchen unterschiedlichen Konzeptionen ist der von Max Weber (†1920) thematisierte Unterschied von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik von Bedeutung.

Schließlich bedingen auch komplexe Tätigkeitsfelder eigene ethische Konzeptionen (z.B. "medizinische Ethik"). In neuester Zeit findet eine Version der utilitaristischen Ethik durch Peter Singer (geb. 1946) große Beachtung. Für ihn ist das höchste Ziel des Handelns insofern nützlich, als Schmerz vermieden und Lust realisiert wird; dabei kann ein Handeln "gut" heißen, wenn es der größtmöglichen Zahl von Menschen größtmöglichen Nutzen bringt. Eine andere Art von Aktualität hat die "Diskursethik" von Jürgen Habermas (geb. 1929) und Karl-Otto Apel (geb. 1922). Die Theorie einer idealen Kommunikationsgemeinschaft zielt auf einen Konsens aller ihrer Mitglieder (und die Bedingungen dafür), wobei der Konsens dann Anspruch auf die Gültigkeit von Normen und Urteile über Handlungen (d. h. auf Wahrheit) haben würde. Apel trug darüber hinaus auch den Versuch einer "transzendentalpragmatischen Letztbegründung" der Ethik vor.

Quelle: Herbert Vorgrimler: Neues Theologisches Wörterbuch, Neuausgabe 2008 (6. Aufl. des Gesamtwerkes), Verlag Herder

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