Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeitenWenn Essen krank macht

Der Verzicht auf bestimmte Lebens mittel liegt im Trend. Zum Glück kommen echte Nahrungsmittelallergien und -unverträglich keiten bei Kindern nur selten vor

Allergierisiko! Bei manchen Lebensmitteln ist Vorsicht geboten
Allergierisiko! Bei manchen Lebensmitteln ist Vorsicht geboten© michellegibson - iStock

Kribbeln im Hals nach dem Genuss eines Nusskuchens? Roter Ausschlag nach dem Verzehr von Weißbrot? Durchfall nach der Saftschorle? Einige Nahrungsmittel können unangenehme Symptome auslösen, wenn eine Allergie oder eine Unverträglichkeit vorliegt. Beide Leiden werden umgangssprachlich oft als „Allergie“ bezeichnet, medizinisch gesehen sind sie jedoch sehr unterschiedlich.

Das Immunsystem spielt verrückt

Bei einer echten Allergie rebelliert der Körper gegen eigentlich harmlose Eiweiße, die in Milch, Weizen oder Ei vorkommen. Die Immunabwehr wird dermaßen hochgefahren, dass es zu einer überschießenden Bildung von Antikörpern kommt. Das kann zu anschwellenden Schleimhäuten, Juckreiz, Entzündungen und Problemen im Magen-Darm-Trakt führen. Außerdem kann hinter einer Neurodermitis auch eine Nahrungsmittelallergie stecken.
In einem Blut- oder Hauttest lassen sich die hohen Antikörper-Werte nachweisen. Ein positiver Test sowie Symptome ergeben dann zusammen die Diagnose: Allergie. Nur 4,2 Prozent der Kinder und 3,7 Prozent der Erwachsenen sind von Nahrungsmittelallergien betroffen. Häufige Auslöser sind Ei, Milch, Soja, Weizen und Nüsse. Schon Säuglinge und Kleinkinder können unter einer Allergie leiden. „Bevor sich sichtbare allergische Symptome wie Quaddeln, Schwellungen oder Rötungen zeigen, ändert sich häufig das Verhalten – das Kind wird weinerlich oder besonders anhänglich“, sagt Imke Reese, Allergologin und Ernährungswissenschaftlerin in München. „Ernste Verhaltensauffälligkeiten wie ADHS hängen jedoch nicht mit einer Allergie zusammen.“

Eine Belastung für Kinder und Eltern

Die Nahrungsallergene können im schlimmsten Fall auch einen anaphylaktischen Schock auslösen, also eine allergische Überreaktion, die lebensbedrohlich ist. Betroffene müssen darum penibel darauf achten, dass sie nicht einmal Spuren des Allergens verzehren. Hierunter kann die Lebensqualität von Kindern und Eltern erheblich leiden. Die Kinder müssen stets Notfallmedikamente dabeihaben, Kindergarten, Schule sowie Freunde und Verwandte informiert sein. Studien zeigen zudem, dass Kinder mit Nahrungsmittelallergien häufi ger das Opfer von Ausgrenzung sind als andere Kinder. Die gute Nachricht: Meist verschwindet eine Allergie im Schul- oder Jugendlichenalter wieder. Darum wird empfohlen, beim Arzt regelmäßig Provokationstests durchführen zu lassen, damit Auslassdiäten nicht unnötig lange durchgeführt werden“, sagt Reese.

Die Entstehung von Allergien

Doch warum entwickeln manche Menschen überhaupt eine Allergie? Sicher ist, dass unsere Erbanlagen eine Rolle spielen. So treten bei Kindern mit mindestens einem allergiekranken Elternteil oder Geschwister – das kann auch ein Heuschnupfen sein – doppelt so häufi g Allergien auf. Daneben spielen Umweltfaktoren eine Rolle, welche Eltern zumindest teilweise beeinfl ussen können. So wird empfohlen, Babys in den ersten vier Lebensmonaten zu stillen. Wenn das nicht möglich ist, sollten Risiko kinder, also Kinder mit genetischer Veranlagung, sogenannte „hydrolisierte“ Ersatzmilch bekommen. Gut ist es außerdem, wenn werdende oder stillende Mütter auf eine ausgewogene Ernährung achten und kein Lebensmittel gänzlich meiden, dasselbe gilt für die Zusammensetzung der Beikost. Auch Zigarettenrauch oder Schimmel in der Wohnung sowie Schadstoffe aus neuen Möbeln oder Abgase erhöhen das Allergierisiko. Dagegen ist nachgewiesen, dass Impfungen keine Allergien verursachen. Das Zusammenleben mit Haustieren minimiert nachweislich das Allergierisiko.

Wenn der Körper nicht verdauen kann

Eine Lebensmittelunverträglichkeit ist ein Stoffwechseldefekt, der sich vor allem in Form von Darmbeschwerden äußert. Bei einer Laktoseintoleranz arbeitet beispielsweise das Enzym Laktase, das Milchzucker im Dünndarm in seine Bestandteile zerlegt, nicht richtig. Das kann Blähungen, Durchfall oder Kopfschmerzen zur Folge haben. Säuglinge und Kleinkinder leiden extrem selten unter einer solchen Unverträglichkeit, denn auch Muttermilch enthält sehr viel Laktose. Die Problematik bildet sich häufig erst im Jugend- oder Erwachsenenalter heraus. Rund 15 bis 20 Prozent der Deutschen sind betroffen, während jedoch nur knapp 10 Prozent auch wirklich Symptome haben. „Bauchschmerzen bei Kindern werden eher von einer sogenannten Fruktosemalabsorption ausgelöst. Einer gestörten Aufnahme von Fruchtzucker im Dünndarm, etwa wenn sie viele Fruchtgläschen, Quetschies und Fruchtriegel essen oder Saftschorle trinken“, sagt die Allergologin Imke Reese. Bei zwei von drei Kindern und einem von drei Erwachsenen gelangen dann große Mengen an Fruktose in den Dickdarm, was zu Durchfall, Verstopfung und Blähungen führen kann. Sowohl die Fruktose- als auch die Laktoseunverträglichkeit sind mit einem einfachen Atemtest beim Arzt nachweisbar.
Unverträglichkeiten können zwar nicht wie eine Allergie verschwinden. Ihr Vorteil ist jedoch, dass die betroffenen Nahrungsmittel nicht komplett gemieden werden müssen. „Wenn ein Kind Fruchtzucker nicht so gut verträgt, sollte es nicht mehr als zwei Portionen Obst am Tag zu sich nehmen und auf Saft verzichten.“, sagt Reese. „Auch sollte Obst am besten immer in Kombination mit anderen Lebensmitteln, zum Beispiel einem Joghurt, gegessen werden.“

Glutenunverträglichkeit

Ein Sonderfall ist die Zöliakie. Sie ist eine Autoimmunerkrankung, die zu einer Entzündung der Darmzotten führt. Auslöser ist das Eiweiß Gluten, das in Weizen, Dinkel, Roggen, Gerste und Hafer vorkommt. Schon kleinste Mengen können bei Betroffenen die Darmschleimhaut empfi ndlich reizen. Doch nur rund 0,9 Prozent der Menschen sind hierzulande erkrankt, meist Kinder im Alter von ein bis acht Jahren oder Erwachsene zwischen 20 und 50 Jahren. Bei kleinen Kindern sind die ersten Symptome Durchfall und Erbrechen, blasse Haut oder Reizbarkeit. Wird die Zöliakie lange nicht erkannt, können auch Wachstumsstörungen die Folge sein. „Da die Krankheit auch genetisch gehäuft auftritt, sollten enge Familienangehörige regelmäßig einen Checkup bekommen“, sagt Reese. Bislang ist nicht bekannt, wie Kinder vor einer Zöliakie geschützt werden können. Das frühe Zufüttern von Weizen in der Beikost scheint keine Auswirkungen zu haben. Vermutlich steigt das Risiko durch bestimmte Infektionen in der Kindheit. Die Zöliakie wird mithilfe eines Bluttests diagnostiziert und muss über eine Dünndarmbiopsie bestätigt werden. Betroffene Kinder brauchen eine spezielle glutenfreie Diät, und es bedeutet für eine Familie einigen Aufwand, diese umzusetzen und dem Kind nicht die Freude am Essen zu nehmen.

Übertriebene Vorsicht kann schaden

Es gibt einen Trend, Gluten- oder Laktoseunverträglichkeit selbst zu diagnostizieren – ohne ärztliche Überprüfung. Sogar Kinder werden dann kurzerhand auf Diät gesetzt. Doch das ist gefährlich: „Wird etwa Milch inklusive aller Milchprodukte weggelassen, kann der Calciumbedarf nicht ausreichend gedeckt werden“, warnt Reese. Bei glutenfreier Ernährung drohen Vitamin- und Mineralstoffengpässe. Kinderärzte berichten zunehmend von Kindern, die mangelernährt in ihre Praxis kommen und sich nicht gesund entwickeln. Der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel kann auch eine psychische Belastung sein. „Er bedeutet Einschränkung, Minderung der Lebensqualität und in gewisser Weise eine Ausgrenzung“, sagt Reese. Kinder wollen aber dazugehören. Darum sollte ihnen nicht ohne ärztliche Diagnose eine Schonkost verordnet werden.

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