Das richtige Maß findenWas heißt hier verwöhnen?

Eltern fragen sich immer wieder, ob sie ihr Kind zu sehr verhätscheln

Noch ein Eis? Kindern nicht alle Konsumwünsche erfüllen
Noch ein Eis? Kindern nicht alle Konsumwünsche erfüllen © Skitterphoto - pixabay

Auf der Hitliste der besonders emotional diskutierten Erziehungsbegriffe steht „verwöhnen“ ganz oben. Kaum jemand bleibt cool, wenn es um dieses Thema geht. Wir alle kennen Kinder, die wir „ganz schön verwöhnt“ finden – und das meinen wir nicht als Kompliment. Genauso haben viele von uns (mehr oder weniger deutlich) auch schon mal den Vorwurf gehört, wir würden unser Kind zu sehr verwöhnen. Das verunsichert: Tun wir das wirklich? Wir wollen doch nur, dass es unserem Nachwuchs gut geht, und versuchen, seine Wünsche und Bedürfnisse zu erfüllen. Das kann doch nichts Schlechtes sein. Oder doch? Gibt es ein Zuviel an Zuwendung und Fürsorge?

Was ist Verwöhnen?

Das Wörterbuch hält zwei Definitionen parat: 1. Verwöhnen heißt, durch besondere Zuwendung oder Aufmerksamkeit dafür zu sorgen, dass sich jemand wohlfühlt. Dagegen ist nichts einzuwenden, denn niemand bestreitet, dass Kinder Zuwendung und Aufmerksamkeit brauchen. Und wenn sie zu besonderen Anlässen, zum Beispiel an ihrem Geburtstag, wie kleine Prinzessinnen oder Prinzen behandelt werden, ist das vollkommen okay. Definition 2 lautet: Verwöhnen heißt, jemanden mit übergroßer Fürsorge und Nachgiebigkeit daran zu gewöhnen, dass ihm jeder Wunsch sofort erfüllt wird. Da wird es schon kritischer. Denn das Ziel unserer Erziehung kann ja nicht sein, dass unsere Kinder alles, was sie wollen, bedingungslos und sofort bekommen.
„Die heutige Verwöhn-Diskussion läuft eigentlich ins Leere“, sagt der Kinderarzt Herbert Renz-Polster. „Es geht immer nur um die Verkehrsregeln – ob die Kleinen von ihren Großen vielleicht zu viel Nähe bekommen, ob sie vielleicht zu lange gestillt werden, ob wir sie nicht vielleicht ein bisschen ‚abhärten‘ sollten.“ Viel wichtiger als die Suche nach der perfekten Dosis an materieller und emotionaler Zuwendung sei aber die Beziehung zum Kind. Sie müsse so verlässlich, feinfühlig und authentisch sein, dass sie ihm die Sicherheit gibt, die es braucht, um seine eigenen Erfahrungen zu machen.

Grundbedürfnisse stillen

Verwöhnen Eltern also ihr Baby, wenn sie auf sein Schreien sofort und unbedingt reagieren, es auf den Arm nehmen, in ihr Bett holen oder im Tuch herumtragen? Ganz sicher nicht. Neugeborene sind völlig abhängig von ihren Eltern, sie können ihre Bedürfnisse noch nicht selbst befriedigen. Sie schreien nicht, um ihre Eltern zu tyrannisieren, sondern weil das ihr einziges Mittel ist, ihnen mitzuteilen, dass sie hungrig sind, ihnen zu warm ist oder dass sie Nähe brauchen. Sicherheit und Beruhigung können Säuglinge nahezu ausschließlich durch Körperkontakt erfahren: durch tröstende Berührungen, streicheln, kuscheln. Lange bevor sie sprechen können oder Gesten verstehen, lernen sie durch die physische Nähe zu ihren Eltern, dass sie bei ihnen willkommen sind und sich auf sie verlassen können. Ein Baby macht so die Erfahrung, einen „sicheren Hafen“ zu haben, von dem aus es die Welt erkunden kann. Entwicklungspsychologische Studien zeigen, dass Säuglinge, die verlässlich getröstet werden und viel Köperkontakt erfahren, später ausgeglichener sind und nicht mehr, sondern weniger schreien als Säuglinge, die warten mussten. Intensive Zuwendung in den ersten Lebensmonaten ist also das Gegenteil von Verwöhnen im negativen Sinne. Wer sofort und liebevoll auf das Weinen seines Kindes reagiert, erfüllt keinen überzogenen Wunsch, sondern ein Grundbedürfnis – und schafft damit die Basis für eine sichere Bindung, Selbstbewusstsein und Vertrauen.

Kinder brauchen Herausforderungen

Ist dieser wichtige Entwicklungsschritt geschafft, schiebt sich ein weiteres Grundbedürfnis des Kindes in den Vordergrund: Es möchte die Welt kennenlernen und aktiv an ihr teilhaben. Über diese fröhliche Neugier verfügen alle gesunden Kinder. Sie wollen selbstständig werden, das liegt in ihrer Natur. Sie beobachten, ahmen nach, probieren alles Mögliche aus. Und dabei können Eltern tatsächlich in die Verwöhnfalle tappen. Dann nämlich, wenn sie den Forscherdrang ihres Kindes unnötig bremsen, indem sie alle Widrigkeiten von ihm fernhalten – es also daran gewöhnen, dass es gar keine Widrigkeiten gibt. Wer zum Beispiel seinem Kind beim Krabbeln jeden Gegenstand aus dem Weg räumt, an dem es sich möglicherweise stoßen könnte, tut ihm damit keinen Gefallen. Manche Eltern weichen auf dem Spielplatz nicht von der Seite ihres Kindes, rufen ihm häufig Warnungen zu („Pass auf, gleich fällst du!“) oder heben es auf die Rutsche, damit es beim Hochklettern nicht von der Leiter fällt. Natürlich kann es passieren, dass das Kind beim ersten Versuch fällt oder auf halbem Weg Angst vor der Höhe bekommt. Das gehört aber dazu. Alles, was wir heute können, haben wir vorher üben müssen, und das funktioniert nicht ohne Rückschläge.
Die Kinder- und Jugendpsychiaterin Eva Möhler erklärt: „Es ist für ein Kind ganz wichtig zu erfahren, dass es etwas selbst kann. Es braucht Erlebnisse, in denen es spürt: ‚Das habe ich jetzt ganz allein bewirkt, niemand hat mir dabei geholfen; es hat mir vorher auch niemand gesagt, dass ich es tun soll; ich habe etwas von mir selbst aus gemacht und bewirkt.‘ Kinder, die ständig behütet, kontrolliert und angeleitet werden, können solche Selbstwirksamkeitserfahrungen nicht machen. Sie sind oft erheblich unsicherer als ihre Altersgenossen und trauen sich weniger zu.“ Die Verwöhnung besteht also darin, beim Kind durch übertriebene Fürsorge Zweifel an den eigenen, sich entwickelnden Fähigkeiten zu säen. Der Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch bringt es in seinem Buch Die Verwöhnungsfalle so auf den Punkt: „Verwöhnung beginnt, wo die Herausforderung ausbleibt.“
Herausforderungen gibt es je nach Alter jede Menge: den Reißverschluss an der Jacke zuziehen, beim Tischdecken helfen, eine Karotte schälen, Fahrrad fahren, auf einen Baum klettern. Die Empfehlung an uns Eltern lautet, das Kind nicht vorschnell zu bremsen, wenn es etwas Neues ausprobieren möchte, sondern es einfach mal machen zu lassen. Wer groß und selbstständig werden will – und das wollen alle Kinder – muss lernen, Hürden zu überwinden. Wir helfen ihnen dabei, indem wir aushalten, dass sich unsere Kinder anstrengen müssen und ihnen viele Dinge nicht sofort gelingen. Anstatt ihnen alles abzunehmen, was sie möglicherweise noch nicht können, loben wir sie lieber für ihren Willen, es zu versuchen, und für ihre kleinen Fortschritte. Trösten wir sie bei Misserfolgen und ermutigen sie, es noch einmal zu probieren. Erzählen wir ihnen, dass auch uns beim Tischdecken schon mal ein Glas heruntergefallen ist oder wir lange üben mussten, bis wir eine Karotte schälen konnten.

„Ich will den roten Ball!“

Je älter Kinder werden, desto mehr verstehen wir unter Verwöhnen auch das Überhäufen mit Geschenken, teuren Spielsachen oder Geld. Das Bauchgefühl sagt natürlich, dass es auch da ein Zuviel gibt, aber wann das genau erreicht ist, lässt sich nicht in Zahlen oder Werten ausdrücken. Kinder haben einen eigenen Willen und äußern ihre Wünsche, und das ist auch gut so. Die meisten kommen ganz impulsiv aus einer Laune heraus. Aber wir tun den Kindern keinen Gefallen, wenn wir jeden davon sofort erfüllen – denn auch diese Form des Verwöhnens hält die Kleinen klein, bremst das Selbstständig werden. Der Psychologe Jürg Frick rät Eltern abzuwägen, ob das, was das Kind sich wünscht, tatsächlich das ist, was es braucht: „Ein Kind, das im Kaufhaus weint, weil es etwas nicht haben kann, braucht Eltern, die es in den Arm nehmen und ihm ruhig und freundlich sagen ‚Ich weiß, das hättest du gern gehabt‘. Punkt. Es braucht nicht Eltern, die nachgeben und sagen: ‚Dann kaufen wir das halt‘, und danach wütend auf das Kind (und häufig auch auf sich selbst) sind.“
Fazit: Wie bei so vielen Erziehungsfragen kommt es beim Thema Verwöhnen aufs Fingerspitzengefühl an. Jedes Kind ist anders, allein deshalb verbieten sich allzu pauschale Tipps und Ratschläge. Eines jedoch haben alle Kinder gemein, wie Kinderarzt Herbert Renz-Polster betont: „Sie wollen gar nicht verwöhnt werden, sie wollen groß und kompetent werden.“ Wenn wir daran denken, tun wir schon fast automatisch das Richtige.

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