Das richtige Alter für die EinschulungDeutschland schult später ein als andere Länder. Zu spät?

Hier sagen eine pädagogische Fachkraft und ein Elternteil ihre Meinung zu einem brisanten Thema aus dem Kitaalltag.

kita kontrovers
© Florian Nütten

Das sagt die Erzieherin

Durch meine berufliche Erfahrung bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es für Kinder gut ist, erst ab dem sechsten Lebensjahr eingeschult zu werden. Wann ein Kind eingeschult werden soll, ist aber auch immer eine ganz individuelle Entscheidung und nicht grundsätzlich vom Alter abhängig. Fit für die Schule zu sein bedeutet nicht nur kognitiv fi t zu sein, sondern auch motorisch, emotional und sozial. Oft sehen Eltern nur, dass ihr Kind schon Buchstaben und Zahlen kennt. Sie übersehen, dass die Anforderungen an Schulkinder in den letzten Jahren gestiegen sind. Bildung beginnt außerdem nicht erst in der Schule, sondern bereits in Elternhaus und Kindergarten. Daher ist es wichtig, Kinder in alltägliche Tätigkeiten einzubeziehen, bei denen sie lernen, eigenverantwortlich zu handeln sowie Ausdauer und Konzentration zu üben. Außerdem benötigen Kinder ausreichend Zeit zum Spielen, denn gerade im freien Spiel machen sie eine Vielzahl von Erfahrungen, die die Grundlage für das Lernen bilden! Lassen wir den Kindern also Zeit, bis sie in die Schule kommen, und ermöglichen wir ihnen dadurch einen guten Schulstart.

Ulrike Faller, Erzieherin im Kindergarten St. Elisabeth in Freiburg/Waltershofen

Das sagt der Vater

Die Jugend von heute lernt auf der Überholspur. Früh gefördert geht es im Eiltempo zum Abitur. Kaum volljährig beginnt das Bachelor-Studium, weitere sechs Semester klare Struktur. Berufseinstieg mit Anfang 20. Gute Noten? Ja. Lebenserfahrung? Nein. Bei diesem Tempo bleibt vieles auf der Strecke: der Blick über den Tellerrand durch eine Weltreise oder ein Freiwilliges Soziales Jahr, die Zeit für lehrreiche Umwege abseits der Semesterpläne. Umso wichtiger ist es, dass wir unserem Nachwuchs wenigstens in der Kindheit Zeit lassen. Für kindliche Neugier, die Lust, neue Dinge zu entdecken, den unbefangenen Umgang mit der Welt. Der schulische Ernst des Lebens, benotet und in einen 45-Minuten-Takt gepresst, kommt schon früh genug. Verstehen Sie mich nicht falsch: Natürlich sollte auch in der Kita gefördert werden, etwa die sprachlichen Kompetenzen oder das Interesse an Naturwissenschaften und Technik. Doch genau dafür braucht es keine frühere Einschulung, sondern vor allem eine adäquate Ausstattung und Ausbildung der Pädagogen und eine bessere Kooperation zwischen Grundschulen und Kindergärten.

Birk Grüling, Vater und Bildungsjournalist  

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