Konflikte in der PartnerschaftImmer wieder dicke Luft

Wenn Eltern sich über Haushalt und Kinder streiten stecken meist andere Gründe dahinter

Erst heftige Worte, dann eisiges Schweigen: So tragen viele Paare Konflikte aus
Erst heftige Worte, dann eisiges Schweigen: So tragen viele Paare Konflikte aus© Wavebreakmedia - iStock

Ob er glücklich verheiratet ist? Matthias Lange* lacht, als er die Frage hört. „Sehr!“ Seine Frau ist seine große Jugendliebe. Seit Schulzeiten kennen sie sich bereits, fast ein Jahrzehnt lang sind sie verheiratet. Gerade ist das langersehnte Nesthäkchen Charlotte geboren worden. Zwei Kinder hat das Paar schon, Sophie ist acht, Elias fünf. Doch trotz allen Glücks – auch bei Langes kommt es regelmäßig vor, dass die Fetzen fliegen. Ein Klassiker: Er soll sich um eine Nachmittagsverabredung kümmern oder ein Geburtstaggeschenk besorgen. „Das vergesse ich öfter mal, oder meine Frau muss mich fünf Mal daran erinnern.“ Schon hängt der Haussegen schief.

Keiner Familie ist das Thema fremd, auch wenn in der Öffentlichkeit niemand gerne darüber spricht. Lautstark streitende oder sich giftig ankeifende Eltern passen nicht ins Bild von der perfekten Familie. Mütter und Väter wollen gute Teams sein, liebevolle Partner, aufmerksame Eltern. Und doch ist der Alltag von Konflikten geprägt, die sich in vielen Familien ähneln. Warum?

Hartnäckige Rollenbilder

Matthias Lange hat eine Vermutung: Früher hätten viele Frauen die Familienarbeit komplett übernommen; heute ist es selbstverständlich, dass beide Elternteile sich im Haushalt und bei Erziehung und Kinderbetreuung einbringen. „Trotzdem sind die Frauen diejenigen, die im Kopf die Listen führen und den Überblick behalten.“ Auch seine Frau ärgere sich oft, wenn er Sachen nicht im Blick habe. Dass die Kinder neue Schuhe brauchen oder dass für das Kita-Sommerfest noch ein Kuchen gebacken werden muss. Sie fühle sich dann immer zu in der Rolle der Verantwortlichen und zuständig für die gesamte Planung des Familienlebens, erzählt er. Und das, obwohl beide berufstätig sind. „Das führt bei uns häufig zu Streit.“

„Frauen und Männer gehen meist immer noch unterschiedlich mit familiärer Verantwortung um“, erklärt die Familien beraterin Claudia Hillmer (siehe Interview). Etwas überspitzt formuliert: Sie reißt alles an sich, er assistiert bestenfalls. „Alte Rollenbilder spielen dabei weiterhin eine Rolle.“ Nur passen diese eigentlich nicht mehr zu den modernen, gleichberechtigen Lebensentwürfen der Paare. Amerikanische Forscher haben in einer großen Übersichtsstudie kürzlich nachgewiesen, dass Frauen wie Männer durch den Spagat zwischen Familie und Beruf psychisch stark belastet sind. Vor allem Frauen neigen dazu, sich selbst zu überfordern. „Sie passen nicht gut auf sich auf und gehen oft über die eigene Grenze“, sagt Hillmer. Das aber gehe nie lange gut, sondern führe zeitverzögert zu umso heftigeren Streitereien.

Klare Abgrenzungen sind nötig

Ein Dauerbrenner im Hause Lange ist der Umgang mit den Großeltern. „Meine Frau kommuniziert viel mit meinen Eltern, vor allem, wenn es um Organisatorisches geht. Ich dagegen kommuniziere überhaupt nicht mit ihren Eltern“, sagt Matthias Lange. Auch hier bleibe zu viel an ihr hängen, findet seine Frau. Außerdem gibt es regelmäßig Streit, wenn die Oma sich zu sehr in den Alltag der Familie einmischt. „Wie viele Söhne habe ich immer mehr oder weniger gemacht, was meine Mutter wollte, bin Konflikten aus dem Weg gegangen.“ Jetzt verlangt seine Frau, dass er sich stärker widersetzt, die Bedürfnisse der eigenen Familie über die Wünsche der Großeltern stellt. „Es hat viele Streits gebraucht, bevor ich verstanden habe, dass ich gegenüber meiner Mutter klare Grenzen ziehen muss.“

Grenzen und Wertschätzung – das sind auch die zentralen Begriffe, mit denen Familienberaterin Claudia Hillmer Paaren durch Beziehungskrisen hilft. Oft stecken die Streitenden auf der inhaltlichen Ebene fest. „Aber die Diskussionen um Hausarbeit, Ernährung, Erziehung, soziale Kontakte und Berufstätigkeit bilden nur die Oberfläche.“ Darunter verhandelten die Erwachsenen in Wirklichkeit über etwas anderes: Was ist mir wichtig? Wie will ich leben? Was gebe ich weiter? „Kinder großzuziehen berührt uns ganz existenziell.“ Wenn Paare es schaffen, sich gegenseitig die richtigen Fragen zu stellen und bei den Antworten genau hinzuhören, „dann entsteht Wertschätzung, dann fühlen die Partner sich gesehen“, sagt Hillmer. Einen besseren Schutz gegen Entfremdung gibt es nicht.

"Manche Eisen schmieden sich leichter kalt"

Warum kracht es bei Eltern so oft? Und wie lassen sich destruktive Streitmuster durchbrechen? Ein Gespräch mit der Hamburger Familienberaterin Claudia Hillmer 

Je kleiner die Kinder, desto größer das Konfliktpotential der Eltern – stimmt diese Beobachtung?

Mit der Geburt erwacht die überbordende Liebe zum Kind, alles ist neu und junge Mütter und Väter sind noch unsicher. Das verändert auch den Blick auf den Partner. Wenn der sich nicht so verhält wie erwartet, entsteht ein ungutes Gefühl. „Wieso macht er das so? Ich würde das ganz anders machen!“ Das fängt schon beim Wickeln und Füttern an. Durch diese Reibung wird eine Entwicklung angestoßen: Aus dem Paar werden Eltern. Nur sind wir mit unserer Kritik dabei oft mehr beim anderen als bei uns selbst.

Ein typischer Konflikt: die ungleiche Aufgabenverteilung. Warum streiten wir alle darüber?

Männer und Frauen gehen immer noch unterschiedlich mit familiärer Verantwortung um. Frauen übernehmen zuhause meist sehr schnell und sehr viel Verantwortung. Nach dem Motto: Einer muss es ja machen! Eine Weile akzeptieren sie das stillschweigend. Dann kommt der Tag, wo wütende Sätze fallen wie: „Du könntest dich auch mal einbringen!“

Einerseits wollen viele Mütter Aufgaben abgeben, andererseits die Kontrolle nicht aus der Hand geben. Trägt das zur Eskalation bei?

Abgeben und trotzdem kontrollieren, das funktioniert nicht. Wer Verantwortung loswerden will, sollte deutlich signalisieren: „Ich möchte, dass du diesen oder jenen Teil übernimmst.“ Man muss damit leben lernen, dass der Partner Dinge anders erledigt als man selbst.

Wenn Unmut lange innerlich brodelt, explodiert das Fass. Manchmal wie aus heiterem Himmel. Wie lässt sich das verhindern?

Erst kommt die Irritation, dann Wut und Zorn, irgendwann der Hass. Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Ursachen. Erstens: Ich habe nicht gut auf mich aufgepasst und bin zu oft über meine Grenzen gegangen. Zweitens: Ich fühle mich vom anderen nicht gesehen und wertgeschätzt. Das Beste wäre, gleich bei der ersten Irritation miteinander zu sprechen und diese nicht zu ignorieren. An diesem Punkt kann man dem Partner noch besser zuhören, seine Beweggründe verstehen. Wenn man bereits im Zustand totaler Wut ist, hilft der Blick nach innen. Wir sind in Streitsituation oft nur beim anderen: „Du musst dich endlich ändern!“ Wichtiger wäre zu schauen: Warum bin ich eigentlich so wütend? Was will ich? Wut ist auch eine große Kraft und hilft die Dinge zu verändern.

Gegenseitige Vorwürfe helfen dagegen wenig – zumal elterlicher Streit auch Kinder stark belastet.

Viele Paare kennen das: Wenn man an einem bestimmten Punkt angelangt ist, könnte man den Streit auch alleine führen. Jeder weiß, was der andere sagen wird. Es hilft niemandem, das nochmal durchzuspielen. Ich rate dazu: zehn tiefe Atemzüge, um den Block laufen, alleine einen Kaffee trinken gehen. Am nächsten Tag kann man sich zusammensetzen und reden. Manche Eisen schmieden sich besser, wenn sie kalt sind.

Nur gehen grundlegende Probleme ja nicht weg, nur weil man sich wieder beruhigt hat.

Aber die Ohren sind wieder auf. Wir hören uns oft gegenseitig gar nicht richtig zu, denken schnell zu ergebnisorientiert. Stattdessen sollten wir in Ruhe auf unsere unterschiedlichen Sichtweisen blicken und vor allem auf die Gefühle, die damit verbunden sind. Da helfen Fragen wie: „Was ist denn für dich so anstrengend? Was verletzt dich? Was wünschst du dir?“ Nur wenn wir die Antworten darauf kennen, finden wir am Ende Lösungen, die für beide funktionieren und die die Bedürfnisse beider Partner berücksichtigen.

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