Genderneutral erziehen - geht das?Erziehen wir sie alle gleich?

Sie: rosa, er: blau. Sie: malen, er: Bälle kicken. Viele Jungen und Mädchen verhalten sich schon im Kindergarten äußerst stereotyp. Woher kommen die unterschiedlichen Geschmacksvorlieben?

Typisch Mädchen, typisch Junge? In der Kindererziehung mehr auf individuelle Unterschiede achten
Typisch Mädchen, typisch Junge? In der Kindererziehung mehr auf individuelle Unterschiede achten© Imgorthand - Getty Images

So hatten sich Miriam und Benjamin Gerster* das nicht vorgestellt. Seit der Geburt von Tochter Marie haben die Eltern pinkes Plastikspielzeug bewusst vermieden. Das Kinderzimmer richteten sie bunt und mit Holz- und Naturmaterialien ein. Spielzeugautos und Bauklötze sollten für die Tochter ebenso selbstverständlich sein wie Kuchenbacken mit Papa oder Rumtoben mit Mama. Doch seit Marie im Kindergarten ist, haben plötzlich altmodische Rollenbilder Einzug ins Haus Gerster gehalten. Ihre grünen Halbschuhe will Marie nicht mehr anziehen: „Die sind für Jungs!“ Und zum Geburtstag wünscht sie sich nur eins: eine blinkende Meerjungfrau-Barbie mit Wespentaille und Wallehaar.
Die Kitazeit ist eine Phase, die viele Eltern in Bezug auf Geschlechterklischees als durchaus ambivalent erleben. Wo ist das wilde Mädchen geblieben, das alles übers Weltall wissen will? Wo der verschmuste Sohn, der sich mehr für Opas Geige als für Fußball interessiert? Die meisten Eltern wollen bei ihrer Erziehung keinen Unterschied machen. Den Kindern soll alles offenstehen, sie sollen jeder Vorliebe unvoreingenommen nachgehen können. Mädchen als Astronautinnen und Feuerwehrfrauen, na klar! Jungen mit langen Haaren und lackierten Nägeln – warum nicht? Die heutige Elterngeneration sieht das ziemlich locker.

Woher kommen die Rollenbilder?

Doch trotz dieser Offenheit fallen spätestens ab dem dritten Lebensjahr Geschlechterstereotype mit großer Macht ins Familienleben ein. Wo kommen die her? Warum reproduzieren die Kinder Muster, die ihnen Mama und Papa zu Hause so gar nicht vorleben? Und wie kann man reagieren? Akzeptieren, ignorieren – oder sogar aktiv gegensteuern?
„Die Kindergartenzeit ist eine spannende Zeit für Eltern, die versucht haben, mit ihrem Kleinkind geschlechtsneutral umzugehen“, sagt Stevie Schmiedel, Gründerin und Geschäftsführerin von Pinkstinks Germany. Der Verein setzt sich seit Jahren gegen Produkte, Werbe- und Medieninhalte ein, die Kindern eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Durch kreative Kampagnen macht er auf Gender-Marketing und Sexismus in der Werbung aufmerksam und tourt derzeit mit dem Theaterstück David und sein rosa Pony durch Kindergärten und Grundschulen in ganz Deutschland. „Während der Kitazeit wird den Eltern bewusst, wie begrenzt ihre Einflussmöglichkeiten sind – und wie stark die Einflüsse der Umwelt“, sagt Schmiedel. Das könne sich schon in vermeintlichen Kleinigkeiten niederschlagen: Die heißgeliebte lila Mütze, die der Sohn gestern noch stolz trug, lehnt er heute kategorisch ab. Weil jemand in der Kita gesagt hat, die sei „schwul“.
Jüngere Kinder verstünden zwar die Bedeutung solcher Worte nicht, meint Schmiedel, aber sie kapieren die Botschaft. „Alle Kinder kennen das Gefühl, mit etwas zu spielen oder etwas zu tun, das sie in ihrem Geschlecht als falsch ausweist.“ Weil die kindliche Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung groß ist, versuchen die Kinder, solche Fallstricke zu vermeiden. Im Kitaalter machen sie eine wichtige entwicklungspsychologische Phase durch: Sie müssen sich selbst verorten, ihre geschlechtliche Identität ausbilden. Dafür suchen sie überall und pausenlos nach Anhaltspunkten. „Kinder lernen sehr früh die Aufteilung männlich und weiblich kennen“, sagt Schmiedel.
Lange bevor Kleinkinder sich selbst als Mädchen oder Junge einordnen, kennen sie zwei Geschlechter. Im Alter von neun bis zwölf Monaten können Babys bereits männliche und weibliche Gesichter unterscheiden. Mit zwei Jahren entstehen erste Spielpräferenzen. Richtig ausgebaut wird das Wissen im Alter zwischen drei und sechs Jahren. In dieser Zeit entwickeln Kinder „die Überzeugung, dass bestimmte Gegenstände, Aktivitäten oder Eigenschaften besser zum einen als zum anderen Geschlecht passen“, schreibt Entwicklungspsychologe Hanns Martin Trautner. „Die Wahl oder Ablehnung von Spielsachen oder Spielaktivitäten orientiert sich nun zunehmend am Kriterium ihrer Geschlechtsangemessenheit.“ Anders gesagt: Die Kinder haben plötzlich ziemlich rigide Ansichten. Zwischen Jungen und Mädchen wird eine scharfe Trennlinie gezogen. Was vermeintlich nicht zum eigenen Geschlecht gehört, wird vehement abgelehnt.

Kinder brauchen eine Wahl

„Das allein muss noch nicht problematisch sein“, erklärt Melanie Kubandt, Juniorprofessorin für Gender und Bildung an der Universität Vechta. Warum sollte man Mädchen die Freude am Prinzessinnenkostüm missgönnen, Jungen das Fußballspiel verwehren? „Problematisch wird es erst, wenn die Kinder auch von außen nur noch stereotype Angebote bekommen, wenn ihnen etwas übergestülpt wird.“ Denn die, die mit ihren Vorlieben nicht ins starre Schema passen, fallen dann raus. Kubandt warnt daher vor Verallgemeinerungen wie „Alle Mädchen sind so, alle Jungen so“. Das führe dazu, dass den Kindern gar keine Wahl gelassen werde. Wenn dann noch die Puppenecke komplett rosa eingerichtet ist oder sich auf dem Bauteppich nur Star-Wars- Krieger tummeln, wirke das wie eine „self-fulfilling prophecy“. Die Kinder entscheiden sich notgedrungen für das, was eindeutig ihrem Geschlecht zugeordnet ist. „Nicht immer tun sie das freiwillig“, betont Kubandt. Oft spielt auch die Peergroup eine große Rolle. Um dazuzugehören und mitspielen zu können, richten Kinder ihre Interessen einseitig nach denen ihrer Freundinnen oder Freunde aus. Kubandt empfiehlt Eltern, den individuellen, kindzentrierten Ansatz dennoch nie aus den Augen zu verlieren. „Gerade in den ersten sechs Jahren sollte man Kinder unbedingt dazu ermutigen, sich nicht von äußerlichen Bildern in ihren Fähigkeiten beschränken zu lassen.“ Es sind aber nicht nur Farben und Räume, Filme und Werbung, Spielzeughersteller und Konsumwelten, die ihre indirekten Botschaften an die Kinder aussenden. Claudia Lutze ist Referentin beim Sozial pädagogischen Fortbildungsinstitut Berlin-Brandenburg (SFBB) und schult unter anderem ErzieherInnen zum Thema Gendersensibilität. „Wir schauen uns beispielsweise die Kinderbücher an, die die Fachkräfte aus den Kitas mitbringen.“ Was machen die Mädchen und die Jungen in den Geschichten, welchen Tätigkeiten gehen die abgebildeten Frauen und Männer nach? Viele Inhalte, sogar die neuerer Bücher, sind da immer noch erstaunlich konservativ.
Auch ihre eigene Sprache reflektieren die ErzieherInnen in den Seminaren. Ist die wirklich so neutral wie vermutet? Oder werden Jungen im Alltag eher als „starke Kerle“ gelobt – während Mädchen auf ihre hübschen Kleider angesprochen werden? „Die vermeintlich abgeschafften Klischees sind immer noch sehr wirkungsstark“, sagt Lutze. Alte Rollenbilder sind „bei uns Erwachsenen teilweise noch verhaftet, seien wir Eltern, Großeltern oder pädagogische Profi s.“ Die Kinder saugen all das wissbegierig auf und richten ihr Selbstbild und Verhalten danach aus.

Typisch? Gibtʼs nicht

Die Folge sind im schlimmsten Fall eingeschränkte Möglichkeiten für beide Geschlechter. „Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass bei den Mädchen tendenziell die Bewegung und der Aggressionsabbau zu kurz kommen, bei den Jungs eher Sprache und soziale Fähigkeiten“, sagt Pinkstinks-Aktivistin Stevie Schmiedel. Das liegt nicht nur an den einseitigen Angeboten, die den Kindern gemacht werden, sondern auch daran, dass mit typischen Jungen- und Mädchenhobbys zugleich bestimmte Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen assoziiert werden. Nach dem Motto: Der ehrgeizige kleine Sportler redet nicht viel über seine Gefühle und hat nie Lust aufs Lesen. Oder: Die Balletteuse ist in allen Lebenslagen zart und zurückhaltend. „Gerade das sollten Eltern ihren Kindern auf keinen Fall suggerieren“, meint Schmiedel. Im Gegenteil – auch ein Mädchen im Tutu sollte laut auf den Tisch hauen dürfen, wenn es wütend ist. Und auch der härteste Kicker könne manchmal ängstlich und verzagt sein. Neutrale Spielräume und so wenig äußerliche Zuschreibungen wie möglich wünscht sich Stevie Schmiedel für alle Kindergartenkinder. „Und von uns Erwachsenen die permanente Ermutigung, dass alle Klischees jederzeit durchbrochen werden dürfen.“

*Name geändert

kizz Interview 

„Kinder wollen dazugehören!“

Wie vermeidet man es, Mädchen und Jungen früh in Schubladen zu stecken? Ein Gespräch mit der Erziehungswissenschaftlerin Melanie Kubandt von der Universität Vechta

Frau Kubandt, was brauchen Mädchen, was brauchen Jungs?

Aus meiner Sicht ist die Frage schon falsch gestellt. Jungen- oder Mädchengruppen sind nicht homogen. Wenn ich nach individuellen Bedürfnissen gucke, brauche ich kein kollektives Schema. Die Frage sollte lauten: Was braucht das spezielle Kind? Das kann sehr unterschiedlich sein.

Viele Eltern wollen ihre Kinder gerecht und geschlechtsneutral erziehen. Dennoch lehnen Kinder bestimmte Dinge ab. Woher kommt das?

Es gibt dazu verschiedene Theorien. Ich bin der Auffassung, dass diese Präferenzen vorwiegend kulturell gemacht sind. Ein Beispiel: Die Vorliebe für Rosa kann nicht angeboren sein, denn historisch war die Farbverteilung umgekehrt. Rosa war das kleine Rot und Rot stand damals für Blut, Kampf und Könige. Rosa war daher die Prinzenfarbe. Hellblau geht auf die Jungfrau Maria zurück, galt als Farbe der Reinheit und daher als Mädchenfarbe. Das hat sich erst im Laufe der Jahrhunderte gewandelt.

Behandeln Eltern trotz bester Absichten ihre Kinder unbewusst verschieden?

Es gibt seit den 1960er-Jahren die sogenannten Baby-X-Studien. Da zeigt man Erwachsenen unter anderem Videos v on Babys, die mal rosa, mal hellblau angezogen sind. Die Erwachsenen werden gefragt, wie sie das Schreien der Kinder deuten. Das Ergebnis ist eindeutig: Bei blau gekleideten Babys nehmen die Erwachsenen das Schreien als durchsetzungsstark war. Ändert man die Farbe des Stramplers zu Rosa, wird das gleiche Schreien des gleichen Kindes als weinerlich und verletzlich interpretiert. Das zeigt: Wir Erwachsene sind von Stereotypen geprägt und behandeln Kinder entsprechend unterschiedlich.

Warum kommen gefühlt alle kleinen Mädchen irgendwann in die rosa Phase?

Die Vorliebe für Rosa ist gesellschaftlich so verbreitet, daran kommen die Kinder gar nicht vorbei. Die sogenannte Folie der Zweigeschlechtlichkeit, Mann und Frau, ist in unserer Gesellschaft sehr dominant. Das kriegen die Kinder von klein auf mit, auch unbewusst. Es fängt bei Geschenken für Neugeborene an, bei der Kinderzimmereinrichtung und bei der Kleidung. Auch Gender-Marketing spielt eine große Rolle. Genauso ist es mit den tausend kleinen Zuschreibungen im Alltag.

Was ist so schlimm daran, wenn Jungen mit Autos spielen und Mädchen mit Puppen?

Das Problem ist nicht so sehr der Unterschied bei den Spielsachen, sondern was damit gesellschaftlich transportiert wird. Eltern können mal darauf achten, was sie betonen und loben. Ist das wirklich gleichwertig? Und erlaube ich meiner Tochter das Gleiche wie meinem Sohn? Wir alle haben Bilder im Kopf, die unser tägliches Handeln prägen.

Welche Rolle spielt, was die Eltern zuhause vorleben?

Das hat großen Einfluss! Am Beispiel Kochen sieht man aber, wie sich Rollenbilder kulturell verändern können. Früher war Kochen reine Frauensache. Heute interessieren sich auch Jungs fürs Kochen, auch weil sie zu Hause Väter erleben, die regelmäßig am Herd stehen.

Wenn Kinder etwas vermeintlich Geschlechtsuntypisches tun, soll man sie ausdrücklich dafür loben?

Positive Würdigung hat den gleichen Effekt wie ein negativer Kommentar. Kinder wollen sein wie andere. Sie wollen nicht herausstechen, sondern Teil der Gruppe sein. Wer einen Jungen überschwänglich für seine Puppen lobt, vermittelt dem Kind, dass sein Verhalten wohl doch nicht so „normal“ ist. Kinder merken das sofort.  

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