Faire ModeEs gibt keine saubere Kleidung

Giftige Stoffe und schlechte Löhne. Ein Wegweiser durch die Textilindustrie

Es gibt keine saubere Kleidung
Wer oder was bestimmt, was wir einkaufen? © Yelena Yemchuk - iStock

Geht es um die Mode unserer Kinder, sind wir erfinderisch. Was Sohnemann zu klein wird, passt dem Neffen. Das Schnäppchen vom Flohmarkt peppen wir mit Knöpfen auf. Greenpeace betitelte uns Eltern 2015 als „bessere Erwachsene“, weil wir uns nicht vor gebrauchter Kleidung ekeln und dadurch die Umwelt schonen. Zugegeben, unsere Tugend wird aus der Not geboren. Kinder wachsen wie Unkraut und wälzen sich gern in selbigem, wozu teure Sachen? Dennoch profitieren Menschen rund um den Globus davon. Jeder angenähte Knopf ist ein Statement gegen den kopflosen Konsum und die gewissenlose Textilindustrie, der wir nicht trauen können.

Gift in Kindermode ist Aufregerthema Nummer eins. Wir vergessen dabei, dass Stoffe für Jung und Alt denselben Fabriken entstammen. Vom Acker bis zur Ziernaht zählt Greenpeace 7000 Chemikalien. Wo 100 Prozent Baumwolle draufsteht, stecken 75 drin, fand das Umweltinstitut München heraus. Der Rest? Farb- und Imprägniermittel. Die reizen die Haut. Katastrophal ist ihre Wirkung woanders. 20 000 Todesopfer fordert der Pestizideinsatz auf Baumwollfeldern nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedes Jahr. Die asiatischen Färber arbeiten mit bloßen Händen, ohne Schutzmaske. Die Folgen: Haut- und Atemleiden, Krebs, Unfruchtbarkeit. Auch die Umwelt leidet: „Färben und Bedrucken verschlingen Unmengen von Wasser. Chemikalien werden in China ungeklärt in Flüsse und Meere geleitet“, sagt die Greenpeace-Aktivistin Dr. Kirsten Brodde, die ein Buch über fair und nachhaltig produzierte Mode geschrieben hat.

Siegel, die wie Öko-Tex Standard 100 Schadstofffreiheit versprechen, beziehen sich allein auf die Rückstände im Endprodukt. Eine bessere Lösung haben wir Eltern gefunden: Indem wir Sachen aus zweiter Hand kaufen, tauschen und flicken, entgiften wir unsere Kleiderschränke. Die Lebenszeit von Jacken und Hosen wird länger, die Liste enthaltener Gifte kürzer. Keine Hilfe für die Menschen in den Fabriken? Falsch. Kaufen wir keine Neuware, verlassen wir die „Fast-Fashion-Spirale“ der immer neuen Moden und signalisieren den Herstellern: Produziert weniger! Verwandte, Tauschparties, Internet – die Möglichkeiten sind vielfältig. In Hamburg gibt es seit 2012 sogar eine Kleiderbibliothek.

Harter Stoff

Terre des Hommes spricht von 265 Millionen arbeitenden Kindern weltweit, davon fast 60 Prozent im Agrarsektor, womit wir beim Thema Baumwolle sind. Erwachsene sind bereits extrem unterbezahlt, Kinder sind noch billiger. In allen Bereichen der textilen Kette klafft eine Lücke zwischen gesetzlichem Mindestund Existenzlohn: Nach Angaben von Clean Clothes Campaign (CCC), einem Netzwerk für „saubere“ Kleidung, sind das 312 statt 1032 Euro für die polnische Weberin, 186 statt 376 Euro für den chinesischen Färber, 29 statt 260 Euro für die Näherin in Bangladesch. Überstunden, Gewerkschaftsverbot, Diskriminierung, mangelnde Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen sind Alltag. „Die Kosten eines T-Shirts werden so kalkuliert: Welche Kunden kaufen das? Für welchen maximalen Preis? Die Realkosten werden nicht einbezogen. Den Zuschlag kriegt der Zulieferer mit dem kostengünstigsten und somit verdienstschlechtesten Angebot“, berichtet Berndt Hinzmann, Referent der CCC.

Sind Kleider Made in Europe die bessere Alternative? Die so deklarierten Textilien stammen meist aus Südosteuropa. Die Studie Im Stich gelassen der CCC belegt, dass die Lohnkluft dort sogar noch größer ist. Co-Autorin Dr. Bettina Musiolek stellte bei den Recherchen fest, dass viele bulgarische Frauen sich eher prostituieren als in Nähereien zu schuften.

Fairkleidung

Die großen Marken reagieren mit grünen Kollektionen, einer „Fairkleidung“, die vom Kerngeschäft ablenkt. Welche Mode ist wirklich fair? Ein Bio-Zertifikat erhält alles, was aus ungespritzter Baumwolle gemacht ist, auch die mit Weichmachern behandelte, für einen Hungerlohn genähte Jeans. Der Global Organic Textile Standard (GOTS) gehört zu den wenigen Siegeln, die Standards für die gesamte Produktionskette setzen. Die sozialen Kriterien sind allerdings ausbaufähig. Mitglieder der Fair Wear Foundation (FWF), einer Vereinigung zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie, dagegen müssen keine Standards erfüllen. Sie verpfl ichten sich zur kontinuierlichen Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Eine Strategie mit Weitblick, denn es ist fraglich, ob das Einfordern von Mindeststandards nachhaltig wirkt. Lisa Süß, FWF-Koordinatorin beschreibt diesen Ansatz so: „Wenn es um Bestehen oder Durchfallen geht, reagiert das Management defensiv. Es wird eher geschwindelt. Wir machen klar: Wir wollen euch nicht bloßstellen, sondern ehrlich über Probleme reden und Lösungen finden.“

kizz Elterntipps

Bio & fair

Global Organic Textile Standard (GOTS): Zertifiziert die gesamte Textilkette. Es gelten strenge ökologische Kriterien, Zahlung nur von Mindest-, nicht Existenzlöhnen.

Fair Wear Foundation (FWF): Kein Gütesiegel. Bedingungen in Nähereien werden im Dialog mit Unternehmen und Angestellten Schritt für Schritt verbessert.

Fairtrade Certifi ed Cotton: Faire Bezahlung von Baumwollbauern. Baumwolle muss gentechnik- und pestizidfrei sein, die Verarbeitung menschenwürdig ablaufen.

IVN Best: Vergleichbar mit GOTS, aber strenger, besonders bei Grenzwerten für Chemikalien; beachtet auch Existenzlöhne.

Avocado-Store: Onlineshop mit großer Auswahl an bio- und fair zertifi zierter (Kinder-)Mode. www.avocadostore.de

Von Hand zu Hand

Kleiderei: Mode-Bibliothek in Hamburg. Verleih von Designer- und Secondhandteilen, auch per Post. Das Monatsabo kostet 14 Euro, online 24 Euro. www.kleiderei.com

Kleidertauschparty: Event, bei dem jeder Kleidung zum Tauschen mitbringt.

Mamikreisel: Internet-Tauschbörse für Mütter. Neben Kinderkleidung können auch Spielsachen, Zubehör und Umstandsmode kostenlos getauscht werden. www.mamikreisel.de

Vintage-Kids: Onlineshop für gebrauchte Kindermode. Gut erhaltene Stücke können hier ge- oder verkauft werden. www.vintage-kids.com

Digitale Hilfe

Fair Fashion: Bewertet, unter welchen Bedingungen Marken produzieren lassen.

Fair Fashion Finder: Eine Karte zeigt nachhaltige Läden in der Umgebung an.

aVoid: Blendet beim Online-Shopping Marken aus, die Kinderarbeit unterstützen.

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